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(Foto: genova 2019)

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Kein guter Werkstein: Hans Kollhoff und der Antisemitismus

In Berlin trägt sich gerade ein Architekturstreit zu. Der ist interessant, weil sich hier Architektur und Literatur treffen. Dazu kommt ein bedeutsamer Name.

Beginnen wir mit der Literatur. Dem Architekten Hans Kohllhoff wird Antisemitismus vorgeworfen. Warum? Weil er in den Boden eines Platzes, den er im Jahr 2000 im Berliner Bezirk Charlottenburg baute, ein Zitat des Dichters Ezra Pound einließ. Das Zitat geht so:

Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.

Dazu muss man wissen, dass erstens usura „Wucher“ bedeutet und eine seinerzeit gängige antisemitische Umschreibung für das raffende Judenkapital war, und dass zweitens Pound sich offen zum Faschismus und Antisemitismus bekannte – und zwar bis kurz vor seinen Tod 1972.

Die Zeitschrift arch+ thematisiert das Zitat und die Platzarchitektur nun in ihrer aktuellen Ausgabe, die sich im Schwerpunkt mit „rechten Räumen“ in Europa beschäftigt.

Ist Kollhoff also ein Antisemit?

Wenn man ein Zitat von Pound verwendet, sollte man naturgemäß vorsichtig sein. Wenn man dann ausgerechnet ein Zitat mit dem Wuchererbegriff nimmt, dann hat man schon danebengegriffen. Kollhoff selbst behauptet, ein guter Kenner Pounds zu sein und erklärt im Tagesspiegel:

„Der Vorwurf des Antisemitismus angesichts des Zitats aus Pounds ,Cantos’ ist unsinnig und völlig inakzeptabel.“

In der Welt antwortet er auf den Antisemitismusvorwurf allen Ernstes:

Soll man sich wirklich auf diesen Quatsch einlassen? Ich spüre sehr genau, wenn ich einen Raum betrete, ob ich mich dort wohlfühle oder nicht. Darum geht es doch.

Im Interview mit dem Deutschlandfunk mimt Kollhoff das Opfer von „perfiden Absichten der arch+“ zu sein. Kollhoff als Opfer? Nun ja.

Ich finde keine ernstzunehmende Erklärung Kollhoffs, warum er augerechnet dieses Zitat im Boden verewigt hat. Ginge es nicht um Antisemitismus, wäre eine oberflächliche Kapitalismuskritik denkbar. Gute Architektur ist unter kapitalistischen Zwängen, also unter solchen der Renditeerzeugung, nicht zu realisieren. Seine, Kollhoffs, Architektur taugt demzufolge nichts, weil sie unter kapitalistischen Bedingungen entstanden ist. Man könnte das Zitat so lesen, aber: Kollhoff als Kapitalismuskritiker? Wäre mir neu. Sein Platz in Charlottenburg ist gesäumt von Rechtsanwaltskanzleien und hochpreisigen Wohnungen. Bauten von Kollhoff sind zwangsläufig Verstärker der Renditelogik, dafür sorgt schon sein Name.

Bei Kollhoff ist schon immer aufgefallen, dass er sich weiter aus dem Fenster lehnt, als er das tun sollte. Ohne seinen intellektuellen Überbau Fritz Neumeyer hat er vermutlich nicht allzu viel zu sagen. Insofern ist er unter Umständen einfach mit der Situation überfordert. Er scheint nicht so richtig begriffen zu haben, worum es geht, Stichwort „Wucher“. Halten wir ihm also zugute, dass er die Lage nicht wirklich überblickt. Dann ist er nur ein weiterer Epigone, was seine bislang realisierten Gebäude grötenteils auch nahelegen.

Womit wir bei der Architektur wären. Der Platz sieht so aus:

Die arch+ wirft Kollhoff neben dem Zitat auch vor, sich am Architekturstil des Haus- und Hofarchitekten Mussolinis, Marcello Piacentini, orientiert zu haben. Das ist vermutlich nicht ernsthaft von der Hand zu weisen und passt in den rechten Kontext. Allerdings sind solche Verdächtigungen immer ein wenig schal, weil jedes Gebäude und jede Architektur irgendwo angelehnt ist – Architektur entsteht nicht aus dem Nichts – und weil Piacentini nicht Speer war. Die Unterscheidung zwischen der barbarischen Naziarchitektur und der faschistischen – auch jenseits von Terragni – muss man immer ihm Hinterkopf behalten. Ein bisschen Piacentini sollte man nicht wegen Faschismusverdacht rundherum abelehnen. Ähnliche Diskussionen gab es schon um das Verkleidungsmaterial Travertin: Darf man das noch benutzen, obwohl Mussolini damit baute?

Kollhoffs Platzarchitektur in Charlottenburg ist klassizistisch, aber wer wollte Kollhoff vorwerfen, dass er konservativ und phantasielos baut? So baut er nun mal. Wer einen Kollhoff bestellt, bekommt einen Kollhoff.

Man hätte den Platz natürlich architektonisch angenehmer gestalten können, aber in Berlin hat er einen Reiz: Es ist immerhin ein Platz, den man als solchen wahrnimmt, ohne mehrere hundert Riesenbäume, eben mit ein wenig italienischer Atmosphäre. Es ist ein Platz mit klaren Begrenzungen, eine urbane Angelegenheit, und das ist in Berlin schon fast ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt in Berlin unzählige zugewucherte anti-urbane und anti-humane Plätze, dass man bei dem Kollhoffschen mit Kritik vorsichtig sein sollte. Ob er von den Menschen angenommen wird, weiß ich nicht, aber der Springbrunnen ist zumindest für Kinder attraktiv. Und die Kolonaden wirken einladend.

Es ist ein italienisch anmutender Platz in Berlin, mit all der typischen Indifferenz. Bei der Kritik eines italienisch anmutenden Platzes in Berlin sollten deutsche Kritiker vorsichtig sein.

Hochproblematisch wird der Streit allerdings durch den Namen, den dieser Charlottenburger Platz trägt: Walter-Benjamin-Platz. Benjamin war bekanntlich Jude und brachte sich auf der Flucht vor den Nazis um. Das in den Boden des Walter-Benjamins-Platzes eingelassene Pound-Zitat ist eine offene Verhöhnung eines jüdischen Naziopfers.

Weite Teile der Architekturkritik sind verwirrt. Niklas Maak fühlt sich in der FAZ unsinnigerweise an die Gomringer-Debatte erinnert, gibt aber zu,

dass Kollhoff hier eine zumindest hochmissverständliche Zitatwahl getroffen hat.

„Zumindest hochmissverständlich“ beinhaltet indirekt den Antisemitismusvorwurf.

Thomas Steinfeld schreibt in der Süddeutschen, dass man über Architektur weniger reden solle, sondern sie sich anschauen.

Komischerweise distanziert sich arch+ nun ein wenig von sich selbst. Man habe nicht behauptet, dass Kollhoff Antisemit sei. Warum eigentlich nicht? Hat man Angst vor juristischen Auseinandersetzungen, die vor deutschen Gerichten böse enden könnten, wie der Justizsstreit von Ditfurth gegen Elsässer vor ein paar Jahren zeigte?

Nebenbei: Das aktuelle arch+-Heft über rechte Räume schießt in einigen wenigen Teilen übers Ziel hinaus. So wird beispielsweise allen Gegnern der Genderschreibweise (*innen etc.) mehr oder weniger offen unterstellt, rechts, rechtsradikal und antisemitisch zu sein. Da wird es dann doch offen lächerlich und die arch+ täte gut daran, sich hier nicht von Dumpfbackenfeministinnen über den Tisch ziehen zu lassen.

Die Kritik an Hans Kollhoff jedoch ist schlüssig: Ein klar antisemitisches Zitat, gerahmt von Mussolini-Architektur, auf einem Platz mit dem Namen Benjamins: Da ist eine Korrektur nötig. Von Kollhoff kommt dagegen nur das, was Rechte gerne tun: sich als Opfer präsentieren. Da reiht er sich ein in die alten weißen Männer von Walser über Münkler bis hin zu selbstverliebten Bloggern wie Alphonso von der Welt. Es ist eine einzige narzisstische Lächerlichkeit.

Insofern stellt sich am Ende nur eine Frage: Was ist eigentlich so besonderes daran, dass ein rechter deutscher Architekt ein Antisemit ist?

Eben.

(Fotos: genova 2019)

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o.T. 490

(Foto: genova 2019)

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Mein erster Domenig

Kürzlich war ein ganz besonderer Tag, in ich sah zum ersten Mal in meinem Leben einen echten Domenig, und zwar in einer Kleinstadt namens Leoben in der Steiermark.

Ein Tag also, den jeder anständige Mensch im Kalender ankreuzt. 1969 haben Günther Domenig und Eilfried Huth für den Stahlkonzern „Alpine Montangesellschaft“ ein Forschungs- und Rechenzentrum errichtet. Natürlich aus Stahl, und zwar aus Corten-Stahl, der kontrolliert rostet und dadurch seine Beschaffenheit im Laufe der Zeit ändert, so wie bei der FU Berlin. Außerdem war der Komplex noch ganz in strukturalistischer Manier entwickelt: Ein Versorgungskern mit vier weit auskragenden Seiten, jeweils dreigeschossig mit vielen kleinen Arbeitszellen und aufgrund der Form naturgemäß mit viel Licht.

Es sollte ein Demonstrativbau werden. Die Leobener nannten es Rost-Schwammerl. Es sei

„ein Symbol für die Kulmination des technischen Optimismus der sechziger Jahre, eine Architektur also, die mit jeder Faser technische Machbarkeit und Fortschritt demonstriert“

schrieb der famose, wie man sagt, österreichische Architekturkritiker Friedrich Achleitner dazu.

So sah das Gebäude ursprünglich aus:

Leider ist der Kasten mittlerweile totsaniert worden:

Ursprünglich war Rost ein wesentliches Merkmal, jetzt sind es silbrige Platten, außerdem sind die vorgehängten Sonnenblenden verschwunden. Der Charakter des Kastens ist ein komplett anderer.

Aus dieser Perspektive sieht man, wie wenig man sich damals um den Kontext scherte und wie angenehm das war:


So entstehen spannende Kontraste statt gepflegter Langeweile. Das nennt man auch „Stadt“.

Die Geschichte des Schwammerls ist ein typischer Fall:Die Alpine Montangesellschaft ging in der „Vöest Alpine“ auf – ein Name, der einem in der Region auf Schritt und Tritt begegnet -, das Gebäude wurde in dieser Form nicht mehr gebraucht, denn die obersteiermärkischen Stahlwerke bekamen Konkurrenz aus Fernost ein. Dann stieg ein privater Entwickler und sanierte. Der Denkmalschutz kam nicht in die Gänge und Architektur aus dieser Zeit hat keine gute Lobby. Das Ergebnis ist betrüblich. Architekten vergleichen die Philosophie des ursprünglichen Baus mit dem Centre Pompidou in Paris, und so gesehen ist nun aus einem Lévi-Strauss ein Dieter Nuhr geworden.

Deshalb war kürzlich nicht nur ein besonderer, sondern auch ein trauriger Tag.

Doch es gibt noch einige nicht verhunzte Domenigs, beispielsweise im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Obwohl erst 1998 gebaut, spürt man dort noch den innovativen Geist der 1960er. Wie man ihn auch noch im Rost-Schwammerl in Leoben spüren könnte, wäre man achtsam gewesen.

(Fotos: gat und genova 2019)

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o.T. 489

(Foto: genova 2019)

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Vom Wirsing in der Frankfurter Küche

Der altmodische Wirsing und die moderne Frankfurter Küche in einer Karrikatur von Martha Bertina aus dem Jahr 1930.

Titel: „Modernes Gemüse“

Das naturbelassene Gemüse ist zu unkontrolliert für eine funktionale, sachliche Küche. Eine Haltung, die wir heute nicht mehr teilen. Wir empfinden den Kontrast eines naturwüchsigen, wilden, unregelmäßigen und unübersichtlichen Wirsings auf einem modernen, schmucklosen weißen Tisch als angenehmen Kontrast. Die aktuelle Küchenwerbung spielt ständig mit diesem Gegensatz. Perlennasse Rohkost auf modern designter Apparatur. Ein unübersichtlicher Wirsing auf einem unübersichtlichen Tisch würde sich nach heutiger Meinung „beißen“. Interessant ist die Frage nach einem übersichtlichen modernen Wirsing. Dazu später.

Der Wirsing in der Frankfurter Küche 1930 war also eine sinnvolle kulturelle Entwicklung: Natürliche Lebensmittel in kulturell geprägter, funktionaler und menschlicher Umgebung. Genau diese Situation – funktionelle Küche, schöner Wirsing – hätte eigentlich den Endpunkt der Entwicklung darstellen müssen. Doch dummerweise sollte das natürliche Essen nun auch künstlich werden. Zuerst wurden aus Wirsing und Co. Foodprodukte von Dr. Oetker, Langnese und Wiesenhof. Es waren Produkte, bei denen das Rohprodukt nicht mehr erkennbar war und auch nicht sein sollte. Fischstäbchen stellten wohl den Höhepunkt oder auch nur die größte imaginierbare Perversion dieser Entwicklung dar.

Ihr Ende war in den späten 1960ern erreicht: Man aß künstlich und wohnte modern. Danach setzte eine Regression ein. Es gab eine scheinbare Rückbewegung zur Natur, zu natürlichem Essen, aber nur in der Theorie und im Branding. Heute kann man diagnostizieren: Je größer die Küche, desto weniger wird gekocht. Je bunter die Bilder in gesundheitsbewussten, wie man sagt, Kochbüchern, desto mehr life style steckt drin.

Der Trend geht weg vom Essen, hin zur Präsentation von Essen. Wichtig ist das Fotografieren des Essens.

Wir mögen das Bild des Wirsings auf dem modernen Tisch, am besten wassertropfenbesprenkelt, aber wir kochen ihn nicht. Er schmeckt uns auch nicht mehr, weil die Geschmacksverstärker fehlen. Es geht nur noch um Bilder fürs Instagram-Zeitalter, es geht um den Schein. Das muss reichen. Je seltener wir naturbelassenes Obst und Gemüse zubereiten und essen, desto wichtiger werden Bilder, die genau das suggerieren. Es ist die Konzenzration auf PR, die totalitär geworden ist.

Der Frau oben in der Karrikatur von 1930 gefiel der Wirsing nicht, aber sie bereitete ihn zu und aß ihn. Bei uns ist es umgekehrt.

Und das Küchendesign? Hier scheint sich die Moderne noch am ehesten gehalten zu haben. Postmoderne Küchen sind mir nicht bekannt, das postmoderne Küchenutensiliendesign von Alessi expandierte nicht ins Küchenmöbeldesign, warum auch immer.

Die Funktionalität der Küche – die funktionale Küche – wird heute so wenig in Frage gestellt wie in den 1920er Jahren zu Zeiten Margarete Schütte-Lihotzkys, der Erfinderin der modernen Küche. Doch der Blick aufs Essen hat sich vollständig geändert.

Die Entwicklung geht vermutlich weiter den Weg weg vom ganzen Fisch oder dem sich drehenden Spanferkel, wie auch weg vom Kohl, vom Broccoli und eben vom Wirsing. Das alles wird noch fotografiert, aber man wird es nicht mehr essen. Wir würden gerne zurück zu Natur, aber der Weg ist versperrt.

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o.T. 488

(Foto: genova 2019)

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Alltagsbalkondesign

Welch einfache Gestaltungsmöglichkeiten es doch gibt:

Der zweckmoderne Balkon bekommt eine Gitterstruktur, die ein wenig an Sprossenfenster und somit an einen anderen Stil erinnert und die rote Farbe hebt sich wirkungsvoll vom weißen Grund ab. Man könnte hier Pflanzen ranken oder es bleiben lassen. Ein simples Gestaltungselement, das Bruno Taut hätte einfallen können. Es zeigt, wie einfach Gestaltung sein kann, wenn man ein Ziel vor Augen hat.

(Foto: genova 2019)

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Das kapitalistische Paradies

Alexander Schwab (1887 bis 1943), Kommunist, Publizist und Architektursoziologe, schrieb 1930 in seinem „Buch vom Bauen“ über alte deutsche Städte wie Rothenburg ob der Tauber oder Nürnberg:

Von weither kommen die Menschen gereist, um solche Städte zu besichtigen. Meist wissen sie selbst nicht genau, was ihnen daran so gefällt. Wahrscheinlich ist es bei den meisten die unbewusste Sehnsucht zurück nach einer Zeit, die zwar gewiss nicht so idyllisch war, wie man sie sich heute gern vorstellt, – denn in all diesen Städten ist in ihrer Blütezeit viel Blut geflossen – aber doch nach einer Zeit, die nicht den wilden Konkurrenkampf des entfesselten Kapitalismus kannte. Wo so Giebel neben Giebel steht, ahnt man das wohlhabende oder auch bescheidene, aber wirtschaftlich sichere Leben, getragen und gehegt von der Zunft der Kaufmannsgilde, die dafür sorgen, dass jeder seine Nahrung bekommt, als Geselle, als Meister als Ratsherr.

Bürgerliche Romantik, ein Zurücksehnen nach besseren Zeiten, wohl auch ein Stück Angstgefühl vor den Problemen der Gegenwart und Zukunft, deren Bewältigung sich ein Kleinbürgergemüt nicht vorstellen kann, dazu sicher noch ein Blick durch die rosenrote Brille – kurz: Illusionen und die Selbsttäuschungen einer rückwärtsgewandten untergehenden Klasse, das ist es, was solche alten Städte populär machen.

Klingt auch neunzig Jahre später aktuell. Vielleicht ist der Unterschied, dass man heute die populären Altstädte in Großstädten wie Frankfurt wieder aufbaut – besser gesagt: eine verklärende Disney-Variante von ihnen – und sie komplett durchkapitalisiert. Die Menschen mit Kleinbürgergemüt, die heute von weither gereist kommen, um sie zu besichtigen, empfinden vermutlich die gleiche Sehnsucht nach dem bescheidenen, aber wirtschaftlich sicheren Leben, sie empfinden Angst vor den Problemen der Gegenwart und der Zukunft und haben die rosarote Brille auf. Und genau dort, in diesen verheißungsvollen Räumen, dem Paradies, tobt sich das Kapital besonders erbarmungslos aus.

Alexander Schwab bezeichnete sich völlig selbstverständlich als Kommunisten. Heute macht das kaum jemand mehr. Ein weiterer Sieg des Kapitals. Die einzig vorstellbare Welt ist heute eine kapitalistische und auch das Paradies kann nur eine solche sein.

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Warum die Neue Zürcher Zeitung der Dummheit Platz einräumt

Nichts Neues, aber immer wieder verblüffend: Die neoliberale Dauerpropaganda der Öffentlichkeitsarbeiter des Kapitals. Heute: Eric Gujer, immerhin Chefredaktor, wie man in der Schweiz sagt, der Neuen Zürcher Zeitung.

Die NZZ ist grundsätzlich lesenswert, und gerade deshalb überrascht das Niveau von Gujer. Der sorgt sich um die Wirtschaft in Berlin, weil der dortige Senat nun einen Mietendeckel beschlossen hat. Seine Argumentation geht so:

Das Labor des strukturkonservativen Staatssozialismus ist das – wie in den zwanziger Jahren – tiefrote Berlin, wo auf Landesebene ein Bündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen regiert. Der Senat verabschiedete deshalb diese Woche einen Gesetzentwurf, der die Mieten auf fünf Jahre einfrieren will. Dieses Vorhaben demonstriert eine von links bis rechts reichende Geisteshaltung, die mit einer beinahe blindwütigen Abwehrhaltung auf Veränderungen reagiert.

Eine Abwehr von schon lange explodierenden Mieten ist also böse, weil man „Veränderungen“ begrüßen muss. Verräterisch der Hinweis Gujers auf die zwanziger Jahre, wo dank dieses „Staatssozialismus“ in Wahrheit massenhaft gute, neue Wohnungen entstanden, dank einer hohen Abgabe der Hausbesitzer – Hauszinssteuer – und staatlicher Interventionen. Gujer hätte es wohl lieber gesehen, wenn die Leute in feuchten Löchern wohnten. In marktkonformen feuchten Löchern. Aber vielleicht ist Gujer einfach ungebildet.

Dann spannt der Kamerad – 56 Jahre alt und seit vier Jahren Chef der NZZ – einen Bogen zu innovativen Unternehmen, die, wegen des Mietendeckels, in Berlin und Deutschland nun nicht entstehen:

Der Mietendeckel ist eine Metapher für Deutschland. Wie der Berliner Altmieter verteidigt das ganze Land seinen Besitzstand gegen die Zumutungen einer sich wandelnden Welt. Die lange Zeit hohen Wachstumsraten schwächen sich ab … Es ist daher nicht ausgemacht, dass Deutschland in zehn Jahren noch genauso gut dasteht wie heute … Vor allem schafft das Status-quo-Denken nichts Neues, kein Facebook, kein Google, keinen Tesla, keine einzige der erfolgreichen Firmen aus dem Silicon Valley. Der technologische und gesellschaftliche Fortschritt wird ausgeschaltet. Ohne ihn wäre Deutschland aber noch immer ein Kaiserreich mit Pferdefuhrwerken.

Die Mietendeckelmetapher steht offenbar dafür, dass der Fortschritt gedeckelt wird, und zwar von den bösen Linken. Merke: Je höher die Mieten in Berlin, um so erfolgreicher wird sich dort die Wirtschaft entwickeln. Wer Mieten deckeln will, will auch Pferdefuhrwerke zurück. Je höher die Miete, um so größer der Fortschritt. Kapitalismusimanent ist das in der Tat so.

Derzeit beliebt bei solchen Leuten ist auch das Argument, der Mietendeckel priviligiere die Altmieter. Das ist argumentativ ungefähr so, als würde man bei zum Tode Verurteilen eine Begnadigung ablehnen, denn die priviligiere jene von denen, die nicht begnadigt werden.

Nicht fehlen darf bei Herrn Gujer naturgemäß der Hinweis auf Venezuela und die DDR.

Der ganze Artikel ist eine einzige Absurdität, was den Gedanken aufkommen lässt, solche Texte künftig kommentarlos auf Kabarettbühnen vorzulesen. Man müsste kein Komma ändern, es passte.

Laut wikipedia vertritt Gujer einen „bürgerlich-liberalen Standpunkt, welcher für die Rechte des Individuums eintritt“. Auch das kann man eins zu eins ins Kabarettprogramm übernehmen.

Ich bin immer wieder erstaunt. Jeder halbwegs talentierte Fünftklässler kann die Argumentation von Leuten wie Gujer auseinandernehmen. Und mir ist die Zeit zu schade, diese Aufgabe hier anzugehen.  Dennoch erscheinen diese Argumentationen in Zeitungen, die in allen anderen Resorts Artikel dieses Niveaus völlig zurecht ablehnen würden. Es erinnert an Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung. Geht es um die Kapitalverwertung, ist die Dummheit so willkommen wie grenzenlos. Gujer und seine Kameraden sind Fundamentalisten, religiösen Eiferern nicht unähnlich. Egal, wie blöd das Argument, es muss stimmen, denn es kommt von oben. Wenn Hajek, der Gott der Neoliberalen, behauptet hätte, eins plus eins ergebe drei, dann würde Gujer das ebenfalls behaupten, vermutlich sogar in der NZZ. Die Unbildung, die Dummheit gehören dazu, bei religiösen wie bei neoliberalen Eiferern.

„Strukturkonservativ“ ist übrigens ein gern gebrauchter Vorwurf genau der Leute, die jene Strukturen konservieren wollen, die ihnen die dauerhafte Ausbeutung der Masse ermöglichen. Gerne in blindwütiger Abwehrhaltung.

Besorgniserregend könnte sein, dass Gujer Mitglied im „Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland“ ist. Der will „„zu einer konstruktiven und öffentlichen Diskussion über die geheimen Nachrichtendienste sachlich“ beitragen. Hoffen wir mal, dass dort Gujers skurrile Kapital-Propaganda keine Rolle spielt.

Man kann angesichts solcher Ergüsse wie der Gujers immerhin hoffen, dass die Logik der allumfassenden Kapitalverwertung früher oder später zusammenbricht. Wenn das Kapital keine besseren Argumente mehr hat, wird es untergehen, der Situation vor 1789 oder 1989 nicht unähnlich. Wer den Leuten weismachen will, dass nur Mieten oberhalb von 20 Euro den Quadratmeter fähige Kreative anzieht, hat eigentlich nichts mehr zu melden.

Lassen wir also die Gujers, die Köppels und andere – übrigens auffallend oft Rechtsradikale – weiter tippen. Irgendwann richten sie sich damit selbst.

(Foto: genova 2017)

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