Architektur und Dogma 3 – Gallaratese: „Beklemmende Atmosphäre“

Das Dilemma: Zwar entstand spätestens mit dem Ende des CIAM 1959 eine umfassende Kritik an den Verfehlungen der modernen Architektur, am Bauwirtschaftsfunktionalismus, an einer architektonischen Didaktik, die den Menschen erst bis ins Detail erziehen wollte, um ihn dann zu vergessen. Doch Versuche, daraus zu lernen, haben nicht immer gefruchtet. Ein paar Anmerkungen.

Im Folgenden ein Statement der Architektin Margrit Kennedy (1939-2013), das immerhin in der bauwelt veröffentlicht wurde, der vielleicht bedeutendsten Architekturzeitschrift in Deutschland. Kennedy nimmt in diesem Text von 1978 Bezug auf Carlo Aymonino, der (zusammen mit Aldo Rossi) von 1968 bis 1973 herum ein seinerzeit vielbeachtetes und -publiziertes Wohnviertel in Gallaratese baute, einem Vorort von Mailand.

Kennedys Statement ist eine Antwort auf einen Vortrag von Aymonino über Gallaratese.

Ich habe ein paar Bilder von Gallaratese eingebaut.

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Margrit Kennedy (1978):

Sehen wir uns die heutige vaterländische Arbeits- und Machtverteilung an und ihre Metropolen, so verdienen sie wohl kaum noch den Namen „Mutterstädte“. Eindrucksvoll beweisen die Entwürfe von Architekten wie z. B. Carlo Aymonino, daß in dieser Architektur weder die Natur noch der Mensch einen Platz hat. In einem Vortrag an der Berliner Sommerakademie 1978 referierte Aymonino über die Durchdringung von Außen- und Innenraum, öffentlichem und privatem Raum.

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Ebenso lehrreich aber war es, sich darüber klarzuwerden, was er weggelassen hatte – nämlich „das Lebendige“. Nicht ein lebendiges Wesen – Mensch, Tier oder Pflanze bevölkerte die ästhetisch perfekten Räume in einer Dia-Serie. Man sah leere Arenen, leere Plätze, leere Innenräume, leere Gänge. Mit offensichtlichem Stolz wies er darauf hin, daß es ihm in der Gallaratese, einem damals in Fachzeitschriften häufig publizierten Wohngebiet in einer Mailänder Vorstadt gelungen sei, die Bepflanzung des großen Platzes zwischen zwei Trakten mit Bäumen zu verhindern. Leider stand er mit seiner Einstellung zu Architektur und Stadtplanung weder damals noch heute allein, deshalb möchte ich aus meinem Brief an ihn zitieren, der später in der „Bauwelt“ veröffentlicht wurde. Ich sagte darin u. a.: „Meine Erfahrung bei der Besichtigung dieses Projektes ist, daß Sie auch die Benutzung der Plätze, Galerien und Treppen durch Menschen erfolgreich verhindern konnten … Wenn man einmal den ersten ästhetischen Reiz der ungewöhnlichen Formen aufgenommen hatte (der übrigens durch abblätternde Farbe, Unrat usw. stark litt), war man froh, sobald als möglich aus der beklemmenden Atmosphäre herauszukommen.

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Erst bei Ihrem Vortrag ist mir jedoch klar geworden, warum dieses Empfinden durchaus berechtigt war. Ihre Architektur ist ja nicht für Menschen da, sondern in erster Linie für sich selbst. Der Mensch, ein Baum oder eine Pflanze stören natürlich die leere Perfektion. Man fühlt sich als Störfaktor, nicht gewollt und ist es auch … Mit Genugtuung bestätigten Sie auf meine Frage hin, daß Ihnen an der Meinung der Nutzer zu Ihrer Architektur nicht im geringsten gelegen sei. Ihrer Ansicht nach ist Architektur ein technisches und gestalterisches Problem, Architekt-Sein ein Beruf wie jeder andere. Implizit heißt das: Für menschliche und soziale Belange gibt es andere Berufe und wenn Projekte zu teuer werden, wie das Mailänder Wohnprojekt, und privat statt im sozialen Programm, für das sie geplant waren, abgegeben werden müssen, Hausbesetzungen stattfinden, und die perfekte Architektur einige wenig perfekte menschliche Tragödien verursacht, gibt es ja schließlich die Polizei, die für solche Angelegenheiten zuständig ist. …

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Was mir im Nachhinein noch etwas Hoffnung gibt, ist Ihre Bemerkung, meine Fragen erinnerten Sie an Ihre Frau. Sie fühlten sich damit eigentlich ganz zu Hause. Es bestätigt meine Vermutung, daß es vielleicht doch mehr M e n s c h e n unter den Frauen gibt, denen diese Art der totalen Einseitigkeit in technischer Vollkommenheit ein Greuel ist…“

(Bauwelt 31/1978).

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Soweit Margrit Kennedy. Ich kann nach dem Besuch von Gallaratese nicht sagen, dass ihre Einschätzung von Leere völlig aus der Luft gegriffen ist. Dass auf den Bildern keine Menschen zu sehen sind, liegt daran, dass am Knipstag keine da waren, nirgendwo, den ganzen Nachmittag nicht. Ich musste mir also keine Mühe geben, keinen Menschen auf den Fotos zu haben, es wäre nicht möglich gewesen. Nur in der Tiefgarage vernahm ich Bewegung: Autos. Kurz hörte ich zwei spielende Kinder. Die Leere kann auch damit zusammenhängen, dass die komplette Siedlung mittlerweile eine gated community ist. Man kommt nur rein, wenn man dort wohnt oder beim Einlass seinen Personalausweis abgibt. Es wohnen dort aber eine Menge Menschen.

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Ich bin zwar weit entfernt, Aymonyno generell zu verdammen – dafür sind seine Leistungen zu vielfältig -, aber dass der Mensch hier im Mittelpunkt steht, könnte bestenfalls typologisch oder vom Grund- und Aufriss her behauptet werden, womit ich mich nicht beschäftigt habe. Es ist nach vierzig Jahren aber auch egal, denn es geht in der Architektur um Praxis, zumindest, wenn dort Menschen wohnen sollen. Beklemmend ist Gallaratese allerdings nicht.

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Und dann die Piazza. In Italien ist das ein besonderes Thema, in den allermeisten italienischen Städten ist es am späten Nachmittag voll. Die Leute gehen vorm Abendessen raus, fare una passegiata und fare una bella figura und vedere e farsi vedere, gerne schick angezogen. Es sind soziale Handlungen, man spaziert hin und her, trifft Bekannte, quatscht, ohne Alkohol, ohne Konsum. Es ist ein Bestandteil der italienischen Öffentlichkeit.

Alleine vor diesem Hintergrund  muss man fragen, was in Gallaratese schiefgelaufen ist. Ein Platz in Italien, der ignoriert wird, ist wie ein Ferrari, der überholt wird: Beides ist nicht vorgesehen und geht an sämtlichen Intentionen vorbei.

Vielleicht hat es schlicht damit zu tun, dass auf dem hier oben abgebildeten Platz sich im langen italienischen Sommer niemand aufhält, weil er dort gebraten wird. Und dass die passegiata in einer gated community auf Dauer wohl recht langweilig ist.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Aldo Rossi, der die Planungen wesentlich beeinflusst  hat, in seinen architekturtheoretischen Schriften von allem möglichen redet, aber nicht vom Mensch. Und so scheint dieses einstmals linke Architekturprojekt in Gallaratese doch nur dem Wunsch Alfred Krupps zu entsprechen, der 1877 meinte:

„Nach gethaner Arbeit verbleibt im Kreis der Eurigen“.

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Bezeichnend ist der skulpturale Aspekt der ganzen Siedlung. Es reizt zum Fotografieren, gerade weil das Gebäude immer wieder andere skulpturale Perspektiven bietet. Aber auch das ist dem Bewohner erst einmal äußerlich. Andererseits findet man eine Menge angenehmer Nischen, halböffentlicher Orte mit Details:
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Tatsache ist: Sowohl beim Besuch von Frau Kennedy als auch bei meinem übernahmen die öffentlichen Plätze, die Ecken, die Nischen nicht die Aufgabe, die sie haben. Es ist wie ein Straßennetz, das niemand benutzt. Warum, weiß ich nicht. Ich konnte ja niemanden fragen.

Halt! Ich habe ein Anzeichen menschlichen Lebens gefunden:

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Dann wieder das übliche:

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Ein unfertiger Artikel, weil das Thema so umfassend ist. Demnächst kommen noch ein paar Fotos des Teils der Siedlung, die Rossi gebaut hat.

Kontext:
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(Fotos: genova 2013)

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2 Antworten zu Architektur und Dogma 3 – Gallaratese: „Beklemmende Atmosphäre“

  1. Chris(o) schreibt:

    Rührend trostlos finde ich die Bemühungen der Bewohner, mit Pflanztöpfen doch noch ein Rest von Leben zu retten.

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  2. archipicture schreibt:

    und trotzdem ein faszinierender versuch…

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