Sicher ist sicher ist sicher

Jedes zweite Kind in Großbritannien darf nicht ohne Aufsicht auf Bäume klettern. Jedes dritte Kind darf ohne Aufsicht nicht auf der Straße vor dem Haus spielen. Nur ein Viertel aller Sieben- bis Elfjährigen durfte 1991 in Deutschland auf der Straße Fahrrad fahren. 1971 waren es noch zwei Drittel.

schreibt Maren Keller im Kulturspiegel (4/2013, S. 23). 2013 sind es vermutlich noch weniger, wohlgemerkt: jetzt mit Fahrradhelm. Je ungefährlicher das Leben objektiv wird, desto größer die Angst davor. Kinder ohne Helme sind mittlerweile vermutlich ein Grund für die Inhaftierung ihrer Eltern. Eltern ohne Helme auch. Keinen Kilometer, den man mit einem Kind im Auto ohne Kindersitz zurücklegen darf wie auch der Fahrer keinen unangeschnallten Meter zurücklegen kann, ohne eine vom Auto erzeugte Warnklangkulisse hervorzurufen, die kaum länger als einen Meter zu ertragen ist. Die Argumente für diese Art von Sicherheitspolitik sind faktische: Es ist sicherer, mit Helm und Gurt sich zu bewegen.

Eine Provokation: Spielplätze sind an sich schon ein Eingeständnis der Kinderfeindlichkeit, sonst bräuchte man keine extra ausgewiesenen Zonen dafür. Für Kinder ist der Spielplatz die Welt. Genau dieses Ergebnis kindlicher Kreativität wird durch ausgewiesene Spielzonen außer Kraft gesetzt. Kinder brauchen keine Spielplätze. Daneben haben Spielplätze einen Kontrolleffekt: So lassen die Nervensägen die reale Welt in Ruhe. Ist ja auch weniger anstrengend.

Ich denke zurück an meinen etwa 500 Meter langen Grundschulweg ab 1975, der mich über eine Hauptstraße ohne Zebrastreifen und Ampel führte. Ich schaute einfach nach rechts und links und konnte den Verkehr gut einschätzen. Man lernte damals die Geste, den Arm waagerecht Richtung Straße zu halten um den Autofahrern anzudeuten, dass man rüber will. Ich habe sie aber nie angewendet, glaube ich. Ich habe eine Lücke abgewartet und bin rübergerannt, was ich heute immer noch so mache. Meine Allergie gegen Autos, die an Zebrastreifen halten, wird durch gelegentliche Besuche Italiens und anderer kultivierter Länder gemildert. Dort halten sie nicht voreilig und devot, sie machen nur langsam, bevor sie den Fußgänger überfahren.

Mein Schulweg: Kein Erziehungsberechtigter kam mit, weder bei mir noch bei anderen. Die ängstlichen Mütter schauten den Kindern vom Gartentor ein Stück nach, das war´s schon. Spielplätze gab es kaum. Meine waren die zahlreichen Baugruben bzw. Rohbauten in der Umgebung. Holzdielen, braunes Brackwasser, Armierungseisen, Betontreppen ohne Geländer, offene Dachstühle, dunkle Keller, Pfützen, Sandberge, nach jedem Werktag neu angeordnet und ab 16 Uhr in Augenschein zu nehmen. Bauarbeiter sind pünktlich. Eltern haften für ihre Kinder hat sich mir eingeprägt, fasziniert vom Nichtverstehen dieser Warnung. Dass es eine sein sollte, verstand ich schon. Gelbes Schild auf weißem Ytong. Kam der Bauherr vorbei, legte man einen 100-Meter-Sprint hin, ohne Stoppuhr.

Die totale Reglementierung sorgt vermutlich dafür,  dass das erreichte Durchschnittsalter noch ein bisschen steigt. Beruhigt sind wir deshalb nicht.

Nicht mehr zeitgenössischer Spielplatz:

209(Foto: genova 2011)

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12 Antworten zu Sicher ist sicher ist sicher

  1. silberfink schreibt:

    Habe neulich 151 € zahlen müssen dafür, dass eines meiner Kinder sonntags auf einem geschlossenen Sportplatz bolzte, sich beim Fallrückzieher das Schlüsselbein brach und den Rückweg nach Hause bzw. zum Arzt nicht mehr über den Zaun antreten konnte, sondern der Notarzt ( 10 € anteilig) das Schloss vom Tor knacken musste. Das Ganze (also 161 €) einschließlich Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Die Kosten für’s Schloss inklusive Handwerkerstunde beliefen sich auf 45 €, der Rest ist unkonkret ausgewiesene (Polizei)Gebühr. Naja, mit Haftpflicht wär‘ das nicht passiert, äh, die hätten dann das Schloss bezahlt, oder?
    Im Innenhof unseres Wohncarrès prangt ein warnendes Schild:’Fußballspielen verboten!`. (Das verlangt sicher die Glasversicherung der Wohnungsbaugesellschaft…)
    Dafür stapeln sich unmodern gewordene Konsumreste massenweise neben chronisch überfüllten Mülltonnen. Wie lange soll das noch so weiter gehen?

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  2. genova68 schreibt:

    Dass Bolzplätze Sonntags gesperrt sind, ist wirklich ein Witz. Gute Besserung für dein Kind.

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  3. silberfink schreibt:

    Danke, ist schon alles verheilt. Das Kind bekommt jetzt einen eigenen Fernseher, dann will es auch nicht mehr raus zum Fußballspielen. Sicher ist sicher…

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  4. besucher schreibt:

    Neeeiiiinnn!!! Wir brauchen doch den Nachwuchs für Jogi Löw. Die Kinder bitte nicht wegsperren!

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  5. Chris(o) schreibt:

    Ja, wie ich meine Kindheit überleben konnte und die meisten anderen meiner Generation auch, erscheint in der Rückschau geradezu rätselhaft.Niemand warnte uns vor Fuchsbandwurm und Zeckenbiss, niemand hielt uns ab, an Wasserkanten zu spielen, auf Bäume zu klettern und Baustellen zu entern.Die Erwachsenen waren offenbar schmerzfrei, was die Sorge um die „Kindesgefährdung“ anging.Das habe ich als großes Glück empfunden.Doch die Bedingungen für Kinder haben sich verschärft, verschärft hat sich auch die Sorgfalt der Eltern.Und leider erscheint es mir nun so, dass sie damit Recht haben.

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  6. genova68 schreibt:

    Recht haben sie, weil sie die Fakten auf ihrer Seite haben, Unfallzahlen etc. Ich meine aber erstens, dass diese Faktenhuberei kein menschliches Maß kennt und an ihren inneren Widersprüchen scheitern muss: Jeder Schritt kann einen Sturz und den Tod bedeuten, in letzter Konsequenz heißt das, das Leben freiwillig zu beenden, weil man nur dann sicher sein kann, dass einem nichts mehr passiert. Es ist ja immer eine Frage der Balance, des Verhältnisses.

    Und zweitens, dass das Teil der neoliberalen Entwicklung ist. Die Ängste nehmen aufgrund der neoliberalen Zumutungen zu, die Unsicherheit und das Gefühl dafür nimmt zu, die Zeitschrift Landlust erreicht aus dem Stand eine Millionenauflage und wir kümmern uns ausgiebig um unsere persönliche Sicherheit. Je stärker die gesellschaftliche und staatliche Entsolidarisierung geht, desto intensiver suchen wir nach Ersatzfeldern dafür.

    Das ist ein antiemanzpatorisches Verhalten, psychologisch sicher erklärbar. Und die Eltern verpflanzen das Gefühl in ihre Kinder, eine Ersatzhandlung.

    Man müsste mal die Geschichte der Kindheit von P. Ariès lesen, vielleicht steht da etwas zu dem Thema und zu der Frage, wie es um die Sorgsamkeit der Kinder früher bestellt war: War unsere (ich bin 44) Kindheit außergewöhnlich leichtsinnig, war das vor 100 oder 200 Jahren viel sorgsamer, oder befinden wir uns in einer Entwicklung, wo diese extreme Sorgfalt durch eine extreme gesellschaftliche Instabilität erst evoziert wird?

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  7. PeWi schreibt:

    Ich erinnere mich noch daran, wie wir auf einen Güterverladebahnhof spielten, Braunkohle ableckten und wilden, dreckigen Rharbarber gegessen haben. Spielplätze sind langweilig. Meine Spielgefährte und ich haben gut überlebt und zum Ärger unseres Staates beziehen wir auch noch Rente. :D

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  8. genova68 schreibt:

    Spielplätze sind laut Kulturspiegel übrigens gefährliche Plätze, weil Kinder dort weniger vorsichtig sind als anderswo.

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  9. Chris(o) schreibt:

    Ariés `Buch und seine Erwiderung „Hört ihr die Kinder weinen“ von Lloyd de Mause (Hrsg.) zusammengenommen ergeben eine umfängliche „Geschichte der Kindheit“.

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  10. silberfink schreibt:

    @ Besucher, ich produziere keinen (Profi)Fußballnachwuchs, weder für Jogi noch für Silvi.
    Ich kann es mir im Übrigen nicht leisten das Talent meiner Kinder zu fördern. Fiele eines meiner Kinder vom zuvor erkletterten Baum, landete es garantiert (laut polternd) auf dem darunter geparkten BMW…

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  11. Manfred Richter schreibt:

    weil die lebensumstände für den einzelnen immer unsicherer werden und auch die zukunft des nachwuchses, versucht man möglichst alle drohenden gefahren -so klein sie auch sein mögen- auszuschalten. bäume,stürze etc.
    irgendwie eine flucht aus der realität, die von politik, versicherungswirtschaft und den märkten natürlich massiv gefördert wird. marktkonforme pseudosicherheit, die verhindert, daß über die veränderung unsicherer lebensverhältnisse ernsthaft nachgedacht wird.

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  12. hANNES wURST schreibt:

    Ein Problem ist die immer niedrigere Kindersterblichkeit. Weil man kaum noch Leute kennt, die ein Kind verloren haben, hat man umso mehr Angst, selber zu den Dummen zu gehören, die ein Kind verlieren. Deswegen hat mit der Kinderfilm „Die Tribute von Panem“ so gut gefallen.

    Außerdem stresst die immer höhere Lebenserwartung, denn je größer der Abstand zum zu erwartenden Todeszeitpunkt ist, desto größer ist natürlich auch die Angst vorher abzutreten, weil der potentielle Verlust an Lebensjahren mit der Lebenserwartung in jedem Lebensalter wächst.

    Meiner Meinung nach müsste etwas dafür getan werden, damit die durchschnittliche Lebenserwartung einige Jahrzehnte nach unten gedrückt wird. Kim Jong-un tut etwas dafür, aber leider nicht weil er meiner Logik folgt, sondern weil Raytheon und andere Hersteller von Luftabwehrraketen ihn sponsern.

    Auch die meisten anderen Sicherheitsrisiken werden aus wirtschaftlichen Gründen aufgetan, gefördert und vorgeblich durch teuren Quatsch eingedämmt. Ganz egal ob Helme, Airbags, wild gewordene Flugsicherung, Biofutter, überbordende medizinische Versorgung, Atomausstieg, Fitness-Wahn… all das lässt Geldflüsse sprudeln und verstärkt im schlimmsten Fall die Angst – weil die Lebenserwartung steigt, was nur den Effekt hat, dass der Konsument längere Zeit im Tattergreisenalter verbringen kann und dafür eine Menge Kohle verbraten hat.

    Wahrscheinlich wird die Überalterung dann irgendwann so schlimm, dass erst die 100-jährigen, dann die 90-jährigen usw. eingeschläfert werden und kurz vor ihrem Tod ein paar witzige Einsichten in den sogenannten „Kreislauf der Geldes“ bekommen, denn irgendwie schickt sich das Geld, dass sie in ihre Sicherheit investiert hatten, scheinbar an, zu verschwinden. Aber es verschwindet ja nicht erst mit dem Tod, es ist vorher schon weitergereicht worden an die große Schar von Anbietern sogenannter Sicherheit und plötzlich wird es klar: alles in den eigenen verdammten Körper investiert, also in eine Aktie, die sowieso in absehbarer Zeit wertlos verfällt. In Puff und Urlaub wäre das Geld besser angelegt gewesen… zu spät…

    Nur eines leuchtete mir lange Zeit lang nicht ein: warum ein Rauchverbot in Kneipen? Da verdient doch keiner dran? Dann fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: verdient werden die Stimmen spießiger Nichtraucher-Wähler.

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