Warum es nicht so schlimm ist, das eigene Kind aufzuessen

Ein Bild des Barockmalers Mattia Preti aus dem 17. Jahrhundert. La vendetta di Progne heißt es:

Wir sehen links Tereus, in der Mitte Philomena und rechts Progne. Der Junge im Vordergrund ist unerheblich, auf den Kopf ohne Körper komme ich gleich zu sprechen.

Die schöne (nimmt man an) Progne aus Athen wird mit Tereus aus Thrakien zwangsverheiratet. Sie muss zu ihm ziehen und die gebärt einen Sohn, Itys. Nach ein paar Jahren bekommt Progne Sehnsucht nach ihrer Schwester Philomena. Die soll sie in Thrakien besuchen. Tereus fährt also nach Athen, um sie abzuholen. Auf dem Rückweg wird er allerdings so geil, dass er die Schwester seiner Frau in einem Haus auf halbem Weg vergewaltigt.

Philomena will nun allen von der Schandtat erzählen, worauf Tereus auf die naheliegende Idee kommt, ihr die Zunge herauszuschneiden. Doch die sprachlose, aber schlaue Philomena webt kurz darauf ein Tuch mit einer Geheimschrift drauf, die nur sie und ihre Schwester lesen kann. Vermutlich haben die beiden diese Geheimschrift in ihrer Kindheit entwickelt, das machen Kinder ja gerne. Ein Diener bringt das Tuch zu Progne und die checkt sofort, was los ist: Ihr Mann ist eine ganz miese Type. Der wiederum checkt nichts. Progne schreitet sofort zur Tat: Sie befreit ihre Schwester aus dem Haus auf halbem Weg und denkt sich als Rache etwas ganz Besonderes aus: Sie kocht ihren Sohn Itys in einem großen Topf, nur den Kopf trennt sie vorher ab und legt ihn beiseite. Dann servieren die Schwestern das Mahl dem Vater und Gatten und Fremdgänger Tereus. Der checkt immer noch nichts und isst mit großem Appetit sein Kind auf.

Nun kommt die Szene des obigen Bildes: Die schöne Progne zeigt ihrem Mann thriumphierend den abgeschnittenen Kopf ihres gemeinsamen Kindes. Dem schwant jetzt, dass sich sein Familienleben suboptimal entwickelt hat. Er stößt zornig den Tisch um und versucht, seine Frau zu kriegen. Die entwischte ihm aber und verwandelt sich in eine Nachtigall, Philomena verwandelt sich in einen Spatz und der Ex-Vater Tereus in einen Wiedehopf.

Ob Tereus seine Mahlzeit ohne Therapie seelisch verdaute und ob der Wiedehopf noch über seine Vergangenheit als fieser Mensch nachdenkt, ist nicht bekannt. Er hat, auch das ist bemerkenswert, das Kind vollständig und mitsamt Innereien und Knochen verspeist.

Bemerkenswert sind die faden Gesichtsausdrücke auf dem Bild. Der Vater sieht nicht so geschockt aus, wie man es vermuten könnte, kurz nachdem man erfuhr, dass man seinen eigenen Sohn aufgegessen hat. Überhaupt bleibt sein Gesicht im Dunkeln. Die Mutter mustert auch eher milde. Der Frau in der Mitte sieht man allerdings an, dass sie keine Zunge mehr hat. Genau genommen sieht sie aus, als habe sie sie gerade verschluckt Sie scheint auch die einzige zu sein, die merkt, dass es in dieser Geschichte keine wirklichen Gewinner gibt.

Ein Plot jedenfalls, dessen brutaler Tiefgang wie umfassend perverse innere Logik auch von zeitgenössischen Horrorfilmautoren noch nicht wieder erreicht wurde. Stattdessen: Zombies und Kettensägenmassaker. Unsere kulturellen Vorbilder konnten es besser.

Von der Progne-Geschichte gibt es in der Kunst viele Abbildungen. Merkwürdig ist diese, veröffentlicht in Ovids Metamorphosen (vielleicht ist die Metamorphose vom Kind zum Abendessen gemeint):

Progne und Philomena servieren dem Schuft und Vater das Kind und den Kopf gleichzeitig, wobei das Kind mit Hand und Beinen klar als Mensch erkennbar ist. Demnach hat Tereus seinen Sohn in voller Kenntnis dessen verspeist, sogar nicht einmal richtig gekocht und zubereitet. Die Geschichte müsste also umgeschrieben werden. Und im Hintergrund wird schon das nächste Kind essfertig gemacht. Eine recht perverse Gesellschaft, die in der Metamorphosen-Ausgabe aus dem 17. Jahrhundert thematisiert wird. Vielleicht geht es hier im Grunde um die Vorteile von inzestuösem Kannibalismus.

Zu unserem Abendland gehört die griechische Klassik. Ich stelle mir gerade vor, wie die vielen Abendlandverteidiger in Chemnitz, Dresden und sonstwo diese Geschichte rezipieren würden, stünde sie im Koran. „Vorsicht: Muslime essen ihre eigenen Kinder auf und vielleicht auch unsere“, wäre ein prominentes Thema bei Pegida und Afd, vermute ich.

Man kann diese Geschichten deuten, wie man es gerade braucht. Die griechischen Mythen dienen uns in der Regel als Lehren, als Übertragungen, wo man bei Inzestkannibalen beide Augen zudrückt und die Betonung auf menschliche Leidenschaft, Eifersucht, Machtstreben und Verletzbarkeit legt. Man könnte es anders sehen. Alles eine Frage der Perspektive, oder: der eigenen Haltung.

(Foto: abfotografiert im Museum Palazzo dei Pio in Carpi, 2018 und wikipedia)

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12 Antworten zu Warum es nicht so schlimm ist, das eigene Kind aufzuessen

  1. hANNES wURST schreibt:

    So sind sie, die grausamen Mythen der Altvorderen. Ich habe von etwas Ähnlichem gehört: ein kleiner Junge, nennen wir ihn Hans, geht vollkommen alleine auf Reisen. Er hat einen Stock, einen Hut und ist bester Laune. Die Mutter jedoch realisiert: der kleine Hans ist weg, und muss stark weinen. Der Hans jedoch überlegt es sich noch einmal, und läuft noch Hause.

    Inzwischen (der Junge war fast zwei Tage unterwegs) ist die Mutter jedoch an Gram gestorben, und der Vater hat eine Neue geheiratet, die selber eine Tochter mit in die Ehe bringt. Die Neue sagt dem unvermutet zurückkehrenden Hans: nun stärke Dich einmal, oben steht eine Apfelkiste, nimm Dir den schönsten Apfel. Frohgemut steckt der Hans seinen Kopf in die Kiste und mit einem Knall schlägt die Neue den Deckel zu und trennt dem armen Hans den Kopf ab. Dann jedoch fällt ihr ein, dass der Vater wohl wissen möchte, was mit seinem Sohn geschehen ist. Also setzt sie den kleinen Leichnam auf einen Stuhl, den Kopf oben drauf, alles an die Wand gelehnt und ein Halstuch an damit man nicht sieht, das hier etwas nicht stimmt.

    Die Tochter kommt von der Schule und sagt, dass da ein kleiner Junge im Flur sitzt. „Ach, dann gib ihm doch einen schönen Apfel.“ sagt die Mutter. Sie kommt zurück: „Der Junge reagiert gar nicht.“ „Was?“ die Mutter, „dann gibt ihm eine Ohrfeige denn das ist unhöflich.“ Das Mädchen tut wie ihm geheißen und der Kopf der Kinderleiche fällt zu Boden. Das Mädchen ist erschrocken, die Mutter schimpft mit ihr: „Sieh, was Du angestellt hast, jetzt müssen wir den Jungen auskochen und an den Vater verfüttern, damit der nichts merkt.“

    Letztendlich wird der Junge unter dem Machandelboom begraben und es geht alles noch gut aus, aber die Verspeisung des eigenen Sohns war jedenfalls auch bei den Gebrüdern Grimm Thema.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Welche Geschichte der Brüder Grimm soll das denn gewesen sein? Noch nie gehört, bestenfalls, dass mal eine Großmutter vom Wolf verspeist wird oder der Hänsel in ihrem Knusperhäuschen von der Hexe gemästet wird in der Absicht, diesen zu schlachten und zu essen. Richtig und treffend: Was wäre wohl von rechter Seite los, wenn es in muslimischen Ländern solche Geschichten gegeben hätte.Aber Kannibalismus in Filmen–da fällt mir nur „Schweigen der Lämmer“/“Roter Drachen“/Hannibal Lektor ein, bestenfalls Peter Greenaways „Der Koch, der Dieb und seine Frau“ und vielleicht noch die Zombiefilme ein.Aber da geht es nie um Kinder oder gar Söhne. Die einzige Geschichte hierzudie mir bekannt ist, ist von Roald Dahl, wo ein Kannibalenehepärchen ein Schulmädchen aus dem Bus in ihr Haus lockt.Da scheinen die alten Griechen ja schon heftiger drauf gewesen zu sein, zumal dies dann auch noch mittels Bildern als humanistische Bildung gehypt wird.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Die alten Griechen–lauter Pädophile, schwule Knabenlieber und nun auch noch Kannibalen–wenn das nur einmal Oswald Spengler in seiner Kritik der humanistischen Bildung in seinem „Der Untergang des Abendlands“erwähnt hätte–aber das war wohl für die damalige Zeit nicht denkbar.Da werden einem die eugenischen Spartaner („300“) schon fast wieder sympathisch oder die Vestalinen der Römer, die über die Klippe gestürzt wurden.

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  4. genova68 schreibt:

    Vielen Dank für die schöne Geschichte, Hannes. Ich erinnere mich gut an sie, meine Stiefmutter las sie mir allabendlich vorm Schlafengehen vor. Sie zeigt auch ganz hegelianisch, dass Geschichte Fortschritt bedeutet. Während die alten Griechen ihre Kinder aufgegessen haben, kochen wir sie nur aus.

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  5. genova68 schreibt:

    Jakobiner,
    schwule Knabenliebhaber kochen die Knaben nicht aus und essen sie nicht auf. Eins zu null für sie.

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  6. hANNES wURST schreibt:

    „schwule Knabenliebhaber“ – ist das ein Pleonasmus oder ein Oxymoron?

    Die wiedererzählte Geschichte ist ein Mashup aus dem – hätten Sie es erkannt – (für alle Mütter) grausamen Volkslied „Hänschen klein“ und dem romantischen Volksmärchen „Von dem Machandelbaum“ https://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/von_dem_machandelbaum

    Kleine Kinder reagieren übrigens reagieren übrigens erstaunlich gelassen auf ein solches Märchen, oder jedenfalls war es bei meinen Kindern so. Während mir die Kinnlade ins Hemd rutschte verfolgten sie das Geschehen interessiert aber nicht besonders verwundert.

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  7. genova68 schreibt:

    Oder ist es eine Tautologie? Bezeichnet man Knabenliebhaber überhaupt als schwul?

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  8. hANNES wURST schreibt:

    Die Tautologie ist eher eine rhetorische Figur („ein dummer, einfältiger Nazi-Bub“) während der Pleonasmus eine ungewollte Verdoppelung ist, die auch den Sinn entstellen kann („ein rechter Nazi“). Aber Du sprichst die richtige Wahrheit, „schwuler Knabenliebhaber“ könnte tatsächlich auch eine Tautologie sein. „Knabenliebhaber“ ist ja in erster Linie ein Euphemismus für einen Pädophilen. Dass dieser Pädophile Knaben, und keine Mädchen, liebt, spielt keine Rolle. Homosexualität ist ein normale sexuelle Ausrichtung, wohingegen Pädophilie ein schwere sexuelle Störung ist, die – wenn ausgelebt – automatisch zu einer Straftat oder einem Verbrechen führt. Nun kann der Ausdruck „Knabenliebhaber“ durchaus einen Sinn haben, es handelt sich eben um einen homosexuellen Pädophilen. Es bleibt natürlich ein übler Euphemismus. Das Hervorheben der Homosexualität des Knabenliebhabers durch das unnötige, zusätzliche Attribut „schwul“ ist insofern sinnentstellend, als dass damit die Homosexualität im Gesamtausdruck ungebührlich hervorgehoben wird, was wahrscheinlich geschieht, um Homosexualität und Pädophilie in eine Nähe oder sogar Übereinstimmung zu bringen. Ich glaube daher doch, dass es sich um einen Pleonasmus handelt bzw. dass der Ausdruck so benutzt wird. Ein Oxymoron ist es deshalb nicht, weil der „schwule Knabenliebhaber“ ja selber ein Knabe sein könnte, es also vielleicht um Sexualität unter Kindern geht. Ich weiß aber nicht, ob der begriff „schwul“ überhaupt auf Kinder anwendbar ist und tendiere eher dazu, schwule Männer als Männer die Männer lieben zu definieren. Dann könnte es doch ein Oxymoron sein.

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  9. genova68 schreibt:

    Vielen Dank für deine REcherche. Dein Kommentar liest sich wie das abstract für dein geplantes neues wissenschaftliches Werk, Arbeitstitel „Schwul, schwuchtel schwanzgesteuert – Tautologien im Leben des homosexuellen Knabenfreundes“. Ich leite es gerne an einen VErlag meines Vertrauens weiter.

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  10. genova68 schreibt:

    Man sollte schwul und lesbisch nicht vom Alter abhängig machen. Wenn sich zwei Elfjährige lieben, dann sollten die auch schon schwul sein, heterosexuell ist ja auch ncihgt an ein Alter gebunden. Aber am besten einigen wir uns darauf, dass alle diese Einteilungen Lüge sind, denn in wahrheit sind wir alle bi, am bisten sind die, die ihr Bisein leugnen. Das sind die schlimmsten. Bisein wie auch Tiersex müssen dringend enttabuisiert werden. Es sollte das große Thema der kommenden Legislaturperiode (21 bis 24) werden.

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  11. neumondschein schreibt:

    Kleine Kinder reagieren übrigens reagieren übrigens erstaunlich gelassen auf ein solches Märchen, oder jedenfalls war es bei meinen Kindern so. Während mir die Kinnlade ins Hemd rutschte verfolgten sie das Geschehen interessiert aber nicht besonders verwundert.

    Ist doch klar. Im Märchen ist doch wirklich alles halb so schlimm. Wenn man den Sarg etwas robuster auf den Boden stellt, dann kehrt der Tote darin ins Leben zurück. So geschildert im Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen.

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  12. genova68 schreibt:

    Wenn nun auch das Kind aus dem Bild oben zurückkommt, dann habe den Glauben ans Abendland wiedergefunden.

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