Vom Geschichtsverständnis der frühen modernen Architekten

Der Architekturtheoretiker oder -historiker Vittorio Magnago Lampugnani schrieb 1980 in der Zeit (Nr. 29) über die Anfänge der modernen Architektur in den 1920er Jahren:

Die Meister des frühen Rationalismus schufen ihrerseits trotz gegenteiliger Beteuerungen ebensowenig aus dem Nichts: sie übernahmen die glatten Wände von der Romanik, die weißen kubischen Formen mit den scharfen Fenstereinschnitten von der Mittelmeerarchitektur, die fließenden Übergänge zwischen den Räumen und zwischen Innen und Außen vom traditionellen japanischen Wohnungsbau. Dieses im weitesten Sinn „historistische“ Vorgehen wird radikalisiert, indem der verfügbare Formenkanon erweitert wird, indem die geschichtlichen Anleihen offengezeigt werden…“

Gerade weil mir Lampugnani (*1951) in seinen Haltungen meist zu konservativ und behäbig ist, überrascht dieser Passus. Denn er bedeutet eine schöne Versöhung eines alten Streits. Dieser Streit ging so: Moderne Architektur habe so getan, behaupteten die Konservativen, als habe Geschichte nicht existiert. Geschichte sei ignoriert worden und moderne Architekten seien als eine Art ahistorische Designgötter aufgetreten.

Lampugnani weiter:

Es war nicht ein zufälliges Versäumnis, dass Walter Gropius im Bauhaus keine Kurse für Baugeschichte einrichtete. Die Architektur sollte ihre Impulse aus den gesellschaftlichen Gärungen, aus den neuen Errungenschaften der Technik, aus den Experimenten der künstlerischen Avantgarden erhalten; nur nicht aus der Geschichte.

Die Geschichte mit den der Bibliothek verwiesenen Geschichtsbüchern ist mittlerweile hundertfach erzählt und vermutlich überhöht worden. Sie passt halt so schön ins Vorurteil, in die Metaerzählung des geschichtlosen Architekten der Moderne. Die Nazis machten daraus den schollenlosen Volksfeind. Man sollte den Ball hier flach halten.

Nach dem Historismus – und nach dem Krieg – war es verständlich, die alten Schinken aus den Regalen zu räumen. Heute nennt man das Brainstorming. Man brauchte frische Luft und das war in der damaligen Situation erstmal Leere, die Orientierung am jetzt – sowohl politisch, gesellschaftlich, als auch, was die konstruktiven, die baulichen Möglichkeiten anging. Der Stahlbeton, die nichttragende Fassade, hatte Einzug gehalten und alleine Freuds Psychoanalyse machte historistisches Bauen zur Farce. Der Historismus hatte schlicht nichts mehr Überzeugendes anzubieten.

Die Geschichtsbücher beiseitezuräumen war in Ordnung. Denn das ändert nichts daran, dass Geschichte in der Gesellschaft und im Individuum sedimentiert ist. Ob die Bücher im Regal stehen, ist zweitrangig. Der Geschichte kann man nicht entkommen. Wenn man schlau ist, versucht man das gar nicht erst.

Die Architekturphilosophie der modernen Architektur, des Neuen Bauens der 1920er Jahre, sollte die Interpretation Lampugnanis also nicht als Kollisionskurs betrachten, sondern als Angebot der Versöhnung.

Und das würde den Modernen von damals nicht schwerfallen, würden sie noch leben.

Interessanter ist nämlich die offene Feindschaft, die den Modernen damals entgegenschlug. Sie führte schon in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zu einem Monumentalismus, der den Einstieg in die nationalsozialistische Architektur bedeutete. Die Kritik an der angeblichen Geschichtslosigkeit der Modernen, die von rechter Seite hervorgebracht wurde, war eben keine rationale, sondern eine verleumderische. Man stellte die Modernen als boden- und vaterlandslos dar, dem Antisemitismus arg verwandt.

Die glatten Wände der Romanik waren zu römisch oder zu französisch, als deutsch galt vor 100 Jahren die Gotik; die reine Weißheit galt zu südlich und nackt; die Orientierung an Japan galt als zu unmassiv, zu weich, zu flexibel, zu undeutsch. Die Kreise, die all dem deppigen Deutschen und seiner Hybris zum Durchbruch verhalfen wollten, sahen solche Orientierungen naturgemäß als Kampfansage.

Die frühen Modernen erweiterten den Formenkanon in der Tat, und zwar radikal. Insofern lieferte Lampugnani in seinem Aufsatz aus den 1980ern eine plausible Erklärung für die Motive der frühen modernen Architektur: Geschichtorientierung ja, aber bitte keine, die sich ausschließlich an Historismus, an der Vergangenheit orientiert.

Neues braucht Neues.

(Foto: genova 2017)

 

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