Links und rechts

In keinem westlichen Land hat sich die Steuerpolitik so radikal verändert wie in den USA. Nach Roosevelts New Deal wurden Reiche massiv zur Kasse gebeten. 1942 verkündete Roosevelt, dass kein US-Bürger mehr als 25.000 Dollar im Jahr (was heute 1 Million Dollar entsprechen würde) verdienen sollte. Das wäre heute noch nicht mal in der Linkspartei konsensfähig. Die Vermögensteuer lag in den USA von den 1930ern bis in die frühen 80er Jahre bei 70 Prozent.

schrieb kürzlich Stefan Reinecke in der taz.

Nicht einmal in der Linkspartei konsensfähig. So ist es und man bekommt eine Antwort auf die Frage, wohin sich die Gesellschaft seitdem entwickelte. Nach rechts. Ins Sozialdarwinistische. Ins Neoliberale. Ökonomisch betrachtet gibt es daran keinen Zweifel. Nicht nur in Amerika.

Andererseits gab es einen Linksruck auf kulturellem Sektor. Emanzipation der Frau, Minderheitenrechte, was Homosexuelle angeht, die Anerkennung der Subjekthaftigkeit von Nicht-Biodeutschen, wenn man das so umständlich ausdrücken mag, die Aufmerksamkeit für BLM: Es sind Meilensteine. Hätte einem in den 1980er Jahren jemand erzählt, dass demnächst Schwule Kinder adoptieren dürfen: Es wäre ein Ausblick in eine andere Welt gewesen.

Wir haben hier also die Antwort auf den vermeintlichen Linksruck der Gesellschaft: kulturell ja, ökonomisch nein. Dass Merkel so beliebt ist, liegt genau daran: kulturell löste sie Verkrustungen. Und verschleiert in einer infantilisierten Öffentlichkeit ihre Wirtschaftspolitik.

Vielleicht müsste man hierauf ein stärkeres Augenmerk legen. Das Kapital schöpft aus dem kulturellen Linksruck Kapital und stärkt seine Position. Die Frau am Herd ist kapitalistisch kaum verwertbar. Man kann ihr höchstens ein teures Waschmittel andrehen.

Eine ökonomisch nach rechts, ins Neoliberale und Sozialdarwinistische driftende Gesellschaft wird – so meine Vermutung – langfristig niemals kulturell links bleiben. Der Gesamtschwenk nach rechts ist angelegt. Die Wahlergebnisse rechtsradikaler Parteien in Europa und bei Trump und Bolsonaro und sonstwo zeigen das.

Es ist quasi der Versuch, kulturell das ökonomische Primat zu überwinden, was nur zeitlich begrenzt, als Fata Morgana existieren kann.

(Foto: genova 2019)

Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik, Wirtschaft abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Links und rechts

  1. Jakobiner schreibt:

    Sehr treffend beschrieb.Veraenderungen im Überbau nach links,bei Veränderungen des Unterbaus nach rechts würde man das marxistisch nennen.Wobei aber die Grünen auch ein 300 Mrd.Euro keynesanistisches Infrastrukturprogramm mittels Verschuldung wollen.Frage aber wie das finanziert wird.Ueber Reichensteuer?Man wird es sehen.Iyt das sozialdarwinistisch und neoliberal?

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  2. Jakobiner schreibt:

    1942-das warWeltkrieg und Kriegswirtschaft-der Ausnahmezustand und da ist vieles konsensfähig,was es zu Friedenszeiten nicht ist.

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  3. stadtauge schreibt:

    Zustimmung!

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