Deutschland hat Dachschaden, die zweite

„Rules are rules“, meinte kürzlich eine Amerikanerin, als sie gebeten wurde, spontan einen Satz zu Deutschland zu sagen.

Ein beschränkter Bahnübergang in einer deutschen Kleinstadt. Die Schranken begrenzen jeweils nur eine Fahrbahn, man kann also die beiden Gleise auch bei geschlossener Schranke überqueren, ohne sich zu bücken oder zu klettern. Drei Fußgängerinnen mittleren Alters mit gefüllten Einkaufstaschen warten brav. Man sieht rechts und links mehrere hundert Meter oder vielleicht auch einen Kilometer die Gleise hinunter. Es ist kein Zug zu sehen, keiner zu hören. Die drei Fußgängerinnen bleiben eisern stehen. Es könnte vermutlich regnen, stürmen oder hageln: Die Deutschen queren bei geschlossener Schranke nicht die Gleise. Ein Gesetz hat es so befohlen. Das tägliche Stalingrad.

Nach zehn Minuten des Beobachtens verlasse ich die gespenstische, bewegungslose Szenerie.

„Deutschland hat Dachschaden. Ich weiß gar nicht, was es da rumzudebattieren gibt“, schrieb Rainald Götz vor 18 Jahren, auch hier im Blog schon thematisiert. Der Satz ist vermutlich aktuell, seit es Deutschland gibt. In jedem halbwegs vernünftigen Land schaut man nach rechts und nach links, überquert die Gleise, kommt nach Hause, räumt dort die Einkaufstüten aus und macht etwas Sinnvolles. Kochen, zum Beispiel, oder Blogbeiträge schreiben. Nicht so in Deutschland.

Man ist hierzulande nach wie vor nicht in der Lage, das Besondere vom Allgemeinen zu unterscheiden. Rules bedeuten für den Deutschen das Gegenteil von Verstand, und darauf ist er vermutlich sehr scharf, weil das Teil der Unterordnung ist, der Unterwürfigkeit, der es lustvoll zu entsprechen gilt. Die Stromlinie ist ohne Alternative und das Genöle der aktuellen rechten Deutschen über den bösen Mainstream ist in Wahrheit nichts anderes als das Verlangen nach seiner Totalität.

Ähnliches wie der Bahnübergang lässt sich, ebenfalls in Kleinstädten, an anderer Stelle beobachten. Kommunen richten Fußgängerampeln mit Aktivierungsfunktion ein. Folge: Deutsche Fußgänger, die die Straße queren wollen, schauen nicht, ob überhaupt ein Auto kommt. Sie drücken den Knopf und warten ein, zwei Minuten, auch bei völliger Menschen- und Autoleere. Dann wird es grün, sie gehen los. Kein Auto in Sicht. Es ist einem halbwegs vernunftbegabten Menschen (also nicht einem Deutschen) nicht erklärlich, wie man sich so benehmen kann. Man könnte an solchen Stellen ganz und gar alltagsgruselige Kurzfilme drehen: Vereinzelte Menschen warten minutenlang an leeren Straßen und gehen plötzlich los. Wahrscheinlich existieren die schon auf den vielen Überwachungskameras. Das hochwertige Material wird leider nach 48 Stunden gelöscht, anstatt auf einem Kurzfilmfestival gezeigt zu werden.

Kadavergehorsams- und Angstland Deutschland. Bei aller gebotenen Milde des Urteils und selbst bei mehreren zugedrückten Augen und geradeseingelassenen Fünfern: Die Faschismusaffinität ist diesen Leuten inhärent.

(Foto: genova 2016)

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10 Antworten zu Deutschland hat Dachschaden, die zweite

  1. annque schreibt:

    Sehr wahr. Und gleichzeitig ist eine absolute Sorglosigkeit, die sich darauf verlässt, dass sich alle anderen an Regeln halten bzw. die eigene Nichtbeachtung derselben ausgleichen – etwa beim Überfahren von roten Ampeln trotz starken Verkehrs ohne irgendwelche Anzeichen des Umschauens nach demselben, mit aufs Handy gerichtetem Blick Vorwärtsschreiten, ohne auf etwaige Hindernisse zu achten … großer Spaß.

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  2. schlingsite schreibt:

    Zumal der in Euro umgerechnete Zeitgewinn bei ca. 50 mille Pro Jahr als Durchschnittsverdienst nur bei etwa 10cent liegt.

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  3. Schwarzmaler20 schreibt:

    Ich glaube, es war in Boston, als unter den Augen eines entspannten Polizisten die Leute die Straße wechselten, nur nach dem Verkehr schauend, die Ampel völlig ignorierend. Sehr wahr beobachtet.

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  4. Heinz schreibt:

    Ein Zug, der mit 250 km/h durch die Landschaft fegt, legt pro Sekunde 70 Meter zurueck. Aber ich will das Narrativ nicht untergraben..

    Sollte man an Stellen ueber einspurige Autobahnen gehen, an denen es keine Ampel gibt?

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  5. besucher schreibt:

    Das Beispiel mit dem Bahnübergang ist schlecht gewählt. Ich laufe ja auch nicht über ne Autobahn nur weil ich gerade kein Auto sehe. Was ist wenn da ein Zug/Auto mit 200 Sachen angebrettert kommt?

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  6. genova68 schreibt:

    An der Stelle, die man oben im Foto sieht, fahren zwar in der Tat ICEs, aber mit maximal 80 km/h. Es ist ausgeschlossen, von einem überfahren zu werden, weil der zu schnell naht. Ich glaube, es gibt in Deutschland keine ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecken mit solchen Bahnübergängen.

    Autobahnen sind etwas anderes als dieser Bahnübergang. Es geht ja generell um die individuelle subjektive Einschätzung. Die ist in dem obigen Fall ganz klar abzugeben, wenn man sich vor Ort befindet. Bei Autobahnen ist das vermutlich nicht so klar. Es stellt sich ja auch nirgendwo die Frage, eine Autobahn zu Fuß zu überqueren.

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  7. h.z. schreibt:

    Der Anhalteweg beträgt laut Bremsbewertungsblätter der DB auf ebener Strecke aus 80 Km/h round about 300 – 350m, je nach Zugart. Auf Gefällestrecken erhöht sich der Anhalteweg naturgemäß in einer Richtung. Für den innerstädtischen Bereich ist eine einsehbare Strecke von 350m schon recht lang. Aus 100 Km/h erhöht sich der Anhalteweg übrigens auf 450 – 550m.

    Dass man einen Bahnübergang gefahrlos überqueren kann, ist ein Irrtum. Im Unterschied zu einer Autobahn liegen Schienen im Boden, auf denen man ausrutschen kann, im Beispiel mindesten 4 Stränge. Im Spurkranzspalt kann man auch hängen bleiben. In beiden Fällen ist meist ein Sturz die Folge. Tatsächlich ist nicht ganz auszuschließen, dass eine gestürzte und dadurch verletzte Person auf dem Bahnübergang trotz aller Umsicht dieser Person überfahren wird.

    Was macht ein Lokführer, wenn er in Annäherung eines Bahnübergangs eine Person bemerkt, die den geschlossenen Schranken ignoriert? Er leitet sofort eine Schnellbremsung ein und gibt Notsignale ab. Der Zug kommt zum vollständigen Stillstand, womöglich auf dem Bahnübergang. Dort steht er dann einige Zeit.

    Soviel zur naturwissenschaftlich-praktischen Seite des Beispiels.

    Interessanter ist für mich aber die philosophische Komponente des Beispiels. Dezisionisten halten moralisches Handeln für unbegründbar. Und moralisches Handeln liegt in der Regel vor, wenn geschlossene Schranken respektiert werden. Dezisionisten entscheiden in solchen Szenarien situativ aufgrund ihrer subjektiven Lagebeurteilung, was für sich genommen ganz ok wäre. Dabei übersehen sie aber, dass die in ihre Überlegungen einbezogenen Parameter a) nicht vollständig und b) zudem falsch sein können, sie deshalb also zu falschen Entscheidungen kommen. Was ja auch ganz ok wäre. Nicht ok aber ist das ungefragte Externalisieren der Folgen falscher Entscheidungen, durch die andere in Mitleidenschaft gezogen werden. Darin liegt die von Dezisionisten nicht zu rechtfertigende Freiheitsbeeinträchtigung der anderen.

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  8. genova68 schreibt:

    h.z.,
    du hast es sicherlich schon selbst bemerkt: Du bist ein schönes Beispiel für den faschismusaffinen angstbesetzen Horrordeutschen.

    Du berechnest den ungefähren Bremsweg, beziehst diesbezügliche Berechnungen zu Gefällstrecken mit ein, erhöhst sicherheitshalber die Geschwindigkeit, gibst zu Bedenken, dass man im Spurkranzspalt hängenbleiben kann und kümmerst dich um den Zugführer.

    Ein nichtangstbesetzter, vernünftiger und also Nichtdeutscher würde einfach drübergehen, der Fall wäre geritzt.

    Nicht fehlen darf beim Deutschen dann auch die Verbindung zu tiefgründiger Philosophie, mit der man seinen deutschen Wahnsinn zu überdecken versucht.

    Ändere dein Leben, hasse das Deutsche und alles wird gut.

    Nichts zu danken und freundliche Grüße

    genova

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  9. h.z. schreibt:

    „Du berechnest den ungefähren Bremsweg, beziehst diesbezügliche Berechnungen zu Gefällstrecken mit ein, erhöhst sicherheitshalber die Geschwindigkeit, gibst zu Bedenken, dass man im Spurkranzspalt hängenbleiben kann und kümmerst dich um den Zugführer.“
    Bis auf den Spurkranzspalt trifft davon nichts zu.

    Einfach drüber geht kein vernünftiger Mensch, sondern nur ein unbekümmerter Idiot, der auf seine Umgebung herzhaft scheißt. Genova, ich halte Ihnen krankheitswertiges Leiden zugute.

    Gute Besserung

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  10. Heinz schreibt:

    genova hat natuerlich Recht: An Hochgeschwindigkeitstrassen gibt’s keine Uebergange. Ich nehme alles Implizierte zurueck.

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