Dussmann und der Respekt vor dem Buch

Die meistprosperierenden Branchen im Kapitalismus sind die, deren Produkte einen zeitlich flexibel gestaltbaren Gebrauchswert haben. Ein Spielzeug beispielsweise kann ein Kind ein Jahr benutzen, danach bekommt es die Schwester, dann der Cousin. Oder das Kind benutzt es nur einen Tag und wirft es auf den Müll. Die Spielzeugbranche freut sich über letzteres, denn schon am nächsten Tag kann es dem Kind und der Schwester und dem Cousin ein neues Spielzeug verkaufen.

Die Buchbranche hingegen ist bemitleidenswert: Sie verkauft Bücher, deren Daseinsgrund darin liegt, dass man sie liest. Das dauert lange. Je dicker ein Buch, desto länger dauert das Lesen und während des Lesevorgangs ist der Leser kaum in der Lage, anderweitig kapitalistisch produktiv zu sein. Die Buchbranche muss immer so tun, als lohne sich die vertiefte, langsame, aufmerksame Lektüre all dieser tollen Bücher. Deswegen soll man kaufen. Aber die Lesezeit bleibt linear. Während ich gleichzeitig autofahren und musikhören, fernsehen und im Internet surfen, das Kind mit einem extra dafür gekauften Rohrstock verprügeln und in einem Shopping-TV-Sender etwas bestellen kann, braucht das Buch weitgehend volle Konzentration. Schneller lesen geht nur sehr begrenzt. Selbst Hörbücher sind kein Ersatz, das weiß jeder, der schon einmal versuchte, beim Autofahren, Musikhören, Fernsehen oder beim Internetsurfen ein Hörbuch zu hören. Man schweift ab, eher über kurz als über lang. (Auch das Lesen dieses Blogartikels ist nur bei vollster Konzentration möglich.) Das gute Buch ist der Todfeind des kapitalistischen Systems.Wie also kann die Buchbranche ihr Ergebnis, wie man sagt, steigern?

Bei einem vorweihnachtlichen Besuch bei Dussmann, Berlins größtem Buchladen, erhält man die Ahnung einer Antwort: Bücher sollen gekauft, aber nicht gelesen werden. Das darf die Branche zwar auf keinen Fall zugeben, es ist aber systemimmanent. Die Kunden, beobachte ich, stehen mit Bücherstapeln auf dem Arm an der Kasse. Einen Stapel zu lesen, bedeutete mindestens ein Jahr intensive Lektüre. Wäre das so, käme der Kunde frühestens nach zwölf Monaten wieder zu Dussmann. Und dabei sind Bibliotheksausleihen noch nicht berücksichtigt. Dieses Geschäftsmodell wäre der Untergang.

An einem zentralen Ort im Erdgeschoß präsentiert Dussmann auf einem erhöhten Stand ein neues Buch über Yves Klein. Das ist der Maler mit den monochromblauen Bildern. Bücher über Künstler und Ausstellungskataloge sind im kapitalistischen Sinn dankbare Buchtypen, denn Bilder kann man auch schnell gucken. Es fällt nicht auf, dass man eigentlich nichts gesehen hat. Um den vielen Dussmannbesuchern das Buch über Yves Klein schmackhaft, wie man sagt, zu machen, hat Dussmann sich angestrengt: Man bekommt auf dem Stand auch blaue Pinsel, blaue Farbe, blaues Papier und noch einiges mehr, was blau ist. Jedes Blau ist ganz exakt das gleiche Yves-Klein-Tiefmonochromblau. Es fällt schwer, an dem Stand vorbeizugehen, ohne nicht irgend etwas Blaues zu kaufen.

Eine weitere Möglichkeit, Bücher zu verkaufen, die der Kunde nie liest, ist die Präsentation inmitten einer riesigen Menge an Exemplaren. Ein Roman von Ferdinand von Schirach (kürzlich von mir gelesen) wird einfach geschätzte 500 mal neben- und übereinander gestellt und gestapelt, da nimmt man schon deshalb ein Exemplar mit, um die offensichtliche Überproduktion zu lindern.

Eine dritte Möglichkeit, Bücher zu verkaufen, ist die Kungelei mit den sogenannten Kritikern. Ist ein Ferdinand von Schirach durch sein Buch „Der Fall Collini“ wirklich „einer der besten europäischen Erzähler“? Kann man ihn „mit Kafka und Kleist“ vergleichen? Hat Schirach wirklich etwas „Faszinierendes“, wie Spiegel, The Independent und andere, angeblich seriöse Medien laut Buchdeckel urteilen?

Nein, ist und hat er nicht. Schirach ist ein eher banaler Schriftsteller, der ein interessantes Thema (Deutsche Wehrmacht 1943 in Italien) aufgreift und es literarisch und künstlerisch völlig unbedeutend, ja geradezu wertlos umsetzt. Warum schreiben Spiegel et al so einen Quatsch?

Die Buchbranche ist im Konkurrenzdruck unterwegs und muss jedes Jahr mehr umsetzen. Ihre einzige Chance ist, Bücher zu verkaufen, die hoffentlich nicht gelesen werden. Deshalb ist das Weihnachtsgeschäft die Saison der Hoffnung. Bücher zu verschenken heißt: Bücher werden nicht gelesen. Die Beschenkten sollten die ungelesenen Bücher nicht verbrennen, das weckte unvorteilhafte Assoziationen. Aber nach einer Anstandsfrist ins Altpapier geben, ist ok.

Mir tut die Buchbranche leid. Sie muss mindestens dreimal im Jahr (Leipzig, Frankfurt, Weihnachten) behaupten, es gebe eine Unmenge toller Neuerscheinungen. Beispielsweise einen äußerst mittelmäßigen Ferdinand von Schirach. Oder eine Juli Zeh (kürzlich von mir gelesen). Seien wir ehrlich: Auch sie behandelt interessante Themen, ist künstlerisch aber bestenfalls Mittelmaß. So eine Art Barcelona- oder Lissabon- oder Amsterdam-TV-Krimi als Buch. Der Kauf lohnt nicht im Sinn des Gebrauchswertes, nur in dem des Tauschwerts. Für die Branche.

Vor 30 Jahren hieß der größte Buchladen Berlins noch Kiepert. Er bot ausschließlich gute Bücher an und nie in hohen Stapeln und nie mit Pinseln und Papier. Man ging nach stundenlangem Lustwandeln zwischen den Regalen mit exakt einem Buch zur Kasse und blieb danach Monate fern. Kiepert ging 2002 in die Insolvenz.

Menschen dazu zu bringen, immer mehr Bücher zu kaufen, hat etwas respektloses. Es fehlt der Respekt vor dem guten Buch. Wäre Dussman ein Buchfreund, würde er dem Kunden die Auslöschung von Thomas Bernhard verkaufen und gleichzeitig darauf hinweisen, dass er nun mit der Lektüre ein Jahr vollends beschäftigt ist und er bis zum Ablauf der Jahresfrist keine weiteren Bücher kaufen darf. Die Realität sieht aber so aus: Ich kann heute bei Dussmann die Auslöschung kaufen und morgen den neuen Ferdinand von Schirach und übermorgen Juli Zeh. Es ist infam.

Lassen wir also die Buchbranche sich gesundschrumpfen, gerne mit staatlichen Hilfen. Die Wälder danken es. Der Respekt vor dem guten Buch erfordert es.

(Fotos: genova 2020)

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6 Antworten zu Dussmann und der Respekt vor dem Buch

  1. Jakobiner schreibt:

    KlasseText. Das guteBuch-das ist zum Teil wirklich Ansichtssache.Als fast ausschließlicher Leser von Sachbüchern könnte ich mit den anderen Genren ohnehin nicht soviel anfangen. Und im Deutschunterricht würden wir ja auch mit der Gruppe 47 gequält,obgleich ich Grassens Blechtrommel oder Lebens Deutschstunde immer langweilig und das 3.Reich verharmlosend fand.Die TV-Serie Holocaust brachte viel mehr Aufklärung als diese literarisch verschwurbelten deutschen Schriftsteller,die es auch Mal zum Nobelpreis schafften .Auch ein Langeweiler wir ThomasMann schaffte das,obgleich mir das Buch seines Bruders Heinrich Der Untertan besser gefiel,aber alsDDR-Film so richtig gut wurde.Aber bei Holocaust rümpfen deutsche Kulturkritiker auch die Nase:Hollywoodkitsch.Wonach aber richten die Leute ihreKaufentscheuding?Am Literarischen Quartett, an den Bestsellerlisten?
    Das Buch als gut gegenüber dem Fernsehen und den Medien war ja auch schon die Theorie von Mc Luhan „TheMedium.is the Message“.Damals wurde aber auch schon dasAussterben des Buchs infolge von Kino undTV oder nun sozialen Medien vorausgesagt.Aber die Leute lesen immer noch Bücher. Oder kaufen sie sie nur und lesen sie nicht?Wassagen denn die Studien zu Medienkonsum.und Leseverhalten? Jedenfalls ist doch ein erster Blick bei Besuchen oft der aufs Buecherregal, wie viel Meter Bücher und dann auch welche man im Regal hat.Als Bildungsbürger möchte man dann doch irgendwie jeder erscheinen.Vielleicht bei Jugendlichen und anderen Schichten eher die geistlose Nintendospielkonsole oder die teure Küche als Statussymbol.Aber letzteres will ja wiederum den den kulinarischen Feinschmecker und Gourmet herausstellen,vielleicht mit den richtigen guten Kochbüchern und alaARTE-Toskanalinker,der gute Bücher,gute Weine,gutes Essen und gute Frauen oder eineSarah Wiener zu schätzen weiss.Muss irgendwie nach Kultur indLebensstil aussehen.

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  2. genova68 schreibt:

    Die Holocaustserie war von der Machart nahe am Kitsch dran. Das würde man heute nicht mehr so machen können. Der Kitsch wurde durch die dargestellten Tatsachen relativiert. Vielleicht war die Gesellschaft damals noch nicht so weit, oder man dachte es, dass man die Wahrheit unverkitscht oder gar mit ernsthaftem ästhetischen Anspruch verfilmen konnte.

    Ich vermute, dass heute deutlich weniger gelesen wird als früher, das zeigt schon die intensive Nutzung des Smartphones. Man gibt es aber nicht zu, denn Lesen und Bücher gehören immer noch zum bürgerlichen Bildungskanon. Mich nervt, wie viel Schund auf den Markt geworfen wird, alleine die unüberschaubare Zahl an schlechten Berlinreiseführern, die alle nur voneinander abschreiben. Das gleiche gilt für die große Anzahl schlechter TV-Filme und Krimis und Serien. Vermutlich hunderte jeden Monat. Es ist alles das gleiche, Kulturindustrie, die sich mit Ähnlichkeit schlägt. Es ist die Verblödung und Ruhigstellung der Massen, bei Dussmann wie im TV, vor allem im Privaten.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Was man oft als Kitsch in deutschen oder noch mehr französischen Bildungsbürgerkreisen bezeichnet sind einfache Muster und Charakteren,die ohne gekuenstelte und geschwurbelt konstruierte Persönlichkeiten mit Brüchen und lauter Widersprüchen auskommen.Das mag man dann als primitiv oder unterkomplex ansehen,ist aber wie bei Karikaturen und Comics unterhaltsamer und einpraegsamer und eindeutiger. Trump hat das auf die Spitze getrieben.Keine künstlerisch-Diplomtische Feinheiten.Ich fand Holocaust überhaupt nicht kitschig,eher die Blechtrommel war Bildungsbürgerkitsch.Hollywood hat aber die Gabe,wichtige technologische Innovationen und deren gesellschaftliche Wirkungen massenkompatibel zu artikulieren und zu thematisieren.Planet der Affen,Omegamann,Flucht in die Zukunft,Terminator,Demolition Man,Total Recall-gut gemachter Kitsch.

    Die Frage ist auch,ob die Lesefähigkeit und Konzentrationsfähigkeit,die ja auch ein Stück Triebunterdrückung,Überwindung und Arbeit ist seit der SMS mit ihren 140 Zeichen und Nachfolgemedien naturgemäß abnimmt.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Auch wenn Genova vielleicht wieder ausflippt:Ein zweiter Kommentar:Ein gutes neues Jahr. 新年快乐

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  5. genova68 schreibt:

    Ja, vielleicht war es kein Kitsch. Aber es war ein Film, der gängigen ästhetischen Konventionen entsprach, was bei dem Thema schon problematisch ist. Außerdem wurden alle wichtigen Szenarien (Auschwitz, Babyn Jar, T4 und wohl noch mehr, ich habe den Film vor Ewigkeiten gesehen) in einer Familie untergebracht. Es hatte etwas sehr Pädagogisches. Außerdem wurde versucht, das Grauen darzustellen, was in eine ziemliche ästhetische Verharmlosung mündete.

    Karikaturen und Comis sind andere Darstellungsformen, die haben ihre Berechtigung, aber der Film Holocaust war eben weder das eine, noch das andere. Und es waren vermutlich sechs Stunden Spielzeit. Das müsste man künstlerisch völlig anders umsetzen. Es geht eben um Kunst, nicht um eine sachliche Aufarbeitung oder eine Dokumentation.

    Die Gruppe 47, das war literarisch eine andere Zeit, wobei ich Böll nach wie vor für überragend halte, eine seine Art des Schreibens, sein Stil.

    Gut gemachter Kitsch ist schon ok. Ich meine wohl eher die vielen Degato-Produktionen, dieses Fließbandproduzieren, ob in den USA oder anderswo. Dafür sollte man sich eigentlich zu schade sein, sowohl als Schauspieler wie auch als Rezipient. Die meisten Filme wie auch die meiste Literatur dient nur zum Zeittotschlagen.

    Ob die Konzentrationsfähigkeit heute gesunken ist? Keine Ahnung. Dazu gibt es sicher Studien. Man muss bei diesen Diskussionen aber aufpassen, dass man nicht in die Richtung „Früher war alles besser“ argumentiert. Heute schreiben alle, via Smartphone. Da fällt vielleicht auf, dass viele die Rechtschreibung nicht beherrschen. Früher schrieb nur eine Minderheit, vor 1950 nur eine absolut kleine. Und es las auch nur eine absolut kleine Minderheit. Die Alphabetisierungsrate jedenfalls ist immer weiter gestiegen.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Ich will jetzt dieGruppe 47 nicht in die Tonne treten.Die waren in der Nazizeit sozialisiert und mussten da auch im Nachkriegsdeutschland mit all seinen Altnazis,Nationalkonservativen und Stahlhelm du/CSU viel Gegenwind wegen Schuldkult und Vaterlandsverrat erfahren,. wie auch WillyBrandt.Deswegen war der Holocaust auch Tabuthema der Gruppe.Als Paul Cézanne seine Todesfüge veröffentlichen wollte und den Holocaust offen thematisieren wollte, würde dies von Waffen SS Grass und anderen einfach unterdrückt.Das hat eben in Deutschland erst der Film Holocaust und zeitgleicher AntirassismisfilmRoots gebracht.Und dass der Holocaust seineGewaltszenen beschränkte,war keineswegs eineVrrharmlosung.Andernfalls waere doch wieder der Vorwurf gekommen,dassHollywood nur ein Sensationsgemetzel veranstalten wolle so einen Holocaust Tarantino.Was ist auch falsch dasSchiksal einer jüdischen Familie und als,Gegenpunkt einer deutschen Nazifamilie zu beschreiben.Man könnte mitfühlend und sich identifizieren.

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