Corbusier und die wohnmaschinelle Zufriedenheit

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Friedrich-Ebert-Stiftung ein brisantes Forschungsergebnis veröffentlicht: Wie zufrieden sind die Bewohner des Corbusier-Hauses in Berlin?

Ergebnis: Sehr zufrieden. 91 Prozent der Wohnmaschinenbewohner sagen, sie wohnen gerne dort. Vier Prozent sind sich sicher, dass sie das nicht gerne tun. Wobei das Wohnen so etwas Fundamentales ist, dass die vier Prozent vermutlich demnächst vom großzügig bemessenen Balkon springen. Da man das gerne vermeidet, antwortet man auf diese Frage also grundsätzlich eher positiv als negativ. Dennoch: 91 Prozent sind eindeutig. Das nur als Hinweis, weil Corbusier vom reaktionären, sich links wähnenden deutschen Bürgertum gerne als Menschenverächter betrachtet wird.

Und: Corbusier hatte für die Bewohner der 530 Wohnungen Gemeinschaftseinrichtungen und eine große Dachterasse vorgesehen, wie man das in der Wohnmaschine in Marseille auch gemacht hat – beides wurde aufgrund von Berliner Baubestimmungen und behördlicher Engstirnigkeit nicht realisiert. Dazu kam, dass man den Klotz unter der Rubrik „Sozialer Wohnungsbau“ errichtete. Dachterassen sind offenbar unsozial. Corbusier zog sich aus dem Projekt wütend zurück und die ersten Bewohner zogen 1958 ein. Heute ist der Bau denkmalgeschützt, ein Besuch ist wie ein Ausflug in eine vergangene Zeit, obwohl die Wohnmaschine nach wie vor ungemein aktuell wirkt. Die verbauten Materialien versprühen immer noch ein Gefühl von Science Fiction. Es ist ein ähnliches Gefühl wie das, wenn man die Villa Savoye oder ander Corbusier-Ikonen betritt: Gestaltung und Material wirken up to date oder gar avantgardistisch, weil sich die Massenarchitektur seitdem eher ins Regressive entwickelt hat.

Die Studie zieht als Fazit, dass Gemeinschaftsräume fehlen:

Viele Bewohner_innen wünschen sich mehr Zusammenhalt, gemeinsame Veranstaltungen und mehr Kontakt zu ihren Nachbar_innen … Weder im Corbusierhaus, noch in der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es passende Orte, an denen Nachbar_innen in Kontakt kommen könnten.

Man weiß also 2020, dass exakt das fehlt, was Corbusier 1956 vorgesehen hatte – und was gestrichen wurde. Sozialer Wohnungsbau bedeutet demnach nicht nur, dass man sich keine Dachterassen, sondern auch, dass man sich keine Gemeinschaftsräume leisten kann. Eine der vielen Absurditäten deutscher Bürokratie.

Die Wohnungen, viele davon erstrecken sich über zwei Etagen, wovon eine immer über die komplette Breite des Gebäudes verläuft, sind ein Traum. Ihre damit zusammenhängende Erschließung über die innenliegenden Korridore in jedem zweiten Stockwerk – Corbusier nannte sie „Straßen“ – sind vielleicht ein Nachteil. Einer, mit dem Corbusier leben konnte. Heute wirken solche langen und nur künstlich beleuchteten Gänge gespenstisch und werden unter allen Umständen vermieden. So ändern sich die Zeiten. Immerhin wurden dort mittlerweile Stellplätze für Fahrräder eingerichtet. Ich frage mich, was dort vorher stand. Corbusier überließ ja nichts dem Zufall.

Dazu kommt eine gute Akustikdämmung mit 20 Zentimeter starken Betonfertigteilen zu den Nachbarwohnungen, zwölf Zentimeter dicke Ortbetondecken, es gibt 58 Entlüftungsschächte, die zu Ventilatoren auf dem Dache führen, für die innenliegenden Bäder, die Pilotis im Erdgeschoß sorgen für freien Durchgang, dort befindet sich auch das Technikhaus, es gibt ein Blockheizkraftwerk, in jeder Straße Müllschlucker, das Foyer ist mit 130 Quadratmetern großzügig und wirkt hochwertig. Die Wohnungen haben sogar eine „Brötchenklappe“. Offenbar kam damals der Bäcker noch persönlich vorbei.

Bemerkenswert ist schließlich die Corbusiersche Farbgestaltung: Er schuf 43 matte und 20 kräftige Farben. Das Augenmerk auf farbliche Gestaltung erinnert an Bruno Taut und andere, die in den 1920er Jahren bauten.

Le Corbusier als Zeichen einer emanzipierteren Welt, wie sie heute, in der freundlich ummantelten, aber dafür umso totaleren Regression, nicht mehr vorstellbar ist. Freuen wir uns bei einem Ausflug in das Haus über den Geist, der zu spüren ist. Vielleicht ist er fruchtbar noch.

(Fotos: genova 2019)

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3 Antworten zu Corbusier und die wohnmaschinelle Zufriedenheit

  1. eimaeckel schreibt:

    Danke für deine Einsichten in das imposante Gebäude, in das ich noch nie geschaut habe, obwohl vor Corona dort Führungen angeboten wurden. Aber ich war schon mal außen vor und sah das Relief des Meisters über das menschliche Maß. Und über genau das hat er auch mit der Senatsbauverwaltung gestritten. Corbussier wollte nur 2,25m Deckenhöhe und die Berliner haben 2,50 m durchgesetzt. Ich wünsche mir die Zeiten zurück, in denen die Bauverwaltung in der Lage ist, Architekten und Investoren Auf Augenhöhe zu begegnen.

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  2. genova68 schreibt:

    Die Raumhöhe ist ein unwahrscheinlich emotional aufgeladenes Thema, vor allem in Berlin. Vielleicht auch nur in Berlin, ist mein Eindruck.

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  3. eimaeckel schreibt:

    Die erste Generation von seriellen Bauten in der DDR, die Q3A, hatten eine Deckenhöhe von 2,20 m. Da geht Mann auch in mittlerer Größe gebückt.

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