Strukturalismus in Delft: die Diagoon-Siedlung

Strukturalistische Architektur ist verpönt. Dieser extrem einflussreiche Blog wird das nun ändern. Schon nächsten Montag werden massenweise neue strukturalistische Gebäude in den Himmel schießen, wie man sagt.

Versuch einer knappen Definition: Strukturalismus als Versuch, die Beziehungen der einzelnen Teile zum Ganzen zu untersuchen. Ausgehend von dem Strukturalismusbegriff in Philosphie und Soziologie, Linguistik und Anthropologie (und ich weiß nicht wo noch) wollte der Architekturstrukuralismus humane Belange und konkrete Bedürfnisse der Nutzer zum wichtigen Bestandteil der Entwurfsarbeit machen. Architektur sollte sich von Kunst unterscheiden. Architektur sollte wieder von innen, von den Bedürfnissen, nach außen, in die Form entwickelt werden. Es ging also um Wechselwirkungen zwischen Kollektiv und Individuum, es ging um Raumsoziologie.

Raumsoziologie nicht nur innerhalb des Hauses, sondern auch städtebaulich gedacht. Die CIAM-Tradition der Zerstörung traditioneller Stadtstrukturen geriet ab Ende der 1950er Jahre massiv unter Druck, der dogmatische Moderne-Begriff der alten Funktionalisten inklusive Funktionentrennung war passé, zumindest in der Avantgarde.

In der Praxis führte das zu einzelnen Kuben und Kisten, die in immer verschiedenen Verhältnissen zueinander gestellt wurden. Eine strukturalistische Grundstruktur konnte und kann so aussehen:

Ein Beispiel von Partizipation und Strukturalismus – eins von vielen – ist die Diagoon-Siedlung im niederländischen Delft. Der niederländische Architekt Herman Hertzberger plante dort zusammen mit den Bewohnern. Genauer: Er ließ vieles offen, die Bewohner konnten später weiterbauen. Ein work in progress, wie man es von Entwicklungsländern, wie man sagt, kennt.

Die Struktur zeigt sich hier ganz gut:

Sicher gab Hertzberger eine Intention vor: Er verlegte beispielsweise gleiche Platten für Gehweg und Straße. Es gab möglichst keine Trennung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Außenbereich. Die Platten konnte man entfernen und dort etwas pflanzen.

Der niederländische Architekt und Theoretiker John Habraken schrieb dazu:

In diesem Zwischenbereich können sich die Ansprüche des Einzelnen mit den Kollektivansprüchen überlappen und die daraus resultierenden Konflikte müssen in gegenseitigem Einvernehmen gelöste werden. Hier zeigt jeder Bewohner, was für ein Mensch er sein und wie er von Dritten gesehen werden möchte. Hier wird auch entschieden, was Individuelles und Kollektives einander zu bieten haben.

Die Diagoon-Häuser in Delft können als eine schon früh ins Selbstreflexive gewendete Moderne stehen, die, anders als die spätere Postmoderne, inhaltlich und nicht rein formal agierte. Deren formale und verspielte Fassadenarchitektur wurde notwendig reaktionär. Ihr Bezug zur Geschichte war ein instrumenteller, ein rein formaler, der schließlich nur noch geschmäcklerisch agierte. Dass postmoderne Architektur in Europa zeitgleich mit der Kohlschen Wende und Thatcher reüssierte, ist kein Zufall.

Zurück zum Strukturalismus: Wenn man ihn allerdings als selbstreflexiv beschreibt und ihm somit Korrekturmöglichkeiten zuschreibt, muss man erkennen: Der Strukturalismus konnte sozusagen starr-strukturalistisch werden und sich selbst aus der Vogelperspektive wahrnehmen. Es entstanden dadurch Bilder, die wie abstrakte Malerei, vor allem von Mondriaan und von den De-Stijl-Leuten wirkten. Doch gerade der Blick von oben ist für den Strukturalismus tödlich. Es ist die Frage nach dem Maß. Nicht ohne Grund bildet das Standardwerk zu strukturalistischer Architektur von Arnulf Lüchinger aus dem Jahr 1981 (Strukturalismus in Architektur und Städtebau) Bilder von Richard Lohse ab.

Wir haben im Strukturalismus also teilweise das Problem der erstarrten, regressiven Moderne im Kleinen. Wir haben in der reflexiven Vernunft die instrumentelle angelegt.

Den Grundtenor des Strukturalismus beschrieb Aldo van Eyck so:

„Was Raum und Zeit auch immer bedeuten, Platz und Ereignis bedeuten mehr.“

Es geht im Strukturalismus nicht um dauerhafte Setzungen, um Entscheidungen von oben, sondern um das Konkrete, Flüssige, Spontane, vielleicht Phänomenale.

Ein besonderes Thema wäre übrigens, Spuren strukturalistischer Architektur im arabischen Raum zu suchen. Schaut man sich die islamische Altstadt in Kairo an, drängt sich dieser Vergleich auf. Es ist eine kleinteilige Architektur, die dort sehr dicht ist, aber anonsten nach strukturellen Prinzipien funktioniert. Nicht ohne Grund nahmen die Smithsons an einem städtebaulichen Wettbewerb dort teil, wobei ihr Vorschlag „aufgrund mangelnder Rücksichtnahme auf die Traditionen Kuwaits abgelehnt“ wurde, wie eine Tagung zum Thema 2009 ergab. Die Moderne war in arabischen Städten weithin der Tod traditioneller Architektur, was sich im Hinblick auf klimatische Funktionen wie den sozialen Aspekt der Nachbarschaft bis heute verheerend auswirkt, wenn ich das so sagen darf. Tote Neusiedlungen in der Wüste.

Wobei die Partzipiation an sich hier nicht das Thema sein soll. Strukturalismus in der Architektur, das wäre hier die These, braucht dringend eine Reaktivierung zur Lösung der aktuellen Probleme. Individuelle Lösungen, preisgünstiges Bauen, starke Praxisbezogenheit, hoher Grad an Berücksichtigung der Nutzer, Flexibilität. Die damalige Technikgläubigkeit kann man relativieren, aber das moderne Haus ist vollgestopft mit sinnvoller Technik, völlig zurecht, da verweise ich auf Werner Sobek.

Strukturalismus böte auch einen nach wie vor hochaktuellen Antwort auf die Frage, wie hoch oder nicht hoch man bauen soll. Weder die Wokenkratzercity noch der Einfamilienhausteppich kommen in Frage, sondern eher das, was Hertzberger schon 1960 zeichnete. Der starre Gebäudetypus löst sich hier auf in indviduelle Kästen, die nach ihrer inneren Notwendigkeit gebaut werden und heraus kommt eine Mixtur, wie auf der letzten Skizze rechts unten (für Wohnbauten) und eine Zeile weiter oben (vermutlich für Bauten der Verwaltung, Bildung, Industrie etc.) zu sehen ist:


Die Skizze stammt aus Forum, einer von Architekturstrukturalisten 1959 neu gegründeten Zeitschrift.

Das Gebäude rechts unten auf der Forum-Skizze erinnert auch an Habitat in Montreal, die wohl bekannteste Strukturalismus-Siedlung überhaupt:

Schade, dass in dieser Richtung nicht weitergebaut wurde. Einzelne Wohnstätten mit individuellem Charakter, die zu ihrem individuellen Recht kommen, eingebettet ins Ganze. „Strukturalismus – Symbol der Demokratisierung“ lautete der Titel eines Beitrags in der Zeitschrift Bauen und Wohnen 1974.

Vor diesem Hintergrund ist immer wieder kaum zu glauben, wie absurd in den 1980er Jahren die Debatte um postmoderne Architektur geführt wurde. Eine aus heutiger Sicht regressive, rechte und für viele Akteure peinliche Debatte. Man denke nur an den damaligen Protagonisten Wolfgang Welsch mit seinem Bestseller Unsere postmoderne Moderne. Im Architekturkapitel kommt der Strukturalismusbegriff kein einziges Mal vor. Das ist im besten Fall Ignoranz.

Vielleicht findet eine gewisse Wiederbelebung des Strukturalismus derzeit als Architektur via Algorhythmen statt. Da bin ich derzeit nicht im Bilde.

Die Partizipation allerdings ist durch den Trend ersetzt worden.

(Fotos: genova 2018, wikipedia, wikipedia)

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