Die deutsche Linke und die Ablehnung von Stadt

Die neue Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher hat die schwierige Aufgabe, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Bisher hat man noch kein überzeugendes Konzept vernommen, aber da sind wir mal ganz unvoreingenommen und hoffen, dass das, was da Weile hat, ein gut Ding ist. Interessant jedoch ist eine andere aktuelle Baustelle: Die seit mehr als 20 Jahren geplanten neuen Hochhäuser am Alexanderplatz.

Direkt nach der Wende als Masterplan von Hans Kollhoff angedacht und dann mangels Nachfrage auf Eis gelegt, wird nun seit einer Weile an einer Aktualisierung gebastelt. Aktuell steht dort nur ein Gebäude in den Startlöchern. Dort sollen Wohnungen jenseits der 10.000 Euro pro Quadratmeter verkauft werden. Im Klartext: Dort wird niemand wohnen, es geht um Spekulationsobjekte.

Lompscher und andere in der Berliner Linkspartei argumentieren nun fast ganz richtig:

„Hochhäuser, die nur als Drittwohnung und Hotel genutzt werden, braucht kein Mensch“,

sagte kürzlich etwa die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg laut der Berliner Morgenpost (die ich leider verlegt habe und deshalb keine präzise Quelle angeben kann).

Typisch für einen relevanten Teil der deutschen Linken ist allerdings ein anderer Aspekt dieser Argumentation: Lompscher meint, die geplanten Hochhäuser sollten die Höhe des dort schon stehenden einzigen Hochhauses (das Hotel „Park Inn“) nicht überschreiten, „um die Wirkung des Fernsehturms nicht einzuschränken“.

Peng. Der Fernsehturm hat eine Höhe von 368 Metern und die Wahrscheinlichkeit, dass eines der geplanten Hochhäuser auch nur annähernd in diese Region vorschießt, geht gegen Null. Das Hotel ist 150 Meter hoch. Ein Gebäude von meinetwegen 200 oder 250 Metern ist unwahrscheinlich, wäre aber rein optisch interessant und würde schlichtweg neue Perspektiven bieten. Man würde eben in Berlin nicht nur den Fernsehturm, sondern ein weiteres hohes Gebäude sehen. Das ist diesen merkwürdigen Traditionslinken aber nicht geheuer. Es soll bitte alles so bleiben, wie es ist.

Müßig zu erwähnen, dass solche Leute seinerzeit gegen den Bau des Fernsehturms gewettert hätten. Der verstellt ja auch den Blick auf anderes. Wahrscheinlich kommt da noch eine DDR-Nostalgie hinzu: Der Fernsehturm ist gut, weil ostdeutsch.

Die Grünen, die ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis zum Konservieren haben, stoßen ins gleiche Horn, wie man sagt, wie die Linken. Deren Fraktionschefin im Berliner Landtag, Antje Kapek, sagt:

„Es ist nötig und sinnvoll sich zu überlegen, wie die Stadtsilhouette aussehen soll.“

Nö, ist es nicht. Schon gar nicht, wenn die Überlegungen Leute wie Frau Kapek anstellen. Da wird nichts Gutes rauskommen. Die einzig interessante Großstadtsilhouette in Deutschland hat Frankfurt am Main, und da wird im Wesentlichen drauflosgebaut. Interessante Silhouetten gibt es da, wo nach oben nicht begrenzt wird. In Berlin und überall sonst hat man keine Silhouette, sondern einen optischen Brei. Ein banales Dächermeer, ein Verfließen am Horizont, ein Nichts. Grüne und andere merkwürdige Leute wollen die Stadt vermutlich verschwinden lassen, zumindest optisch. Jedes sichtbare Haus ist eine Zumutung. Daher kommt auch das Begehren dieser Klientel, jede Sichtbetonwand zu begrünen. Eine kulturelle Katastrophe unterm Mantel der Ökologie.

Es erinnert an die Gespensterdebatte vor ein paar Jahren in Köln, als man auf den Bau von Hochhäusern auf der rechten(!) Rheinseite verzichtete, weil dadurch der Blick auf den tollen Dom versperrt worden wäre, wenn man von Bergisch Gladbach anreist.

Solche Debatten sind vermutlich nur in Deutschland möglich. Statt einfach ein paar Wolkenkratzer hinzuklotzen und gespannt auf die neuen Perspektiven zu sein, wird problematisiert. Dahinter steckt vermutlich die urdeutsche Ablehnung von Stadt. Ein jeder auf seiner Scholle und der Nachbar möge bitte mehrere hundert Meter entfernt wohnen. Eine perfekte Infrastruktur in der Nähe muss aber auch drin sein. Schon Tucholsky hat dieses Phänomen beschrieben.

Der britische Autor des interessanten Buches „Militant Modernism“ meint, ein „großes Problem der Linken“ sei

„die Fetischisierung der Vergangenheit. Wir werden besonders sentimental, wenn es um die präindustrialisierte Gesellschaft des 19. Jahrhunderts geht. Es ist wichtig, sich dieser Geschichte und ihrer historischen Niederlagen zu erinnern und damit auch ihrer spezifischen Ästhetik wie die von bärtigen Gewerkschaftsfunktionären.“

Das war schon ein Problem von Robert Owen: Bekämpfung der Industrialisierung via Flucht in die Vergangenheit.

Ob am Alex Hochhäuser entstehen, sollte man ökonomisch und sozial prüfen. Wenn ein weiteres Hochhaushotel gebraucht wird, warum sollte man es nicht bauen? Da irrt Frau Glennburg. Und wenn jemand Büros auf 100 Etagen vermietet bekommt, dann sollten wir uns alle über einen neuen schicken Wolkenkratzer freuen und auf dem Dach ein Café für alle einrichten. Zu viele Wolkenkratzer gibt es nicht. Vielen macht der Wolkenkratzer Angst, man entfernt sich da zu weit von der Muttererde, vermute ich. Vom blut- und bodenaffinen Deutschen ist der bodenaffine übriggeblieben.

Unvergessen auch das Debakel um die neue Mercedes-Zentrale in Friedrichshain an der Spree. Mercedes wollte dort vor ein paar Jahren ein gut 100 Meter hohes Gebäude errichten. Sogenannten Linken und anderen Bedenkenträgern war das zu hoch. Der lustige Kompromiss war: Mercedes schnitt das Gebäude horizontal in der Mitte durch und baute ein Gebäude mit gut 50 Metern Höhe und weiter noch flachere. Es ist nun zwei- oder dreimal so viel Fläche versiegelt worden und schlichtweg weniger Platz für anderes da. Und dem 50-Meterhaus sieht man auf den ersten Blick an, dass die Proportionen nicht stimmen. Es wäre gerne größer.

Dieses lächerliche Haus ist das absurde Ergebnis einer kleingeistigen Debatte. Statt einfach so hoch zu bauen, wie es der Bedarf vorgibt, tut man so, als müsse man den Himmel schützen. Babel wörtlich genommen Die deutsche Ideologie.

Man müsste sich diesbezüglich einmal um die architektonischen Kontextdebatten kümmern. Die Forderung, dass das Neue sich in das Alte einfügen müsse. Jahrtausendelang hat das niemanden gekümmert. Heute schiebt man die Kontextualisierung gerne vor, weil man dann meint, die Geschichte gut zu behandeln. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nachvollziehbar wäre, um auf Berlin zurückzukommen, eine Debatte, ob man einen Konzern wie Mercedes überhaupt haben will. Darum ging es aber nicht.

Insofern: Am Alex Wolkenkratzer zu bauen, ist generell eine gute Idee. Vielleicht mit Terassenwohnungen unten und Büros oben, vielleicht 100, 200 oder 300 Meter hoch, was auch immer. Diskutieren müsste man ökologische Baustandards, die Nutzung, also preisgünstige Wohnungen, die Mobilitität via ÖPNV und mehr.

Aber bitte nicht die Wirkung des Fernsehturms.

Vorbehaltlose Zustimmung zu den Wolkenkratzerplänen kommt von CDU und FDP.

Als progressiver Linker hat man es nicht leicht.

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10 Antworten zu Die deutsche Linke und die Ablehnung von Stadt

  1. Elmar Benninghaus schreibt:

    Naja, die Arbeit an den vernünftigen Hochhäusern nach Bedarf ist ja noch in Gange. Überhaupt, entsteht die Zukunft, und auch diesbezüglich, hier auf’m Land und nich bei euch inner Betonwüste mit Restgrün. Von Kleingeist, kann überhaupt keine Rede sein. Hier wird übers Innenleben von Gebäuden gesprochen, da kommt eurer mickriger Fernsehturm gerade mal an die low-mark-mark ran. Bei einer Gegendemo frug ich übrigens mal den hiesigen OB nach eventuellen Sicherheiten und Nutzen für’s Städtle, da es diesbezüglich eigentlich gar nichts gab. Er meinte; „er glaubt daran“. Ja, als progressiver Linker hat man es fürwahr nicht leicht, und so manch Bedenkenträger wird da schnell mal rückwärtsgewandt genannt. (Ironie aus)

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  2. neumondschein schreibt:

    Alvar Aalto aus dem letzten Aufsatz hat offenbar auch ein gestörtes Verhältnis zur Stadt. Deshalb errichtet er sein Häusl mitten im Wald im Sumpf, wo man nur mit dem Hubschrauber hin kommt. Sein liebes Weib darf damit einkaufen fliegen! Total unpraktisch!

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  3. Jakobiner schreibt:

    Ist es denn wirklich reaktionär, wenn man versucht, nur so wenige Hochhäuser zu bauen wie nötig? Ich war viele Jahre in den Megametropolen Asiens unterwegs und kanjn an diesen Städten nichts Anziehendes finden.Das ist dann eben ein Hochhausbrei, alles zu betoniert ohne Grünflächen, Smog und fürcvhterlicher Enge. Ich habe es immer wiede4r genossen in die mehr kleinstädtischen deutsche und europüäischen Städte zurückzukommen, die sich doch ihren Dorfcharakter großteils erhalten haben, wobei ich mehr Hochhäuser auch nicht schlimm fände, denn Frankfurt gefällt mir shilluoutenmäßig mit seinen Bankentürmen besser als das flache Millionendorf München.

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  4. genova68 schreibt:

    Jakobiner,
    mit Asien haben die Planungen für den Alex nichts zu tun. Es geht eher um die Vorurteilsfreiheit. Und Hochhäuser können eher für Grünflächen sorgen als niedrigere, weil man den Platz nach oben nutzt statt in der Fläche. Außerdem ging es in dem Artikel eher um diese merkwürdige Haltung, dass man Perspektiven nicht verstellen dürfe.

    neumondschein,
    Aalto errichtete ein Wochenendhaus auf einer Insel. Praktisch oder unpraktisch: egal.

    Elmar,
    ich gratuliere zur eurem Turm.

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  5. Linker, der es noch sein will schreibt:

    Antilinker Text für prokapitalistische Hochhaus-Perversionen.
    FFM ist die mit Abstand hässlichste Stadt der BRD.
    Es war kein Zufall, dass Fassbinders brillanter „Müll“ gerade hier spielte (eine finanzstarke Lobby verhinderte eine Zeit lang die Aufführung).
    Das plötzliche Herunterfahren der New Yorker Zwillingstürme durch Bin Laden Airways konnte unter ästhetischen Gesichtspunkten nur begrüßt werden.
    Berlin sollte gar nicht erst hochziehen, was den berechtigten Unmut dieser oder jener Hochhauskritiker auf sich ziehen könnte.
    Lieber eine gesunde Traufhöhe als ungesunde Flugzeugmagneten.

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  6. Jakobiner schreibt:

    „Das plötzliche Herunterfahren der New Yorker Zwillingstürme durch Bin Laden Airways konnte unter ästhetischen Gesichtspunkten nur begrüßt werden.“

    Das ist ja an Zynismus und Menschenverachtung nicht zu übertreffen. Klingt wie das Pol Potsche „Zurück zur Natur“ala Rousseau, das am liebsten die Großstädte entvölkern und die Menschen in landwirtschaftliche Volkskommunen umsiedeln möchte.

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  7. neumondschein schreibt:

    +++ troll detected +++

    (Die billige Variante: einfach etwas zusammenruehren, von dem man von vornherein weiss, dass es Bürgerkrieg auslöst: Holocaust, Juden, Pol Pot,…)

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  8. neumondschein schreibt:

    Es geht eher um die Vorurteilsfreiheit. Und Hochhäuser können eher für Grünflächen sorgen als niedrigere, weil man den Platz nach oben nutzt statt in der Fläche.

    Die Erfahrung belegt das Gegenteil. In NewYorker Strassenschluchten ist es viel zu dunkel, zu stickig und zu viele Autoabgase in der Luft, als dass Blumen, Bäume u.dergl. zur Geltung kommen könnten. Auch Tokyo nutzt die Hochhaustechnologie nur dazu, die Einwohnerdichte zu maximieren. Das ist schon abseits Grosser Beben, wie sie dort sich gelegentlich ereignen, nicht besonders menschenfreundlich. Auf der anderen Seite ist jede Eigenheimbutze von einem kleinen Garten umgeben.

    Hinsichtlich Umweltschutz sieht die Sache natürlich anders aus. Wenn alle Menschen auf einem Fleck leben, brauchen nicht so viele Menschen Auto fahren, und die Landschaft wird nicht zersiedelt.

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  9. neumondschein schreibt:

    Außerdem ging es in dem Artikel eher um diese merkwürdige Haltung, dass man Perspektiven nicht verstellen dürfe.

    Ich finde den Berliner Fernsehturm schöner als die Reklame grotzkotziger Angeberautos. Für angenehme Lautstärke im Stadtbild zu sorgen, finde ich nicht verkehrt.

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  10. genova68 schreibt:

    Berlin ist sicher nicht auf dem Weg von New York. Es geht um ein paar Wolkenkratzer am Alex und in dem östlich anschließenden Gebiet, das bislang viel zu leer ist. Verdichtung ist dort sinnvoll, und ob mit oder ohne Wolkenkratzer sollte man unideologisch entscheiden und vor allem ohne die Frage, ob der Fernsehturm dadurch verstellt werden könnte.

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