Kein guter Werkstein: Hans Kollhoff und der Antisemitismus

In Berlin trägt sich gerade ein Architekturstreit zu. Der ist interessant, weil sich hier Architektur und Literatur treffen. Dazu kommt ein bedeutsamer Name.

Beginnen wir mit der Literatur. Dem Architekten Hans Kohllhoff wird Antisemitismus vorgeworfen. Warum? Weil er in den Boden eines Platzes, den er im Jahr 2000 im Berliner Bezirk Charlottenburg baute, ein Zitat des Dichters Ezra Pound einließ. Das Zitat geht so:

Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.

Dazu muss man wissen, dass erstens usura „Wucher“ bedeutet und eine seinerzeit gängige antisemitische Umschreibung für das raffende Judenkapital war, und dass zweitens Pound sich offen zum Faschismus und Antisemitismus bekannte – und zwar bis kurz vor seinen Tod 1972.

Die Zeitschrift arch+ thematisiert das Zitat und die Platzarchitektur nun in ihrer aktuellen Ausgabe, die sich im Schwerpunkt mit „rechten Räumen“ in Europa beschäftigt.

Ist Kollhoff also ein Antisemit?

Wenn man ein Zitat von Pound verwendet, sollte man naturgemäß vorsichtig sein. Wenn man dann ausgerechnet ein Zitat mit dem Wuchererbegriff nimmt, dann hat man schon danebengegriffen. Kollhoff selbst behauptet, ein guter Kenner Pounds zu sein und erklärt im Tagesspiegel:

„Der Vorwurf des Antisemitismus angesichts des Zitats aus Pounds ,Cantos’ ist unsinnig und völlig inakzeptabel.“

In der Welt antwortet er auf den Antisemitismusvorwurf allen Ernstes:

Soll man sich wirklich auf diesen Quatsch einlassen? Ich spüre sehr genau, wenn ich einen Raum betrete, ob ich mich dort wohlfühle oder nicht. Darum geht es doch.

Im Interview mit dem Deutschlandfunk mimt Kollhoff das Opfer von „perfiden Absichten der arch+“ zu sein. Kollhoff als Opfer? Nun ja.

Ich finde keine ernstzunehmende Erklärung Kollhoffs, warum er augerechnet dieses Zitat im Boden verewigt hat. Ginge es nicht um Antisemitismus, wäre eine oberflächliche Kapitalismuskritik denkbar. Gute Architektur ist unter kapitalistischen Zwängen, also unter solchen der Renditeerzeugung, nicht zu realisieren. Seine, Kollhoffs, Architektur taugt demzufolge nichts, weil sie unter kapitalistischen Bedingungen entstanden ist. Man könnte das Zitat so lesen, aber: Kollhoff als Kapitalismuskritiker? Wäre mir neu. Sein Platz in Charlottenburg ist gesäumt von Rechtsanwaltskanzleien und hochpreisigen Wohnungen. Bauten von Kollhoff sind zwangsläufig Verstärker der Renditelogik, dafür sorgt schon sein Name.

Bei Kollhoff ist schon immer aufgefallen, dass er sich weiter aus dem Fenster lehnt, als er das tun sollte. Ohne seinen intellektuellen Überbau Fritz Neumeyer hat er vermutlich nicht allzu viel zu sagen. Insofern ist er unter Umständen einfach mit der Situation überfordert. Er scheint nicht so richtig begriffen zu haben, worum es geht, Stichwort „Wucher“. Halten wir ihm also zugute, dass er die Lage nicht wirklich überblickt. Dann ist er nur ein weiterer Epigone, was seine bislang realisierten Gebäude grötenteils auch nahelegen.

Womit wir bei der Architektur wären. Der Platz sieht so aus:

Die arch+ wirft Kollhoff neben dem Zitat auch vor, sich am Architekturstil des Haus- und Hofarchitekten Mussolinis, Marcello Piacentini, orientiert zu haben. Das ist vermutlich nicht ernsthaft von der Hand zu weisen und passt in den rechten Kontext. Allerdings sind solche Verdächtigungen immer ein wenig schal, weil jedes Gebäude und jede Architektur irgendwo angelehnt ist – Architektur entsteht nicht aus dem Nichts – und weil Piacentini nicht Speer war. Die Unterscheidung zwischen der barbarischen Naziarchitektur und der faschistischen – auch jenseits von Terragni – muss man immer ihm Hinterkopf behalten. Ein bisschen Piacentini sollte man nicht wegen Faschismusverdacht rundherum abelehnen. Ähnliche Diskussionen gab es schon um das Verkleidungsmaterial Travertin: Darf man das noch benutzen, obwohl Mussolini damit baute?

Kollhoffs Platzarchitektur in Charlottenburg ist klassizistisch, aber wer wollte Kollhoff vorwerfen, dass er konservativ und phantasielos baut? So baut er nun mal. Wer einen Kollhoff bestellt, bekommt einen Kollhoff.

Man hätte den Platz natürlich architektonisch angenehmer gestalten können, aber in Berlin hat er einen Reiz: Es ist immerhin ein Platz, den man als solchen wahrnimmt, ohne mehrere hundert Riesenbäume, eben mit ein wenig italienischer Atmosphäre. Es ist ein Platz mit klaren Begrenzungen, eine urbane Angelegenheit, und das ist in Berlin schon fast ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt in Berlin unzählige zugewucherte anti-urbane und anti-humane Plätze, dass man bei dem Kollhoffschen mit Kritik vorsichtig sein sollte. Ob er von den Menschen angenommen wird, weiß ich nicht, aber der Springbrunnen ist zumindest für Kinder attraktiv. Und die Kolonaden wirken einladend.

Es ist ein italienisch anmutender Platz in Berlin, mit all der typischen Indifferenz. Bei der Kritik eines italienisch anmutenden Platzes in Berlin sollten deutsche Kritiker vorsichtig sein.

Hochproblematisch wird der Streit allerdings durch den Namen, den dieser Charlottenburger Platz trägt: Walter-Benjamin-Platz. Benjamin war bekanntlich Jude und brachte sich auf der Flucht vor den Nazis um. Das in den Boden des Walter-Benjamins-Platzes eingelassene Pound-Zitat ist eine offene Verhöhnung eines jüdischen Naziopfers.

Weite Teile der Architekturkritik sind verwirrt. Niklas Maak fühlt sich in der FAZ unsinnigerweise an die Gomringer-Debatte erinnert, gibt aber zu,

dass Kollhoff hier eine zumindest hochmissverständliche Zitatwahl getroffen hat.

„Zumindest hochmissverständlich“ beinhaltet indirekt den Antisemitismusvorwurf.

Thomas Steinfeld schreibt in der Süddeutschen, dass man über Architektur weniger reden solle, sondern sie sich anschauen.

Komischerweise distanziert sich arch+ nun ein wenig von sich selbst. Man habe nicht behauptet, dass Kollhoff Antisemit sei. Warum eigentlich nicht? Hat man Angst vor juristischen Auseinandersetzungen, die vor deutschen Gerichten böse enden könnten, wie der Justizsstreit von Ditfurth gegen Elsässer vor ein paar Jahren zeigte?

Nebenbei: Das aktuelle arch+-Heft über rechte Räume schießt in einigen wenigen Teilen übers Ziel hinaus. So wird beispielsweise allen Gegnern der Genderschreibweise (*innen etc.) mehr oder weniger offen unterstellt, rechts, rechtsradikal und antisemitisch zu sein. Da wird es dann doch offen lächerlich und die arch+ täte gut daran, sich hier nicht von Dumpfbackenfeministinnen über den Tisch ziehen zu lassen.

Die Kritik an Hans Kollhoff jedoch ist schlüssig: Ein klar antisemitisches Zitat, gerahmt von Mussolini-Architektur, auf einem Platz mit dem Namen Benjamins: Da ist eine Korrektur nötig. Von Kollhoff kommt dagegen nur das, was Rechte gerne tun: sich als Opfer präsentieren. Da reiht er sich ein in die alten weißen Männer von Walser über Münkler bis hin zu selbstverliebten Bloggern wie Alphonso von der Welt. Es ist eine einzige narzisstische Lächerlichkeit.

Insofern stellt sich am Ende nur eine Frage: Was ist eigentlich so besonderes daran, dass ein rechter deutscher Architekt ein Antisemit ist?

Eben.

(Fotos: genova 2019)

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5 Antworten zu Kein guter Werkstein: Hans Kollhoff und der Antisemitismus

  1. dame.von.welt schreibt:

    Das in den Boden des Walter-Benjamins-Platzes eingelassene Pound-Zitat ist eine offene Verhöhnung eines jüdischen Naziopfers.

    Meines Wissens hieß der Platz zuerst und jahrelang ‚Leipnitz-Kollonaden‘ – Walter Benjamin wurde erst später zum Namensgeber erklärt, will sagen: das Pound-Zitat lag da schon rum, was es nicht besser macht. Mir ist dunkel erinnerlich, daß Benjamin als Kontrapunkt zu Kollhoff gut gefunden wurde, was ich für eine eigene Art des Antisemitismus halte.

    Welcher Artikel in der aktuellen arch+ erregte Ihre Furcht vor der Einflußnahme von „Dumpfbackenfeministinnen„? Und wie heiß muß es eigentlich noch werden, damit Sie den Wert und Nutzen von Bäumen in der Stadt bemerken?

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  2. Jakobiner schreibt:

    Vielleicht hätte es ein Marxzitat statt eines Poundzitats oder eine Stelle aus Marxens „Die Wohnungsfrage“auch getan. Das freilich war nie beabsichtigt.Viel der heutigen Kapitalismuskritik kreist um das Wort „Gier“, wie früher Wicher. Ist das dann auch strukturell antisemitisch?

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  3. neumondschein schreibt:

    Und wie heiß muß es eigentlich noch werden, damit Sie den Wert und Nutzen von Bäumen in der Stadt bemerken?

    Eritreische, irakische, libanesische, syrische Neubürger freuen sich bestimmt über so viel Sonne. Die sind das gewohnt. Für die Gartenzwerge wurden die Kolonaden errichtet. Außerdem werfen die in Relation zur Breite des Platzes hohen Gebäude Schatten. Und einen Springbrunnen gibt es auch noch.

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  4. genova68 schreibt:

    Liebe dame von welt,
    Und wie heiß muß es eigentlich noch werden

    So heiß wie in Italien, dann sehen wir weiter. Aber Sie müssen zugeben, dass es derzeit besorgniserregend kalt ist. Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist es in Italien sicher deshalb so gutes Wetter, weil die keine Bäume auf ihren Plätzen herumstehen haben.

    In der arch+ ist es der Artikel von Tina Hartmann, vermutlich nicht online, aber in der von Ihnen verlinkten Seite zu sehen. Der ist insgesamt sehr gut, Frau Hartmann hat auch kürzlich eine sehr informative Stadtbegehung mitgemacht, rechte Räume in Berlin, da habe ich einiges gelernt, wir waren auch auf dem Benjamin-Platz. Meine Kritik richtet sich auf die erste Seite in ihrem arch+-Artikel. Sie schließt von Leuten, die die Gendersprache ablehnen, umstandlos auf Rechte, Rechtsradikale und Antisemiten. Das halte ich in der Tat für dummes Zeug und auch ziemlich antiintellektuell.

    Ich zitiere aus dem Artikel:

    „Die männliche Form versinnblidlicht wie kein anderes Prinzip die fortbestehende Vorherrschaft des Patriarchats. Daher wird jede Teilhabe an dem Privilegium, sprachlich präsent zu sein, als Zerstörung wahrgenommen…“

    Das ist also Antigenderismus, wenn man lächerliche Schreib- und Sprachweisen ablehnt. Und dann kommt sie direkt auf

    „Vom Antigenderismus zum Antisemitismus“

    Mag sein, dass das auf manche ihrer Genannten zutrifft – Matussek, Nuhr, Schachtschneider, Tellkamp, Hallervorden, Strauß, Jünger, Stifter und mehr. Ich lehne diese Sprach- und Schreibweise auch ab, sehe mich aber falsch interpretiert. Hartmann klärt im Folgenden auf, aber der Einstieg ist eine einzige Peinlichkeit. Sie zeigt damit auch, dass sie von Sprache nicht allzuviel versteht, wie eben viele dieser komischen Feministinnen. Sprachunkenntnis ist markantes Merkmal vieler dieser neuen angeblichen Linken, Männer wie Frauen. Es ist der Ausfluss postmoderner Unübersichtlichkeit, da stürzen sich diese Nichtsahnenden auf das Binnen-I und das Sternchen wie verrückte Religiöse auf heilige Schriften.

    Hoffentlich versteht Hartmann wenigstens etwas von Sprache in Zusammenhang mit Literatur, sie ist ja immerhin Literaturprofessorin.

    Der Benjamin-Platz hieß früher Leibniz-Kolonnaden, stimmt. Ich habe das der Einfachheit halber weggelassen.

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  5. genova68 schreibt:

    Jàkobiner,
    ja, sicher, Marx wäre sinnvoll gewesen, aber Kollhoff weiß vermutlich selbst nicht, was er will. Er sieht sich jetzt als Opfer, zu mehr ist er nicht fähig.

    „Gier“ ist sicher nicht strukturell antisemitisch, auch wenn es sicher Leute gibt, die das behaupten. Gier wird allerdings gerne in Kontexten benutzt, wo es dann eben doch antisemitisch ist. Gier ist aber keine Kategorie, mit der man den Kapitalismus ernsthaft erklären kann. Insofern ein sinnloser Begriff.

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