Vom Architekten und der Bürokratie

Der immer lesenswerte Architekturkritiker der FAZ, Niklas Maak, schreibt über die Geschichte des Pritzker-Preises:

Skandalös war die Auszeichnung von Alejandro Aravena, der mit seiner Idee reüssierte, einkommensschwachen Chilenen nur ein halbes fertiges Haus hinzustellen und dazu eine Rohbau-Hälfte, die sie nach ihrem entbehrungsreichen Arbeitstag selber auszubauen hatten.

Die halbfertigen Häuser sahen so aus:

Die Häuser wurden ziemlich billig gebaut.

Maaks Perspektive ist problematisch. Vielleicht erwartet man es nicht von einer bürgerlichen Zeitung, aber es wäre die Frage nötig, warum die Bewohner überhaupt einen entbehrungsreichen Arbeitstag haben. Für diese Entbehrungen sollte man nicht den Architekten verantwortlich machen. Und es wäre die Frage nötig, warum die Bodenpreise der Siedlung wegen der Innenstadtlage sehr hoch waren. Es sind die Grundlagen kapitalistischer Verhältnisse, die den Rohbau nötig machen, damit die Leute überhaupt wohnen können. Das alles dem Architekten unterzuschieben, noch dazu in einer bürgerlichen und kapitalaffinen Zeitung, ist nicht fair.

Abgesehen davon bastelt der Mensch gerne, die großen Baumarktketten haben jüngst gute Bilanzen vorgelegt. Den Rohbau selbst weiterbauen bedeutet: etwas im Griff zu haben, etwas Eigenes zu haben.

Bemerkenswert auch das: Arch+ hat schon vor zehn Jahren (Heft 203) über die ablehnende Haltung der Menschen gegenüber Großsiedlungen berichtet, nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich:

Ein wichtiger Grund lag auch in einer generell ablehnenden Haltung der Bevölkerung gegenüber der französischen Ministerialbürokratie. Deren Macht war in Frankreich mit dem zentralisierten Planungsapparat sozialistischer Länder vergleichbar, weshalb der Großwohnbau im kollektiven Bewusstsein nach der anfänglichen Euphorie der frühen 1960er Jahre weniger „Soziale Gerechtigkeit“ verkörperte, als ein Form gewordenes Beispiel für die Beschränktheit technokratischer Beamter.
Die Menschen zogen Einfamilienhäuser vor, obwohl die ähnlich uniformiert und mit qualitativen Mängeln behaftet waren wie die Hochhäuser. Warum?

Weil man den Eindruck haben konnte, im Zweifelsfall in der Lage zu sein, Änderungen selbst in die Hand zu nehmen.

 

Der ungeliebte Staat, die verhasste Bürokratie, nicht nur im Ostblock: Das ist ein vielleicht unterbelichteter Grund für das (teilweise) Scheitern des Märkischen Viertels oder der Gropiusstadt. Der Staat wollte sich angeblich um die Wohnsituation der Massen kümmern, ohne sie ernstzunehmen. Die staatliche Bürokratie ist heute vermutlich noch schlimmer als damals, die Ministerialbürokratie schon längst der heimliche diktatorische Herrscher, aber man hat den Leuten beigebracht, sich ums Wohnen selbst zu kümmern. Man erwartet vom Staat nichts mehr, man ist schon froh, wenn er dem Kapital nicht noch effektiver zuarbeitet.

In Berlin erinnert man sich noch an die einstige linke Gallionsfigur Klaus Wowereit. Eine linke Gallionsfigur, die die Stadt für die weitgehende Ausbeutung hergerichtet hat. Die Leute haben den Glauben längst verloren. Der Ausweg wäre klar: mehr Selbstverwaltung und Subsidiarität. Der Staat hätte die Aufgabe, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen, was vor allem die kostenlose Bereitstellung des Bodens bedeutete. Dann wäre es möglich, günstig zu bauen, ob nur den Rohbau oder das komplette Haus. Da der Staat ein kapitalistischer ist, sieht er naturgemäß seine Hauptaufgabe darin, die Voraussetzungen für kapitalistische Ausbeutung zu schaffen. Der Staat ist also in seiner aktuellen Beschaffenheit das Gegenteil eines Partners. Der Architekt macht mit oder lässt es bleiben. Die Idee, den künftigen Bewohner mitarbeiten zu lassen, ist jedenfalls nicht grundsätzlich regressiv.

Nur mal so nebenbei.

(Fotos: architectural-review)

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3 Antworten zu Vom Architekten und der Bürokratie

  1. eimaeckel schreibt:

    Der einzige Grund, die Grünen zu wählen wäre für mich die klare Gegnerschaft gegen das Eigenheim. Dagegen hat die Verbindung von gemeinschaftlicher Vorgabe und individuellem Ausbau nach Geldbeutel und Geschmack etwas, das Vielfalt verspricht. Die Idee ist nicht ganz neu. Das NS-Reichheimstättengesetz versah „verdiente Kämpfer“ mit einem Stück Land, einem Architektenplan und einem Kredit für die Baustoffe. Mein Großvater hat so ein Ding gebaut.

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für den Hinweis auf das NS-Reichsheimstättengesetz. Ich kannte das noch gar nicht und habe mich gerade etwas kundig gemacht. Das Gesetz gab es allerdings schon ohne NS seit 1920. Damals sollte die Wohnung oder das Haus vor dem Zugriff von Gläubigern geschützt werden, man verlor also nicht die Wohnung. Und es war nicht frei vererbbar. Man konnte es wohl im Sinne der Vergesellschaftung von Boden einsetzen, also die Verwertung verhindern. Die Verhinderung der Spekulation war im Gesetz festgelegt. Es hört sich sehr fortschrittlich an.

    Heute undenkbar. Man sieht an solchen Beispielen, ich welchen Zeiten wir leben.

    Bis 1937 entstanden aber bloß 80.000 Häuser auf diese Weise.

    Das Gesetz wurde erst 1993 aufgehoben, und zwar, weil man da den Boden fürs Kapital frei verfügbar machen wollte.

    Man sieht an solch kleinen Beispielen, welchen Rückschritten wir durch die kapitalistische Logik ausgeliefert sind. Dass wir das alle nicht merken, zeigt das Ausmaß an Gehirnwäsche.

    Steht denn das Haus deines Großvaters noch?

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  3. eimaeckel schreibt:

    Ja, mein Bruder wohnt jetzt drin. Insofern alles sehr nachhaltig. Gut zu wissen, dass es keine Nazi-Idee war. Ich kannte nur die Urkunden von der Erbschaft. Und die hatten alle das Hakenkreuz.

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