Von Hitler zu Merkel: deutsche Kontinuitäten am Beispiel Griechenland

Bis ´45 hat Deutschland andere Länder militärisch zerstört. Mittlerweile machen die Kameraden das ökonomisch.

Das klingt provokativ, ist aber so falsch nicht. Die Politik der Troika der letzten fünf Jahre, maßgeblich durch die Täterin Merkel bestimmt, führte Griechenland zu einem Abbau der staatlichen Ausgaben von rund 25 Prozent, zu einem Anstieg der Staatsschulden von 110 auf 180 Prozent des BIP und zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um mehr als 100 Prozent.

Abgesehen von der humanitären Katastrophe: Vergliche man nun, wie das seriöse Journalisten täten, diese Zahlen mit den Prognosen, die die Troika und auch Merkel vor fünf Jahren abgegeben haben, wäre das Urteil eindeutig: komplettes Versagen. Wie wenn VW einen Golf herstellte, der keinen Meter fährt.

Es ist natürlich klar, dass die Troika niemals im Sinn hatte, „Griechenland“ zu helfen. Dass dort Elend herrscht, ist Technokraten wie Merkel egal. Es gehört zu ihrem Geschäft, Elend zu produzieren.

Es ging und geht lediglich um zwei Ziele. Erstens, die privaten Schulden der europäischen und vor allem deutschen Gläubiger zu verstaatlichen. Das brauchte Zeit und ist weitestgehend gelungen. Wenn man jetzt davon redet, dass „Deutschland“ bei einem Grexit 80 Milliarden Euro abschreiben müsse, so sind das Gelder, die in den vergangenen Jahren dem deutschen Steuerzahler, wie man sagt, aufgebürdet wurden. Es ist, nebenbei gesagt, strukturell eine Wiederholung der „Rettung“ der Hypo Real Estate. Wiederholungstäter.

Und zweitens, die staatlichen Vermögen zu privatisieren. Das klappt nicht so richtig, man versprach sich mehr. Aber keine Angst, die Troika, also wesentlich das deutsche Kapital, wird schon noch zum Zuge kommen. Lesenswert ist dazu ist ein Dossier von Elisa Simantke, das jüngst der Tagesspiegel veröffentlichte. Korruption, wohin man schaut. Es gibt dort auch eine schöne Bildergalerie der Täter. Sie sehen unglaublich harmlos aus.

Es wird nun oft davon geredet, dass Syriza keine „Reformen“ angehe. Ich weiß das nicht so genau. Aber klar ist doch: Die Troika hatte fünf Jahre lang Gelegenheit, genau das zu fordern und zu fördern. Nichts passierte. Doch, es passierte etwas: Reiche Griechen kauften in Berlin ganze Straßenzüge.

Wir sind alle keine Griechen, wir beherrschen die Sprache nicht. Ich empfinde die nationalen Bezüge, die von Griechen derzeit hergestellt werden (und wir als Eins-zu-eins-Übersetzung erfahren), als unangenehm. Von „nationaler Demütigung“, von „Ehre“, von einem „stolzen Volk“ und ähnlichem Blödsinn ist die Rede.

Aber da wären soziolinguistische Untersuchungen nötig. Klar ist, dass Syriza ein Becken für viele Linke darstellt, es rumort dort vermutlich kräftig. Und wie soll man vor dem Hintergrund des permanent drohenden Staatsbankrottes ein funktionierendes Katasterwesen aufbauen? Sowas dauert Jahre, begleitet von gerichtlichen Auseinandersetzungen. Ähnliche sieht es bei funktionierenden Steuerbehörden aus. Eine Provinzpolitikerin von Syriza wies kürzlich daraufhin, dass man wegen der ausgedünnten staatlichen Strukturen derzeit gar nicht das Potenzial habe, mehr Steuern einzutreiben. Es fehlt das Humankapital, wie man sagt.

Vermutlich ist das ganz im Sinne von Merkel, Schäuble und Troika.

Der Ex-Finanzminister Varoufakis schrieb jetzt im Guardian:

My conviction is that the German finance minister wants Greece to be pushed out of the single currency to put the fear of God into the French and have them accept his model of a disciplinarian eurozone.

Und auch das hier von Varoufakis ist interessant:

To exit, we would have to create a new currency from scratch. In occupied Iraq, the introduction of new paper money took almost a year, 20 or so Boeing 747s, the mobilisation of the US military’s might, three printing firms and hundreds of trucks. In the absence of such support, Grexit would be the equivalent of announcing a large devaluation more than 18 months in advance: a recipe for liquidating all Greek capital stock and transferring it abroad by any means available.

Der Grexit wäre demnach der kurzfristige völlige Zusammenbruch des Staates. Dementsprechend musste Tsipras am Donnerstag Abend ein Paket vorlegen, das ein paar Tage zuvor beim Referendum faktisch abgelehnt worden war. Was soll man machen, wenn einem von den deutschen Kameraden die Pistole an den Kopf gehalten wird?

Die deutsche Öffentlichkeit ist schon empört, wenn Varoufakis von „fiskalischem Waterboarding“ spricht. Es ist eine relativ milde Beschreibung der Verhältnisse.

Der alte, neue deutsche Zuchtmeister. Nicht nur Frankreich ist unter Druck. Die Agenda-Politik soll allen aufgezwängt werden, auf dass man dann unter deutscher Führung die Weltherrschaft anstreben möge. Wenn wir das geschafft haben, schauen wir uns nach Extraterrestrischen um. Ohne Feind fehlt dem gemeinen Deutschen etwas. Das begann um 1800 und hat sich seitdem nicht geändert. Angeblich unterstützen 85 Prozent der Deutschen Schäuble in seiner Griechenland-Politik. Schäuble ist derzeit der beliebteste Politiker Deutschlands. Besser kann man die Missstände im deutschen Journalismus kaum veranschaulichen. Man kann ergänzen, dass es abseits der Masse, vernünftige Schreiber gibt. Wolfgang Münchau schreibt im Spiegel sehr deutlich:

Die in den Jahren 2010 und 2012 beschlossenen Griechenlandprogramme würden ohne Zweifel als Insolvenzverschleppung unter das Strafrecht fallen, hätte man eine solche Nummer im Privatsektor abgezogen. Was hier passiert ist, ist in seinem Wesen kriminell, auch wenn es nicht den formaljuristischen Anforderungen an eine Straftat genügt. Es ist die Verschleierung eines wirtschaftlichen Tatbestands aus niederen Beweggründen: der politische Eigennutz der Kanzlerin zu massiven Lasten des Steuerzahlers. Dass in Deutschland angesichts dieser Katastrophe niemand Merkels Rücktritt verlangt, ist Zeichen einer kranken politischen Kultur […] So wie sich unsere Großväter sich im Jahre 1914 auf einen kurzen Krieg freuten, so verlangen deutsche Konservative heute den Grexit. Einige von ihnen wissen sehr wohl, dass ein Grexit den Euro langfristig destabilisieren wird.

Und man sollte diesen Neochauvinismus in Bezug auf Griechenland nicht von Freital trennen.

Kann bitte jemand dieses Aggroland stoppen? Vielleicht von internationalen Blauhelmtruppen besetzen lassen?

Danke im Voraus.

(Fotos: genova 2015)

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8 Antworten zu Von Hitler zu Merkel: deutsche Kontinuitäten am Beispiel Griechenland

  1. Beat Company schreibt:

    „Helfen“ geht anders: Gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Zug der Erinnerung“ und der Jüdischen Gemeinde von Thessaloniki fordere ich von der Deutschen Bahn AG und ihrer Eigentümerin, die verzinsten Fahrtkosten für die Massendeportationen aus Griechenland nach Auschwitz und Treblinka in vollem Umfang, ohne Umwege und unverzüglich an die Jüdische Gemeinde von Thessaloniki zurückzuerstatten…

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  2. Beat Company schreibt:

    PS: Und die 89 Millionen 455 Tausend und Zweihundertundachtzig Euro sind „nur“ der Preis für die „Fahrkarten“…

    Gefällt 3 Personen

  3. genova68 schreibt:

    Laut Spiegel verlangt Schäuble nun:

    „Griechenland verbessert seine Vorschläge rasch und umfassend, mit voller Unterstützung des Parlaments. Unter anderem schlägt das deutsche Ministerium vor, dass Griechenland Vermögenswerte in Höhe von 50 Milliarden Euro an einen Treuhandfonds überträgt, der sie verkauft und damit Schulden abträgt.“

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-schaeuble-schlaegt-grexit-auf-zeit-vor-a-1043241.html

    Kompletter Ausverkauf des Staates, eine komplette Privatisierung. Vermutlich können sie dann gleich das Parlament privatisieren. Die Sitze werden einfach per Gebot vergeben. Plutokratie, ganz nach Platon

    Ein extrem dreister Vorschlag in einer neuen Dimension, wenn ich das richtig sehe.

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  4. Beat Company schreibt:

    Was so ein Stuhl wohl kostet …

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  5. genova68 schreibt:

    Anzahl der Stühle durch 50 Milliarden Euro, würde ich schätzen.

    Das hier ist auch ganz nett:

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  6. P.M. schreibt:

    Guter Artikel.

    Ich gehe aber davon aus, dass die deutsche Griechenland-Politik noch ein drittes Zeil verfolgt: Die Senkung des Wertes der gemeinsamen Währung durch den Ruin eines Euro-Staates, damit die exportfixierte deutsche Wirtschaft leichter ins außereuropäische Ausland verkaufen kann.

    Darum sehe ich in näherer Zukunft auch keinen Grexit kommen. Der Plan wird eher sein, Griechenland möglichst lange in der derzeiten Elendssituation zu halten.

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  7. genova68 schreibt:

    Na, jetzt haben sie Tsipras jedenfalls dort, wo sie ihn haben wollen. Ganz unten. Eigentlich müsste der jetzt seinen Rücktritt einreichen. Aber vermutlich haben Merkel und Co. ihn dazu verdonnert, das nicht zu tun. Die Folgen wären nicht kalkulierbar.

    PM,
    die aktuelle Entwicklung spricht für deine These, oder? Griechenland bleibt im Euro, wird weiter verelenden und in ein paar Monaten kommt die nächste Krise, die über Nacht gelöst werden muss. Wenn die Bevölkerung in Griechenland den jetztigen Beschluss mitmacht. Wenn ich das richtig sehe, wird dieser Treuhandfonds ernsthaft in Erwägung gezogen.

    (Bist Peter Moosleitner und hast ein interessantes Magazin?)

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  8. P.M. schreibt:

    Haha, nein, Moosleitner bin ich nicht. Und an das Magazin habe ich gar nicht gedacht, als ich angefangen, den Namen im Internet zu benutzen.

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