Hanns-Martin Schleyer und die Chancen der Freiheit

Kaum zu glauben, aber wahr: Der Faschist Hanns Martin Schleyer, später dann Arbeitgeberpräsident, schrieb dieses Buch namens „Das soziale Modell – Chancen der Freiheit“.

„Chancen der Freiheit“ – so nennen solche Leute ihre Bücher, auch heute noch. Vermutlich ging es um die Chancen des Kapitals, die Arbeiter auf Dauer zu knebeln, aber so direkt wollte man das nicht schreiben. So direkt wollte Schleyer ja auch mit den Nazis nichts zu tun gehabt haben. Man ist halt bei Bedarf ein bisserl verschämt.

Schleyer war seit 1931 Mitglied in der Hitlerjugend, seit 1933 Mitglied in der SS, seit 1937 Mitglied der NSDAP, und, natürlich, Jurastudent, 1939 promoviert. Später war er für die Arisierung der tschechischen Wirtschaft und für die Zwangsarbeiterbeschaffung zuständig. Vielleicht half ihm dabei seine juristische Ausbildung an einer deutschen Universität. Der Historiker Erich Später bezeichnete Schleyer als Teil der „deutschen Vernichtungselite in Prag“.

1948 wurde Schleyer als Mitläufer eingestuft, kein Scherz.

Danach betrachtete er Mitbestimmung laut wikipedia als ein „kommunistisches Machwerk“. So geht deutsche Vergangenheitsbewältigung. Gegen Kommunisten wird man ja wohl noch etwas haben dürfen.

Nach seinem Ableben wurden haufenweise Straßen und eine Mehrzweckhalle nach ihm benannt. Offenbar ein Vorzeigedeutscher. Die Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung fördert Wissenschaftler aus den Bereichen der Wirtschafts-, Rechts- und Kulturwissenschaften. Nach welchen Kriterien werden die zu Fördernden ausgesucht? Muss man Nazi sein oder reicht ein gerüttelt Maß an neoliberaler Menschenverachtung? Die Stiftung vergibt auch einen „Hanns-Martin-Schleyer-Preis“ für „Verdienste um die Festigung und Förderung der Grundlagen eines freiheitlichen Gemeinwesens“.

Naheliegend, bei dieser Biographie. Freiheitlich, so bezeichnen sich heute AfD-ler und FPÖ-ler, also Faschisten. Es passt.

„Die alten Nazis, nicht er, waren längst wieder wer“, sang Wolfgang Niedecken in „Jojo“ über einen Kommunisten, der nach dem Krieg keinen Fuß mehr auf den Boden bekam. Auf wen passte das besser als auf den Kameraden Schleyer?

„Chancen der Freiheit“ im „sozialen Modell“ – die Lektüre wäre vielleicht lesenswert. Ich vermute, es gibt eine Menge Überschneidungen mit der neoliberalen Ideologie.

Mich würde eine Untersuchung von Nazi-Schriften mit neoliberalen Schriften interessieren. Meine Prognose: Allzu viele Unterschiede wird man da nicht wahrnehmen. Die völlige Perversion des Freiheitsbegriffs jedenfalls ist schon im Titel des Schleyerschen Büchleins angelegt.

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3 Antworten zu Hanns-Martin Schleyer und die Chancen der Freiheit

  1. Jakobiner schreibt:

    Berthold Brecht hat mal in seinem Anachronistischen Zug in den 50er Jahren prophezeit,dass die alten und die neuen Rechtsradikalen nicht mehr unter offen faschistischen und grossdeutschen Parolen auftreten würden,sondern“Für Frieden und Demokratie““For Freedom and Democracy“.Sieht nan bei der Freiheitlichen Partei Österreichs,wie auch Volksdemokratie und ein deutscher Friedensvertrag gefordert wird-auch auf den Coronademos.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, das ist ein interessanter Hinweis. Aktuelle Rechtsradikale sind immer für Frieden und Demokratie. Diese totale Umwertung von Begriffen ist meines Erachtens nach das Gefährlichste. Aus dieser Ecke kommt momentan auch das Geplapper von der bösen Kontaktschuld. Das Argument: Man muss Sätze vom Kontext und der Biographie des Sagenden isolieren. So lenkt man den Rechtsradikalismus in den Mainstream. Damit kann man auch Hitler zum Unterstützer von Frieden und Demokratie machen, denn der sagte im Sommer 1939, dass Deutschland keinen Krieg wolle, auf einen Angriff der Juden aber antworten werde. Hitler also ein selbstverteidigender Friedensapostel. Kontaktschuld bedeutet hier: Wenn jemand einen vernünftigen Satz gesagt hat, ist er Teil der Gruppe, egal, was er sonst so sagt.

    Diese Schiene wird derzeit einigermaßen erfolgreich von Gunnar Kaiser und Konsorten vertreten. Diese Leute behaupten einen engen Meinungskorridor und werfen den Linken das Kontaktschuldargument vor, das nur dazu diene, andere Meinungen zu diskreditieren.

    Bei den Coronademos sieht man das Ergebnis: Jeder Nazi dort muss nur einmal betonen, dass er für Frieden ist, und der Drops ist gelutscht. Auch Reichsbürger können für Frieden sein. Vorläufer waren die Mahnwachen mit Lars Mährholz 2013f.

    Kaiser und Konsorten haben diesen „Appell“ initiiert:

    https://idw-europe.org/

    Ziel ist, Rechtsradikalismus salonfähig zu machen. Sie behaupten ohne Beleg massive Einschränkungen der Meinungsfreiheit durch eine linksgrüne Dominanz, eine Cancel Culture, die sie nun auflösen wollen. Rechte als Kämpfer für Meinungsfreiheit.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Das ist schon richtig. Es gibt aber durchaus die Tendenz, einzelne Sätze aus dem Kontext zu reißen und damit sinnzuentstellen wie auch richtige Forderungen zurückzuweisen, weil die auch von Rechten oder Islamisten erhoben werden. Die neoliberalen Zeitungen sind voll von Artikeln gegen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit oder gegen Globalisierung und Agenda 2010. Dann wird immer auf Populismus von links und rechts hingewiesen und versucht Sozialismus und Nationalsozialismus als wesensgleich darzustellen.

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