Der Architekturphilosoph und die Schönheit

„In den Kunstwissenschaften und Architekturtheorien verfestigt sich der Gedanke, Schönheit sei rein subjektiv. Aber das ist falsch.“

Das behauptet der Architekturphilosoph Christian Illies im Spiegel. Eine steile These, die er im Folgenden nicht erhärten kann. Der Gedanke verfestigt sich in der Architekturtheorie tatsächlich seit längerem und dazu möchte ich ihr gratulieren.

Es geht in dem Interview um Einfamilienhäuser, wo in der Tat gerade in Deutschland vieles im Argen liegt. Aber das lenkt vom Thema ab. Wenn Illies Schönheit objektiv verortet, dann man er erstens den Fehler, den unzählige Generationen vor ihm gemacht haben: Er selbst behauptet unausgesprochen, dass er im Besitz dieser objektiven Definition von Schönheit sei. Das ist überheblich und dumm zugleich. Und zweitens erkennt er nicht, dass er lediglich einen zeitgenössisch und klassistisch begrenzten Schönheitsbegriff verabsolutiert.

Die alten Griechen behaupteten diesen Schönheitsbegriff, der römische Vitruv tat das, die frühneuzeitlichen Architekturtheoretiker wie Alberti und Palladio waren so gestrickt und die Modernen wie Le Corbusier und Gropius tappten in die gleiche Falle. Es waren gewissermaßen alles in einem bestimmten Sinn beschränkte Männer. Hier reiht sich der brave Herr Illies ein.

Er behauptet in dem Interview immer wieder vermeintliche Tatsachen, die aber nur einem banalisierten Mehrheitsdenken entsprechen:

„Es gibt einen Konsens, dass manche Bauwerke einfach banal, zu technisch oder hässlich sind.“

Nö. Es gibt Mehrheitsmeinungen, es gibt vorherrschende Geschmäcker, aber das ist alles höchstens soziologisch interessant. Es gibt die vor 80 Jahren als hässlich verteufelte Mietskaserne mit ihren ornamentalen Applikationen, die heute unter Denkmalschutz steht und Höchstpreise erzielt. Es gibt seit Ewigkeiten Debatten über Farbigkeit. Da konnte es einmal nicht bunt genug sein, dann kam das vornehme Weiß als die schönste Farbe oder Nicht-Farbe schlechthin auf, aktuell geht es eher ins Schwarze. Bevor Untersuchungen belegten, dass viele klassisch-griechische Bauwerke im Original bunt waren, billigte man ihnen das Monochrome als allgemeingültiges Geschmacksurteil zu: Die Griechen, die wussten, was schön ist.

Es gibt eine objektive Schönheit so wenig wie es einen objektiven Gott gibt. Illies begibt sich gewissermaßen auf den intellektuellen Standard des Mittelalters, der solches noch behauptete. Illies erklärt sich streng genommen selbst zu einem Gott, nämlich zu dem der Schönheit, denn wenn er meint, dass es objektive Schönheit gebe, dann wähnt er sich offenbar im Besitz dieser Definition, dieses Wissens, dieser Wahrheit.

Man schaue sich nur einmal die verschiedenen Designs in Einrichtungshäusern an: streng sachlich, verspielt, grau, bunt, plüschig, karg und so weiter. Herr Illies stelle ich mir als denjenigen vor, der diese Warenwelt durchschreitet und seinen Daumen abewechselnd nach oben und nach unten streckt. Als objektives, göttliches Urteil, versteht sich.

Dann wird es vollends banal. Auf die Frage des Spiegel

„Aber kann nicht auch in der Wiederholung eine Schönheit liegen?“

antwortet Illies:

„Das glauben Sie nicht ernsthaft, oder? Dass eine monotone Reihenhaussiedlung mit zweihundert Metern stets gleicher horizontaler Fenster noch irgendeinen ästhetischen Reiz hat?“

Jetzt darf der Opponent plötzlich etwas nicht glauben, denn Illies weiß die Wahrheit. Natürlich kann man Wiederholung, Serialität als schön empfinden, als Stichwort könnte schon Mies van der Rohe reichen. Es ist müßig, darauf näher einzugehen, weil es selbstverständlich ist – gerade nach 100 Jahren moderner Architektur.

Und hier sind wir beim Kern, der eigentlich seit längerem, spätestens seit der Infragestellung des Absolutheitsanspruchs der Moderne, bekannt ist: Der Schönheitsbegriff ist erstens ein klassen- und zweitens ein zeitspezifischer. Das ist eine solch selbstverständliche Feststellung, dass ich mich frage, wie dieser Illies einen Lehrstuhl ergattern konnte. Er ist übrigens der Bruder des Generation-Golf-Illies. Vielleicht halfen Kontakte.

Man kann sich natürlich über einen falschen Schönheitsbegriff bestimmter Klassen auslassen, also aufgesetzte Ornamentik, die nicht dem Objekt selbst entspringt, als falsch betrachten, man kann eine Einheit von Funktion und Stil propagieren, man kann andererseits den decorated shed, den rein applizierten Schuppen wiederum als bewusst ironisch und damit auch schön ansehen – was auch immer: All das ist nicht objektiv, sondern es wird bestenfalls versucht, mittels rationaler Argumentation dem Schönheitsbegriff einen gewissen rationalen Unterbau zu geben, ohne das ganze Konstrukt als zeitlos objektiv, gar als anthroposophisch verankert zu betrachten.

Dieser objektivierte Schönheitsbegriff kann auch als autokratische Herrschaftsbegründung oder -stabilisierung dienen. Wenn ich über ihn verfüge, kann ich jedem, der nicht ins Schema passt, des fehlenden „Geschmacks“, der stilistischen Unsicherheit und weiter gefasst des kulturellen Defizits bezichtigen. Ohne diese Werte kommt man in unserer visuellen Image-Gesellschaft nicht weit. Diese Bezichtigung wird dann eben nicht klassenspezifisch, also soziologisch begründet, sondern als quasi ontologische Entität formuliert. Und wenn das ein Professor tut, dann wird das schon so sein.

Peinlich wird es für Illies, wenn ihm Leon Krier zu Hilfe springt. Der sagte kürzlich, anlässlich einer Frankfurter Tagung zu Rekonstruktionen:

„Es gibt objektive Kriterien für Schönheit, über alle Klassen hinweg. Jeder weiß, was schön ist.“

Leon Krier ist ein konservativer Architekt, der für Prinz Charles das Dörfchen Poundbury baute, in dem man sich um 500 Jahre zurückversetzt fühlt.

Krier ist offenbar ein typischer Rechter: Er ist ein Waschlappen. Auf dser Tagung behauptete er laut taz, seine Gegner seien

„kriminell und totalitär“, wollten ihn verfolgen und nach Sibirien schicken. Das sei fast so schlimm wie eine Vergewaltigung und rufe nach einem neuen #MeToo.

Und dann, weiter in der taz:

Krier zeigt eine Karikatur, in der eine Tempelsäule am Galgen hängt. Darunter steht: Nürnberger Architektur-Prozesse. Bald breche ein Krieg aus, murmelt Krier.

Nun will ich dieses bräunliche Geplapper nicht dem Herrn Illies anhängen. Doch seine Haltung, seinen subjektiven Geschmacksnerven objektive Gültigkeit zuzuschreiben, führt schnell ins Totalitäre.

Skurril wird es am Ende des Spiegel-Interviews:

„Nicht alles, was jemand schön findet, ist schön.“

Genau. Und nicht jeder, der sich Architekturphilosoph nennt, ist ein Architekturphilosoph.

Dieses Auto ist schön. Oder doch nicht? Fragen wir besser den Daumen von Herrn Illies.

(Foto: genova 2018)

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5 Antworten zu Der Architekturphilosoph und die Schönheit

  1. genova68 schreibt:

    Der Begriff der Schönheit an sich ist vermutlich sinnlos und nur rein subjektiv zu gebrauchen. LeCorbusier schrieb 1926 in einem Werbeprospekt für seine eigenen Siedlungshäuser in Pessac bei Bordeaux:
    „Die Erfahrung lehrt: das Auge gewöhnt sich sehr schnell an diese einfachen und reinen Formen, und schließlich entdeckt man, dass ihre Schönheit größer ist als die Schönheit von Schnitzwerk und von Verzierungen… Sind es nicht gerade die einfachsten Möbel, die Schiffe, die Autos usw, sind es nicht gerade die einfachsten Gegenstände, die am meisten wirklichen Pfiff haben, am meisten Rasse, am meisten Haltung, mit einem Wort: am meisten Schönheit?“
    Schönheit ist demzufolge also abhängig von Pfiff, Rasse, Haltung. Letzteres wäre ein ethisches Argument im Ästhetischen, das kommt uns vertraut vor. Pfiff und Rasse müsste man erstmal definieren. Einfachheit an sich ist jedenfalls rein zeitbedingt. Die Moderne hat das für wichtig befunden, das Autodesign der letzten zehn Jahre geht in die gegensätzliche Richtung. Vermutlich ist Einfachheit Zeichen einer egalitäreren, gerechteren Gesellschaft, denn in der hat man weniger das Bedürfnis, sich durch Oberflächlichkeiten abzuheben.

    Bemerkenswerterweise fand Pessac bei kaum jemandem Anklang. Arnulf Lüchinger schreibt: „Sein Werk war so elitär, dass sich in Pessac kaum jemand mit seinen Häusern identifizieren konnte.“

    An die Schönheit mussten sich die Menschen offenbar erst gewöhnen.

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  2. besucher schreibt:

    ich persönlich kann dazu sagen dass mir einfache Formen die aber eine gewisse Raffinesse ausstrahlen sehr gut gefallen. Wenn etwas barockisiert und zugekleistert wird verursacht das bei mir Beklemmungen. Das geht mir aber auch nicht nur in der Architektur so sondern auch in der Mode und bei der Ästhetik von totgebotoxten und zugekleisterten Frauengesichtern.

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  3. genova68 schreibt:

    Da sind wir vermutlich ähnlich sozialisiert :-)

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  4. Jakobiner schreibt:

    „Er ist übrigens der Bruder des Generation-Golf-Illies. Vielleicht halfen Kontakte.“

    Generation-Golf-Illies wird gerade neuer Chef des Rowohltverlages. Drängt da in Architektur, Verlagswesen und Intellektuellen die späte Gnade der Golfgeburt auf allen Ebenenen nach?

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  5. Jakobiner schreibt:

    Herausgeber der ZEIT war der Spätgeburtsgnade-IFlorian Illies auch noch:
    Bestsellerautor Florian Illies wird Rowohlt-Verleger
    Der Autor von „Generation Golf“ und Herausgeber der „Zeit“ übernimmt zum neuen Jahr die verlegerische Geschäftsführung des traditionsreichen Buchverlags.

    http://www.spiegel.de/kultur/literatur/florian-illies-generation-golf-autor-wird-rowohlt-verleger-a-1225463.html

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