Dr. Dr. Erlinger und die Gästebettproblematik

Wer kennt noch Dr. Dr. Rainer Erlinger? Als moralische Instanz hat der zweifach promovierte Jurist von 2002 bis 2018 den Lesern der Süddeutschen Zeitung in einer wöchentlichen Kolumne („Die Gewissensfrage“) die richtigen Antworten auf ethische Alltagsfragen gegeben. Darf man ein Geschenk weiterverschenken? Darf man jemanden einfach googlen? Muss ein Vegetarier Werbung für Fleisch machen? Man interessierte sich für die Antworten, vielleicht auch nur aus Neugier.

Nun musste Dr. Dr. Erlinger selbst eine ethische Frage beantworten: „Darf ich mehrere Mieter aus meinem Mehrfamilienhaus rauswerfen, weil ich allein nicht auf nur 140 Quadratmeter wohnen kann, sondern 240 Quadratmeter brauche?“

Klingt wie ein Scherz, ist aber wahr: Dr. Dr. Erlinger besitzt ein Haus im Prenzlauer Berg, in dem er bislang eine Wohnung (140 qm) von vieren bewohnt. Man kann sagen, das ist für eine Person genug. Man kann es aber auch anders sehen. Er klagte die Mieter der anderen Wohnungen raus. Das Schreiben seines Anwalts klingt nach Realsatire:

„Derzeit lebt mein Mandant in einer ca. 140 m² großen 4-Zimmer-Wohnung. Der Wohnbedarf meines Mandanten geht jedoch darüber hinaus.“ Das Arbeitszimmer sei zu klein. Auch fehle Erlinger Platz für Besuch: „Die derzeit angemietete Wohnung verfügt nicht über ein Gästezimmer, sodass Gäste auf einem aufblasbaren Gästebett im Arbeitszimmer nächtigen müssen; ein für alle Beteiligten unschöner Zustand.“ Die angemietete Wohnung sei einfach zu klein geworden, heißt es. So verfüge Erlinger zudem „über eine beachtliche Anzahl Bücher, für die in den Regalen schlicht kein Platz mehr ist“. Platz für neue Regale sei aber auch keiner da: „Der Eigenbedarf meines Mandanten verdringlicht sich von Tag zu Tag.“

Das Neue Deutschland berichtete detailliert über die Umbaupläne Dr. Dr. Erlingers. Demnach

sollten sich neben der Gästewohnung über die verschiedenen Stockwerke Küchen, Bäder, Schlaf-, Wohn-, und Ankleidezimmer sowie Büroräume mit Empfangsmöglichkeit für Gäste und eine Dachterrasse verteilen.

Die Klage des verhinderten Sonnenkönigs wurde erstinstanzlich abgewiesen, aber mit Räumungsklagen und gerichtlichen Vergleichen hat er sein Ziel jetzt erreicht: 240 Quadratmeter für ihn und seine Bücher und das Gästebett in einer Gegend, in der Wohnungen dringend gebraucht werden.

1998 gab es übrigens noch staatliche Zuschüsse für die Sanierung des Hauses.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Antwort Dr. Dr. Erlingers auf eine „Gewissensfrage“ in der Süddeutschen Zeitung von 2018. Eine Frau wollte wissen, ob in einer überfüllten Bahn ein Fahrgast zwei Sitze beanspruchen dürfe, weil er „Vielfahrer“ sei.

Antwort Dr. Dr. Erlinger via taz:

Laut Beförderungsbedingungen der Bahn stehe niemandem mehr als ein Platz zu. Es mache ihn traurig, dass es diese Regel überhaupt brauche. Es müsste selbstverständlich sein, dass bei Mangel die Plätze geteilt werden, schreibt er: „Was hätten Sie tun sollen? Die Dame irgendetwas zwischen höflich und bestimmt darauf hinweisen, dass sie für ihren Käse keinen Platz beanspruchen kann, und auf dem Platz bestehen. Nein, eigentlich ihr gehörig den Marsch blasen.“

Auf Dr. Dr. Erlingers Webseite beschreibt der Ethiker sich selbst:

Schwerpunkt seiner Tätigkeit sind die Vermittlung von Ethik vor allem im Bereich der Alltagsmoral zusammen mit ihrer Begründung aus der Moralphilosophie heraus sowie die Einbindung von ethischen Fragen in einen gesellschaftlichen Kontext.

Momentan ist die Webseite nicht erreichbar.

Ethikvermittlung, Alltagsmoral, gesellschaftlicher Kontext: Es ist offensichtlich, dass Dr. Dr. Erlinger mit zweierlei Maß misst und die Notwendigkeit von 240 Quadratmetern für einen Single mit Büchern und Gästebett zu begründen, absurd ist. Ich frage mich eher, was in diesem Mann vorgeht. Er weiß, dass seine Reputation darunter gehörig leidet; genauer: auf null sinkt. Überhaupt ist die Reputation, moralisch integer zu sein, im Kapitalismus nicht geringzuschätzen. Daraus resultierte Dr. Dr. Erlingers Erfolg. Alles futsch.

In der taz vermutet ein Leser eine Geisteskrankheit. Ganz falsch ist das vielleicht nicht. Sonnenkönig.

Vielleicht geht es auch nur um Geld. Sein nicht-vermietetes Haus würde, wenn Dr. Dr. Erlinger es verkaufen wollte, auf dem Markt einen viel höheren Preis erzielen, als wenn die Wohnungen belegt sind.

Ein Rechtsanwalt hat Dr. Dr. Erlinger nun auf Enteignung verklagt. Gesetzliche Grundlage ist der Artikel 14 GG, wonach Eigentum verpflichtet und Enteignung zulässig ist. Leider bräuchte es dazu ein Enteignungsgesetz, das es nicht gibt.

240 Quadratmeter für eine Person in einer Gegend, in der viele Wohnungen fehlen, ist natürlich ethisch nicht akzeptabel. Allerdings interessiert es die Öffentlichkeit nicht weiter, dass vermutlich Tausende und Zehntausende sich in Berlin Zweit- und Drittwohnungen zulegen, die faktisch 50 Wochen pro Jahr leerstehen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Ich schätze, dass eine hohe Zahl der Neubauten so vor sich hingammelt.

Der Fall Erlinger betrifft auch die Frage, was Stadt ist und wer übers Wohnen bestimmt. Tut es der sogenannte Markt, herrscht Barbarei, das ist offensichtlich. Und behandlungsbedürftige Menschen wie Dr. Dr. Erlinger reüssieren. Ein Vergleich mit dem Straßenverkehr zeigt die Verformung. Während man auf 240 Quadratmetern insistieren kann, würde das Argument, man wolle in der Stadt Tempo 100 fahren, weil man sich in seinem Porsche nur bei diesem Tempo wohlfühle, zu brüsker Ablehnung führen. In beiden Fällen geht es jedoch um das, was man Allgemeinwohl nennt.

Diese Asozialität, dass eine Gesellschaft also nicht gewillt ist, die Wohnungsfrage zu lösen, obwohl es ihr produktivitätstechnisch ohne Anstrengung, mit einem Fingerschnippen möglich wäre: Solche Kleinigkeiten zeigen den eigentlichen Zustand unserer, wie man sagt, Gesellschaft.

(Foto: genova 2017)

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8 Antworten zu Dr. Dr. Erlinger und die Gästebettproblematik

  1. Kay schreibt:

    Herr Dr. Dr. Dr. Dr. Erlinger wäre sicher eine gute Wahl für Unternehmen, die ‚Chief Ethics Officers‘ suchen.

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  2. Jakobiner schreibt:

    In den deutschen Ethikrat mit ihm.Die brauchen etwas Nachhilfe bei ethischen Fragen der Marktwirtschaft.Haben die jeweiligen deutschen Parteien eigentlich Ethikkommissionen?

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  3. genova68 schreibt:

    Ja, interessant, was derzeit im Fach Ethik passiert. Aber gesellschaftliche Diskussionen über Ethik sind nicht das schlechteste. Es ist pure Sozialisaton, was ich als gerecht und als ungerecht empfinde. Ethik ist gewissermaßen das moderen Propagandaministerium. Man ist heute einerseits sehr auf Menschenrechte bedacht, keine Diskriminierung etc, andererseits hat man kein Interesse, sowohl die globalen Ungerechtigkeiten anzugehen wie auch die innerstaatliche Probleme, Gentrifizierung, Vermögensungleichheit, Aushebelung der Demokratie durch ökonomische Kompetenz und viel mehr.

    Sicher sollten Geimpfte untereinander mehr Möglichkeiten haben, Kino, Konzerte, große Veranstaltungen. Diese Diskussion scheint mir sehr theoretisch. Da schon von Diskriminierung der Noch-nicht-Geimpften zu reden, scheint mir reichlich überzogen.

    Wir haben in der Gesellschaft merkwürdige überempfindliche Fühler ausgebildet, die unseren hohen zivilisatorischen Stand dokumentieren sollen, scheint mir. Die Sprachgenderdebatte steht typisch dafür. Dafür finden ernsthafte Diskussionen über ökonomische Zwänge nicht mehr statt bzw. sie werden als linksradikal gestempelt und damit für nicht weiter erwähnenswert betrachtet.

    Der Stand der Diskussion in den 1920ern, auch in den 1960ern, war viel weiter, viel fundierter. Alleine die Bücher aus der Zeit über aktuelle Tendenzen in der Architektur, heute nicht mehr vorstellbar. „Architektur als Idologie“, 1968 bei Suhrkamp erschienen, von Heide Berndt, Alfred Lorenzer, Klaus Horn, heute nur noch antiquarisch erhältlich: Es laufen einem die Augen über, wenn man das heute liest. Wissen, das verschütt gegangen ist, dabei heute aktueller ist denn je. Einziges Problem: Die Lektoren damals waren offensichtlich schlechter als heute.

    Stattdessen haben wir eine Boulevardisierung der Gesellschaft, Twitterstürme und permanente persönliche Empörung in kleinen Kreisen. Man müsste sich einmal Gedanken machen: Identitätspolitik entwickelte sich in der Postmoderne. Die heute Ausprägung dieser Politiken ist aber sehr modern: Es werden einsame Narrative gebildet, die keinen Widerspruch dulden.

    Klingt vielleicht rätselhaft, müsste ausgeführt werden.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Es gibt auch ein Münchner Kompetenzzentrum Ethik von Nida-Ruemelin und Vossenkuhl geleitet,das ethische Beratung seitens Philosophen für Corporate Responsibilty Units von Unternehmen ausbildet und stellt.Selbst die FIFA wird beraten.Wie der IOC und andere Multis wird das wohl auch nötig sein.

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  5. RuePoe schreibt:

    Heute ist im österreichischen Standard(.at) ein Artikel zur Sache Dr. Dr. Erlinger erschienen: tinyurl.com/c72oczub. Man beachte auch die ausführlichen Beiträge der Leserschaft.

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  6. genova68 schreibt:

    Danke, RuePoe,
    fast 400 Kommentare bisher, das Thema affiziert. Man sieht an den Kommentaren auch die unterschiedlichen Herangehensweisen. Die einen sehen die Wohnung schlicht als Eigentum D.r Dr. Erlingers, mit dem er machen kann, was er will. Sozusagen die privatistische Perspektive. Die anderen sehen seine Rolle als vormaliger Moralapostel. Wichtig wäre vielleicht eher, wie man wohnen will, wie also Eigentum und Allgemeininteresse verbunden werden können. Außerdem bedeutet Stadt verdichtetes Wohnen, sonst ist es keine Stadt. Würde sich jeder wie Dr. Dr. Erlinger verhalten, wäre Berlin ein Siedlungsbrei wie der Großraum Los Angeles.

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  7. eimaeckel schreibt:

    Ach die Benimmonkels- und tanten aus den großen Zeitungen.Winnemuth, Siebeck und wie sie alle heißen. Die Fragen und ihre Antworten zeigen nur, dass uns allen, die mehr als Lesen und Schreiben gelernt haben, die Orientierung verloren gegangen ist. „Soll ich meinen Kindern Kaviar zu essen geben?“ wurde mal in der Zeit gefragt, als ich sie noch als Nachhilfekurs in bürgerlichem Benehmen las. Ja warum eigentlich nicht? Besser als trockene asiatische Tütennudeln, die die Kinder in meinem Viertel als Mittagessen von ihren Eltern mitbekommen.

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  8. genova68 schreibt:

    Kaviar für Kinder wäre eine nette Frage für Dr. Dr. Erlinger gewesen. Mich hätte die Antwort interessiert, einfach, weil mich hier Erlingers Changieren zwischen Esskultur und Luxusprodukt interessiert hätte. Chance vertan.

    Siebeck würde ich nicht unbedingt in diese Reihe stellen, denn der kümmerte sich wahrhaft um Esskultur, um Zutaten, Zubereitung. Es war Esskritik oder Kritik daran, wie wir mir Essen umgehen.

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