Keine Muße gewähren

Der Architekt Peter Behrens schrieb 1910 über die moderne Stadt:

Eine Eile hat sich unserer bemächtigt, die keine Muße gewährt, sich in Einzelheiten zu verlieren. Wenn wir im überschnellen Gefährt durch die Straßen unserer Großstädte jagen, können wir nicht mehr die Details der Gebäude gewahren. Ebensowenig wie vom Schnellzug aus Städtebilder, die wir im schnellen Tempo des Vorbeifahrens streifen, anders wirken können als nur durch ihre Silhouette. Die einzelnen Gebäude sprechen nicht mehr für sich. Einer solchen Betrachtungsweise unserer Außenwelt, die uns bereits zur steten Gewohnheit geworden ist, kommt nur eine Architektur entgegen, die möglichst geschlossenene, ruhige Flächen zeigt, die durch die Bündigkeit keine Hindernisse bietet

Und der Architekt Erich Mendelsohn schrieb 1930 über das Berliner Mossehaus:

Wie das Mossehaus im ganzen Ausdruck sichtbar das schnelle Tempo der Straße, die bis zum äußersten gesteigerte Bewegungstendenz zur Ecke aufnimmt, so bändigt es gleichzeitig durch die Ausgeglichenheit seiner Kräfte die Nervosität der Straßen und Passanten.

Lustige Ansätze. Behrens wollte die Architektur so verändern, dass deren Rezeption auch in hohem Tempo möglich ist. Keine Ornamente, keine Ecken und Kanten, keine Details: Die nehmen wir nicht wahr, weil wir es eilig haben und zu Muße nicht mehr fähig sind. Eigentlich ist die Rezeption dann nur in hohem Tempo möglich. Gingen wir zu Fuß an den Gebäuden vorbei, würde uns langweilig werden.

1910 war eine Traumzeit für das Auto.

Vielen der monotonen Fassaden des Bauwirtschaftsfunktionalismus könnte man in dieser Perspektive etwas abgewinnen: Aus dem Auto heraus wird die Monotonie kurzweilig. Einfach, weil man schnell vorbeigefahren ist.

Der moderne Mensch: Warum in Einzelheiten sich verlieren? Man verliert dabei Zeit und somit Geld.

Mendelsohn verband das hohe Tempo der Fortbewegung mit der Nervosität der Menschen. War man nervös, weil man schnell fuhr oder fuhr man schnell, weil man nervös war? Vermutlich beides. Das unangenehme Gefühl, das einen bei der Vorstellung von gesetzlich verordnetem Tempo 130 auf der Autobahn beschleicht, hat seine Ursache darin. Tempo 200 befreit den nervösen Menschen. Mich auch.

Solche Bemerkungen lassen sich prima als Kapitalismuskritik lesen und heute, im fortgeschrittenen Stadium, ist die beste Ausrede nach wie vor, dass man keine Zeit habe. Mehr noch: Zeit zu haben, bedeutet, ein Tunichtgut, ein erfolgloser Mensch zu sein, der sich den ganzen Tag in Einzelheiten verliert.

Eine verrückte Zeit, die frühe Moderne. Wir heute haben ihre Ansprüche verinnerlicht und würden sie gleichzeitig nie offensiv verteidigen. Wir fordern detailreiche Architektur, um in hohem Tempo daran vorbeizubrausen. Wir beruhigen unser Gewissen. Die Form muss reichen.

Paul Klee: Architektur (1923):

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3 Antworten zu Keine Muße gewähren

  1. Jakobiner schreibt:

    Wie wohl eine Schnecke all diese Architektur empfindet oder ein Faultier? Einstein kam ja auf seine Relativitätstheorie von Raum und Zeit durch Licht-und Zuggeschwindigkeit.

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  2. genova68 schreibt:

    Die Schnecke fordert ein Ornament pro Zentimeter, sonst wird ihr langweilig.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Dahin ich doch lieber ein Floh und hüpfe über Minihochhäuser.

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