Ein dreifach Hoch auf die strukturschwachen Gebiete in Ostdeutschland

Wo sonst findet man solche Eigenbauproduktionen?

Das Haus füllt eine Lücke zwischen zwei Häusern mit Steildach. Das eine Haus ist giebel-, das andere traufständig. Alleine das ist schon interessant. Nun bekommt das dritte Haus nicht etwa auch ein Steildach. Nein, die beiden Steildächer führen ihre Dachseiten weit über die Traufgrenzen nach unten fort. Das linke Haus täuscht strenggenommen die Fortführung nur über die unterschiedliche Ziegelfarbe an. Lustigerweise sehenswert. Das ist nicht mal ironisch gemeint. In strukturschwachen, wie man sagt, Gebieten sind sowohl Bürokratie als auch kapitalistische Zurichtung zumindest formal am ehesten zu beseitigen. Die Bürokratie, weil dort offenbar Anbauten wie der auf dem Foto (entstanden in der Altmark, der leersten und wohl auch hoffnungsfreiesten Gegend Deutschlands) möglich sind, höchstwahrscheinlich ohne Baugenehmigung. Man macht auf seinem Grundstück, was man will. Solange man es nicht übertreibt, kümmert sich offenbar niemand.

Das Kapital hat diese Gebiete vorerst aufgegeben, schlicht, weil es nichts zu holen gibt.

Das typischste Merkmal strukturschwacher ostdeutscher Gegenden: Die perfekt geteerte Ortsstraße mit so perfektem wie hässlichem Bürgersteig. Direkt angrenzend verlassene, zugewuchterte und im Einsturz befindliche Häuser. Der Staat hat hier in den 1990ern seine Arbeit gemacht, die ansässigen Menschen wurden in der Privatwirtschaft arbeitslos.

Es ist ein deprimierendes Bild. Wesentlich deprimierender, als wenn Straße und Bürgersteig kaputt, aber die Häuser intakt und belebt wären. Ein schwacher Staat und starke Menschen ist wesentlich angenehmer und hoffnungsvoller als ein starker Staat und schwache Menschen. Die Kluft des Unangenehmen füllt die AfD.

Die properen Bürgersteige mit den kaputten Häusern daneben sind ein dauerhaftes Bild des Scheiterns dieser Gegenden. Es ist eine Demütigung der Bewohner.

Die perfekte öffentliche Straße mit den perfekten öffentlichen Bürgersteigen, an die kaputte private Häuser angrenzen, sind das typische Bild, das sich dem Ostreisenden jenseits der Dresdner und Leipziger Innenstädte bietet. Ich empfinde das momentan als bedrückend, aber eigentlich ist es ein Zeichen ostdeutscher Orginialität.

Traurig, aber wahr: Das Kapital zieht sich genau aus den Gegenden zurück, aus denen sich nach und nach die Menschen zurückziehen müssen.

Wir haben die Wahl: Kapitalistisch deformiert leben. Oder depressiv verformt in Häusern wie diesen.

Die Altmark ist keine 150 Kilometer von Berlin entfernt, aber es ist dennoch eine fast unüberwindbare Distanz. Für den alltagsästhetisch interessierten Menschen lohnt der Weg.

(Fotos: genova 2019)

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