René Pollesch und das interpassive Theater

Der Dramatiker René Pollesch erklärt in seinem neuen Stück „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“, das vorgestern in der Berliner Volksbühne Premiere hatte, Interpassivität, also die Theorie von Robert Pfaller, nach der Menschen dazu neigen, Handlungen und Objekte an Dritte zu delegieren, zum Beispiel Pornos zu gucken statt selbst zu pimpern oder ganze Bücher zu kopieren, statt sie zu lesen oder fremden Menschen via TV beim Kochen zuzuschauen, statt selbst zu kochen etc.

Der Schauspieler des Ein-Mann-Stücks, Fabian Hinrichs, erzählt den Zuschauern, was er unter interpassivem Theater versteht:

„Interpassives Theater wäre, wenn der Schauspieler am Ende der Vorstellung mit Ihrem Partner nach Hause geht. Dann müssen Sie das nicht tun.“ (aus dem Kopf zitiert)

Entweder hat Pollesch den Pfaller nicht verstanden oder ich. Interpassives Theater wäre doch eher, sich ein Theaterabo zu kaufen und dann nicht hinzugehen. Oder seinen Partner hinzuschicken. An anderer Stelle im Stück wird Dosengelächter eingespielt, so mussten wir Zuschauer nicht selbst lachen. DAS wäre interpassives Theater.

Egal. Interessant jedenfalls war, dass Pollesch im Stück das Jahr 1971 als große Zeitenwende definiert: das Ende von Bretton Woods und damit der Beginn des Finanzkapitalismus. Als historische Zäsur wäre das jedenfalls mindestens so sinnvoll wie die üblichen Einteilungen mit 1945 und 1989 oder gar 2001 wegen nine eleven.

Die Volksbühne als künstlerischer Ort politischer Aufklärung. Fast wie in den 1920ern. Ob mit oder ohne Partner.

Update, 15.1.: Der Blogozentriker beschreibt Interpassivität viel besser, als ich das hinkriege.

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7 Antworten zu René Pollesch und das interpassive Theater

  1. hans w. schreibt:

    geil! der bretton woodsverweis

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  2. aquadraht schreibt:

    Ein sehr modernes Beispiel von Interpassivität ist das Goldfarmen und Leveln in Onlinespielen. Da wird gegen Cash die Mühsal des Onlinespiels an „Dienstleister“ in Indien und China delegiert, die Gold und Items erdaddeln oder sogar die komplette Spielfigur aufbauen.

    Der nächste Schritt wäre, seinen Inder oder Chinesen zum Tennis- oder Fussballspielen zu schicken, in die Kirche zum Beten, und zum Anschauen der langweiligeren, aber angesagten Fernsehserien.

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  3. hans w. schreibt:

    Du hattest ja schon gesagt, du hättest Interpassivität nicht verstanden, also hab ich nicht darauf herumgehackt. Es geht bei der Interpassivität ganz klar darum das Eigene zu delegieren. Unsere Neigung zum Delegieren betrifft nämlich alles andere, nur nicht die eigenen Gefühle, die eigene Sexualität. Also dein Pornobeispiel ist keines, außer du würdest deine Sexualität delegieren zB einem Porno deinen Orgasmus überlassen, deine Heterosexualität, dafür sind Pornos aber ausgerechnet nicht da. Sie sind eher Geschichten, die dir so lange einen Orgasmus vorspielen, bis du denkst, du müßtest selber einen haben.

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  4. genova68 schreibt:

    Hi, Hans,

    ich habe geschrieben, dass entweder ich oder Pollesch Interpassivität nicht verstanden hat.

    Das Pornobeispiel könnte schon eines sein, finde ich: Wenn ich Pornos gucke, STATT real mit einer Frau Sex zu haben. Ob ich einen Porno gucke, damit ich meine, einen Orgasmus haben zu müssen oder ob ich einen gucke, um mich physisch entsprechend zu erleichtern: das kann ja beides eine Option sein.

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  5. hans w. schreibt:

    … wie gesagt, du bist blind an der stelle. da hört das denken bei dir auf. du kannst auch wichsen während du dir eine mülltone ansiehst, damit ist noch lange nichts delegiert.

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  6. nheepapara schreibt:

    sehr interessant die letzten kommentare – jeder deligiert was beim andern nicht ankommt – exakt interpassiv …

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  7. genova68 schreibt:

    Hans, bei deinem Wichsbeispiel ist wohl nichts delegiert, zumindest nicht an die Mülltonne; beim Porno unter Umtänden schon, dabei bleibe ich. Wenn man unter Sex mehr versteht als den reinen physischen Orgasmus, dann eben schon. Das Konkret-Körperliche wird delegiert.

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