Über einen Standpunkt im Neapel Deutschlands

Man stelle sich in einem urbanen Gefüge an einen Punkt und knipse in verschiedene Richtungen. In Berlin kommt das hier dabei heraus:

1. Mehrere Kräne, die sich nie drehen, wenn man hinguckt, eine leidlich attraktiv renovierte Platte, eine Straßenbaustelle, die aller Erfahrung nach noch viele, viele Jahre existieren wird, Hilfsampeln, gestützte Neustraßenbäume und anderes, völlig unmotiviert platziertes Grün, der Fernsehturm und vor allem viel Platz. Eine suburbane Landschaft, die städtische Merkmale hat – breite Straße, hohes Haus – die man aber nicht als städtisch bezeichnen würde.

2. Eine ehemalige Tankstelle, bei deren Anblick man nicht weiß, ob es auf- oder abwärts geht: Wird sie gerade erneuert und erweitert und erhöht demnächst ihren Umsatz oder ist alles zusammengebrochen? Immerhin: Die vielen weißen Säcke suggerieren, dass hier etwas passiert. Es kann sich nur noch um Dekaden handeln. Vermutlich handelt es sich hier aber um eine Kunstinstallation eines temporär in Berlin lebenden Jungkünstlers aus Italien oder Spanien.

3. Ein nacktes Haus und somit eine quasi pornographische Ansicht. Ich hoffe, der WordPressjugendschutzfilter ist aktiviert. Das Berliner Haus zeigt seine Verletzbarkeit, seine Wunden, seine Blöße. Vermutlich kommt gleich ein Streetartkünstler, wie man sagt, daher und hinterlässt auf der Glaswolle ein tag.

4.Und dann noch sowas: Eine alte DDR-Kaufhalle, abgekürzt HO, und nun ist das ein project space. So geht Geschichte. Davor immer noch die Straßenbaustelle und die rot-weißen Absperrgitter aus Plastik.

Man will all  das nicht missen. Weder die misslungenen Straßenbäume, die jedes Gefühl von Urbanität im Ansatz ersticken, noch die spießigen Platten, noch die Kräne, noch die Leere, noch die Pornohäuser, noch die project places, noch den schon im August dunkelgrauen, bleiernen Himmel und schon gar nicht die Dauerbaustellen, auf denen niemand arbeitet. All das ist Ausdruck einer verwaltungstechinisch kaputten und politisch weithin unfähigen und in mehr oder weniger großen Teilen vermutlich korrupten Stadt. Aber alle reden gern drüber.

Berlin ist gewissermaßen das Neapel Deutschlands, abzüglich Meer und Schönheit und Esskultur und Sonne. Berlin ist eine Stadt für runde sechs Monate im Jahr so wie Deutschland ein Land ist für runde sechs Monate im Jahr. Danach muss man für eine Weile raus, sonst erstickt man wie der Fisch am Strand.

Danach geht es wieder.

(Fotos: genova 2018)

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2 Antworten zu Über einen Standpunkt im Neapel Deutschlands

  1. stadtauge schreibt:

    Zutreffende Bilder und Beschreibungen. Ich war gerade raus aus Berlin, kam zurück, spürte die abgestandene Sommerwärme in der Stadt, und ertrage den täglichen Weg durch die Holzmarktstraße wieder, ertappe mich sogar (noch), dass er in manchen Momenten etwas Inspirierendes ausstrahlt. Trotzdem bleibt in mir der Wunsch lebendig, bald mal wieder ins richtige Neapel zu fahren…

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  2. genova68 schreibt:

    Ich denke, du mit deinem Blick findest in der Holzmarktstraße (schon wieder richtig getippt) viel Inspirierendes.

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