Jazz entwickelt sich tatsächlich noch weiter: Flying Lotus

Die Platte, Your´re dead!, erinnert mich nicht nur bei track zwei spontan an die Bitches Brew: der kalifornische Musiker Flying Lotus. Seine Großtante war Alice Coltrane. Gute Voraussetzungen, um etwas zu reißen.

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Bitches Brew wegen des leicht übersteuerten e-pianos (Herbie Hancock spielt persönlich) und des sachten, aber treibenden, vibrierenden Schlagzeugs und des Verzichts auf gängige Jazz-Strukturen. Es erinnert auch deshalb an die Bitches Brew, weil es Fusion im besten Sinne ist. Nur nicht mehr die Annäherung von Jazz und Rock, sondern von Jazz und Hip-Hop, Rap, Pop, Electronic mit Samples, mit ein wenig Alice Coltrane, vielleicht auch Sun Ra und Psychedelic.

Herr Lotus scheint sich seit langem mit alldem beschäftigt zu haben und er meidet jedes Abschleifen der einzelnen Komponenten. Er hat tatsächlich etwas Neues geschaffen, es ist eine Weiterentwicklung des Jazz in die richtige Richtung. Keine Akademisierung, kein Interesse an rein perfekter Beherrschung der Instrumente, sondern eine ungemeine Offenheit für Neues, für Anderes, für das Jetzt. Es ist eine nervöse Musik, die zitiert, aber genauso deutlich nach vorne treibt. Man spürt den körperlichen Einsatz. Ist nicht auch John Zorn zu vernehmen?

Dass von den 19 tracks ein paar eher hingeschludert scheinen, tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch.

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Wer das Album hören möchte, kann das über youtube tun und Proxtube einsetzen – ansonsten macht die Gema einen Strich durch die Rechnung.

http://www.youtube.com/watch?v=Ak4vLEBxIo4&list=PLi3qgNShk0tu1XC2qVBZJ3L3I98dBqR8e&index=9&pxtry=1

Oder einfach kaufen.

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2 Antworten zu Jazz entwickelt sich tatsächlich noch weiter: Flying Lotus

  1. hANNES wURST schreibt:

    Danke für den Hörtipp. Ich interessierte mich nicht mehr für Flying Lotus, nachdem ich mir die damals sehr gehypte „Cosmogramma“ zu Gemüte geführt und für etwas nervig befunden hatte. Aber „You’re dead!“ finde ich sehr gut.

    Tatsächlich viel Miles Davis. Ich würde die Scheibe dennoch eher unter elektronischem Hip-Hop einordnen. Jazz ist es meiner Meinung nach deshalb nicht, weil Jazz nicht der Postmoderne entstammt. Jazz ist originär und hat eine klar bestimmte Identität. Hip-Hop dagegen saugt alles auf, zermatscht es, spuckt es wieder aus, robbt sich vielgestaltig den Hörern entgegen.

    Vielleicht würde Dir auf das letzte Album von Kendrick Lamar (To Pimp a Butterfly) gefallen.

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  2. genova68 schreibt:

    Ich kannte Flying Lotus bis kürzlich gar nicht. Du kanntest ihn, wundert mich nicht. Ich möchte an dieser Stelle auch ausdrücklich dein völlig unvoreingenommenes, unideologisches Herangehen an Musik loben, wovon ich mich erst kürzlich wieder überzeugen durfte.

    Ob Jazz oder nicht, tja. Mit der klaren Identität wäre ich jedenfalls vorsichtig. Wenn du von Swing ausgehst, wird nicht klar, wie man Bebop oder Free Jazz noch als Jazz bezeichnen sollte. Ist wohl eine Frage der Definition, von mir aus auch Hiphop. Ich tue mich damit schwer, weil ich eigentlich keinen Hiphop höre. Aber das ist ein recht egozentrisches Herangehen an eine Begriffsdiskussion.

    Danke für den Tipp mit Kendrick Lamar, kannte ich auch nicht.

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