Paolo Porthogesi: Ausklang der modernen Architektur (1)

Fortsetzung dieses Artikels über den Ausklang der modernen Architektur von Paolo Portoghesi.

Portoghesi scheiterte – so das Fazit des ersten Teils – bei der Definition des Postmoderne-Begriffs. Aber er hat selbst – zumindest zum Teil – ganz gute Sachen gebaut, beispielsweise das hier:

Die Chiesa della Sacra Familia von 1974 in Salerno, die doch sehr unvermittelt an den sechs Jahre zuvor entstandenen Dom in Neviges von Gottfried Böhm erinnert.

Und deshalb kommt nun Teil eins dieses Artikels.

Die Kunst bringt das Leben in Unordnung, zitiert Portoghesi gleich zu Beginn des Buches Karl Kraus, und das stimmt den Leser wohlwollend. Unordnung führt zum Nachdenken, zu Schwingungen, die wiederum zu Neuem führen können. Kunst als inhaltliche Aktion.

Im Weiteren beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass Unordnung allein kein Wert ist. Die sinnvolle Füllung des Begriffs gelingt Portoghesi nur in Ansätzen.

Portoghesi beschreibt die Entwicklung moderner Architektur in zwei Schritten. Um die Jahrhundertwende kam es demnach zu einer notwendigen Reaktion auf den Historismus, es entstand moderne Architektur. Allerdings bewertet Portoghesi nur die Moderne in Form des Jugendstils oder art nuveau oder art deco positiv. Schon das Neue Bauen in den 1920ern war Teil des – negativen – zweiten Schrittes. Das Übel heißt dem Verfasser zufolge Rationalismus und der ist dann für das folgende Böse verantwortlich: alles „vom International Style bis zum Neo-Brutalismo“.

Portoghesi erklärt diese architektonische Entwicklung als Ödipuskomplex. Der Vater war demnach der Historismus, gegen den der Sohn sich auflehnte. Als der Vater „bekämpft und besiegt“ war (Jugendstil), verlor der Sohn die Verbindung zur „Kultur der Väter“. Der Hass auf den Vater führte so zum Rationalismus. Es ist eine Art Dialektik der Aufklärung, die der Autor hier am Werke sieht.

Wie auch immer: Ein Teil der Modernekritik im Buch ist unbestritten richtig und heute gibt es niemanden mehr, der sich gegen diese Kritik sperrte. Im Erscheinungsjahr 1980 war die Kritik an der Moderne allerdings auch nicht mehr neu. Komplexität und Widerspruch in der Architektur von Robert Venturi war im amerikanischen Original schon 1966 erschienen und um diese Zeit herum setzte auch in der Praxis eine mannigfaltige real gebaute Moderne-Kritik ein. Venturi selbst baute sein wichtigstes postmodernes Gebäude, das Vanna-Venturi-Haus schon 1960. Die oben abgebildete Kirche von 1974 ist ebenfalls keine modern-funktionalistische Architektur mehr, sondern eine Antwort darauf. 1980 ist diese Kritik nicht falsch, aber es hat ein wenig von Eulen nach Athen tragen, wie man sagt.

Insofern entsteht bei diesem Werk wie bei anderen aus dieser Zeit immer der Verdacht, dass es nicht um die Korrektur der negativen Auswirkungen der Moderne wie dem Bauwirtschaftsfunktionalismus geht, nicht um die Korrektur einer gefährlich instrumentell gewordenen Moderne, sondern um die Etablierung neokonservativer Elemente in der Architektur, analog zum neokonservativen und neoliberalen Schub in der Politik. Porthogesi will „volkstümliche Elemente“ in der Architektur in einer Zeit, in der das selbstreflexive Nachdenken schon längst zu differenzierten Bauprojekten geführt hat.

Positiv ist: Portoghesi nimmt auch die Ökologiebewegung auf, die neue Wachstums- und Fortschrittsskepsis. Bezogen auf das Zoning – also die geographische Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit – schreibt er:

Es würde darum gehen, auf den Trümmern der Urbanistik, der Geographie von Stadt und Land, der Architektur und Regionalplanung, als getrennte Disziplinen verstanden, eine neue Wissenschaft des Siedlungswesens aufzubauen.

Dies ist eine der wenigen Stellen postmoderner Architekturtheorie überhaupt, wo das Problem des Zonings und des daraus resultierenden Energie- und Naturverbrauchs angesprochen wird.

Ansonsten haben wir in dem Buch das übliche Problem der Postmoderne: Sie kritisiert die Moderne formal, ist aber weder willens noch fähig, damit eine ernstzunehmende linke Gesellschafts- und Ökomomiekritik zu verbinden, wird deshalb fürs neokonservative Lager manipulierbar und entmannt, wenn man das heute noch so sagt, sich selbst.

Portoghesi bezieht sich auch positiv auf die Ideale von Revolution und Fortschritt, die er nicht mehr automatisch mit der Moderne in Verbindung gebracht sehen möchte. Er erwähnt die Beiträge der Psychopathologie, der Psychoanalyse, der Semiologie zur Entwicklung von Gesellschaft und er nimmt diese Entwicklung für die Postmoderne in Anspruch, was man in der Tat als ernstzunehmende Weiterführung der Moderne verstehen könnte.

Portoghesi übersetzt das aber nicht in die Praxis.

Beispiel Industrialisierung des Bauens: Portoghesi zitiert Peter Blake, den Autoren von Form follows fiasko, und stellt die „totale Industrialisierung des Bauens“ infrage. Was genau das sein soll, erklärt er nicht. Doch das wäre nötig, denn sich gegen die Industrialisierung eines Massenproduktes auszusprechen, ist anachronistisch. Es wäre, als würde man die serielle Produktion von Autos beklagen und zur Handarbeit zurückwollen. Er behauptet mit äußerst fragwürdigen Argumenten, dass Industrialisierung zu höheren statt zu niedrigeren Kosten führe. Das ist, so vermute ich, Nonsens. Serielle Produktion macht so ziemlich alles billiger, auch und gerade das Bauen, und der Verzicht darauf ist eine Art negative Utopie: Industrie ist böse, zurück zur Manufaktur. Morris lässt grüßen.

Ursache für die Misere sei die „Komplizenschaft“ zwischen dem Industriesystem einerseits, das auf Profit um jeden Preis“ beruhe, und der „Ideologie des ewig Neuen“ andererseits. Die Industrialisierung des Bauens hätte schon damals und muss erst recht heute in der Tat massiv kritisiert werden, aber mit einer anderen Stoßrichtung.

Portoghesi will auch Verteidiger der Arbeiterklasse sein:

„In diesem Dilemma gibt es nicht einmal strategisch Platz für die Kultur der unteren Klassen.“

Nicht nur aus heutiger Sicht fällt es schwer, diese Positionierung ernstzunehmen. Postmoderne Architektur hat sich – 1980 auch offensichtlich – fast ausschließlich um die Form gekümmert, um nette Applikationen an der Fassade. Wohnrealitäten waren kein Thema, auch bei Porthogesi nicht. Die „Kultur der unteren Klassen“ hat die Postmoderne nur insofern tangiert, als dass sie sich des Verkitschungspotenzials eines Teils dieser Klasse angenommen hat.

Es ist so, als würde man Florian Silbereisen zum ästhetischen Anführer der Unterschicht machen, um ihre künstlerische oder auch nur kulturelle Situation zu verbessern. Es ist die Rolle, die seit jeher die Bild in Bezug auf den kleinen Mann spielt. Es ist eine lediglich vorgetäuschte Interessenvertretung. Es ist, aus heutiger Perspektive, ein rechtspopulistisches Element der postmodernen Architektur.

Portoghesi verteidigt in diesem Zusammenhang auch das Kleinbürgertum, das von linker Seite gerne als der politisch unzuverlässigster Teil der Gesellschaft betrachtet wird: Er sei eben nicht der „Träger der reaktionären Kräfte“, sondern offenbar eher Träger einer Art ursprünglichen Kultur, die Beachtung finden müsse. Nun ja. Zwischen ernstnehmen und verteidigen sollte man hier unterscheiden.

Er macht immer wieder einen großen Unterschied zwischen der Kunst der einfachen Menschen, des Volkes oder wie auch immer, und der Kunst, die mit der Macht verknüpft ist, was offenbar zugleich die Avantgarde der 1950er bis 1970er Jahre sein soll.

Spätestens hier wird es ungemütlich. Avantgardekritik, die nicht dezidiert von links kommt, wird schnell reaktionär und genau so hat sich die Postmoderne bekanntlich entwickelt. Wenn sie heute wieder in Mode ist, dann als enpolitisierte Version, die die Ungleichzeitigkeit als formalen Reiz endeckt hat.

Vielfalt, heute heißt das Diversität, ist ohne eine auch ökonomische Beschreibung der Verhältnisse wenig wert. Da hat sich seit Marx nichts geändert.

(Foto: wikipedia)

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Eine Antwort zu Paolo Porthogesi: Ausklang der modernen Architektur (1)

  1. stadtauge schreibt:

    Sehr aufschlussreich.
    Und insbesondere die letzten beiden Sätze bringen es auf den Punkt und bleiben…
    LG Daniel

    Gefällt 1 Person

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