Architecture parlante aktualisiert

Ein Foto im Vorbeifahren geknipst. Ein Hotel in einer Ferienregion in Italien, den Ort habe ich vergessen. Es ist gewissermaßen die aktuelle Fortsetzung der architecture parlante, also der Architekturrichtung, die die Nutzung des Gebäudes plakativ darstellen sollte, um 1760 zum ersten Mal entwickelt.

Seitdem ist architecture parlante nie ausgestorben, und sie hat heute einen eigenen Reiz. Man fährt an dem Gebäude mit hohem Tempo vorbei, es bleibt bei einem Blick von zwei oder drei Sekunden, aber man erfasst in dieser kurzen Zeit eine wesentliche Aussage: Das Hotel Flamingo erinnert in seiner farblichen und räumlichen Gestaltung an einen Flamingo. So weit, so banal, aber eben auch so befriedigend, weil der Mensch sich ja nach schneller Erkenntnis sehnt.

Zwei, drei Sekunden, und man weiß scheinbar genug und kann sich der nächsten Erkenntnismöglichkeit zuwenden.

Architecture parlante könnte der ideale Stil unserer Zeit sein: Kurze Aufmerksamkeitsspannen genügen, detailreiche, intensive Recherche ist nicht nötig, innere Werte sowieso nicht. Wie in einem Musikvideo oder bei Pinterest reichen die richtigen Farben, der schnelle Effekt. Optimal auch, dass man zur Besichtigung nicht aus dem Auto aussteigen muss, nicht mal anhalten. Kurz vom Gas gehen und den Blick aufs Objekt richten reicht.

Wie auch immer, das Hotel hat seinen Reiz. Hat man beim Vorbeifahren Hunger, läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Wohl bekomm´s.

(Foto: genova 2017)

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Revolution und Architektur und Dialektik

Es gibt den merkwürdigen Begriff der Revolutionsarchitektur. Damit sind im engeren Sinn Architekten gemeint, die im Zuge der Französischen Revolution und auch schon vorher bemerkenswerte Entwürfe, oder besser: Visionen entwickelten. Wenig wurde realisiert, ein Teil dessen konnte schon rein technisch nicht realisiert werden. Aber eigentlich geht es hier um bürgerliche Architektur, Klassizismus.

Der vierte Stand wurde bekanntlich souverän ignoriert.

Bei aller Kritik am Begriff an sich – Revolutionsarchitektur hat nur indirekt mit Revolutionen und der Französischen Revolution im Besonderen zu tun: Es geht um klassizistische Architektur nach dem Barock und Vielleicht kann man sagen, dass diese Revolutionsarchitektur schon die ganze Breite der Dialektik der Aufklärung zeigte. Zwar kann man diese Architektur nicht unbedingt direkt mit der Französischen Revolution in Verbindung bringen – das meiste wurde kurz vorher erdacht bzw. gebaut – aber es ging um aufgeklärtes, rationales Denken, das eine der Bedingungen der Revolution war. Architekten wie Boullée oder Ledoux wollten den menschlichen Geist aus seiner Untertänigkeit mythischer Gestalten oder Gottheiten befreien und planten dementsprechend gigantische Gebäude, die die konstruktive Leistung des menschlichen Verstandes symbolisierten. Allerdings geriet das meist dermaßen gigantisch und monumental, dass sich folgerichtig 150 Jahre später Albert Speer darauf berief.

Revolutionsarchitektur als Teil der Dialektik der Aufklärung, der Mensch wird zum Statisten degradiert, zum Teil einer Masse, die unerhört groß sein muss, die in und um diese Bauwerke überhaupt wahrgenommen zu werden.

Etienne-Louis Boullée plante beispielsweise den Lesesaal einer Bibliothek, die statisch seinerzeit nicht umsetzbar war. Ging es hier ums Lesen oder um Demonstration von Macht? Wie viele Arbeiter hätte man verschlissen, bis der erste Lesekundige ein Buch in die Hand genommen hätte?

etienne-louis_boullee_nationalbibliothekBoullé entwarf 1784 diesen Kenotaphen (nächstes Bild), eine Art Ehrengrab. Auch dieser riesige stützenfreie Innenraum war damals statisch nicht realisierbar, aber Boullée hatte offenbar ein Bedürfnis nach Gigantomanie. Dazu kommen die in Reih und Glied aufgestellten Bäume, die dem Gebäude eine soldatische Anmut verleihen. Die Speersche Ruhmeshalle lässt grüßen.

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Claude-Nicola Ledoux baute um 1779 die königliche Saline im ostfranzösischen Arc-et-Senans.

Die Revolutionsarchitektur löste den Barock ab. Der rationale Anteil an dieser Architektur wurde teilweise durch reine Gigantomanie eingelöst, der jeden Maßstab sprengte und eigentlich unglaublich lächerlich war.

Rationalität als Feind des Menschen – in der Revolutionsarchitektur kann man sie besichtigen.

(Fotos: Wikipedia, Wikipedia und nochmal Wikipedia)

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o.T. 535

(Foto: genova 2019)

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Kreisverkehr, fußgängerfreundlich

Wie einfach man einen Kreisverkehr fußgängerfreundlich gestalten kann:

Einfach ringsum einen Zebrastreifen laufen lassen.

In angenehmen Ländern wie Italien wird das gemacht. In Deutschland naturgemäß undenkbar.

(Foto: genova 2017)

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Corona: Die öffentliche Ordnung in Kreuzberg bricht zusammen – 2

Lasset uns zu GOtt beten, auf dass es bald vorüber sein möge.

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Michael Psotta und die symbolischen Chancen

Der Wirtschaftsteil der FAZ ist bekanntlich ein Hort des neoliberalen Dogmatismus. Die Lektüre lohnt, weil man permanent anschauliche Eindrücke dieses Denkens bekommt. Ich versuche immer zu verstehen, was diese Leute wollen. Vorläufige Erkenntnis: Es ist schlicht das Recht des Stärkeren.

Ein weiteres Beispiel dafür ist der FAZ-Journalist Michael Psotta.

Der Deutsche Mieterbund fordert ein Grundrecht auf angemessenes und bezahlbares Wohnen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Was sagt Psotta dazu? Diese

„gutgemeinten, aber schädlichen Vorstöße haben mit dem Schutz des Eigentums, der Akzeptanz der freien Preisbildung und der Gewinnung privater Investoren nichts mehr zu tun.“ (27.8.19, S.7 15)

Psotta sagt es hier ganz direkt: Angemessenes und bezahlbares Wohnen ist Tagträumerei und gefährdet die Ausbeutung. Wichtig sind keine sozialen Kriterien, sondern wichtig ist die Sicherung der Struktur, die Ausbeutung ermöglicht, also Eigentum der Vermieter, hohe Mietpreise und die Schaffung weiterer Möglichkeiten für Investoren, ihr Geschäft der Ausbeutung auch künftig betreiben zu können. Lustig zudem: Psotta sagt nicht, dass private Investoren gewinnen müssen, nein, man, also die Gesellschaft, muss sie gewinnen. Ohne diese Gewinnung von Investoren kann offenbar die Gesellschaft nicht gewinnen. Kaputtes Denken.

Ein weiteres Beispiel von Michael Psotta. Am 4. September 2019 kommentierte er ebenfalls im Wirtschaftsteil der FAZ die Entscheidung der Deutschen Börse, den Immobilienkonzern Deutsche Wohnen nicht in den Dax 30 aufzunehmen. Das wäre aber wichtig, denn es wäre dann der erste Berliner Dax-Konzern. Warum schafft es Deutsche Wohnen nicht, in den Dax 30 einzusteigen?

Die Berliner Politik arbeitet seit Monaten heftig daran, dass dieses Wunder nicht geschieht … Damit verpasst Berlin eine symbolische Chance.

Das liege, so Psotta weiter, an der Debatte um die Enteignung der Deutsche Wohnen und am Mietendeckel.

Psotta sagt: Wichtig ist die Aufnahme des Konzerns in den Dax 30 aus symbolischen Gründen. Dafür müsse man den Konzern stärken. Also die Mieter schwächen. Nur wegen eines Symbols.

In dem kompletten Kommentar geht es ausschließlich um dieses Beispiel. Dennoch schließt Psotta mit dem Satz:

Welche Chancen hätte die Hauptstadt, wenn sie von ihrer wirtschaftsfeindlichen Politik lassen würde?

Die angeblich wirtschaftsfeindliche Politik des rot-rot-grünen Senats liegt also darin, die Deutsche Wohnen nicht darin zu unterstützen, in den Dax 30 aufzusteigen, als symbolischem Wert.

Sowas nennen Neoliberale Wirtschaftspolitik.

Nur nebenbei: Berlin hatte 2018 mit 3,1 Prozent das höchste Wirtschaftswachstum aller Bundesländer. Es gibt unzählige Start ups, es gibt unzählige fitte Leute aus der ganzen Welt, die hier versuchen, etwas zu reißen, es gibt immer mehr große Agenturen, Betriebe, Dienstleister und und und. Die Arbeitslosenquote ist von 19 Prozent 2005 auf unter 8 Prozent aktuell gesunken. Die Einwohnerzahl steigt und steigt. All das ist laut Psotta passiert wegen der „wirtschaftsfeindlichen Politik“.

Es sind diese Offenbarungseide, es ist die Desinformation einerseits, das Verbreiten von fake news, und andererseits der offen hervortretende Sozialdarwinismus, der jeden halbwegs vernünftigen Menschen zum Feind des kapitalistischen Prinzips machen muss. Wer sich den Ansprüchen des Kapitals, nämlich der totalen Rendite, verweigert, wird kritisiert.

Nochmal zum Wohnen: Es ist beim Stand der Produktivkräfte kein Problem, jedem Menschen eine angemessene und bezahlbare Wohnung zur Verfügung zu stellen. Es ist gewissermaßen ein Kinderspiel. Es darf aber nicht sein, weil das Kapital sonst auf diesem wunderbar lukrativen Markt des Wohnens sich nich mehr so massiv rentieren könnte.

Man stelle sich vor, in München würden pro Quadratmeter fünf bis acht Euro Miete gezahlt, man würde sich also an den realen Kosten orientieren. Kein Mensch müsste draufzahlen. Die Menschen wären glücklicher, sie müssten weniger arbeiten, hätten mehr Freizeit, würden weniger pendeln und so weiter. Einziger Nachteil: Das Kapital würde weniger verdienen. Heißt: Leute, die sowieso ohne Arbeit Geld bekommen, würden weniger oder gar nichts mehr kriegen. Sie müssten selbst arbeiten gehen. Fürs kapitalistische Prinzip nicht denkbar.

Weil umgekehrt diese kleine Gruppe – also Schmarotzer – unser aller Denken bestimmt, sind die Verhältnisse so wie sie sind, in München und überall. Michael Psotta ist ein Agent der Schmarotzer.

Psotta leitet bei der FAZ seit 2012 den Immobilienteil. Der wurde vorher von Steffen Uttich delegiert, der dann zum Berliner Immobilienunternehmen Beos wechselte, haha. Dort ist er mittlerweile „Leiter Kapitalmärkte“.

Das Recht des Stärkeren, Sozialdarwinismus: Beides ist offiziell verpönt. Offiziell gibt man sich liberal und sozial und fortschrittlich und behutsam. Propagandistisch perfekt ist genau das: Den Sozialdarwinismus liberal und sozial und fortschrittlich und behutsam erscheinen zu lassen. Hitler hätte es heute schwer, denn dieser offizielle, unverblümte Hass erreicht keine Mehrheiten mehr. Die soziale Form ist wichtig, ob nun Mercedes 500-PS-Autos verkaufen will oder das Kapital den Wohnungssektor übernehmen: Immer muss die Propaganda darauf bedacht sein, dass man in hohem Maß soziale Belange berücksichtigt, ja fördert.

Neoliberalismus und intellektuelles Niveau: Es geht nur so, wie Psotta es vormacht. Eine Prise mehr Ehrlichkeit, und Leute wie er müssten zugeben, dass die hohen Immobilienpreise ein Segen für die Besitzer sind und dass sich daran auch kaum etwas ändern wird, weil die Bodenfläche nun mal begrenzt ist. Die Forderung nach schnellerem und umfangreicherem Bauen ist die alte Leier, die strukturell ins Nirwana führt. Man schaue sich diesbezüglich jede beliebige Metropole in der Welt an: Gebaut wurde beispielsweise in New York in den vergangenen 40 Jahren extrem viel. Die Preise müssten im Keller sein. Sind sie aber nicht.

Natürlich weiß das Psotta. Er stellt sich dumm. Es ist sein Job. „Wirtschaftsfeindliche Politik“ ist für solche Leute die, die die Rendite des Kapitals nicht erhöht. Es ist Propaganda.

Schade nur, dass man sowas Journalismus nennt.

(Foto: genova 2017)

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Die Eingeweide einer Badewanne – Triggerwarnung!

Ich bitte alle Eltern, den Familienfilter einzuschalten.

Nichts für zartbesaitete Gemüter, wie man sagt: Die aufgeschnittene Seite einer Badewanne, die Eingeweide kommen zum Vorschein.

Die Badewanne hat die Folter nicht überlebt. Sie ist kurz nach dieser Aufnahme gestorben.

(Foto: genova 2019)

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Thomas Bernhard übers Bauen

Die Bauten, gleich welche, die Wohnbauten wie die Nicht-Wohnbauten, schauten anders aus, wenn die, die sie gebaut haben, sich auch nur in geringem Maße um die, für die sie diese Bauten gebaut haben, gekümmert hätten, alle diese Bauten sind gebaut worden, ohne die von diesen Bauten Betroffenen zu fragen, geschweige denn, sie zu studieren.

Es

sollten die, die bauen, die, für die sie bauen, erforschen, erforschen müssen, die Erforschung des Menschen, für den gebaut wird, sollte dem, der für diesen Menschen baut, immer zur Pflicht gemacht werden und es sollte ihm verwehrt sein, für einen Menschen zu bauen, den der, der für ihn baut, nicht durchforscht oder wenigstens bis zu dem notwendigen oder notwendigsten Grade erkannt hat.

schrieb Thomas Bernhard 1974 in „Korrektur“ und nahm hier ganz präzise die damals pulsierende Partizipationsdebatte in der strukturalistischen Architektur auf.

Nur mal so, nebenbei.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 534

(Foto: genova 2017)

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Liebe/r Antisemant*in! – Von der Gendersprache

Die russisch-deutsche Autorin Olga Martynova in der FAZ (21.9.19, S. 9) zu gegenderter Sprache:

Die Sprache, davon bin ich überzeugt, hat eine Selbstreparaturfunktion. Sie wird sich regenerieren. Zwanzig oder dreißig Jahre später werden die jungen Menschen den ergrauten Gendersternchenfreaks mit nachsichtiger Ironie begegnen, wohl wissend, dass Gleichberechtigung und Respekt auf Kosten der Sprache nicht zu erreichen sind. Bis dahin möchte ich meinen geschätzten Freunden und Kollegen zurufen: Mein/e Liebe/r, Sie sind sehr wohl Antisemant*in!

In Coronazeiten liest und schreibt man mehr. Dabei fällt auf, wie sehr sich Gendersprache gerade etabliert, egal ob in Behörden,  beim Deutschlandfunk, bei Aktivisten, Online-Konferenzen oder vermeintlich progressiven Wortführern, pardong, Wortführer*innen. Ich hätte das vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten. Der Satz, es gebe in Deutschland zu wenig Ärzte, ist offenbar diskriminierend. Behauptet man. Oder behauptet es mensch?

Mit den Gendersternchen geht in vielen Bereichen eine Bereinigung des Wordings einher. Beispielsweise sind die beiden Begriffe „Lehrer“ und „Schüler“ jenseits des Schulpflichtsegments mittlerweile tabu. Man schreibt und spricht von „Lehrenden“, von „Kursleitenden“, von „Dozierenden“ oder „Dozent*innen und auf der anderen Seite von „Teilnehmenden“ und von „Teilnehmer*innen“ oder rätselhaft von TN. Was an „Lehrer“ und „Schüler“ problematisch sein soll, hat sich mir noch nicht erschlossen. Alleine die Tatsache, dass „Lehrer“ politisch nicht korrekt ist, „Lehrender“ aber schon, zeigt, dass bei der informellen Aufstellung dieser Regel der Verstand nicht primär zum Einsatz kam.

Die Gendersternchen sind von den „Teilnehmenden“ nicht zu trennen. Es geht um eine Bereinigung der Sprache in Bereichen, in denen es nichts zu bereinigen gibt. Es geht um Formales, damit man sich mit Inhalten nicht beschäftigen muss, so mein Eindruck.

Es ist die Saat der vergangenen 40 Jahre, die nun aufgeht. Viele intellektuell begrenzte Männer und noch mehr intellektuell begrenzte Frauen haben sich seit den 1980er Jahren darauf konzentriert, die Funktionsweise von Sprache zu ignorieren und das öffentliche Leben mit ihren banalen Dogmen zu infiltrieren. Haufenweise Wichtigtuer*innen ohne Substanz. Dauerempörte. Ich habe das hier schon mal ausgeführt und belasse es jetzt dabei. Die Verseuchung der Sprache durch neoliberale Ideologie (Reform, Reformstau, Leistungsträger, private Altersvorsorge, Bürgerinnen und Bürger undundund) ist für diese Leute vermutlich kein Problem.

Bezeichnend in dem Zusammenhang knapp neben der Gendersprache ist dieses Beispiel: Man schreibt von weißen Menschen und Schwarzen Menschen. Das Adjektiv „schwarz“ wird großgeschrieben, das Adjektiv „weiß“ nicht. Man will damit offenbar Verbundenheit mit Schwarzen ausdrücken. Wäre ich Verschwörungstheoretiker, würde ich behaupten, solche Leute seien von Rassisten eingeschleust. Ein bestimmtes Adjektiv großzuschreiben und andere nicht, droht das komplette Anliegen, nämlich das Engagement gegen Rassismus, lächerlich zu machen. Es sind Codes für Eingeweihte, die die Selbsterhöhung zum Ziel haben, nicht das Empowerment.

Ich vermute, dass die Gruppe, die „schwarz“ groß schreibt, zu nahezu 100 Prozent auch der Gendersternchenfraktion angehört.

Die Sternchenleute erinnern mich auch an die wochenlange mediale Dauerempörung, als kürzlich ein kapitalistischer Fußballzerstörer „Hurensohn“ genannt wurde.

Empörung scheint mir sowieso der Denk- und Analyseersatz unserer Zeit. Wer sich empört, ist immer auf der richtigen Seite. Man scheint authentisch und muss nicht begründen. Es geht nur um die Form, und die wird moralisch aufgeladen. Eine perfekte Melange für denkfaule Menschen, die auch mal irgendwie politisch sein wollen. Wenn man gesellschafts- und ökonomiepolitisch nichts kapiert, versucht man, durch Sternchen zu Relevanz zu kommen.

Gleichwohl bewege ich mich mit diesen Thesen auf einem dünnen Grat. Frau Martynova beispielsweise schreibt in dem FAZ-Artikel auch:

Ich will aber das Wort Jude entspannt ausgesprochen hören, ebenso das Wort Neger und das Wort Zigeuner. Ich liebe ihren schönen Klang.

Entweder ist Martynova narzisstisch veranlagt oder einfach nur ziemlich weit rechts. Dass sowohl „Neger“ als auch „Zigeuner“ zumindest problematische Begriffe sind, die man nicht auf ihren subjektiv schönen Klang reduzieren kann, muss nicht erklärt werden. Dass sie den Unterschied zu „Jude“ nicht versteht, ist peinlich.

Neger nein, Lehrer ja.

Leider ist diese Unterscheidung kaum mehr möglich. Das zeigt den Ausfluss des Ideologiedesasters, das in den 1990er Jahren mit dem Siegeszug des Kapitalismus Einzug hielt. Die Entpolitisierung und Infantilisierung der Gesellschaft, der Triumph des neoliberalen Denkens ist in diese Gendersternchenleute eingeflossen und ihr Agieren der Ausfluss. Es ist ein grundlegender Widerspruch, den sie nicht auflösen können: Während man richtigerweise geschlechterbezogenes Rollenverhalten bekämpft, führt man in der Sprache die totale Geschlechteraufmerksamkeit ein.

Was ist eigentlich mit dem spontanen Ausruf bei akuten Zahnschmerzen: „Ich muss schnellstens zum Zahnarzt!“. Vermutlich diskriminierend für alle Zahnärztinnen. Muss man selbst im Affekt, unter Schmerzen, die Gendersprache beachten? Muss ich auch bei Schmerzen sagen: „Ich muss schnellstens zum Zahnarzt beziehungsweise zur Zahnärztin?“ Oder: „Ich muss schnellstens zum*r Zahna*ärzt*in!“? Droht hier nicht die Gefahr der Kieferverrenkung und der Zungenversteifung?

Der Blog Geschickt gendern hilft weiter: Statt Zahnarzt soll man „Person im zahnärztlichen Dienst“ oder „zahnärztliches Fachpersonal“ sagen. Also: „Ich muss schnellstens zu einer Person im zahnärztlichen Dienst!“ Laut „Geschickt gendern“ gehe ich morgens auch nicht mehr zum Bäcker, lese ich weiter, sondern zur „Backwaren herstellenden Person“.

Ein lustiger Blog.

Die DDR war diesbezüglich fortschrittlich. Feminine Berufsbezeichnungen gab es nicht. So wie das Englische fortschrittlich ist. Die Engländer haben kapiert, dass bei fast allen Berufen der Genitalbereich keine Bedeutung hat. Das ist einzig bei Prostituierten ein sinnvoller Hinweis.

Dass es bei all diesen Regelungen nicht nur um Form geht, zeigt folgendes Beispiel. Der  „Sprachleitfaden“ der Technischen Universität Berlin für „geschlechtersensible Sprache“ empfiehlt unter anderem das hier (S. 12):

Wichtig ist außerdem, z. B. in Forschung und Lehre Wissenschaftlerinnen ebenso häufig zu zitieren wie Wissenschaftler, damit Themenkomplexe nicht ausschließlich Männern zugeschrieben werden. Ein sensibilisierter Blick in dieeigenen Vorlesungsfolien oder Literatur­verzeichnisse kann überraschen – ist das Geschlechterverhältnis hier ausgeglichen?

Hier geht es also nicht um die Qualität von Texten, sondern darum, wie es bei den Wissenschaftlern zwischen den Beinen aussieht. Konkret bedeutet das, dass Wissenschaftler im Literaturverzeichnis ihrer Arbeiten zur Hälfte Menschen zitieren müssen, die zwischen den Beinen eine Vagina haben. Auch wenn die in einem Fachbereich kaum vertreten sind und dementsprechend wenige Frauen dort publizieren. Dennoch ist die Vagina das wesentliche Auswahlkriterium. Selbst wenn Männer 90 Prozent der Forschungsarbeiten verfassen, darf man ihnen die „Themenkomplexe nicht zuschreiben“. Irgendwie sexistisch.

Wie gesagt, der Leitfaden erschien an einer staatlichen Universität, nicht in der Titanic. Wobei: Vielleicht steckt doch Sonneborn dahinter.

Das Vorwort dieses Leitfadens schrieb übrigens „Prof.*in Dr.*in Sabine Hark“, kein Scherz. Selbst die beiden Titel-Abkürzungen und der weibliche Vorname reichen nicht, um die Profilneurose in den Griff zu kriegen. Sabine Hark sagt übrigens auch ganz vernünftige Sachen.

Das Vaginabeispiel zeigt, dass es hier mitnichten um Wissenschaftlichkeit geht. Es zeigt auch den Grad an Absurdität, den wir erreicht haben.

Aus Gründen, die man näher untersuchen sollte, setzen sich solche Haltungen offenbar durch. Es ist eine banalisierte Möchtegernelite, die sich mittels sprachlicher Codes gegenseitig als Gesinnungskomplizen erkennt – und aus diesen Codes absurde Forderungen ableitet.

Der Gendersternchenkram ist Abbild der heute üblichen Herangehensweisen an gesellschaftliche Probleme: Bürokratisierung, Ökonomisierung und effektive Hierarchisierung nehmen zu, skurrilerweise analog zum steigenden Frauenanteil in Entscheiderpositionen und zum Gendersternchen. Statt Probleme inhaltlich anzugehen, wird die Form übersensibilisiert und Wissenschaftlichkeit der eigenen Ideologie angepasst. Die Form wird verabsolutiert, damit man sich um die Probleme inhaltlich gar nicht kümmern muss.

Die Sternchenleute behaupten sicher auch, dass angesichts von Corona der Neoliberalismus am Ende sei. Keinerlei Analyse, aber es klingt trendy.

In gewisser Weise ist die Gendersternchensprache eine neue Herrschaftsform. Das „zum Bäcker gehen“ meinte implizit noch nie, dass ich zu einem Mann gehe. Das so zu verstehen, ist so fundamentalistisch wie die Koranexegese von Osama Bin Laden. Sprache lebt und wird immer neu interpretiert, außer von Bin Laden und den Gendersternchenleuten.

Die Gendersternchenleute kommen damit klar, dass die Bäckereifachverkäuferin nur den Mindestlohn bekommt und sich dafür keine Wohnung mehr leisten kann. Hauptsache, sie fühlt sich nicht diskriminiert, wenn die vor ihr stehende Kundin „zum Bäcker“ wollte. Vielleicht braucht erfolgreiche neoliberale Politik solche Spielfelder wie Gendersternchen. So können sie sich liberal und fortschrittlich geben und die Sternchenfans sind zufrieden.

So gesehen sind die Sternchenfans nützliche Idioten.

Es wäre schön, wenn die Gendersternchenleute alsbald in der Versenkung verschwänden und die Sprache sich erholte, wie Olga Martynova das hofft. Mir fehlt jedoch der Glaube. Diesen Leuten ist das totalitäre Moment inhärent: Während die Liberalen es tolerieren, wenn die Gendersternchenfraktion von „Ärzt*innen“ redet, strebt diese die völlige Auslöschung anderer Sprachweisen an. Immer mit dem Hinweis auf sonst vorliegende Diskriminierung. Es gibt keine Alternative.

Das Absterben linken Denkens in dessen Namen: Hier ist es zu besichtigen.

Vorschlag zur Güte: Wir verwenden ab sofort nur noch die weiblichen Formen, in der Hoffnung, diese Diskussion damit zu beenden. Mir wäre es wurst. Es wäre das, was man mit der maskulinen Form erreichen könnte, wenn etwas weniger Befindlichkeit herrschte: Der Bereich zwischen den Beinen wird immer nebensächlicher, ob in Gesellschaft, Beruf oder Politik. Das ist gut so, und genau deshalb braucht es auch keine verunstaltete, zeigefingernde, lächerliche Sprache. Wörter ändern ihre Bedeutung. Permanent.

Andererseits: Sprache ist Gewöhnung. So wie die grammatikalisch maskulinen Formen sich als neutrale hätten durchsetzen können, wenn die Gendersternchenleute nicht gekommen wären, so gewöhnen wir uns vielleicht an das Neue. Das bedeutete mehr Bürokratie, mehr Aufwand, mehr Umstand, mehr Verwirrung, mehr Sprachbarrieren, mehr Sprachangst, mehr Dämlichkeit. Aber das ist für Deutsche meist kein Problem. Vielleicht wäre das ein Analyseansatz: Gendersternchen und die deutsche Regelwut, der man sich lustvoll unterordnet.

Und Corona zeigt: Der Mensch gewöhnt sich schnell.

(Fotos: genova 2013 – 2019)

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