Von der zweckmäßigen Schönheit des sich Schüttelns

Die Shaker – religiöse Neuankömmlinge in den USA, die sich schüttelnd und hart arbeitend durch die Prärie zogen – schrieben kurz vor 1800 in ihren Leitsätzen:

Jede Kraft erzeugt eine Form, jeder Gegenstand kann vollkommen genannt werden, der genau den Zweck erfüllt, für den er bestimmt ist. Schönheit beruht auf Zweckmäßigkeit. Alle Schönheit, die nicht auf Gebrauch gegründet ist, wirkt bald widerlich und muss laufend durch Neues ersetzt werden. Was in sich selbst den höchsten Gebrauchswert birgt, besitzt auch die größte Schönheit.

Gläubige dürfen in keinem Falle und unter keinen Umständen zu Verkauf bestimmte Gegenstände herstellen, die überflüssige Zier tragen… ebenso wenig wie es statthaft wäre, solche Gegenstände selbst zu benützen.

Die Zeilen zeigen einerseits, dass es müßig ist, über die Frage zu streiten, wer den Funktionalismus erfunden hat. Da hat Julius Posener, dessen Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur ich diese Zitate verdanke, sehr recht. Das vernünftige Bauen, überhaupt das vernünftige, kosten- und materialsparende Herstellen von Gegenständen, war in der Geschichte in aller Regel schlicht notwendig, da man es sich aufgrund der geringen Entwicklung der Produktivkräfte kaum leisten konnte, mit viel Zierrat und Tamtam zu bauen. Die allermeisten Fachwerkhäuser, jede Lehmhütte, jeder Holzteller ist und sind funktionalistisch. Dazu brauchte es keinen Corbusier, keinen Tessenow, keinen Gropius und kein Ikea. Die Urhütte von Laugier ist vielleicht das Urbild des Funktionalismus schlechthin: Vier Baumstämme, Pfetten dazwischen, fertig ist das funktionalistische Haus.

Andererseits darf man ruhig die Frage stellen, ob das Verschwenderische, das Unvernünftige nicht genauso seine Existenzberechtigung hat. Der Funktionalismus, der in obigen Zitaten zum Ausdruck kommt, ist nicht von ungefähr protestantisch geprägt und die Shaker sind nicht nur Entsager, sondern auch, streng aufklärerisch, rationale Arbeitsbienen. Es kommt nicht von ungefähr, dass man dem Barock und dem Historismus heute mit ein wenig Neid begegnet: Die haben sich die Verschwendung einfach rausgenommen.

Denn es gibt natürlich das Unbehagen an Sätzen wie dem, wonach alle Schönheit auf Zweckmäßigkeit beruht. Wir können das ohne weiteres nachvollziehen und sehen es im Grunde genauso. Der schale Beigeschmack ist der der totalen Rationalität, die man nicht mehr kritisieren darf, weil sie praktisch und zweckmäßig ist, aber dennoch fad. Insofern sind Bekenntnis wie das, wonach Schönheit auf Zweckmäßigkeit beruht, nur richtig, wenn man im Vorfeld den Begriff der Zweckmäßigkeit angemessen definiert. Und dazu gehört der irrationale Aspekt, der Unvernünftiges, Überschwängliches, Banales, Kitschiges, Abweichendes, Deviantes, Unvertretbares, Unangemessenes, mit einem Wort: Menschliches beinhaltet. Dem Menschen zeckmäßig ist die Irrationalität.

Wenn also barocke Architektur ohne feudalistische Verhältnisse, die dafür sorgen, dass nur das berühmte eine Prozent den barocken Charme erfährt, nicht möglich ist, und historistische Architektur nur dem lächerlichen Aufstiegsdrang des Bürgertums neue Entfaltungsmöglichkeiten setzt, dann wäre eine Ablehnung der Verschwendung zwar naheliegend, aber trotzdem kurzsichtig. Es könnte lediglich der nächste Schritt zur Selbstausbeutung sein, der den Profit anderer maximiert. Ich weiß nicht, inwieweit die Shaker Opfer der Kapitallogik geworden sind – ob sie es also nicht besser wissen – oder ob da der Renditegedanke eine feste Rolle spielte. Die Zweckmäßigkeit der Shaker bestand offenbar darin, keine Verschwendung zu betreiben, wobei es da vermutlich nur um Geld ging.

Die Erkenntnis, wonach alleine aus Zweckmäßigkeit Schönheit hervorgehen kann, sollte kritisiert, aber nicht verworfen, sondern ergänzt werden. Zweckmäßigkeit muss das irrationale Bedürfnis,das Unbegründbare, das Nichtmessbare beinhalten. Der Zweck des Menschseins kommt ohne sie nicht aus. Werden sie ignoriert, kommt es zur wie auch immer sich konkretisierenden Katastrophe. Beispielsweise zu den Ästhetiken der aktuellen Neubaugebiete, zum Schlosswiederaufbau, auf der anderen Seite zu DDR-Plattenbauten und Neuer Sachlichkeit, die faschistische Architektur im demokratischen Staat vorwegnahm.

Lohnenswert wäre es, den Deutschen Werkbund auf diese Fragen hin zu untersuchen. Er argumentierte in Bezug auf das Verhältnis von Zweckmäßigkeit und Schönheit sehr ähnlich. Vielleicht hat er sich über die Definition von Zweck, was den Menschen angeht, mehr Gedanken gemacht.

Vielleicht. Bei den Shakern ist immerhin sympathisch, dass sie sich so schütteln.

Eigentlich ziemlich unzweckmäßig.

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