Liebe/r Antisemant*in! – Von der Gendersprache

Die russisch-deutsche Autorin Olga Martynova in der FAZ (21.9.19, S. 9) zu gegenderter Sprache:

Die Sprache, davon bin ich überzeugt, hat eine Selbstreparaturfunktion. Sie wird sich regenerieren. Zwanzig oder dreißig Jahre später werden die jungen Menschen den ergrauten Gendersternchenfreaks mit nachsichtiger Ironie begegnen, wohl wissend, dass Gleichberechtigung und Respekt auf Kosten der Sprache nicht zu erreichen sind. Bis dahin möchte ich meinen geschätzten Freunden und Kollegen zurufen: Mein/e Liebe/r, Sie sind sehr wohl Antisemant*in!

In Coronazeiten liest und schreibt man mehr. Dabei fällt auf, wie sehr sich Gendersprache gerade etabliert, egal ob in Behörden,  beim Deutschlandfunk, bei Aktivisten, Online-Konferenzen oder vermeintlich progressiven Wortführern, pardong, Wortführer*innen. Ich hätte das vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten. Der Satz, es gebe in Deutschland zu wenig Ärzte, ist offenbar diskriminierend. Behauptet man. Oder behauptet es mensch?

Mit den Gendersternchen geht in vielen Bereichen eine Bereinigung des Wordings einher. Beispielsweise sind die beiden Begriffe „Lehrer“ und „Schüler“ jenseits des Schulpflichtsegments mittlerweile tabu. Man schreibt und spricht von „Lehrenden“, von „Kursleitenden“, von „Dozierenden“ oder „Dozent*innen und auf der anderen Seite von „Teilnehmenden“ und von „Teilnehmer*innen“ oder rätselhaft von TN. Was an „Lehrer“ und „Schüler“ problematisch sein soll, hat sich mir noch nicht erschlossen. Alleine die Tatsache, dass „Lehrer“ politisch nicht korrekt ist, „Lehrender“ aber schon, zeigt, dass bei der informellen Aufstellung dieser Regel der Verstand nicht primär zum Einsatz kam.

Die Gendersternchen sind von den „Teilnehmenden“ nicht zu trennen. Es geht um eine Bereinigung der Sprache in Bereichen, in denen es nichts zu bereinigen gibt. Es geht um Formales, damit man sich mit Inhalten nicht beschäftigen muss, so mein Eindruck.

Es ist die Saat der vergangenen 40 Jahre, die nun aufgeht. Viele intellektuell begrenzte Männer und noch mehr intellektuell begrenzte Frauen haben sich seit den 1980er Jahren darauf konzentriert, die Funktionsweise von Sprache zu ignorieren und das öffentliche Leben mit ihren banalen Dogmen zu infiltrieren. Haufenweise Wichtigtuer*innen ohne Substanz. Dauerempörte. Ich habe das hier schon mal ausgeführt und belasse es jetzt dabei. Die Verseuchung der Sprache durch neoliberale Ideologie (Reform, Reformstau, Leistungsträger, private Altersvorsorge, Bürgerinnen und Bürger undundund) ist für diese Leute vermutlich kein Problem.

Bezeichnend in dem Zusammenhang knapp neben der Gendersprache ist dieses Beispiel: Man schreibt von weißen Menschen und Schwarzen Menschen. Das Adjektiv „schwarz“ wird großgeschrieben, das Adjektiv „weiß“ nicht. Man will damit offenbar Verbundenheit mit Schwarzen ausdrücken. Wäre ich Verschwörungstheoretiker, würde ich behaupten, solche Leute seien von Rassisten eingeschleust. Ein bestimmtes Adjektiv großzuschreiben und andere nicht, droht das komplette Anliegen, nämlich das Engagement gegen Rassismus, lächerlich zu machen. Es sind Codes für Eingeweihte, die die Selbsterhöhung zum Ziel haben, nicht das Empowerment.

Ich vermute, dass die Gruppe, die „schwarz“ groß schreibt, zu nahezu 100 Prozent auch der Gendersternchenfraktion angehört.

Die Sternchenleute erinnern mich auch an die wochenlange mediale Dauerempörung, als kürzlich ein kapitalistischer Fußballzerstörer „Hurensohn“ genannt wurde.

Empörung scheint mir sowieso der Denk- und Analyseersatz unserer Zeit. Wer sich empört, ist immer auf der richtigen Seite. Man scheint authentisch und muss nicht begründen. Es geht nur um die Form, und die wird moralisch aufgeladen. Eine perfekte Melange für denkfaule Menschen, die auch mal irgendwie politisch sein wollen. Wenn man gesellschafts- und ökonomiepolitisch nichts kapiert, versucht man, durch Sternchen zu Relevanz zu kommen.

Gleichwohl bewege ich mich mit diesen Thesen auf einem dünnen Grat. Frau Martynova beispielsweise schreibt in dem FAZ-Artikel auch:

Ich will aber das Wort Jude entspannt ausgesprochen hören, ebenso das Wort Neger und das Wort Zigeuner. Ich liebe ihren schönen Klang.

Entweder ist Martynova narzisstisch veranlagt oder einfach nur ziemlich weit rechts. Dass sowohl „Neger“ als auch „Zigeuner“ zumindest problematische Begriffe sind, die man nicht auf ihren subjektiv schönen Klang reduzieren kann, muss nicht erklärt werden. Dass sie den Unterschied zu „Jude“ nicht versteht, ist peinlich.

Neger nein, Lehrer ja.

Leider ist diese Unterscheidung kaum mehr möglich. Das zeigt den Ausfluss des Ideologiedesasters, das in den 1990er Jahren mit dem Siegeszug des Kapitalismus Einzug hielt. Die Entpolitisierung und Infantilisierung der Gesellschaft, der Triumph des neoliberalen Denkens ist in diese Gendersternchenleute eingeflossen und ihr Agieren der Ausfluss. Es ist ein grundlegender Widerspruch, den sie nicht auflösen können: Während man richtigerweise geschlechterbezogenes Rollenverhalten bekämpft, führt man in der Sprache die totale Geschlechteraufmerksamkeit ein.

Was ist eigentlich mit dem spontanen Ausruf bei akuten Zahnschmerzen: „Ich muss schnellstens zum Zahnarzt!“. Vermutlich diskriminierend für alle Zahnärztinnen. Muss man selbst im Affekt, unter Schmerzen, die Gendersprache beachten? Muss ich auch bei Schmerzen sagen: „Ich muss schnellstens zum Zahnarzt beziehungsweise zur Zahnärztin?“ Oder: „Ich muss schnellstens zum*r Zahna*ärzt*in!“? Droht hier nicht die Gefahr der Kieferverrenkung und der Zungenversteifung?

Der Blog Geschickt gendern hilft weiter: Statt Zahnarzt soll man „Person im zahnärztlichen Dienst“ oder „zahnärztliches Fachpersonal“ sagen. Also: „Ich muss schnellstens zu einer Person im zahnärztlichen Dienst!“ Laut „Geschickt gendern“ gehe ich morgens auch nicht mehr zum Bäcker, lese ich weiter, sondern zur „Backwaren herstellenden Person“.

Ein lustiger Blog.

Die DDR war diesbezüglich fortschrittlich. Feminine Berufsbezeichnungen gab es nicht. So wie das Englische fortschrittlich ist. Die Engländer haben kapiert, dass bei fast allen Berufen der Genitalbereich keine Bedeutung hat. Das ist einzig bei Prostituierten ein sinnvoller Hinweis.

Dass es bei all diesen Regelungen nicht nur um Form geht, zeigt folgendes Beispiel. Der  „Sprachleitfaden“ der Technischen Universität Berlin für „geschlechtersensible Sprache“ empfiehlt unter anderem das hier (S. 12):

Wichtig ist außerdem, z. B. in Forschung und Lehre Wissenschaftlerinnen ebenso häufig zu zitieren wie Wissenschaftler, damit Themenkomplexe nicht ausschließlich Männern zugeschrieben werden. Ein sensibilisierter Blick in dieeigenen Vorlesungsfolien oder Literatur­verzeichnisse kann überraschen – ist das Geschlechterverhältnis hier ausgeglichen?

Hier geht es also nicht um die Qualität von Texten, sondern darum, wie es bei den Wissenschaftlern zwischen den Beinen aussieht. Konkret bedeutet das, dass Wissenschaftler im Literaturverzeichnis ihrer Arbeiten zur Hälfte Menschen zitieren müssen, die zwischen den Beinen eine Vagina haben. Auch wenn die in einem Fachbereich kaum vertreten sind und dementsprechend wenige Frauen dort publizieren. Dennoch ist die Vagina das wesentliche Auswahlkriterium. Selbst wenn Männer 90 Prozent der Forschungsarbeiten verfassen, darf man ihnen die „Themenkomplexe nicht zuschreiben“. Irgendwie sexistisch.

Wie gesagt, der Leitfaden erschien an einer staatlichen Universität, nicht in der Titanic. Wobei: Vielleicht steckt doch Sonneborn dahinter.

Das Vorwort dieses Leitfadens schrieb übrigens „Prof.*in Dr.*in Sabine Hark“, kein Scherz. Selbst die beiden Titel-Abkürzungen und der weibliche Vorname reichen nicht, um die Profilneurose in den Griff zu kriegen. Sabine Hark sagt übrigens auch ganz vernünftige Sachen.

Das Vaginabeispiel zeigt, dass es hier mitnichten um Wissenschaftlichkeit geht. Es zeigt auch den Grad an Absurdität, den wir erreicht haben.

Aus Gründen, die man näher untersuchen sollte, setzen sich solche Haltungen offenbar durch. Es ist eine banalisierte Möchtegernelite, die sich mittels sprachlicher Codes gegenseitig als Gesinnungskomplizen erkennt – und aus diesen Codes absurde Forderungen ableitet.

Der Gendersternchenkram ist Abbild der heute üblichen Herangehensweisen an gesellschaftliche Probleme: Bürokratisierung, Ökonomisierung und effektive Hierarchisierung nehmen zu, skurrilerweise analog zum steigenden Frauenanteil in Entscheiderpositionen und zum Gendersternchen. Statt Probleme inhaltlich anzugehen, wird die Form übersensibilisiert und Wissenschaftlichkeit der eigenen Ideologie angepasst. Die Form wird verabsolutiert, damit man sich um die Probleme inhaltlich gar nicht kümmern muss.

Die Sternchenleute behaupten sicher auch, dass angesichts von Corona der Neoliberalismus am Ende sei. Keinerlei Analyse, aber es klingt trendy.

In gewisser Weise ist die Gendersternchensprache eine neue Herrschaftsform. Das „zum Bäcker gehen“ meinte implizit noch nie, dass ich zu einem Mann gehe. Das so zu verstehen, ist so fundamentalistisch wie die Koranexegese von Osama Bin Laden. Sprache lebt und wird immer neu interpretiert, außer von Bin Laden und den Gendersternchenleuten.

Die Gendersternchenleute kommen damit klar, dass die Bäckereifachverkäuferin nur den Mindestlohn bekommt und sich dafür keine Wohnung mehr leisten kann. Hauptsache, sie fühlt sich nicht diskriminiert, wenn die vor ihr stehende Kundin „zum Bäcker“ wollte. Vielleicht braucht erfolgreiche neoliberale Politik solche Spielfelder wie Gendersternchen. So können sie sich liberal und fortschrittlich geben und die Sternchenfans sind zufrieden.

So gesehen sind die Sternchenfans nützliche Idioten.

Es wäre schön, wenn die Gendersternchenleute alsbald in der Versenkung verschwänden und die Sprache sich erholte, wie Olga Martynova das hofft. Mir fehlt jedoch der Glaube. Diesen Leuten ist das totalitäre Moment inhärent: Während die Liberalen es tolerieren, wenn die Gendersternchenfraktion von „Ärzt*innen“ redet, strebt diese die völlige Auslöschung anderer Sprachweisen an. Immer mit dem Hinweis auf sonst vorliegende Diskriminierung. Es gibt keine Alternative.

Das Absterben linken Denkens in dessen Namen: Hier ist es zu besichtigen.

Vorschlag zur Güte: Wir verwenden ab sofort nur noch die weiblichen Formen, in der Hoffnung, diese Diskussion damit zu beenden. Mir wäre es wurst. Es wäre das, was man mit der maskulinen Form erreichen könnte, wenn etwas weniger Befindlichkeit herrschte: Der Bereich zwischen den Beinen wird immer nebensächlicher, ob in Gesellschaft, Beruf oder Politik. Das ist gut so, und genau deshalb braucht es auch keine verunstaltete, zeigefingernde, lächerliche Sprache. Wörter ändern ihre Bedeutung. Permanent.

Andererseits: Sprache ist Gewöhnung. So wie die grammatikalisch maskulinen Formen sich als neutrale hätten durchsetzen können, wenn die Gendersternchenleute nicht gekommen wären, so gewöhnen wir uns vielleicht an das Neue. Das bedeutete mehr Bürokratie, mehr Aufwand, mehr Umstand, mehr Verwirrung, mehr Sprachbarrieren, mehr Sprachangst, mehr Dämlichkeit. Aber das ist für Deutsche meist kein Problem. Vielleicht wäre das ein Analyseansatz: Gendersternchen und die deutsche Regelwut, der man sich lustvoll unterordnet.

Und Corona zeigt: Der Mensch gewöhnt sich schnell.

(Fotos: genova 2013 – 2019)

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7 Antworten zu Liebe/r Antisemant*in! – Von der Gendersprache

  1. davidwonschewski schreibt:

    Leider verstehe ich das Bestreben der GendersternchenfreundIn*innen schon logisch nicht. Klar, das mag eine sehr maskuline Sicht sein, aber für mich wurden Frauen immer privilegiert in Sachen Sprache. Als Beispiel: Wenn ich einen Brief schreibe an „Liebe Kollegen“ – dann fühlt sich jeder angesprochen und darf das auch, jeder darf weiterlesen. Wenn ich jedoch beginne mit „Liebe Koleginnen“ weiß jeder, okay, nur die Frauen sind gemeint. Es gibt also ein Wort für „nur die Frauen“, die Frauen werden ergo als eigenständige Gruppe anerkannt, die ab und an anders und besonders zu betrachten und zu behandeln ist.
    Preisfrage: wie heißt das eigenständige Wort, mit dem ich meinen Brief nur an die männlichen Kollege? Gibt es nicht. Das ist nur via Umweg und vorgeschaltetem „männlich“ zu realisieren.
    Schlussendlich trifft Sprache hier Realität und Lebensgefühl. Als Mann lernt man früh, dass man zuvorderst gesichtlose Masse ist. Wer zur Bundeswehr durfte oder musste, kennt das, da gibts ne Marke mit Nummer. Ob auf dem Schlachtfeld oder dem sinkenden Ozeandampfer – ab in den gesichtlosen Untergang. Und lese sich einer Schlagzeilen durch von Massenkidnappings oder Bombenanschlägen. Schonmal Jens Riewa in der Tagesschau sagen hören „..dabei kamen 500 Menschen ums Leben, viele davon Männer“? In Nigeria werden seit vielen Jahren Schulen brutal überfallen, die Jungen werden umgebracht, die Mädchen laufen gelassen. Schlagzeilen waren immer geschlechtsneutral: „200 students killed“. Obwohl es nur tote Jungen waren. Srebrenica genauso, Männerschlachten. Bis Boko Haram 200 Mädchen entführte, weil sie merkten, das könnte den westen mehr jucken. Tat es dann ja auch, rumsbums „200 girls kidnapped“, hashtag besorgter Promis „bring back our girls“.
    Für mich war das nie ein Problem, so ist die Welt nunmal und an der Stelle sind eben Kerle die Gedeppten, kann man gerne so lassen. Der Genderstern / die Gendersterner*In stellt das für mich aber logisch halt auf den Kopf. FeministInnen säbeln an einem Frauenprivileg herum. Bisher werden Frauen sprachlich für voller und ernster genommen als Kerle. Wenn das so weitergeht aber nicht mehr.
    Lustig, irgendwie.

    Feine Grüße, danke für den guten Text.

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  2. genova68 schreibt:

    Ich lese gerade, dass die Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft Ihr Buch Schwarzer Frost zur Lektüre empfohlen hat. Da bekomme ich ganz automatisch Respekt. Sollte ich lesen. Die Latte hängt da naturgemäß hoch.

    Die Gendersternleute fühlen sich jenseits der Kriegs- und Titanicbevorteilung benachteiligt. Ein interessanter Aspekt, über den ich erst nachdenken muss.

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  3. altautonomer schreibt:

    Es geht mir persönlich beim Sprachfeminismus gar nicht um die Sternchen, auch nicht um eine bestimmte Form, sondern darum, dass Sprache das Bewußtsein prägt und die Realität abbilden soll.

    Wenn eine Zeitung schreibt, die Gesamtschule XY hat 10 neue Lehrer eingestellt und auf dem Foto sind 9 Frauen und ein Mann zu sehen, bildet dies nicht die Realität ab. Wenn eine Frau mit einem Kater die Tierhandlung betritt und der Azubi ruft „Der Knde mit der Katze ist da“, bildet dies nicht die Realität ab. Die Frage „Wer (!)hat seinen(1) Tampon im Bad liegen lassen?“ ist zudem auch grammatisch falsch, wie die Behauptung jeder (r) hat seine Tage etwas anders. Mit dem generischen Maskulinum werden Frauen unsichtbar gemacht. Niemand käme auf die Idee, nur zu sagen, mein Knie muss operiert werden, dann es ist wichtig, zu sagen, welches Knie. Linkes oder rechtes.

    Der Ober ist übrigens nicht die männliche Form von Oberin. Dass der amtierende „Bundeskanzler“ einen Lippenstift benutzt, würde für sprachliche Verwirrung sorgen. 50 Hühner und 2 Hähne sind nun mal keine 52 Hühner. Das ist realitätsverleugnend.

    (Hab noch mehr auf Lager!!!!!!,-)

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  4. altautonomer schreibt:

    Wie sprachlich ausgeprägt die männliche Dominanz ist, zeigen folgende, bis ins Lächerliche gehende Wortungeheuer: Frauenmannschaft und Landsmännin.

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  5. genova68 schreibt:

    Altautonomer,
    ich sehe das alles genauso. Sprache prägt Bewusstsein, aber Bewusstsein prägt auch Sprache. Wörter ändern ihre Bedeutungen mit gesellschaftlichen Änderungen. Wenn du beispielsweise von „Arzt“ sprichst, dann beinhaltet der Begriff in etwa folgendes, je nach dem, wer ihn benutzt:

    Eine Person, die hilft, die heilt, die mich glücklich macht, die viel Geld verdient, die einen hohen gesellschaftlichen Status hat, die mir Angst macht, die mein Leben zerstört hat, die einen weißen Kittel trägt, die studiert hat, die akademisch gebildet ist, die leitende Funktion hat, die mir wichtig ist, die einen schönen Warteraum mit interessanten Zeitschriften hat, die arrogant ist, die über viel Fachwissen verfügt und noch mehr.

    Nur eine Bedeutung könnte die sein, dass diese Person einen Penis hat. Exakt diese Funktion ist beim Begriff Arzt aber in der Regel unwichtig.

    Arzt war früher auf Männer begrenzt, weil es keine weiblichen Ärzte gab. Die gibt es aber mittlerweile, in Deutschland sind rund 50 Prozent der Ärzte weiblich. Insofern würde der Begriff Arzt seine Bedeutung geringfügig ändern: Zu den oben genannten 15 Bedeutungen plus der einen (männlich) käme eine hinzu: auch weiblich. Da das biologische Geschlecht bei der Begriffsbedeutung egal ist, hätten wir also eine minimale Begriffsverschiebung, und alles wäre ok.

    Dieser Prozess – Berufsbezeichnungen sind faktisch neutral – wäre in Deutschland schon längst abgeschlossen, wenn man diese Sprachentwicklung einfach zugelassen hätte. Stattdessen macht man ein riesengroßes Fass auf und diskutiert seit Jahrzehnten darüber, dass man diese natürliche Entwicklung in der Sprachbedeutung nicht zulassen, sondern künstlich eingreifen will.

    Und das ist in der deutschen Sprache fast nicht möglich: Man muss nicht nur permanent die weiblichen Bezeichnungen einbauen, sondern auch die Adjektive entsprechend deklinieren. Sprache wird komplizierter. Dabei ist die natürliche Sprachentwicklung die, dass die Sprach einfacher wird. Dass der Genitiv seltener benutzt wird, liegt daran, dass man ihn nicht braucht, um sich auszudrücken.

    Sprache ändert sich auch, indem man strittige Begriffe diskutiert und nach und nach vermeidet: Neger, Hurensohn, seinen Mann stehen, Nutte sind beispiele. Die wurden durch gesellschaftliche Entwicklungen verbannt, weil sie negativ konnotiert sind, das ist ok. „Arzt“ ist nicht negativ konnotiert, sondern vielfältig, die Geschlechterfrage ist unwichtig.

    Durch diese Gendersternchenleute wird also eine sinnvolle Sprachentwicklung verhindert und irgendwann werden wir wirklich alle so umständlich reden müssen, weil „Arzt“ dann eben wirklich nur noch einen Mann meint – aber nur, weil die Gendersternchenleute diese Entwicklung zwanghaft herbeigeführt haben.

    Die Masse der Menschen wird aber nie so reden, weil sie genau spürt, wie lächerlich das ist und dass es nicht gut ist, der Sprache diese Gewalt anzutun.

    Der nächst Schritt wird dann sein, dass man nicht mehr fragt „Wer?“, weil dort das maskuline Personalpronomen drinsteckt. „wem“ und „wen“ ebensowenig aus dem selben Grund, „Jemand“ ist auch nicht mehr möglich, „ein anderer“ auch nicht. Diese Sprachverhunzer werden ihr Betätigungsfeld nie aufgeben.

    Also: Frauen werden durch den Begriff Arzt nicht unsichtbar. Vielmehr übten sie früher den Beruf nicht aus. Jetzt tun sie es gleichberechtigt und der Begriff hat sich schon längst geändert. Woran wir beim Benutzen eines Begriffs denken, hängt nicht vom Begriff ab, sondern von seiner Aufladung. Und die ist durch die gesellschaftlichen Umstände bestimmt. Gendersternchenleute pfuschen da nur rein. Sprache kommt ohne diese Leute aus.

    Und schließlich: Sprache ist etwas sehr intimes. Alle nutzen sie. Dort solch komplizierten Vorschriften zu machen, wie sie beispielsweise dieser Blog „Geschickt gendern“ vorgibt, empfinden die Allermeisten als Zumutung. Wer das Wording beim morgendlichen Bäckerbesuch ändern will, geht ins Totalitäre. Natürlich mit der Aura das absolut Guten und Gerechten.

    Ich wäre da vorsichtig.

    Der komplette Verzicht auf weibliche Berufsbezeichnungen würde verdeutlichen, dass das Geschlecht keine Rolle mehr spielt oder spielen soll. Es wäre eine wahrhaft emanzipierte Sprache. Siehe englisch.

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  6. altautonomer schreibt:

    genova: „Der komplette Verzicht auf weibliche Berufsbezeichnungen würde verdeutlichen, dass das Geschlecht keine Rolle mehr spielt oder spielen soll. Es wäre eine wahrhaft emanzipierte Sprache. Siehe englisch.“

    Ich setze mal dagegen: Der inneren Logik entsprechend und Deiner Argumentation folgend wäre es doch opportun, ab sofort nur noch das generische Femininum zu benutzen. In Lehrerin ist doch der Lehrer enthalten und auch in Sportlerin der Sportler oder Käuferin. Aber was meinst Du, wie Männer dann als diskriminierte Minderheit auf die Barrikaden gehen würden (Verweiblichung) . Ich hätte kein Problem damit. Das Majuskel wäre überflüssig, ebenso wie die Bürgerinnenmeisterinnenstellvertreterin.

    Auch das Argument (nicht Deines), die Alternative Sprachregelung „Bürgerinnen und Bürger“ sei unökonomisch, gilt in meinen Augen nicht, denn Sprache darf insbesondere im kreativen (schriftstellerischen) Sinne ruhig verschwenderisch sein.

    Beim Arzt mag das Geschlecht keine Rolle spielen, Frauen gehen aber lieber zu einer GynäkologIN. Und als die ersten Frauen einen Jumbo-Jet fliegen durften, gab es jede Menge Skeptiker unter den Passagiern und Piloten, ob die das denn auch genau so gut beherrschen, wie die männlichen Kollegen.

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  7. genova68 schreibt:

    Ja, von mir aus kann ab sofort nur noch weibliche Form benutzt werden. Ich hielte das zwar für keine besonders gute Lösung, weil die Wörter länger würden, aber das wäre immer noch besser als die Sternchen-Dauerunterscheidung.

    Wer vor Verweiblichung Angst hat, sollte sich um die eigentlichen Ursachen dieser Angst kümmern.

    Im kreativen, schriftstellerischen Sinn: Ja, aber darum geht es hier nicht.

    Dein Pilot-Beispiel: Vielleicht gibt es immer noch Leute, die glauben, Frauen können nicht fliegen. Aber soll ich nun ausgerechnet denen Futter geben, und von Pilotinnen reden?

    Unser Unterschied liegt wohl darin: Du glaubst, dass mit der männlichen Form die Frauen zumindest gedanklich unter den Tisch fallen. Ich glaube, dass das nicht der Fall sein müsste, wenn man in der Sprache einfach die Realität abbilden würde: Das Geschlecht ist immer öfter egal.

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