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(Foto: genova 2018)

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Notre Dame: Das Dach und die Katastrophe

Der Brand der Kirche Notre Dame in Paris zeigt, wie schnell bürgerliche Medien intellektuell kapitulieren. Sie wittern gewissermaßen die Möglichkeit, einen Ausnahmezustand zu schaffen, der der Selbstinzenierung dient. Emotion, Pathos, Klebrigkeit.

Die Presseschau des Deutschlandfunks vom Mittwochmorgen zeigt das Ausmaß der Katastrophe:

„Das Geld verbeugt sich vor der Kultur“, schreibt die Osnabrücker Zeitung, weil irgendeine „Milliardärsfamilie“ angekündigt hat, 100 Millionen Euro zu spenden. Wie diese Familie zu ihren Milliarden gekommen ist, spielt naturgemäß keine Rolle. Und dass diese flotte Spendenankündigung noch vor dem Erlischen des Feuers eine prima PR-Aktion ist, auch nicht. Die Meldung ging in den deutschen Medien ebenfalls rauf und runter, immer mit Namensnennung des Milliardärs.

Die Zeitung verbeugt sich vorm Kapital, wäre die passendere Zeile gewesen.

Die Restaurierung der Kirche wird vermutlich das weltweit finanziell sorgenfreiste Projekt. Die UN wird Geld geben, Friedrich Merz will es tun und auch ein König in der Elfenbeinküste hat eine Spende angekündigt. Die Spender stehen Schlange und in ein paar Tagen wird man nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld.

Diese Osnabrücker Zeitung scheint in der Tat nicht die hellste Leuchte zu sein. Sie kommentiert weiter:

„Im gemeinsamen Entsetzen haben viele Menschen ihr verbindendes Grundverständnis von ideellem Wert, Zusammenhalt, ja Schönheit neu entdeckt. Jetzt setzt die Brandkatastrophe von Paris ungeahnte Energien frei. Mit einem Mal dominieren ideelle Werte sogar den scheinbar alles beherrschenden Markt.“

Vielleicht betrachtet der Kommentator diese Sätze als Kapitalismuskritik, wer weiß. Und noch besser:

Wichtiger als alles Geld ist die Tatsache, dass Europa mit dem Wiederaufbau eine gemeinsame Aufgabe gefunden hat. Das eint aufs Neue.

Europa hat nun die Aufgabe, ein neues Dach zu bauen. Ich hoffe, Martin Sonneborn hat sich in die Redaktionsräume geschmuggelt. Falls nicht, fordere ich ein sofortiges Zeitungssterben.

Die Stuttgarter Zeitung bewegt sich auf vergleichbarem Niveau:

Macrons Worte weisen über Finanzielles und Bautechnisches hinaus. Aus ihnen spricht die Hoffnung, dass dieser Schock ein heilsamer sein möge, dass die Nation wieder mehr zusammenrückt.

Abgesehen vom falschen Konjunktiv: Eine angekokelte Kirche soll dazu führen, dass die Nation, wer auch immer das sein möge, zusammenrückt.

Auch die Reutlinger Zeitung hat Visionen:

Vielleicht hat der fürchterliche Brand manchem bewusst gemacht, dass es doch so etwas gibt wie ein europäisches Bewusstsein und Zusammengehörigkeitsgefühl jenseits nationaler Egoismen.

Man glaubt es kaum.

Die Westfälischen Nachrichten wünschen, dass

der gemeinsam erlebte Schmerz in ein französisches und ein europäisches Wir-Gefühl mündet.

Es beschleicht einen das Gefühl, dass man die deutschen Regionalzeitungen allesamt in die Tonne kloppen kann.

Die FAZ immerhin ist ein wenig schneller wieder bei der Tagesordnung. Sie bekrittelt heute, dass die Grünen „den Kern unserer Marktwirtschaft beschädigen.“ Man ist geradezu beruhigt, Vertrautes zu lesen.

Auch wenn man den Deutschlandfunk an diesem Morgen ein paar Minuten länger hört, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier, wo man sich sonst gerne rational und intellektuell gibt, brechen die Dämme. Notre Dame wird flugs zum „Herz Europas“ erklärt – ich dachte bislang, das sei das Brandenburger Tor! – und die Bilder des Brandes rufen „Erinnerungen an das World Trade Center und den 11. September wach“.

Dann wird Margarethe von Trotta interviewt, die 1986 noch das Leben der Rosa Luxemburg verfilmte und ein paar Jahre vorher in Die bleierne Zeit sich um die RAF-Geschichte kümmerte. Sie lebt nun in Paris, was sie schon für den DLF qualifiziert, und sagt, „die ganze Stadt praktisch“ habe gestern gebetet. Was man halt so sagt, wenn man morgens um sieben angerufen wird.

Übel wird es ein paar Sekunden später.

„Ist das wieder so ein Moment, in dem Frankreich ganz bei sich ist, ganz geeint?“, fragt die Moderatorin, und von Trotta stimmt zu:

Das glaube ich schon. Ich bin jetzt natürlich sehr gespannt, ob die Gilets Jaunes jetzt immer noch so marschieren wie vorher, oder ob sie das jetzt auch begreifen, dass Frankreich doch irgendwie eine Einheit sein muss.

Irgendwie ist das Dach kaputt und irgendwie sollen die Gelbwesten deshalb nun die Klappe halten.

Spätestens hier kommt einem der Gedanke, dass Macron, den Neoliberalen und den französischen Milliardären der überschaubare Brand ganz gelegen kommt. Man kann an die Einheit der Nation, die der Kapitalismus tendenziell zerstört, apellieren und gleich noch den Gelbwesten eins mitgeben. Macron soll sogar vor Kameras geweint haben. Das kommt gut. Die Medienmaschinerie ist gut geölt und ein kaputtes Dach wird flugs zur nationalen Katastrophe und zur Erweckung gleichermaßen erklärt.

Ohne das Dach wäre Europa verloren, so viel steht fest.

Ich hatte richtig Angst, dass er nicht weiterreden kann und dass ihn die Rührung dann doch überwältigt,

sagt von Trotta zur Rede Macrons, und wenn schon die Rosa-Luxemburg-Regisseurin hier mit dem Präsidenten mitleidet, dann haben das ein paar andere Franzosen sicher auch getan.

Aber, Gott sei Dank: Die Dornenkrone Christi wurde gerettet:

„Ich glaube, das ist jetzt in dem ganzen Unglück für viele dann doch noch ein Zeichen, dass da noch eine andere Macht besteht“, plappert von Trotta weiter. 6So wird es sein.

Notre Dame ist kunsthistorisch von großem Wert, aber der Schaden ist überschaubar. In erster Linie ist das Holzdach verbrannt und in das Kircheninnere gefallen, plus der schlanke Turm. Das war´s. Fast alles ist noch da. Man könnte jetzt ja darüber diskutieren, ob man nicht ein cooles zeitgemäßes Dach draufsetzt, das ginge auch schnell, aber mit diesem Vorschlag würde man  bestimmt die Einheit der Nation und das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl aufs Spiel setzen. Also ein no go.

Man könnte auch fragen, ob Notre Dame nicht vielmehr ein Zentrum reaktionärer und menschenfeindlicher Politik war und ist. Dann wäre der Brand gerade zu ein Anlass für ein neues Dach und einen neuen Turm.

Die Nation und ähnlicher Quatsch haben bei einem kaputten Dach Hochkonjunktur. Eine Nation im Neoliberlismus hat nur noch bei Quatsch Hochkonjunktur. Oder bei Rechtsradikalen. Der Kitt der Zwangsgemeinschaft wird durch ins Irreale aufgeblasene Dachschäden hergestellt.

„Wer diese Bilder gesehen hat, vergisst sie nie“, sagt von Trotta noch, laut DLF auch „Expertin für Bilder und ihre Sprache“.

Hoffentlich gilt das Gleiche nicht für diese Berichterstattung.

 

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„… überall eingreifen, wo ein Uebel vorliegt“

1845 schrieb der Herausgeber der Zeitschrift für practische Baukunst, Johann A. Romberg, die öffentliche Hand müsse für Wohnraum sorgen und den Boden zur Verfügung stellen:

Die Verwaltung hat diese Pflicht, weil sie überall da eingreifen muss, wo ein Uebel vorliegt, was durch Private nicht beseitigt werden kann.

Klingt aktuell, es scheint sich aber seitdem nichts geändert zu haben. Unsere heutigen Asozialen (umgangssprachlich skurrilerweise „Politiker“ genannt) wehren sich mit Händen und Füßen gegen jede sinnvolle Linderung der Wohnungsnot. Ihre Rolle als Erfüllungsgehilfen kapitalistischen Strebens wollen sie nicht aufgeben, vermutlich, weil sie dann gar keine Rolle mehr hätten. Der Kaiser wäre nackt.

FAZ-Redakteur Niklas Maak, in dessen Buch  Wohnkomplexhier von mir schon einmal besprochen – dieses Zitat abgedruckt wurde, lenkt die Aufmerksamkeit auch auf das falsche Bauen, dem wir seit Jahrzehnten – eigentlich seit zaghaften Änderungsversuchen in der Weimarer Republik – ausgesetzt sind:

„… der Bau von Wohnungen, die nichts mit dem Leben ihrer Bewohner zu tun haben.“

Maak beschreibt die aktuelle Realität, die seit 50 oder 100 Jahren angelegt wird:

Die bauliche Form erzwang dabei fast den Lebensentwurf: Vater, Mutter, Kind, Haustier, dazu die Großraumlimousine im Carport. Schon auf die Frage, wie mit pflegebedürftigen Eltern, mit Freunden und deren Kindern zu wohnen wäre, halten diese Bauformen keine Antwort bereit… Der Standardisierung der Lebensformen entspricht die Standardisierungder öffentlichen Räume: Wenn man sich trifft, dann als Zuschauer bei Veranstaltungen oder in kommerziell überformten öffentlichen Räumen, in denen soziale Rituale durch Konsumhandlungen vorgezeichnet sind: Man muss, um sich dort aufhalten zu dürfen, Getränke oder Essen bestellen, eine Kinokarte kaufen oder, beim Ladenbummel, wenigstens Kaufabsichten vortäuschen….

Diese Normalität heutiger Städte haben wir so verinnerlicht, dass wir bei der bloßen Beschreibung der Realität uns die Augen reiben.

Dann beschreibt Maak eine Vision:

Aber jedes gute Haus beweist, dass Architektur Gesellschaft und Lebensformen verändern kann: Jedes Haus, in dem die Isolation der Bewohner aufgehoben wird, in dem man morgens nicht in einer dunklen Küche frühstückt, sondern auf einer Dachterrasse oder einem Wintergarten: in dem die Kinder aus der Küche in einen großen gemeinsamen, urwaldartigen Riesengarten rennen können; jedes Haus, das die Trennung von Arbeitswelt und Wohnen aufhebt und beides in einer neuen Form von Wohnlandschaft verbindet, jedes Haus, das beweist, dass es neben den Lebensmodellen Wohnung oder Haus für Singles oder Kleinfamilien noch andere denkbare Wohn- und Lebensformen gibt; jedes Haus, in dem man, weil es intelligenter geplant und gebaut ist, weniger monatliche Rate oder Miete zahlen muss und deswegen entsprannter, freier, gelassener wohnen kann, verändert die Gesellschaft.

Angesichts der aktuellen Diskussionen übers Bauen und über Wohnungsnot lesen sich solche Gedanken wie aus einer fernen Welt. Über die Qualität des Gebauten, gar über neue Wohnformen, macht sich kein Mensch mehr Gedanken. Man freut sich schon, wenn man dem Kapital minimale Zugeständnisse abverlangen kann, alles weitere ist im Bereichvon irrealen Heilsversprechen. Es geht sozusagen ums nackte Überleben, aber dennoch leben wir gemäß der offziellen Richtlinien in der besten aller Welten.

Wohnbauten haben in der aktuellen Gesellschaft nur noch zwei Funktionen: einerseits die Möglichkeit, Kapital zu parken, andererseits die Betonierung überkommener Gruppenbilder. Wohnungen sind nach wie vor größtenteils für die immer weniger werdende Kleinfamilie gedacht und weitergedacht wird nicht. Früher räsonnierte man über staatliche Wohnungsbauforschung, über Wohungsausstellungen, über IBA und Interbau.

Heute zahlt man 5.000 Euro pro Quadratmeter für sowas in Berlin-Kreuzberg:

Schwungvoll, dynamisch, nett anzusehen. Man wagt etwas. Ein kurzer zweiter Blick zeigt, dass die Balkons praktisch nicht nutzbar sind, weil zu schmal und im spitzen Winkel zugeschnitten. Und angesichts der fehlenden Rollläden möchte man in diesen Südwohnungen keinen warmen Sommer erleben. Jeder Sozialwohnung der 1950er Jahre war praktischer. Auf Nachfrage erzählen einem Makler gerne, dass die erwähnten Probleme in der Praxis nicht existierten, weil dort sowieso keiner einziehe. Man wolle nur sein Geld parken.

Was fehlt, ist die staatliche Ermutigung solcher Architektur.

schreibt Maak noch und diese Beobachtung ist so richtig wie naiv. Der Staat ist Erfüllungsgehilfe des Kapitals und das macht seinen Schnitt ganz gut ohne staatliche Ermutigungen, ohne Instandsetzungen zur Selbsthilfe, ohne den Versuch, die Beteiligten zum Mitmachen aufzufordern.

Der Immobilienmarkt ist die lukrativste Branche, die auf Dauer perfekt funktioniert. Es ist und bleibt oberstes Gebot der kapitalistischen Logik, dass da niemand hineinpfuscht. Pfusch am Bau ist tolerabel, Pfusch bei der Ausbeutung bleibt nicht ohne Sanktionen.

Also lasset die Hirten gewähren.

(Foto: genova 2016)

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Architektur und Alltag 4

Eine Kirche im lombardischen Veltlin (Valtellina). Irgendwann als einfache Natursteinkirche gebaut, wurde sie wohl im 17. Jahrhundert barock aufgemotzt. Sie bekam eine neue Fassade, deren Giebel – ganz typisch für unzählige solcher Umbauten damals – weit höher  als das Hauptschiff angelegt wurde.

Irgendwann ging offenbar das Geld aus und man stoppte die Umbauarbeiten. Exakt in diesem Zustand steht diese Kirche nun seit 300, 400 Jahren auf einer öden Freifläche an einer stark befahrenen Straße.

Die Fassade ist ziemlich genau zur Hälfte auf barock getrimmt mit Pilastern und einer Gesimsstruktur, die vorher nur im Ansatz vorhanden war. Bemerkenswert sind vielleicht noch die beiden Türme, die wohl zu verschiedenen Zeiten aufgesetzt wurden, aber eben, ohne den vorherigen abzutragen.

Das Gotteshaus, wie man sagt, hat wahrscheinlich nicht mehr seine eigentliche Funktion. Es steht auch merkwürdig aussätzig neben dem Dorf. Warum, wäre zu erkundigen.

Die Kirche ist ein weiteres der unzähligen Beispiele von toleranter Architektur im Süden. Man baut etwas, die Zeiten ändern sich, man baut weiter, um ab, aber man zerstört nicht. Und so sehen wir eine Art Architekturfreilichtmuseum, der dem Interessieren für Stunden lehrreichen Lesestoff bietet.

(Fotos: genova 2017)

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Über Enteignungen und die Ausbeuter von Berlin

Angesichts der gestrigen Berliner Demo gegen den „Mietwahnsinn“ mehren sich die Forderungen nach Enteignungen von Großkonzernen im Immobiliensektor. Nach repräsentativen Umfragen ist eine deutliche Mehrheit der Berliner dafür. Kommunale Wohnungen könnten vor Profitjagd geschützt werden und es bestünde keine Notwendigkeit mehr, die maximal mögliche Rendite zu erzielen.

Bevor wir, wie man sagt, über dieses Thema sprechen, sollten wir uns noch einmal an die bis vor ein paar Jahren übliche Immobilienpolitik in Berlin erinnern. Nur ein Beispiel:

2004 verkaufte das Land Berlin – unter dem Finanzsenator Thilo Sarrazin – die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GSW an einen privaten Investor, wie man sagt. Der damals erzielte Quadratmeterpreis lag bei weniger als 500 Euro, Sarrazin war in den Verhandlungen schon mit weniger zufrieden. Marktüblich waren damals 1.100 Euro, heute sind die Wohnungen 3.800 Euro pro Quadratmeter wert. Da ich weder der SPD noch der damals mitregierenden Linkspartei unterstellen möchte, sie wollten dem Kapital unbedingt einen Riesengewinn zuschaufeln, muss man von gigantischer politischer Dummheit ausgehen.

Sarrazin gilt übrigens bis heute als rational denkender Finanzexperte.

Gestern nun startete ein schon im Vorfeld medial vielbeachtetes Volksbegehren für Enteignungen bzw. Vergesellschaftungen der großen Immobilienkonzerne ab einem Besitz von 3.000 Wohnungen. Davon wären vier Konzerne betroffen, unter anderem die Deutsche Wohnen mit 112.000 Wohnungen.

Enteignungen an sich sind ein sinnvolles Mittel, um der kapitalistischen Barbarei Einhalt zu gewähren. Wer enteignet wurde, kann keinen Mehrwert mehr kassieren.

Was sagt das Grundgesetz?

Artikel 14:

1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.

 

Es sollte nicht allzuschwer sein zu belegen, dass keiner der großen Player am Immobilienmarkt dem Wohl der Allgemeinheit dient, sondern nur dem Wohl der eigenen Bilanz. Insofern wäre eine Enteignung zum Wohl der Allgemeinheit nicht nur zulässig, sondern geradezu zwingend nötig. Laut Grundgesetz, wohlgemerkt.

Artikel 15 ist noch interessanter:

Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.

 

Grund und Boden können also in Gemeineigentum überführt werden. Allerdings ist das noch nie passiert. Es bräuchte erst einmal ein Gesetz, das die Entschädigungen regelt. Die grüne Bundestagsabgeordnete für Berlin-Friedrichshain und -Kreuzberg, Canan Bayram, sagt laut dem Berliner Mieterverein über ein angepeiltes Vergesellschaftungsgesetz des Landes Berlin (das ginge wohl), es sei

„ein Notwehrrecht gegenden Bundesgesetzgeber, der die Mieter ungeschützt dem unkontrollierbaren Markt und damit den Spekulanten überlässt.“

Das ist nachzuvollziehen. Der Bundesbauminister, also der Innenminister, hat offenbar keinerlei Interesse an preiswerten Mieten, sondern am Schutz der Kapitalrendite im Immobilienmarkt. Die Preissteigerungen alleine der letzten zehn Jahre zeigen das.

Außerdem sei „nach vorherrschender Rechtsmeinung“, wie der Berliner Mieterverein weiter ausführt, „die Entschädigung bei Vergesellschaftungen niedriger als der Verkehrswert“. Deshalb müsse „den Unternehmen nicht annähernd der Marktwert gezahlt werden“.

Ein Entschädigungsgesetz wäre politisch auszuhandeln, also ganz konkret: Die Höhe der Entschädigung müsste politisch festgelegt werden und später vor Gericht bestehen. Vielleicht sollte man nicht so viel Vertrauen in einen kapitalistischen Rechtsstaat haben, dass er den Artikel 15 im Ernstfall wirklich sozial auslegt. Steigen wir dennoch kurz laienhaft in diese juristische Diskussion ein.

Am besten wäre natürlich, man würde die Immobilienhaie exakt mit dem abfinden, was sie vor Jahren für die Wohnungen gezahlt haben. Also knapp 500 Euro für den Quadratmeter im Fall GSW. Sie hätten immer noch zehn bis zwanzig Jahre massive Profite eingefahren. Die Initiatoren des Volksentscheids rechnen mit Entschädigungszahlungen von insgesamt sieben Milliarden Euro für die vier größten Berliner Immobilienunternehmen, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit 30 Milliarden Euro.

Die Zahlen schwanken dermaßen, weil man juristisches Neuland betritt. Angesichts der Prognosen, die einen weiteren Bevölkerungszuwachs in vielen Gegenden Deutschlands annehmen, würde sich die Auseinandersetzung lohnen, und bis zu den Wohnpreisen von Paris oder London ist noch viel Raum.

Grund und Boden können zum Zwecke der Vergesellschaftung enteignet werden, so die juristische Grundlage des GG. Und noch einmal: „Art und Ausmaß“ soll ein Gesetz regeln. Art und Ausmaß festzulegen, sind also Sache der Politik, nicht des Kapitals und nicht der Gerichte.

„Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen“, Artikel 14. Die Interessen der Allgemeinheit sind günstige und gute Wohnungen für alle. Das ist heute ohne Weiteres machbar, im Wege steht dem nur die Profitgier des Kapitals, was auch die kapitalistische Logik der Bodenpreisfestsetzung beinhaltet. Das Interesse der beteiligten Immobilienkonzerne ist einzig die maximal hohe Rendite. Was wiegt schwerer? Die Antwort sollte einem Gericht leichtfallen, zumal irgendwo im GG noch steht, dass die Bundesrepublik ein „sozialer Bundesstaat“sei. Das Interesse dieser Konzerne, viel Geld auf Kosten und mit der Not anderer zu machen, ohne irgendetwas Produktives zu leisten, sollte vor dem Allgemeininteresse gelten. So weit meine laienuristische Auslegung.

Enteignungen – eventuell mit minimaler Entschädigung – sind also vom Grundgesetz vorgesehen und könnten politisch umgesetzt werden, um der kapitalistischen Barbarei zumindest den Stachel zu nehmen. Und genau deshalb müssten die Initiatoren des Volksentscheids für Enteignungen, der nun gestartet ist, darauf drängen, dass es nur um minimale Entschädigungen gehen kann. Das Kapital muss bluten, um es einmal folkloristisch zu formulieren.

Es ist auch eine Branche, bei der die sonst üblichen Drohgebärden des Kapitals nicht fruchten. Sie können ihre Produktion nicht ins Ausland verlagern und Arbeitsplätze gibt es dort auch keine, die verloren gingen. Das private Kapital braucht zumindest im Wohnungssektor kein Mensch. Es wäre ein Segen für alle, wenn sie ihre Abwanderung ankündigte. Die Stadt Berlin wäre ohne dieses private Immobiliengesocks von einer Geisel befreit. Kurz gesagt: Die private Immobilienbranche ist in begehrten Lagen ein Klotz am Bein, eine Ausbeuterin, ein Parasit, was auch immer. Kommunalpolitiker in Wien beispielsweise sagen klipp und klar, dass private Wohnungsbauinvestoren nicht erwünscht sind.

Parteipolitisch sieht das in Berlin so aus: Die Linkspartei unterstützt den Volksentscheid, die Grünen in Berlin wohl auch, die SPD eher nicht. Die sozialdemokratische Spitzenkandidatin für die Europaparlamentswahl, Katarina Barley, meint, Wohnen „ist die soziale Frage unserer Zeit“, kriegte aber nicht einmal eine funktionierende Mietpreisbremse hin. Man muss leider immer wieder auf die vergangenen zehn oder zwanzig Jahre hinweisen: Die agierenden Parteien haben sich allesamt als unfähig erwiesen. Warum denen noch etwas glauben? Vielleicht, weil einem angesichts der momentanen gesellschaftspolitischen Kräfteverhältnisse nichts anderes übrig bleibt.

Die AfD will übrigens die komplette Privatisierung der kommunalen Wohnungen. Das haben selbst die Original-Nazis besser hinbekommen.

—————————–

Dass der Artikel 15 dem Kapital durchaus Probleme bereiten könnte, würde er ernsthaft angewendet, zeigt diese Meldung aus der FAZ:

„Dieses Relikt aus der Nachkriegszeit stiftet immer wieder Unfrieden, ist bis heute aber kein einziges Mal angewendet worden“, sagte Buschmann (der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion). Es sollte aus dem Grundgesetz entfernt werden. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte dem „Handelsblatt“: „Eine Streichung des Artikel 15 GG würde die Achtung des Gesetzgebers vor dem Eigentum dokumentieren.“

Aus Sicht der FDP ist das konsequent, denn der Artikel könnte eine Gefahr für die Rendite sein. Unfrieden kann man beim Ausbeutungsgeschäft nicht gebrauchen. Grund und Boden sind eine einmalige Renditequelle, da sie nicht vermehrbar sind. So ein nettes Ausbeutungsinstrument lässt man sich nicht gern aus der Hand nehmen. Die Unruhe in der FDP – immerhin geht es hier um eine Grundgesetzänderung, für die eine Zweidrittelmehrheit erforderlich wäre – ist ein Zeichen dafür, dass das GG durchaus antikapitalistisch gelesen werden kann und auch in diesem Sinn verfasst wurde.

Der  Tagesspiegel aus Berlin versteht sich, wenn es Ernst wird nach wie vor als Bollwerk des Kapitals. Der Chefredakteur Maroldt brachte gestern diesen skurrilen Vergleich:

Die Enteignungsforderung sei

„struktureller Konservatismus… Das ist seit jeher und überall der Grund und Boden für simple Antworten auf komplexe Probleme und für schnelle Urteile bei der Suche nach den Schuldigen für unangenehme Veränderung. Deshalb will Trump an der Grenze zu Mexiko eine gigantische Mauer bauen. Und deshalb wollen Aktivisten und Teile der Berliner Koalition große Wohnungsgesellschaften enteignen.“

Das war schon bei der Debatte um die Agenda 2010 vor 15 Jahren ein beliebtes Mittel der Rechten: Diffamierung von oben. Damals waren die Gegner der „Reformen“ gerne „Besitzstandsbewahrer“. Diese Besitzstandsbewahrer arbeiten heute vermutlich für den Mindestlohn. Heute sind die Leute, die gestern am Alex demonstriert haben, so tumb und idiotisch wie Trump. Es ist das Bildzeitungs-Niveau aus der 68er Zeit.

Von Enteignungen abgesehen wäre die vernünftigste Lösung für das Wohnungsproblem wohl nach wie vor das, dass ausschließlich renditefreie, also Unternehmen der öffentlichen Hand bauen dürfen. Thomas Fricke schreibt in seiner Kolumne auf Spiegel-Online, dass vor 20 Jahren nur „40 Prozent der Wirtschaftsleistung in den entwickelten Volkswirtschaften“ Immobilienkredite ausmachten – heute seien es 70 Prozent. Geld fließt massenhaft in Häuser, die immer teurer werden, ohne sich zu verändern – Luxussanierungen gibt es praktisch nicht.

Insofern ist das Volksbegehren zu zahm: Warum erst ab 3.000 Wohnungen enteignen? Warum nicht ab der zweiten, nämlich ab jeder nicht selbst bewohnten?

Bauen nur noch zum Selbstkostenpreis plus komplett enteignete Böden – das Wohnen für alle für fünf bis acht Quadratmeter warm wäre eine Selbstverständlichkeit. Man könnte das Teilzeitkommunismus nennen: Solidarität zumindest dort, wo es ohne sie zum totalen Kapitalkrieg kommt.

Falls jemand nun behauptet, das seien linksradikale Visionen, für den sei Hans Jochen Vogel von der SPD zitiert (vor eineinhalb Jahren in der Süddeutschen Zeitung):

Von 1962 bis 2015 seien bundesweit die Baulandpreise um 1600 Prozent und die Mieten um 495 Prozent gestiegen, der normale Preisindex hingegen nur um 302 Prozent – eine Entwicklung, die bereits Anfang der Siebzigerjahre abzusehen gewesen sei. „Im Gegensatz zu damals gibt es heute aber noch nicht einmal eine öffentliche Diskussion darüber“, schreibt Vogel. Es sei sogar „im Laufe der Zeit der Eindruck entstanden, dass man damit eben leben“ müsse. „Aber ich sträube mich dagegen, dass das Gemeinwohl auf diesem Gebiet vor der Macht des Marktes kapituliert“, so der 91-jährige SPD-Politiker…

In der Tat sind vernünftige Forderungen aus der politischen Mitte heute linksradikal. Soviel auch zur abstrusen Behauptung, Angela Merkel sei politisch in die Mitte oder gar nach links gerutscht. Sie steht ökonomisch weit rechts, treu auf der Seite der Ausbeuter.

Die kapitalistische Bestie – also ein Teil von uns allen – wird naturgemäß alles tun, um das zu verhindern.

P.S.: Interessant ist auch Artikel 24 der Verfassung von Berlin:

„Jeder Missbrauch wirtschaftlicher Macht ist widerrechtlich.“

Das ist eine schöne Vorlage, wenn nicht ein Gebot, den Kapitalismus in Gänze zu zerschmettern.

Lasst es uns angehn.

(Fotos: genova 2018)

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Italia moderna – sette

Ein in der Tat bemerkenswertes Gebäude aus den 1970ern im lombardischen Lodi:

Vermutlich ist es ein Anbau der benachbarten Kirche, mutig und souverän. Sichtbeton und heute vermutlich mit dem Trendbegriff Brutalismus belegt, hat es durch die Rundungen auch etwas Organisches und der angedeutete Vorgarten mit dem Bäumchen zwingt das Gebäude, einen Schritt zurückzutreten, was für den Betrachter die Massivität etwas reduziert.

Das Gebäude ist auch ein schönes Beispiel für die These, das das kontextbezogene Bauen, das immer wieder mal gefordert wird, meist ein regressiver Mythos ist. Man will einfach keine Veränderung und bemäntelt diese Haltung mit der Forderung nach Rücksicht. Die einzige Rücksicht, die man diesbezüglich nehmen sollte, ist der Schutz vor Abriss.

Verkaufsräume einer Möbelfirma zwischen Crema und Lodi:

Ein simpler zweigeschoßiger Kasten mit schmalen Profilen und Skelettbauweise, die eine großzügige Verglasung ermöglicht. Dazu ein erhöhter Mittelbau mit Eingang, dessen Vordach an Stahlseilen hängt. Als zahmer Schnickschnack wurde das Dach als optisches Tonnendach konstruiert mit einer merkwürdigen, hochtechnisch daherkommenden Unterstruktur, bei der mir interessieren würde, ob sie konstruktiv nötig ist. Dazu zwei bemekrenswerte Farben: eine Art Mintgrün und ein eher blasses Hellgelb.

(Fotos: genova 2018)

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„…mehr, als Bomben es vermochten“

Gewissermaßen der Nachtrag zum kürzlich erschienenen Blogartikel über Guy Debord:

„Das gemütliche alte Wirtshaus demoliert der Farbfilm mehr, als Bomben es vermochten: er rottet noch seine imago aus. Keine Heimat überlebt ihre Aufbereitung in den Filmen, die sie feiern, und alles Unverwechselbare, wovon sie zehren, zum Verwechseln gleichmachen.“

Das schrieb Adorno in seinem Resümé über Kulturindustrie 1963.

Man könnte das, was Guy Debord in der Gesellschaft des Spektakels in Bezug auf Marx als Warenförmigkeit jeder menschlichen Regung bezeichnet, auf die Stadt übertragen. Die Zurichtung der Stadt auf Waren- und Marktförmige ist im Tourismus die Reaktivierung eines Stadtbildes, das Sehnsüchte bedient. Es geht nicht um reale Geschichte, es geht schon gar nicht um real existierende Stadt mit ihren Bewohnern in der Gegenwart, sondern es geht um das Bild, das eine Kulturindustrie von der Stadt entwirft, das weiteren Profit ermöglichen soll.

Die schlimmsten Blogs sind Reiseblogs. Nicht, weil Reisen schlimm wäre, sondern weil es in diesen Blogs kaum einen Verzicht aufs Klischee, auf die sekundenschnelle oberflächliche Betrachtung, aufs Patentrezept fürs wohlige Reisen gibt. Reiseberichte auf Exportabel sind von diesem vernichtenden Urteil naturgemäß ausgenommen.

Warum ist die Klischeebildung bei Reiseberichten so massiv, nicht nur im Netz? Vielleicht, weil der Mensch zu schnellen Schlüssen neigt, weil er sich gerne einen schnellen Überblick verschafft, weil er heute den sogenannten Wissensvorsprung schätzt, weil eine Reise sich lohnen muss, weil das Exotische, das Authentische erstrebenswert erscheint, weil man Insider sein will.

(Foto: genova 2018)

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Symbolbild zu den Themen „Wegwerfgesellschaft“, „Nachhaltigkeit“, „Verantwortung“ und „unsere Kinder“ überraschend günstig abzugeben

Das Foto kann bei Mehrfachgebrauch für 1.400 Euro, in der Einwegvariante für preisgünstige 950 Euro erstanden werden. Gesuche wie immer an die Chefredaktion.

(Foto: genova 2019)

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Intensiver Prozess der Banalisierung

Der Situationist Guy Debord schrieb in seiner Gesellschaft des Spektakels (1967) auch über Städtebau und den Raumbegriff. Hochinteressant, selbst wenn mich solche Postulate grundsätzlich eher nerven, da sie eine These nach der anderen aufstellen, ohne sie ernsthaft zu begründen. Sehen wir im vorliegenden Fall gnädig darüber hinweg.

Debord schreibt:

Die kapitalistische Produktion hat den Raum vereinheitlicht, den keine äußeren Gesellschaften mehr begrenzen. Diese Vereinheitlichung ist zugleich ein extensiver und intensiver Prozess der Banalisierung. So wie die Akkumulation der für den abstrakten Raum des Marktes in Serie produzierten Waren alle regionalen und gesetzlichen Schranken und alle korporativen Beschränkungen des Mittelalters, die die Qualität der handwerklichen Produktion aufrechterhielten, durchbrechen musste, musste sie auch die Autonomie und die Qualität der Orte auflösen…

Um immer identischer mit sich selbst zu werden, um sich der unbeweglichen Eintönigkeit möglichst weit zu nähern, unterliegt der freie Raum der Ware heute der ständigen Veränderung und Rekonstruktion. Diese Gesellschaft, die die geographische Entfernung abschafft, nimmt im Inneren die Entfernung als spektakuläre Trennung wieder auf.

Es ist unerheblich, ob ich heute in Berlin einkaufen gehe oder in Ludwigshafen am Rhein. In beiden Fällen lande ich in einem Shoppingcenter mit den exakt gleichen Filialen und den exakt gleichen Produkten. Dieser freie Raum der Ware wird alle paar Monate umgebaut und einheitlichen neuen Erkenntnissen der psychologischen Konsumforschung angepasst. Fast schon lustig sind die Touristenmassen, die begeistert in Berlin in die Shoppingcenter strömen. Woher kommen die? Vermutlich aus der Sahelzone, da gibt es noch kein Shoppingcenter.

Das Nebenprodukt der Warenzirkulation, die als Konsum betrachtete menschliche Zirkulatioon, d.h. der Tourismus, lässt sich im wesentlichen auf die Muße zurückführen, das zu besichtigen, was banal geworden ist.

Debord beschreibt hier ganz gut die aktuelle Tendenz im Tourismus, die offenbar schon vor 50 Jahren zu erkennen war. Besichtigt wird auschließlich Banales. Ist das Objekt der Begierde zum Zeitpunkt der Besichtigung noch nicht banal, wird es umgehend banalisiert. Es hat ein unglaublicher Run, wie man sagt, auf Städte eingesetzt, die noch als authentisch gelten, beispielsweise Lissabon. Die üblichen Reiseberichte sind eine Aktualisierung der Debordschen Thesen. Wichtig sind bei den Berichtenden einerseits sogenanntes Insiderwissen – Restaurants, in denen angeblich die Nachbarin spontan zum Fadosingen vorbeikommt, überall Einheimische – und andererseits die Bedienung präformierter Bedürfnisse: Es muss überall gleich sein. Ob ich durch die Altstädte von Lissabon spaziere oder durch die in Salerno – in der vermeintlichen lokalen und spezifischen und einzigartigen Authentizität suche ich das Immergleiche, jede vermeintliche Überraschung muss ins vorher geplante Konzept passen, in die Vorstellung von dem, was ich vorgebe zu besichtigen. Das Authentische ist nur noch eine Vorstellung dessen, leicht konsumierbar.

Die reale Entwicklung von Lissabon ist aber die, dass die Gentrifizierung die Menschen vertreibt, die Einwohnerzahl immer weiter zurückgeht, dafür die Schlafstädte außerhalb wachsen, halbe Straßenzüge in Hostels umgewandelt werden und so weiter. Es sind reale Verhältnisse, die aus Touristenperspektive unkenntlich gemacht werden müssen; durchs Ignorieren im Wesentlichen, wobei wiederum die Suche nach der heilen Welt hilft. Es könnte so manchen Touristen stören, dass die vermeintlich authentischen Läden im Wesentlichen Accessoirs für Touristen anbieten, was man als das Gegenteil von Authentizität bezeichnen könnte, aber die Masse freut sich weiterhin darüber.

Der aktuelle Tourismus ist das höchste Stadium der Regression. Erst hier kommt das im Spätkapitalismus durch und durch geschundene und diese Geschundenheit auch noch feiernde Individuum zu seinem konformen Frieden.

Der Urbanismus ist diese Inbesitznahme der natürlichen und menschlichen Umwelt durch den Kapitalismus, der, indem er sich logisch zur absoluten Herrschaft entwickelt, jetzt das Ganze des Raums als sein eigenes Dekor umarbeiten kann und muss.

Der Tourismus ist interessant, weil er Sehnsüchte artikuliert. Sehnsüchte, die im Kapitalismus notwendig verraten werden. Das Authentische ist nur durch sein Gegenteil zu haben; je höher der Schein der Authentizität, desto verlogener die Verhältnisse. Je individualistischer die Reisekorrespondentin berichtet, desto kaputter die sozialen Verhältnisse der Stadt.

Wobei man gegen Debord einwenden könnte, dass der Massentourismus in den 1960ern, also zu der Zeit, als er Die Gesellschaft des Spektakels schrieb, von Massentourismussiedlungen wie La Grande Motte, Lac de Tignes oder Benidorm geprägt waren. Es waren und sind banale Siedlungen, die aber ihren Zweck erfüllen und ihn nicht kaschieren: genormte, rationale Erholung für die Massen. Heute ist das verpönt. Man kostümiert den Massentourismus individuell. Massen von Touristen in den Metropolen, die alle einem Geheimtipp auf der Spur sind. Der Schein des Individuellen ist nicht hintergehbar, insofern waren die 60er sympathischer, weil ehrlicher.

Der Urbanismus als das höchste Stadium des Kapitalismus, in Berlin und anderswo ist es zu besichtigen.
(Foto: genova 2018)

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