Prachtboot und Schokolade

Prachtboot

Manchmal gibt es gute Nachrichten. So schrieb kürzlich der Spiegel über das Berliner Stadtschloss:

Warum das Fake-Schloss in seiner jetzigen Form nicht zu retten ist

Das Humboldt-Forum sollte zu einem neuen Zentrum der Weltkultur werden. Doch an vielen der geraubten Kunstwerke klebt Blut. Kolonialverbrechen werden bis heute systematisch verharmlost.

Über diese Kolonialverbrechen hat der Historiker Götz Aly nun ein Buch verfasst („Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten“, 242 Seiten). Das „Prachtboot“ soll tatsächlich prominent am Eingang des neuen Museums stehen. Über das Buch berichtet der Deutschlandfunk:

Götz Aly hat einen persönlichen Zugang zu dem Boot: Sein Urgroßonkel Gottlob Johannes Aly war zeitweise Militärgeistlicher der Kaiserlichen Kriegsmarine und nahm an einigen Eroberungsfahrten in die Südsee teil. Und zwar in die damalige deutsche Kolonie Deutsch-Neuguinea und in den Bismarck-Archipel. Heute gehört beides zum Staatsgebiet von Papua-Neuguinea.

Die deutschen Kolonien dort waren streng organisiert. Die Kokosplantagen-Besitzer konnten über ihre einheimischen Arbeiter wie Sklaven verfügen. Götz Aly beschreibt, wie die Einwohner der Inseln schon unter „normalen“ Bedingungen unter der Herrschaft der Europäer litten. Diese schleppten Krankheiten wie Masern und Syphilis ein, dazu kamen die Zerschlagung der gut funktionierenden Subsistenzwirtschaft und die Verpflichtung zur Arbeit auf den Plantagen.

Wehrten die Einheimischen sich, wurden Strafexpeditionen der Kriegsmarine angefordert. Eine der schrecklichsten fand 1882 statt. Ihr Ziel waren die Hermit-Inseln, deren größte mit etwa sechs Quadratkilometern die Insel Luf ist.

Innerhalb weniger Wochen töteten die Deutschen dort einen Großteil der Bevölkerung, die überlebenden Männer verschleppten sie als Arbeitssklaven auf Plantagen, die Hütten und die großen hochseetauglichen Boote der Menschen wurden zerstört.

Den Eroberern folgten die Kunsträuber. Berliner Ethnologen, die in ihrer Gesinnung zwar keine Rassisten waren – Felix von Luschan vom Berliner Völkerkundemuseum betonte beispielsweise immer wieder die Gleichwertigkeit von Völkern –, kauften gerne von den Militärs und den Plantagenbesitzern, wohl wissend, dass diese sich die Kunstschätze meist nicht legal aneigneten.

Alles in allem ganz gewöhnliches deutsches Verhalten also.

Überhaupt rezensierte die Fachwelt das Buch einhellig positiv.

Deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ geht heute so: Man baut das Schloss der herrschenden Klasse wieder auf, das für den Massenmord und die Versklavung verantwortlich war und stellt das geraubte Prachtboot hinein, dessen Geschichte man absichtlich verschweigt. Die Verantwortlichen haben die Hintergründe verschwiegen, die dank Aly nun ans Licht kamen.

Deutsche Traditionen. Man erkennt an solchen Verhältnissen, wie reaktionär dieses Land nach wie vor ist, jenseits der Heuchelei. Alleine der Anspruch, ein „Zentrum der Weltkultur“ zu sein, ist ein typischer Auwuchs deutsch-dämlicher Zwanghaftigkeit. Wir sind die Besten der Welt. Was denn sonst?

Schokolade

Ein paar Naive freuen sich über sanfte Sprachregelungen, ansonsten gehen die Geschäfte wie gewohnt weiter. Von einer Tafel Schokolade, die wir hier für einen Euro kaufen, bekommen die Kakaobauer in Westafrika sechs Cent, las ich gerade. Die Wahrscheinlichkeit, dass den Kakao Kinder geerntet haben, ist hoch. Dafür hat Bahlsen seine Waffelsorte Afrika in Perpetum umbenannt. Sogenannte Linke hatten sich beschwert, der Name Afrika sei rassistisch. Bahlsen versicherte:“Wir nehmen eure Meinungen und die Kritik sehr ernst“.

Fast schon lustig: Bahlsen verringerte bei der Umbenennung die Füllmenge. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat eine versteckte Preiserhöhung von 34 Prozent berechnet. Es ist davon auszugehen, dass sich der Bahlsen-Gewinn um 34 Prozent erhöht hat, die Bezahlung des Bauern gleich geblieben ist. Die Markenbindung junger Menschen an Bahlsen hat dennoch zugenommen, vermute ich. Bahlsen hat sich schließlich proaktiv gegen Rassismus gewandt. Und aus dem PR-Desaster von vor ein paar Jahren gelernt.

Das Bahlsen-Beispiel ist so bezeichnend, dass man es in Schulbüchern erwähnen sollte: So funktioniert Kapitalismus unterm Signet der politischen Korrektheit.

Der Massenmord an Menschen in der Südsee wird heute allgemein bedauert. Die Ausbeutung auf Basis kapitalistischer Verwertungslogik ist intensiver denn je. Antirassist*innen freuen sich über ihnen genehmes wording.

Es läuft.

Angesichts der unzähligen Äußerungen von Politikern in den vergangenen Jahren, wonach man „Afrika“ unterstützen müsse, damit die Flüchtlingsströme versiegen, sollte man sich über den Zusammenhang zwischen dem Talkshowdauergeplapper und dem effektiven Ergebnis (=0) Gedanken machen. Reden (und Sprachkorrekturen) als Ersatzhandlungen sogenannter liberaler Gesellschaften.

Aber das führte jetzt zu weit.

(Foto: genova 2019)

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