Wagner, Hitler, Sindlingen: beispielhafte Darstellung der deutschen Kulturnation

Diese Woche las ich in der Titelgeschichte des Spiegel (Printausgabe 14/2013, S. 212 ff.) über den 200. Geburtstag Richard Wagners vor dem Hintergrund, wie es von dem tollen Beethoven, Goethe und Kant zu Hitler kommen konnte, den merkwürdigen Satz:

Aus der Kulturnation wurde in wenigen Jahren ein Volk moderner Barbaren.

Mal abgesehen davon, ob es wirklich nur ein paar Jahre waren und ob eine Entwicklung nicht längerfristige Ursachen hat, über die mittlerweile ganze Bibliotheken vollgeschrieben wurden: Inwieweit eine ganze Nation so wahnsinnig kulturell ist oder ob es nicht Einzelne oder zusammenhängende Gruppen sind, die die bleibende kulturelle Arbeit ausmachen, wäre eher die Frage. Der Stammtisch beruft sich zur Not ja auch auf Bach, Beethoven und Benz, wenn es darum geht, die Überlegenheit der deutschen Rasse gegenüber sonstwem hervorzuheben.

Ich komme darauf, weil mich manchmal Details interessieren und ich gerade über vier bemerkenswerte Fotos gestolpert bin. Auf ihnen ist das Haus Sindlingen im gleichnamigen Frankfurter Stadtteil zu sehen, erbaut von Günter Bock und ein herausragendes Beispiel gemäßigt expressiver Sichtbetonarchitektur. Das Haus Sindlingen wird gemeinhin als wichtiges Beispiel des Brutalismus in Deutschland bezeichnet.

So sah es kurz nach Fertigstellung 1961 aus:

Haus_Sindlingen

Haus_Sindlingen,_Westfront

Ein Sichtbetonbau mit einer markanten Fassadengestaltung mit bewusst sichtbarer roher Verschalung. Eine Fassade, die sich damals schon vom eindimensionalen Bauwirtschaftsfunktionalismus absetzte, die auf der Rückseite expressive Momente jenseits des rechten Winkels aufnahm und auf der Eingangsseite durch mit Glas gefüllte Aufbrüche, Vor- und Rücksprünge  sowie horizontale und vertikale Linien gekennzeichnet ist; der Bau erinnert ein wenig an den Mariendom in Neviges von Gottfried Böhm. Holz soll an der Fassade auch eine Rolle spielen, was man auf den Fotos nur schlecht erkennt. Haus Sindlingen war eines der ersten Stadtteilbürgerhäuser (die Grünen trafen sich dort 1979 zu ihrem ersten Bundesparteitag, davor fanden dort die ersten RAF-Prozesse statt) und ist als Kulturdenkmal unter Schutz gestellt.

Was ist ein Kulturdenkmal? Der Duden schreibt:

Objekt, Werk, das als Zeugnis einer Kultur gilt und von [künstlerischem und] historischem Wert ist.

Haus Sindlingen ist also von hohem künstlerischem und historischem Wert, gilt als Zeugnis einer Kultur und steht deshalb als Denkmal unter Schutz.

Die heutigen Betreiber des Hauses schreiben zum Thema:

Das Haus Sindlingen ist nicht ohne Grund als Kulturdenkmal unter Schutz gestellt worden.

Um welchen Grund es sich handelt, wird nicht ersichtlich, wenn man sich den heutigen Zustand ansieht:

Haus_Sindlingen_Januar_2011

Haus_Sindlingen_Januar_2011_DSC_7139

Peng. Der Sichtbeton als ein wesentliches Element der Gestaltung wurde 1981 mit Pastellfarben übermalt, unten herum hübsch abesetzt, und der expressive Teil der Fassade durch eine Art Weihnachtsbaum und Grünzeug, das im Winter Braunzeug ist, überhängt. Gerade die Eingangseite ist banalisiert, weil die Schalung, die Haut des Gebäudes, ihre Optik und ihre Haptik, massiv verändert wurde. Ein Anstrich wie tausend andere auch, damit der Bürger nur ja nichts Ungewohntes wahrnehmen muss.

Gerade ein brutalistisches Gebäude ist geprägt von seiner Haut, der roh und also ursprünglich belassenen Materialzustände, ihrer natürlichen Beschaffenheit – egal ob Beton, Glas, Holz, Metall, Ziegel, Stahl -, auf deren Basis und mit deren Wirkung der Architekt dann arbeiten kann. Wenn es gut geht, und es ist im Fall Sindlingen offenbar gut gegangen, erzeugt gerade das Zusammenspiel der verwendeten „Rohheiten“ eine spezifische Architektursprache, die weg wollte vom rein applizierten Ornament, von der bloßen Verhübschung, sondern mit dem Material und seiner möglichst authentischen Ausdrucksweise einen neuen Weg gehen, was, wie man hier sieht, durchaus ornamentale Wirkungen erzielt. Das, was dem Gebäude den hohen künstlerischen und historischen Wert gab und ihm das Zeugnis einer Kultur verlieh, ist nicht sichtbar, nicht erfühlbar, nicht vermittelbar, zerstört – bei aller Vorsicht, die man bei der Beschreibung eines Gebäudes walten lassen sollte, das man nur von Fotos kennt.

Gerade bei einem brutalistischen Bau ist eine solche Zerstörung unsäglich, weil eine wissenschaftliche Bewertung dieser Epoche noch aussteht. Bevor die kommt, wird abgerissen, bepflanzt, übertüncht. Aktuell laufen Diskussionen über die renovierungsbedürftige brutalistische Kirche St. Agnes in Berlin.

Es ist das alte Thema: Beton oder eine nicht ornamentierte Wand sind hierzulande nicht erträglich. Wie wäre eigentlich die Reaktion, wenn man direkt vor ein Naturdenkmal, etwa einen jahrhundertealten und in der Tat schützenswerten Baum mitten im Wald, ein Haus bauen würde? Womöglich ein brutalistisches?

Die deutsche Kulturnation wäre sich in ihrer Empörung einig, schätze ich.

(Fotos: 1 und 2: Jupp Falke; 3 und 4: Eva Kröcher)

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8 Antworten zu Wagner, Hitler, Sindlingen: beispielhafte Darstellung der deutschen Kulturnation

  1. Axel schreibt:

    http://de.m.wikipedia.org/wiki/Friedhof_Westhausen
    Und hier gehts weiter, falls du mal in der Gegend bist.

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  2. genova68 schreibt:

    Danke!

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  3. Chris(o) schreibt:

    „Brutalistisch“ hätte ich bislang die faschistische Bombast-Architektur betitelt.Die Wuchtigkeit der Betonarchitektur will aber doch etwas anderes ausdrücken,wie der Dom von Neviges das Zweite Vaticanum mit ästhetischen Mitteln interpretieren, also hin zu einer „moderneren“ , emanzipatorischen „Ikonographie“ finden will.
    Dass dies gelungen sein sollte, kann ich nicht beurteilen,nur dass die Beispiele zeigen:Betonarchitektur muss ertragen werden können.
    „Ertragen“ kann ich sie.

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  4. Wer sollte schon etwas gegen farbe und ein wenig grünzeug haben?

    Manchmal schon. Der »witz« an sichtbetonfassaden ist doch, daß die »pflegeleicht« sind. Da bröckelt kein putz und keine alte farbe ab. Höchstens ein vollkoffer käme auf die idee, den anzumalen.

    Auf den bildern von 1961 sieht man ein gebäude, das etwas besonderes ist, seine eigenheiten hat. Wenn man den heutigen zustand betrachtet, guckt man auf etwas sehr banales – und dann auch noch »verschleiert«

    Ich geb zu, daß ich für fassadenbegrünung bin. Und zwar da, wo sie hinpaßt. Wenn man ein langweilig aussehendes haus von grünzeug überwuchern läßt, bleibt einem manches erspart. In diesem fall jedoch ist es frevel.

    Schlingenknöterich wurde verwendet, im volksmund scherzhaft als »architektentrost« bezeichnet. Tatsächlich müßte es sich so verhalten, daß architekten, menschen, die augen haben oder unversehrte gebäude bevorzugen und ökos gleichermaßen mit tränenden augen auf derartiges schauen sollten. Diese pflanzen wachsen total schnell und können tatsächlich in kürze alles mögliche überwuchern, weshalb sie an gebäuden erhebliche schäden verursachen können. Wie andere knötericharten gilt der schlingenknöterich als invasiver neophyt, also als eingeschleppte pflanze, die sich zum schaden des hiesigen ökosystems ausbreitet und die man schwer wieder los wird.

    Es werden die falschen sachen romantisiert: Die leute wollen lieber im Wilhelministischen Mietskasernengürtel leben (wohlgemerkt luxussaniert) als im funktionalen plattenbau, der von anfang an so erdacht war, daß die bewohner mit möglichst warmen füßen über den winter kommen.

    Wie man mit architektur umgeht, ist absolut rückwärts gerichtet. Romantisierung der klassengesellschaft, was sehr gut in das neoliberale menschenbild paßt.

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  5. genova68 schreibt:

    Chris,
    Brutalismus ist eine eigentlich blöde Übersetzung von brutalism. Das hat nichts mit dem deutschen „brutal“ zu tun, sondern mein „roh“, franz. „brut“, also das Material roh, unbehandelt belassend, und die Funktionen nach außen kehrend. Typisch für eine Phase des Brutalismus sind Rohre und Leitungen, die nicht mehr unter Putz müssen, sondern sogar farbig abgesetzt werden. Eine Mode, die auch mal in WGs massenhaft eingesetzt wurden.

    Ertragen: Das ist doch ein sinnvoller Ansatz, weil er Respekt ausdrückt. Dein Hinweis zum zweiten Konzil ist wohl auch richtig. Ich finde es ja schon angenehm, wenn man sich überhaupt Gedanken macht statt einfach zu sagen, das ist hässlich, das muss weg.

    In Deutschland haben wir ja nach wie vor die neurotische Situation, dass so viele Städte im Krieg zerstört wurden und danach noch viel mehr zerstört wurde durch massenhaften Abriss und in schlechten Zeiten viel billiges schnell gebaut wurde, weil man Wohnraum brauchte und der CIAM sich auf leeren Flächen austoben konnte. Genau dieser Fehler wird wiederholt, wenn man Gebäude, die einem gerade zeitgeistig nicht passen, abreißt. Rom hätte keine Chance gehabt mit solch einem Verhalten, überhaupt keine italienische Stadt.

    Mechthild,
    Zustimmung und danke für den Hinweis auf den Knöterich.

    Die Platte ist, soweit ich das sehe, aus der Diskussion mittlerweile heraus. Sie wird nicht mehr problematisiert, weil sie flexibel ist. Aus einförmigen Kästen werden mit geringen Kosten schicke Stadtvillen mit tollen Grundrissen. Ein großer Vorteil der flexiblen Bauweise. Allerdings zeigt du ja selbst das Problem, wenn du lediglich von einem funktionalen Bau und warmen Füßen sprichst. Der Mensch lebt nicht von warmen Füßen allein. Im Westen wurden solche Großsiedlungen ja auch angelegt, nur war man dort ökonomisch flexibler und stellte das ein, als man den Fehler der Gigantomanie erkannte. Die DDR kam von dem Trip bis zum Schluss nicht mehr runter und zerstörte damit ihre Städte. Ich erinnere noch den Anblick 1990 in Erfurt, wo sie dabei waren, die Altstadt plattzumachen, die völlig heruntergekommen war. Die Wende brachte die Rettung. Wobei ich mir vorstellen kann, dass da jetzt alles totsaniert ist.

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  6. Haus Sindlingen schreibt:

    Guten Tag zusammen,

    hier ein kurzes „hallo“ vom Haus Sindlingen und einige Anmerkungen zum Haupttext und den Kommentaren.

    Der Knöterich wurde vor ungefähr einem Jahr von der Fassade entfernt, da auch wir das als eine Verschleierung der eigentlichen Architektur empfunden haben. Leider kommt dadurch die ebenso verschleiernde Farbgebung noch besser zum Ausdruck. Allerdings sind wir diesbezüglich im Hintergrund nicht untätig – es gibt ein neues Farbkonzept, das zwar nicht den Sichtbeton wieder herstellen kann aber doch zumindest den Solitärcharakter des Gebäudes – in Abgrenzung an seine Umgebung und den Grund und Boden auf dem es steht – betonen soll. Dieses Farbkonzept ist mit den Denkmalbehörden abgestimmt und auch mit deren Unterstützung erstellt worden.

    Im übrigen laden wir natürlich jeden gerne ein, sich das Haus mal im Detail anzusehen. Am einfachsten ist das natürlich im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, die im Haus stattfinden.

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  7. genova68 schreibt:

    Danke für die Stellungnahme und Gratulation zur Entfernung des Knöterichs. „Verschleiernde Farbgebung“ trifft es auch ganz gut. Es gibt offenbar ein Problembewusstsein.

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  8. Wilhelm E. Opatz schreibt:

    Die Trauerhalle auf dem Westhausener Friedhof (siehe Kommentar Nr. 1) ist (noch) ungestrichen – großartige Architektur, dazu die Beton-Relief-Wand von Otto Herbert Hajek (auch hier zum Glück noch keine Farbexperimente, die Hajek später bevorzugte). Grüße aus Ffm, W.O.

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