Paolo Portoghesi: Ausklang der modernen Architektur (2)

Paolo Portoghesi, geboren 1931. Wobei dieses schmale Büchlein mit runden 120 Textseiten schmerzlich zeigt, was man schon lange ahnte: Auf italienisch verfasste wissenschaftliche Bücher werden meist katastrophal ins Deutsche übersetzt: Sätze über zehn Zeilen, drei oder vier Nebensätze ineinandergeschachtelt, im Deutschen ungebräuchliche Ausdrücke. Aber vielleicht sind es einfach schlechte Übersetzer (im Fall Portoghesi heißt die Fachkraft Hilla Jürissen) und vielleicht – und sogar vermutlich – sind heutige Übersetzungen besser gefertigt.

Wie auch immer: Portoghesi, den treue Exportabel-Leser von diesem Ikonenbild kennen, schrieb Ausklang der modernen Architektur 1980. Das Buch gilt heute als eines der wichtigsten Impulsgeber für die europäische postmoderne Architektur. Schon deshalb lohnt die Lektüre.

Wobei es erst einmal Verwirrung hervorruft: Der Titel der deutschen Ausgabe suggeriert eine Endphase der Moderne und bestenfalls erste postmoderne Anzeichen, während das Buch im Original Dopo l´architettura moderna heißt und wir demzufolge die Moderne hinter uns gelassen haben, uns also schon in der postmodernen Ära befinden. Der (deutsche) Klappentext behaupet gar, es sei „die Architekturgeschichte der Post-Moderne …, die mit diesem Band vorgelegt wird.“ Demnach ist die Postmoderne offenbar schon wieder vorbei oder zumindest so weit gediehen, dass man eine Geschichte über sie schreiben kann.

Vielleicht ist die Verwirrung auch dem Inhalt geschuldet. Portoghesi macht den gleichen Fehler wie viele Postmodernisten: Sie kritisieren zwar „moderne“ Architekur, und zwar implizit den späten Funktionalismus, die CIAM-Charta, das Zoning und das, was man später Bauwirtschaftsfunktionalismus nannte. Aber sie unterschlagen, dass diese Moderne 1980 schon längst ihr Ende gefunden hatte. Das zeigen einerseits die weltweiten Bemühungen, Altstädte wieder zu erhalten statt Autobahnen durch sie hindurch zu bauen und andererseits Entwicklungen wie der Strukturalismus, der Brutalismus und eine neue Siedlungsarchitektur, beispielsweise die Siedlung von Gottfried Böhm in Köln-Chorweiler. Es gab also schon längst eine nicht mehr konventionell moderne Architektur, als Porthogesi das Buch schrieb.

Und genau daher rührt die Verwirrung. Porthogesi erweckt den Eindruck, als sei er Vorkämpfer der Postmoderne und schreibt gleichzeitig ihre Geschichte.

Skurril wird des dadurch an vielen Stellen. So nennt er lobend Lucien Kroll, Ralph Erskine und Aldo van Eyck. Sie hätten „alles andere als einen engen Horizont“, ihre Werke seien „Symptome“, die „Anzeichen für eine Wandlung“ seien, „deren Aktionsfeld die achtziger Jahre sein werden“.

Das Lob ist berechtigt, aber die Geburtsdaten der drei lauten 1914, 1918 und 1927. Sie hatten 1980 allesamt ihre wichtigen Werke schon errichtet, und der konventionelle, von Portoghesi attackierte Modernebegriff spielte bei ihnen längst keine Rolle mehr. Sie waren in gewisser Weise Postmoderne, doch der Begriff sie nicht. Portoghesi wusste das, musste aber auf ihre vermutete Popularität in den 1980er Jahren veweisen, damit er als der Widerständige gelten kann, der Neuem zum Durchbruch verhilft.

Er rannte offene Türen ein.

Bei Porthogesi kommen übrigens Eyck nicht als Strukturalist (auch jenseits des erst später etablierten Begriffs) und Kroll nicht als der bahnbrechende Architekt, der Partizipation Ernst nahm, vor. Sondern nur rein formal. Auch das ist ein genereller Schwachpunkt der Postmoderne-Diskussion. Form ignores function.

Und an diesem Punkt wird es unangenehm. Das Bemühen von Strukturalisten und auch Modernen um eine soziologische Komponente der Architektur, um Mitbestimmung der Nutzer, um Aspekte jenseits des Formalen, wurden von der Postmoderne ignoriert und zurückgefahren. Hauptsache, die Fassade stimmt. All das interessiert die Protagonisten postmoderner Architektur kaum. Es gibt wohl keine Epoche der Architektur, in der der Grundriss so wenig interessierte.

Portoghesi lobt zwar in Teilen die 68er-Bewegung (kritisierte allerdings „ihre pathetische Verankerung in der marxistischen Lehre“), ihren „vitalen Schwung“, und bezieht sich auch auf ihre Beiträge in „der Psychopathologie, der Psychoanalyse, der Semiologie“, aber er interessiert sich architektonisch nicht für die Implikationen, die daraus entstanden. Das waren eben eher die Strukturalisten, die Portoghesi so gesehen nur oberflächlich lobt. Es ist ein vergiftetes Lob.

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Und deshalb kann man heute sagen: Postmoderne als Epochenbegriff für Architektur hat nicht so funktioniert, wie Portoghesi das gerne gehabt hätte. Kroll, Erskine, van Eyck einerseits und Charles Moore, James Sterling oder Hans Hollein lassen sich nicht in eine Kiste packen. Die drei letzteren sind anerkannte Vertreter der Postmoderne, die ersten drei haben nichts damit zu tun.

Das Problem bei der Sache: Moore, Sterling und Hollein sind – anzuerkennende – Vorreiter einer Postmoderne, die schon ein paar Jahre später ihren Zenit überschritten hatte, ja, der Lächerlichkeit preisgegeben war. Von der Postmoderne übrig geblieben sind die abertausende kitschiger postmoderner Plastiksäulen und satteldachgedeckter Erker in deutschen Neubaugebieten.

Sinnvoll wäre wohl eine Einteilung, die die typische Moderne mit ihrem alten Funktionalismusbegriff um 1965 enden lässt, worauf Strukturalismus, Brutalismus, ökologisch orientierte Architektur, früher Dekonstruktivismus, High-Tech-Architektur und anderes folgten. All das Postmoderne zu nennen, ist klitternd. Und schließlich ignoriert Portoghesi die Entwicklung typisch moderner Architekten selbst. LeCorbusiers Kapelle in Ronchamp ist da ein vielzitiertes Beispiel. Es ist schon eine völlig andere Moderne als die Villa Savoie oder seine Zerstörungspläne von Paris. Die 1920er waren nicht die 1960er. Vor allem die Ahistorizität war längst dahin.

1987 – also gerade mal sieben Jahren nach der Ausrufung des „Ausklangs der modernen Architektur“ – erschien ein Buch des Architekten Günther Fischer. Sein Titel:

Abschied von der Postmoderne.

Damit ist vielleicht alles gesagt.

Teil 1 dieses Artikels  – mit einer Beschreibung des eben dennoch lesenswerten Inhalts des Buches – folgt demnächst.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Postmoderne abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.