Obertauern: Wie konnte das passieren?

Ein Besuch im österreichischen Wintersportort Obertauern (Salzburger Land, glaube ich) im Sommer ist ein interessanter Ausflug in die ästhetische Katastrophe. Der fehlende Schnee deckt die Katastrophe schonungslos auf. Ich wüsste nicht, wo sonst man solch ein Szenario besichtigen kann.

Vier Beispiele von unzähligen:

Hotels, die mit ihrer Geschmacklosigkeit in einem deutschen Freizeitpark stehen könnten. Türmchen, Säulchen, angepappte Steinfassaden, vorgelagerte Ziegeldächlein und so weiter. Die Bilder sprechen für sich.

Das folgende linke Bild zeigt repräsentativ das Denken dieser Leute, die so etwas bauen (und vermutlich auch der Leute, die dort Urlaub machen): Einem im Stahlbeton hochgezogenen Gebäude werden naturbelassene Steine, eine Art Bosse, vorgelagert. Das soll suggerieren, es handele sich hier um ein altes Gebäude aus der guten, alten Zeit. Dazu ein unmöglicher Eingangsbereich und – natürlich – Bogenfenster wie in einer gotischen Kirche.

Es ist die Angst vor einer blanken Fläche. Alles muss aufgehübscht werden, koste es ästhetisch, was es wolle. Es ist der (unterbewusst verzweifelte) Versuch, das entfremdete Leben vertraut zu machen.

Auch toll das Bild rechts: Eine auf alt getrimmte Lampe lugt aus dem Steinhaufen hervor.

Noch skurriler sind die Gebäude gestaltet, in denen der Après-Ski sich austobt:

Der Naturstein geht hier eine unheilvolle Allianz mit Holz ein. Eisbären aus Plastik sind allgegenwärtig, warum auch immer.

Interessant dabei: Obertauern gibt es erst seit 60 Jahren. Davor war es lediglich eine Passhöhe auf gut 1.700 Metern über dem Meer, nur im Sommer lebten dort ein paar Bauern auf ihren Almen. Es gibt also kein historisches Zentrum und nichts, woran man sich orientieren könnte. Das, was wir sehen, ist unsere Zeit, so sehr diese Feststellung auch schmerzt.

Interessant in Obertauern außerdem: Die in den 1960ern und 1970ern gebauten Hotels sehen so aus:

Simple große Kästen, ohne Manierismen, ohne Lächerlichkeiten, sondern zweckmäßig, funktional und damit schön. Es gab mehr Sein als Schein und man muss nicht strukturkonservativ sein, um hier ästhetisch im Hinblick auf die ersten sechs Fotos einen atemberaubenden Abstieg zu konstatieren. Der ästhetische Abstieg ist naturgemäß ein gesamtkultureller und schlussendlich ein zivilisatorischer. Wer so baut, ist zu allem fähig.

Vollends skurril: Diesem gemäßigten Hotel aus den 1960ern (man beachte die abstrakten Balkonverzierungen!) wurde später eine Tiefgarage verpasst. Die Einfahrt zeigt den ästhetischen Verfall: Man überdeckt die Passage mit einem billigen Steildach, pappt ein paar Latten daneben und garniert das Ganze mit großen Steinen.

Ein Ort ohne historischen Kern, der dieses angebliche Manko durch Verschleierung kompensieren will. Jedes Türmchen, jedes Säulchen, sämtlicher Plunder wird als Pseudogeschichte eingesetzt, die man gleichzeitig ignoriert.

Obertauern ist ja nichts anderes als eine massive Kapitalverwertungsmaschine. Die Preise für Eigentumswohnungen dort nähern sich tatsächlich denen von London und New York an, die Preise der meisten Hotels sind fürs obere Fünftel oder Sechstel der Gesellschaft ausgelegt, der Après-Ski verspricht garantielos den schnellen Fick. 200 Euro pro Person und Tag für Halbpension (garantiert ohne Fick) in einem Hoteldoppelzimmer in einem Ambiente absoluter Geschmacklosigkeit machen sprachlos. Dazu kommt, dass die Haptik überall abscheulich ist, egal, wohin man fasst. Man möchte sich nach jeder Berührung die Hände desinfizieren.

Es ist die Fortsetzung des kapitalistischen Alltags im Urlaub: Kein Innehalten, kein Erinnern, keine Ahnung. Wir geben Vollgas, auf der Piste und danach, und die Türmchen helfen uns, uns der Entfremdung zu entledigen, indem wir versuchen, sie zu kaschieren.

Ein Ort wie Obertauern zeigt, was im fortgeschrittenen Kapitalismus möglich ist. Ästhetisch, kulturell, vermutlich auch zwischenmenschlich. Laut Marx sind die gesellschaftlichen Verhältnisse die Produktionsverhältnisse. Dinge werden hergestellt und getauscht. Wir tauschen unser Geld gegen einen Aufenthalt in der ästhetischen und qualitativen Hölle. Vordergründig freiwillig.

Die Ware ist in unserem System eine vermeintlich natürliche. So wie die Türmchen und Säulchen. Die Obertauernsche Architektur ist im Verblendungszusammenhang die Fortsetzung der Naturwüchsigkeit der Alpen, also der Berge um die Siedlung. Sie ist in Wahrheit natürlich das Gegenteil. Ohne Entfremdung, ohne den Verblendungszusammenhang ist eine solche Architektur nicht möglich. Der Fetisch, von dem Marx sprach, ist hier die Verschleierung dieser ästhetischen Zeichen als ursprüngliche, als nichtkapitalistische. Türmchen sind Mittelalter, und da war noch alles gut, wie uns jedes Mittelalterfest zeigt.

Wobei im Mittelalter die Herrschaftsverhältnisse transparent waren. Herr und Knecht. In der bürgerlichen Gesellschaft wird das verschleiert. Türmchen und Bosse suggerieren Natürlichkeit, ein zwangloses Stelldichein des heiteren Lebens. Plötzlich ist jeder Herr. Die Verwertung des Bodens und sämtlicher anderer Waren wird mit jedem Kitsch-Accessoire je penetranter, desto aufwändiger man ihre Verschleierung betreibt.

Abseits von Obertauern wissen wir nun: Wir haben mit der aktuellen Berliner Architektur noch Glück und vielleicht noch einiges vor uns.

(Fotos: genova 2019)

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