Über dysfunktionales Stadtmobiliar und deutsche Zustände

Wir sehen unten den Arco dei tre ponti in Trient, gebaut zwischen 1530 und 1550. Der Bogen aus Kalkstein war früher das Tor zu einem Palast. Er ist dieser Funktion schon lange beraubt, aber er blieb stehen und steht bis heute. Aktuell wird das Portal für 20.000 Euro restauriert. Trienter Zeitungen bemerken dazu, dass die wuchernde Vegetation sowohl Ziegel als auch Mörtel beschädigt haben könnten.

Was in Italien immer wieder erstaunt: In den Städten steht haufenweise stadtmobiliares Gerümpel, das keinen funktionalen Sinn mehr hat und sogar heutigen Ansprüchen hemmend entgegensteht. Es bleibt trotzdem stehen. In hunderten, teilweise tausenden Jahren gab es offenbar keine Mehrheit, die die Zerstörung von Gerümpel verwirklichte.

Nur ein paar Meter weiter findet man das:

Rechts ein Universitätsgebäude aus den 1960er Jahren, bei dessen Bau man den Bogen wohl schnell hätte abreißen können. Vielleicht wurde er auch kurzfristig entfernt, aber eben später dort wieder postiert. Er ist jedenfalls ein Original.

Stadt als nicht rein funktionale Angelegenheit, sondern als Ort, der Zwiespältiges, Überflüssiges, Überkommenes stehen lässt und keine Begründung dafür einfordert. Genau deshalb fahren Deutsche nach Italien. Zuhause allerdings lassen sie diesen Umgang mit Stadt nicht gelten.

Der deutsche Zerstörungswahn ist übrigens keine vergangene Angelegenheit. Es sind ja nicht nur die Stadttore Berlins, von denen es noch 1860 16 gab. 15 wurden dann rigoros zerstört, schlimmer: ausradiert, bis auf den letzten Ziegel, mit großem Aufwand. Deutsche Gründlichkeit, man gab sich Mühe. Das eine verbliebene, das Brandenburger Tor dagegen, überhöhte man zum nationalen Symbol, was eine ungeheure Lächerlichkeit darstellt.

Wofür soll denn dieses Tor stehen?

Nach 1989 das gleiche üble Spiel mit DDR-Architektur: das Ahornblatt, der Palast der Republik, das Palasthotel, das Außenministerium; eine Menge guter Architektur, die vor allem aus deutscher Zerstörungslust, aus deutschem Ordnungswahn abgerissen wurde. Das Außenministerium musste 1995 weg, auf der Fläche steht bis heute nichts, urbane Wüste. Wichtig war für den deutschen Spießer, dass das böse DDR-Gebäude ausgelöscht wurde. An anderen Stellen ging es um kapitalistischen Verwertungsdruck.

Solche Geschehnisse führen das politische Gerede über Nachhaltigkeit und Ökologie ins Absurde. Ein Gebäude nach 20, 30 Jahren abzureißen, ist das unökologischste, was man mit ihm machen kann.

Anders sieht es teilweise in süddeutschen Kleinstädte aus, wobei dort einfach die politische und ökonomische Bedeutungslosigkeit Zerstörungen unattraktiv machte. Bedeutungslos gewordene Städte wie Speyer oder Nördlingen ließen Altes stehen und freuen sich heute darüber. Wobei auch hier der deutsche Hang und Zwang zur Perfektion unangenehm spürbar ist. Es ist ein Grund, warum Urlaub in Deutschland eine so unangenehme Erfahrung darstellt. Es ist wohl eine Art deutscher Idealismus, mit der Tendenz zur extremen Gründlichkeit, im Gegensatz zu pragmatischem Handeln.

Erkennbar ist dieser verspannte Idealismus auch in der Gendersprachideologie. Wir glauben, durch groteske Entstellungen der Sprache Gerechtigkeit zu realisieren. In englischsprachigen Ländern löst man das Problem vernünftig, indem man die Begriffe von der Geschlechtlichkeit abtrennt, sie spielen keine Rolle, weder im Englischen noch im Deutschen. Nurse ist Krankenschwester und Krankenpfleger und von actress oder waitress redet niemand mehr, der aufgeklärt sein will. Das ist wahre sprachliche Emanzipation. In Deutschland drehen kellnernde Frauen (und leider auch Männer) am Rad, wenn sie Kellner genannt werden. Dieser deutsche Extremismus lebt sich derzeit massiv aus, woran man den Zustand unserer Gesellschaft gut erkennen kann. Da hilft es auch nicht, dass uns von Meinungsführern seit runden 20 Jahren eingeredet wird, wir seien jetzt eine entspannte, normale Nation.

Angenehm pragmatische Kulturen lassen unfunktional gewordene Gebäude stehen, die sich dann von selbst transformieren. So wie sich die Bedeutung von Sprache, von Begriffen von selbst transformiert, und zwar durch Geschichte, durch Fortschritt, also durch Transformation in der Gesellschaft. Leider gibt es heute gerade unter Akademikern eine Menge, die das nicht wissen oder nicht wissen wollen. Vielleicht sind das auch die, die gerne moderne Häuser abreißen. Das müsste man einmal untersuchen.

Arco dei tre ponti gegen Brandenburger Tor, nurse gegen Gendersternchen: Deutschland bleibt gefährlich.

(Fotos: genova 2018)

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