Alvar Aaltos perfekte Perfektionslosigkeit

Der Architekt Alvar Aalto ist nicht umsonst bekannt und geachtet. Ein schönes Beispiel für seine ganz besonderen Qualitäten liefert sein Ferienhaus aus den frühen 1950er Jahren auf einer finnischen Insel (hier viele weitere Bilder):

Wir sehen hier ein auf den ersten Blick irritierendes, unfertiges Gebäude, das unserem perfektionsorientierten Auge einiges abverlangt. Das Haus besteht aus zum Teil geschlämmten Ziegelwänden und zum Teil aus unverputzten Ziegelmauern, die verschiedene Ornamente, Konstruktionen aufweisen. Aalto selbst bezeichnete das Haus als experimental house, er wollte mit free-form brick construction experimentieren. Dazu kommen Holzschalungen.

Interessant sind also erstens die Ziegelornamente, die wohl in experimenteller Absicht so gestaltet wurde, vielleicht um deren Lebensdauer zu testen. Dabei ist eine Ästhetik herausgekommen, die sich sehen lässt. Sicher hat Aalto beim Arrangement sich von ästhetischen Gesichtspunkten leiten lassen; die Verwandschaft zur abstrakten und konstruktiven Malerei ist deutlich. Er hat auch gebrauchte Ziegel aus Abbruchhäusern verwendet.

Zweitens die Komposition der Unregelmäßigkeit der Formen: Die entstehen nicht durch bloße Schwünge, durch Vermeidung der Geraden, sondern durch den Einsatz stumpfer und spitzer Winkel. Dadurch entsteht der angenehme Eindruck der Ernsthaftigkeit, der durch bloße Rundungen, die organische Architektur auszeichnet, schnell entsteht. Man vermeidet den Eindruck, fürs Gefallen von Dreijährigen zu bauen. Aalto gilt ja auch als organischer Architekt. In seinem experimental house sieht man nichts davon.

Interessant sind drittens die Irriationen: Das Dach ist zum Teil mit Ziegeln, zum Teil mit Teerpappe gedeckt, was die Erwartung von Homogenität stört. Generell haben die Ziegel unterschiedliche Qualitäten, chanchierende Farben, unterschiedliche Größen und gefugte Abstände. Der ganze Innenhof ist ein abstraktes Ziegelbild, das auch bei einem tausendmal geflickten Altbau entstehen kann.

Aalto legt keinen Wert auf optische Perfektion, beispielsweise auf aalglatte weiße Wände, die simpel aussehen, aber nur teuer und mit viel handwerklichem Können zu realisieren sind und nur selten in Würde altern.

Innen überrascht, wie man sagt, das Haus mit billig wirkenden Trennwänden, die die Fugen, die Setzung nicht kaschieren, ähnlich der ostdeutschen Platte. Alto verwendete viel Holz, aber nicht als künstlich bemühte Hochwertigkeit, sondern als authentischer, natürlicher Baustoff. Er verwendete vermutlich einfach das umstehende Holz, Kiefer oder Pinie oder ähnliches. Leitungen liegen ganz selbstverständlich auf Putz.

Der Grundriss ist ein typisches Produkt einer Epoche der Vergesellschaftung: Kleine Schlafräume und ein dominierendes Gemeinschaftszimmer.

Dieses Unfertige hat etwas Angenehmes und man könnte das Haus als Vorreiter einer Unfertigen-Bewegung sehen, die seit einigen Jahren interessante Sachen hervorbringt: Das Brandlhubersche Haus in der Brunnenstraße etwas oder die neue Bibliothek am Kottbusser Tor, um zwei Berliner Beispiele zu nennen. Sicher geht es hier auch darum, die Baukosten zu begrenzen, aber reizvoll ist dabei, dass diese Begrenzungsbemühungen zu einem Plus in der Architektur führen. Unvollkommene Lösungen sind dann vielleicht doch vollkommen oder es ist egal, ob sie vollkommen sind und es ist unklar, was Vollkommenheit ist. Es ist eine Authentizität, die das Gebäude und seine Philosophie schlicht sympathisch macht. Man kann in dem experimental house auch in der Jogginghose herumlungern, und dass das Leben wieder Spaß macht, wenn alles scheißegal ist, muss nicht zwangsläufig nach Delmenhorst führen.

Vielleicht ist Aalto mit diesem Haus der Zeit 50 Jahre voraus gewesen. Alleine der Hinterausgang mit den vier Stufen – zwei aus Granit, zwei aus Gras – lohnte eine Reise. Man könnte übrigens bei solch einem Haus noch am ehesten von Kunst sprechen. Altos andere Sachen sind keine Kunst, sondern sie gehorchen den Regeln der Auftraggeber und sind oft sehr gute Architektur. Das reicht ja auch. Ich weiß nicht, ob sich Aalto mit dem Thema Kunst überhaupt beschäftigt hat. Er wollte gegen die Monotonie der industriellen Welt bauen („that´s the great program of modern architecture!“) und das wäre schon mehr als die künstlerischen Bestrebungen von Architekten, die meist nur lächerliche Bestrebungen sind.

Die perfekte Perfektion begegnet einem bei moderner Architektur oft. Das Bauhaus ist hier Vorreiter, Corbusier natürlich auch, und es stellt sich die Frage, ob man mit diesem Phänomen nicht kritischer umgehen sollte. Perfekte Häuser sollen ja natürlich aussehen, ein selbstverständlicher Baukörper wie die Kataloghäuser aus der Kategorie „Bauhaus“ kommen vermeintlich einfach, natürlich, sperenzchenfrei daher, sie vermeiden alles, was Aufsehen erregen könnte. Natürlich erzeugt genau dieses Daherkommen Aufsehen.

Aaltos Projekt ist auch deshalb so angenehm, weil er mit Vokabeln und Anschauungen operierte, die heute weit weg scheinen. One of the great problems for an architect war für ihn

„to save the human beeing to make individualism to collectivism“

Gleichwohl mir das Englisch nicht korrekt scheint, ist die Zielrichtung klar. Heute ist so eine Aussage nicht mehr möglich und es zeigt einmal mehr die ganze und vollständige und umfassende Katastrophe unserer Zeit.

Das Unperfekte: Mir fällt eine Passage aus Ariadne von Schirachs Buch Du sollst nicht funktionieren ein: Sie beschreibt dort diese typischen aktuellen Frauen, die jeden Tag Stunden damit zubringen, so auszusehen, als würden sie für ihr Äußeres überhaupt nichts tun:

Sie sehen so reizend aus, so frisch und modern und irgendwie anständig, dass einem vor Bewunderung ganz angst und bange wird. Doch würde man sie darauf ansprechen, wüssten sie nur zu sagen: So bin ich eben. Und das ist nichts als eine miese kleine Lüge, die in aller Beiläufigkeit die ganze Arbeit verschleiert, die hinter dieser lässigen Perfektion steckt: die ausgedehnte Körperpflege, das strike Essregime,die unendliche Zeit,die aufgewendet wird, immer up to date zu sein.

Die Suche nach Authentizität, die ins Gegenteil mündet. Die einzig mögliche Vorstellung von Authentizität ist hier die Perfektion. Perfekte Frauen und perfekte Häuser: Beide kann man sich kurz und intensiv anschauen. Längeres Bewohnen ist zu vermeiden.

Auf nach Muuratsalo.

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