Über Enteignungen und die Ausbeuter von Berlin

Angesichts der gestrigen Berliner Demo gegen den „Mietwahnsinn“ mehren sich die Forderungen nach Enteignungen von Großkonzernen im Immobiliensektor. Nach repräsentativen Umfragen ist eine deutliche Mehrheit der Berliner dafür. Kommunale Wohnungen könnten vor Profitjagd geschützt werden und es bestünde keine Notwendigkeit mehr, die maximal mögliche Rendite zu erzielen.

Bevor wir, wie man sagt, über dieses Thema sprechen, sollten wir uns noch einmal an die bis vor ein paar Jahren übliche Immobilienpolitik in Berlin erinnern. Nur ein Beispiel:

2004 verkaufte das Land Berlin – unter dem Finanzsenator Thilo Sarrazin – die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GSW an einen privaten Investor, wie man sagt. Der damals erzielte Quadratmeterpreis lag bei weniger als 500 Euro, Sarrazin war in den Verhandlungen schon mit weniger zufrieden. Marktüblich waren damals 1.100 Euro, heute sind die Wohnungen 3.800 Euro pro Quadratmeter wert. Da ich weder der SPD noch der damals mitregierenden Linkspartei unterstellen möchte, sie wollten dem Kapital unbedingt einen Riesengewinn zuschaufeln, muss man von gigantischer politischer Dummheit ausgehen.

Sarrazin gilt übrigens bis heute als rational denkender Finanzexperte.

Gestern nun startete ein schon im Vorfeld medial vielbeachtetes Volksbegehren für Enteignungen bzw. Vergesellschaftungen der großen Immobilienkonzerne ab einem Besitz von 3.000 Wohnungen. Davon wären vier Konzerne betroffen, unter anderem die Deutsche Wohnen mit 112.000 Wohnungen.

Enteignungen an sich sind ein sinnvolles Mittel, um der kapitalistischen Barbarei Einhalt zu gewähren. Wer enteignet wurde, kann keinen Mehrwert mehr kassieren.

Was sagt das Grundgesetz?

Artikel 14:

1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.

 

Es sollte nicht allzuschwer sein zu belegen, dass keiner der großen Player am Immobilienmarkt dem Wohl der Allgemeinheit dient, sondern nur dem Wohl der eigenen Bilanz. Insofern wäre eine Enteignung zum Wohl der Allgemeinheit nicht nur zulässig, sondern geradezu zwingend nötig. Laut Grundgesetz, wohlgemerkt.

Artikel 15 ist noch interessanter:

Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.

 

Grund und Boden können also in Gemeineigentum überführt werden. Allerdings ist das noch nie passiert. Es bräuchte erst einmal ein Gesetz, das die Entschädigungen regelt. Die grüne Bundestagsabgeordnete für Berlin-Friedrichshain und -Kreuzberg, Canan Bayram, sagt laut dem Berliner Mieterverein über ein angepeiltes Vergesellschaftungsgesetz des Landes Berlin (das ginge wohl), es sei

„ein Notwehrrecht gegenden Bundesgesetzgeber, der die Mieter ungeschützt dem unkontrollierbaren Markt und damit den Spekulanten überlässt.“

Das ist nachzuvollziehen. Der Bundesbauminister, also der Innenminister, hat offenbar keinerlei Interesse an preiswerten Mieten, sondern am Schutz der Kapitalrendite im Immobilienmarkt. Die Preissteigerungen alleine der letzten zehn Jahre zeigen das.

Außerdem sei „nach vorherrschender Rechtsmeinung“, wie der Berliner Mieterverein weiter ausführt, „die Entschädigung bei Vergesellschaftungen niedriger als der Verkehrswert“. Deshalb müsse „den Unternehmen nicht annähernd der Marktwert gezahlt werden“.

Ein Entschädigungsgesetz wäre politisch auszuhandeln, also ganz konkret: Die Höhe der Entschädigung müsste politisch festgelegt werden und später vor Gericht bestehen. Vielleicht sollte man nicht so viel Vertrauen in einen kapitalistischen Rechtsstaat haben, dass er den Artikel 15 im Ernstfall wirklich sozial auslegt. Steigen wir dennoch kurz laienhaft in diese juristische Diskussion ein.

Am besten wäre natürlich, man würde die Immobilienhaie exakt mit dem abfinden, was sie vor Jahren für die Wohnungen gezahlt haben. Also knapp 500 Euro für den Quadratmeter im Fall GSW. Sie hätten immer noch zehn bis zwanzig Jahre massive Profite eingefahren. Die Initiatoren des Volksentscheids rechnen mit Entschädigungszahlungen von insgesamt sieben Milliarden Euro für die vier größten Berliner Immobilienunternehmen, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit 30 Milliarden Euro.

Die Zahlen schwanken dermaßen, weil man juristisches Neuland betritt. Angesichts der Prognosen, die einen weiteren Bevölkerungszuwachs in vielen Gegenden Deutschlands annehmen, würde sich die Auseinandersetzung lohnen, und bis zu den Wohnpreisen von Paris oder London ist noch viel Raum.

Grund und Boden können zum Zwecke der Vergesellschaftung enteignet werden, so die juristische Grundlage des GG. Und noch einmal: „Art und Ausmaß“ soll ein Gesetz regeln. Art und Ausmaß festzulegen, sind also Sache der Politik, nicht des Kapitals und nicht der Gerichte.

„Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen“, Artikel 14. Die Interessen der Allgemeinheit sind günstige und gute Wohnungen für alle. Das ist heute ohne Weiteres machbar, im Wege steht dem nur die Profitgier des Kapitals, was auch die kapitalistische Logik der Bodenpreisfestsetzung beinhaltet. Das Interesse der beteiligten Immobilienkonzerne ist einzig die maximal hohe Rendite. Was wiegt schwerer? Die Antwort sollte einem Gericht leichtfallen, zumal irgendwo im GG noch steht, dass die Bundesrepublik ein „sozialer Bundesstaat“sei. Das Interesse dieser Konzerne, viel Geld auf Kosten und mit der Not anderer zu machen, ohne irgendetwas Produktives zu leisten, sollte vor dem Allgemeininteresse gelten. So weit meine laienuristische Auslegung.

Enteignungen – eventuell mit minimaler Entschädigung – sind also vom Grundgesetz vorgesehen und könnten politisch umgesetzt werden, um der kapitalistischen Barbarei zumindest den Stachel zu nehmen. Und genau deshalb müssten die Initiatoren des Volksentscheids für Enteignungen, der nun gestartet ist, darauf drängen, dass es nur um minimale Entschädigungen gehen kann. Das Kapital muss bluten, um es einmal folkloristisch zu formulieren.

Es ist auch eine Branche, bei der die sonst üblichen Drohgebärden des Kapitals nicht fruchten. Sie können ihre Produktion nicht ins Ausland verlagern und Arbeitsplätze gibt es dort auch keine, die verloren gingen. Das private Kapital braucht zumindest im Wohnungssektor kein Mensch. Es wäre ein Segen für alle, wenn sie ihre Abwanderung ankündigte. Die Stadt Berlin wäre ohne dieses private Immobiliengesocks von einer Geisel befreit. Kurz gesagt: Die private Immobilienbranche ist in begehrten Lagen ein Klotz am Bein, eine Ausbeuterin, ein Parasit, was auch immer. Kommunalpolitiker in Wien beispielsweise sagen klipp und klar, dass private Wohnungsbauinvestoren nicht erwünscht sind.

Parteipolitisch sieht das in Berlin so aus: Die Linkspartei unterstützt den Volksentscheid, die Grünen in Berlin wohl auch, die SPD eher nicht. Die sozialdemokratische Spitzenkandidatin für die Europaparlamentswahl, Katarina Barley, meint, Wohnen „ist die soziale Frage unserer Zeit“, kriegte aber nicht einmal eine funktionierende Mietpreisbremse hin. Man muss leider immer wieder auf die vergangenen zehn oder zwanzig Jahre hinweisen: Die agierenden Parteien haben sich allesamt als unfähig erwiesen. Warum denen noch etwas glauben? Vielleicht, weil einem angesichts der momentanen gesellschaftspolitischen Kräfteverhältnisse nichts anderes übrig bleibt.

Die AfD will übrigens die komplette Privatisierung der kommunalen Wohnungen. Das haben selbst die Original-Nazis besser hinbekommen.

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Dass der Artikel 15 dem Kapital durchaus Probleme bereiten könnte, würde er ernsthaft angewendet, zeigt diese Meldung aus der FAZ:

„Dieses Relikt aus der Nachkriegszeit stiftet immer wieder Unfrieden, ist bis heute aber kein einziges Mal angewendet worden“, sagte Buschmann (der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion). Es sollte aus dem Grundgesetz entfernt werden. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte dem „Handelsblatt“: „Eine Streichung des Artikel 15 GG würde die Achtung des Gesetzgebers vor dem Eigentum dokumentieren.“

Aus Sicht der FDP ist das konsequent, denn der Artikel könnte eine Gefahr für die Rendite sein. Unfrieden kann man beim Ausbeutungsgeschäft nicht gebrauchen. Grund und Boden sind eine einmalige Renditequelle, da sie nicht vermehrbar sind. So ein nettes Ausbeutungsinstrument lässt man sich nicht gern aus der Hand nehmen. Die Unruhe in der FDP – immerhin geht es hier um eine Grundgesetzänderung, für die eine Zweidrittelmehrheit erforderlich wäre – ist ein Zeichen dafür, dass das GG durchaus antikapitalistisch gelesen werden kann und auch in diesem Sinn verfasst wurde.

Der  Tagesspiegel aus Berlin versteht sich, wenn es Ernst wird nach wie vor als Bollwerk des Kapitals. Der Chefredakteur Maroldt brachte gestern diesen skurrilen Vergleich:

Die Enteignungsforderung sei

„struktureller Konservatismus… Das ist seit jeher und überall der Grund und Boden für simple Antworten auf komplexe Probleme und für schnelle Urteile bei der Suche nach den Schuldigen für unangenehme Veränderung. Deshalb will Trump an der Grenze zu Mexiko eine gigantische Mauer bauen. Und deshalb wollen Aktivisten und Teile der Berliner Koalition große Wohnungsgesellschaften enteignen.“

Das war schon bei der Debatte um die Agenda 2010 vor 15 Jahren ein beliebtes Mittel der Rechten: Diffamierung von oben. Damals waren die Gegner der „Reformen“ gerne „Besitzstandsbewahrer“. Diese Besitzstandsbewahrer arbeiten heute vermutlich für den Mindestlohn. Heute sind die Leute, die gestern am Alex demonstriert haben, so tumb und idiotisch wie Trump. Es ist das Bildzeitungs-Niveau aus der 68er Zeit.

Von Enteignungen abgesehen wäre die vernünftigste Lösung für das Wohnungsproblem wohl nach wie vor das, dass ausschließlich renditefreie, also Unternehmen der öffentlichen Hand bauen dürfen. Thomas Fricke schreibt in seiner Kolumne auf Spiegel-Online, dass vor 20 Jahren nur „40 Prozent der Wirtschaftsleistung in den entwickelten Volkswirtschaften“ Immobilienkredite ausmachten – heute seien es 70 Prozent. Geld fließt massenhaft in Häuser, die immer teurer werden, ohne sich zu verändern – Luxussanierungen gibt es praktisch nicht.

Insofern ist das Volksbegehren zu zahm: Warum erst ab 3.000 Wohnungen enteignen? Warum nicht ab der zweiten, nämlich ab jeder nicht selbst bewohnten?

Bauen nur noch zum Selbstkostenpreis plus komplett enteignete Böden – das Wohnen für alle für fünf bis acht Quadratmeter warm wäre eine Selbstverständlichkeit. Man könnte das Teilzeitkommunismus nennen: Solidarität zumindest dort, wo es ohne sie zum totalen Kapitalkrieg kommt.

Falls jemand nun behauptet, das seien linksradikale Visionen, für den sei Hans Jochen Vogel von der SPD zitiert (vor eineinhalb Jahren in der Süddeutschen Zeitung):

Von 1962 bis 2015 seien bundesweit die Baulandpreise um 1600 Prozent und die Mieten um 495 Prozent gestiegen, der normale Preisindex hingegen nur um 302 Prozent – eine Entwicklung, die bereits Anfang der Siebzigerjahre abzusehen gewesen sei. „Im Gegensatz zu damals gibt es heute aber noch nicht einmal eine öffentliche Diskussion darüber“, schreibt Vogel. Es sei sogar „im Laufe der Zeit der Eindruck entstanden, dass man damit eben leben“ müsse. „Aber ich sträube mich dagegen, dass das Gemeinwohl auf diesem Gebiet vor der Macht des Marktes kapituliert“, so der 91-jährige SPD-Politiker…

In der Tat sind vernünftige Forderungen aus der politischen Mitte heute linksradikal. Soviel auch zur abstrusen Behauptung, Angela Merkel sei politisch in die Mitte oder gar nach links gerutscht. Sie steht ökonomisch weit rechts, treu auf der Seite der Ausbeuter.

Die kapitalistische Bestie – also ein Teil von uns allen – wird naturgemäß alles tun, um das zu verhindern.

P.S.: Interessant ist auch Artikel 24 der Verfassung von Berlin:

„Jeder Missbrauch wirtschaftlicher Macht ist widerrechtlich.“

Das ist eine schöne Vorlage, wenn nicht ein Gebot, den Kapitalismus in Gänze zu zerschmettern.

Lasst es uns angehn.

(Fotos: genova 2018)

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Italia moderna – sette

Ein in der Tat bemerkenswertes Gebäude aus den 1970ern im lombardischen Lodi:

Vermutlich ist es ein Anbau der benachbarten Kirche, mutig und souverän. Sichtbeton und heute vermutlich mit dem Trendbegriff Brutalismus belegt, hat es durch die Rundungen auch etwas Organisches und der angedeutete Vorgarten mit dem Bäumchen zwingt das Gebäude, einen Schritt zurückzutreten, was für den Betrachter die Massivität etwas reduziert.

Das Gebäude ist auch ein schönes Beispiel für die These, das das kontextbezogene Bauen, das immer wieder mal gefordert wird, meist ein regressiver Mythos ist. Man will einfach keine Veränderung und bemäntelt diese Haltung mit der Forderung nach Rücksicht. Die einzige Rücksicht, die man diesbezüglich nehmen sollte, ist der Schutz vor Abriss.

Verkaufsräume einer Möbelfirma zwischen Crema und Lodi:

Ein simpler zweigeschoßiger Kasten mit schmalen Profilen und Skelettbauweise, die eine großzügige Verglasung ermöglicht. Dazu ein erhöhter Mittelbau mit Eingang, dessen Vordach an Stahlseilen hängt. Als zahmer Schnickschnack wurde das Dach als optisches Tonnendach konstruiert mit einer merkwürdigen, hochtechnisch daherkommenden Unterstruktur, bei der mir interessieren würde, ob sie konstruktiv nötig ist. Dazu zwei bemekrenswerte Farben: eine Art Mintgrün und ein eher blasses Hellgelb.

(Fotos: genova 2018)

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„…mehr, als Bomben es vermochten“

Gewissermaßen der Nachtrag zum kürzlich erschienenen Blogartikel über Guy Debord:

„Das gemütliche alte Wirtshaus demoliert der Farbfilm mehr, als Bomben es vermochten: er rottet noch seine imago aus. Keine Heimat überlebt ihre Aufbereitung in den Filmen, die sie feiern, und alles Unverwechselbare, wovon sie zehren, zum Verwechseln gleichmachen.“

Das schrieb Adorno in seinem Resümé über Kulturindustrie 1963.

Man könnte das, was Guy Debord in der Gesellschaft des Spektakels in Bezug auf Marx als Warenförmigkeit jeder menschlichen Regung bezeichnet, auf die Stadt übertragen. Die Zurichtung der Stadt auf Waren- und Marktförmige ist im Tourismus die Reaktivierung eines Stadtbildes, das Sehnsüchte bedient. Es geht nicht um reale Geschichte, es geht schon gar nicht um real existierende Stadt mit ihren Bewohnern in der Gegenwart, sondern es geht um das Bild, das eine Kulturindustrie von der Stadt entwirft, das weiteren Profit ermöglichen soll.

Die schlimmsten Blogs sind Reiseblogs. Nicht, weil Reisen schlimm wäre, sondern weil es in diesen Blogs kaum einen Verzicht aufs Klischee, auf die sekundenschnelle oberflächliche Betrachtung, aufs Patentrezept fürs wohlige Reisen gibt. Reiseberichte auf Exportabel sind von diesem vernichtenden Urteil naturgemäß ausgenommen.

Warum ist die Klischeebildung bei Reiseberichten so massiv, nicht nur im Netz? Vielleicht, weil der Mensch zu schnellen Schlüssen neigt, weil er sich gerne einen schnellen Überblick verschafft, weil er heute den sogenannten Wissensvorsprung schätzt, weil eine Reise sich lohnen muss, weil das Exotische, das Authentische erstrebenswert erscheint, weil man Insider sein will.

(Foto: genova 2018)

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Symbolbild zu den Themen „Wegwerfgesellschaft“, „Nachhaltigkeit“, „Verantwortung“ und „unsere Kinder“ überraschend günstig abzugeben

Das Foto kann bei Mehrfachgebrauch für 1.400 Euro, in der Einwegvariante für preisgünstige 950 Euro erstanden werden. Gesuche wie immer an die Chefredaktion.

(Foto: genova 2019)

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Intensiver Prozess der Banalisierung

Der Situationist Guy Debord schrieb in seiner Gesellschaft des Spektakels (1967) auch über Städtebau und den Raumbegriff. Hochinteressant, selbst wenn mich solche Postulate grundsätzlich eher nerven, da sie eine These nach der anderen aufstellen, ohne sie ernsthaft zu begründen. Sehen wir im vorliegenden Fall gnädig darüber hinweg.

Debord schreibt:

Die kapitalistische Produktion hat den Raum vereinheitlicht, den keine äußeren Gesellschaften mehr begrenzen. Diese Vereinheitlichung ist zugleich ein extensiver und intensiver Prozess der Banalisierung. So wie die Akkumulation der für den abstrakten Raum des Marktes in Serie produzierten Waren alle regionalen und gesetzlichen Schranken und alle korporativen Beschränkungen des Mittelalters, die die Qualität der handwerklichen Produktion aufrechterhielten, durchbrechen musste, musste sie auch die Autonomie und die Qualität der Orte auflösen…

Um immer identischer mit sich selbst zu werden, um sich der unbeweglichen Eintönigkeit möglichst weit zu nähern, unterliegt der freie Raum der Ware heute der ständigen Veränderung und Rekonstruktion. Diese Gesellschaft, die die geographische Entfernung abschafft, nimmt im Inneren die Entfernung als spektakuläre Trennung wieder auf.

Es ist unerheblich, ob ich heute in Berlin einkaufen gehe oder in Ludwigshafen am Rhein. In beiden Fällen lande ich in einem Shoppingcenter mit den exakt gleichen Filialen und den exakt gleichen Produkten. Dieser freie Raum der Ware wird alle paar Monate umgebaut und einheitlichen neuen Erkenntnissen der psychologischen Konsumforschung angepasst. Fast schon lustig sind die Touristenmassen, die begeistert in Berlin in die Shoppingcenter strömen. Woher kommen die? Vermutlich aus der Sahelzone, da gibt es noch kein Shoppingcenter.

Das Nebenprodukt der Warenzirkulation, die als Konsum betrachtete menschliche Zirkulatioon, d.h. der Tourismus, lässt sich im wesentlichen auf die Muße zurückführen, das zu besichtigen, was banal geworden ist.

Debord beschreibt hier ganz gut die aktuelle Tendenz im Tourismus, die offenbar schon vor 50 Jahren zu erkennen war. Besichtigt wird auschließlich Banales. Ist das Objekt der Begierde zum Zeitpunkt der Besichtigung noch nicht banal, wird es umgehend banalisiert. Es hat ein unglaublicher Run, wie man sagt, auf Städte eingesetzt, die noch als authentisch gelten, beispielsweise Lissabon. Die üblichen Reiseberichte sind eine Aktualisierung der Debordschen Thesen. Wichtig sind bei den Berichtenden einerseits sogenanntes Insiderwissen – Restaurants, in denen angeblich die Nachbarin spontan zum Fadosingen vorbeikommt, überall Einheimische – und andererseits die Bedienung präformierter Bedürfnisse: Es muss überall gleich sein. Ob ich durch die Altstädte von Lissabon spaziere oder durch die in Salerno – in der vermeintlichen lokalen und spezifischen und einzigartigen Authentizität suche ich das Immergleiche, jede vermeintliche Überraschung muss ins vorher geplante Konzept passen, in die Vorstellung von dem, was ich vorgebe zu besichtigen. Das Authentische ist nur noch eine Vorstellung dessen, leicht konsumierbar.

Die reale Entwicklung von Lissabon ist aber die, dass die Gentrifizierung die Menschen vertreibt, die Einwohnerzahl immer weiter zurückgeht, dafür die Schlafstädte außerhalb wachsen, halbe Straßenzüge in Hostels umgewandelt werden und so weiter. Es sind reale Verhältnisse, die aus Touristenperspektive unkenntlich gemacht werden müssen; durchs Ignorieren im Wesentlichen, wobei wiederum die Suche nach der heilen Welt hilft. Es könnte so manchen Touristen stören, dass die vermeintlich authentischen Läden im Wesentlichen Accessoirs für Touristen anbieten, was man als das Gegenteil von Authentizität bezeichnen könnte, aber die Masse freut sich weiterhin darüber.

Der aktuelle Tourismus ist das höchste Stadium der Regression. Erst hier kommt das im Spätkapitalismus durch und durch geschundene und diese Geschundenheit auch noch feiernde Individuum zu seinem konformen Frieden.

Der Urbanismus ist diese Inbesitznahme der natürlichen und menschlichen Umwelt durch den Kapitalismus, der, indem er sich logisch zur absoluten Herrschaft entwickelt, jetzt das Ganze des Raums als sein eigenes Dekor umarbeiten kann und muss.

Der Tourismus ist interessant, weil er Sehnsüchte artikuliert. Sehnsüchte, die im Kapitalismus notwendig verraten werden. Das Authentische ist nur durch sein Gegenteil zu haben; je höher der Schein der Authentizität, desto verlogener die Verhältnisse. Je individualistischer die Reisekorrespondentin berichtet, desto kaputter die sozialen Verhältnisse der Stadt.

Wobei man gegen Debord einwenden könnte, dass der Massentourismus in den 1960ern, also zu der Zeit, als er Die Gesellschaft des Spektakels schrieb, von Massentourismussiedlungen wie La Grande Motte, Lac de Tignes oder Benidorm geprägt waren. Es waren und sind banale Siedlungen, die aber ihren Zweck erfüllen und ihn nicht kaschieren: genormte, rationale Erholung für die Massen. Heute ist das verpönt. Man kostümiert den Massentourismus individuell. Massen von Touristen in den Metropolen, die alle einem Geheimtipp auf der Spur sind. Der Schein des Individuellen ist nicht hintergehbar, insofern waren die 60er sympathischer, weil ehrlicher.

Der Urbanismus als das höchste Stadium des Kapitalismus, in Berlin und anderswo ist es zu besichtigen.
(Foto: genova 2018)

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o.T. 475

(Foto: genova 2013)

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Camillo Sitte: Von kurvigen und geraden Empfindungen

Ein Architekturkritiker schrieb im Jahr 2007:

„…wir empfinden deutlich den ungeheuren Unterschied, der zwischen den uns heute noch erfreuenden alten Plätzen und den einförmigen modernen besteht … Geradlinigkeit und Rechtwinkligkeit sind nun allerdings Merkmale empfindungsloser Anlagen…“

Und, ebenfalls in Bezug auf Städtebau:

„Nicht um Haaresbreite von der einmal aufgestellten Schablone abzuweichen bis der Genius todtgequält und alle lebensfreudige Empfindung im System erstickt ist, das ist das Zeichen unserer Zeit.“

Nein, das Zitat stammt nicht von 2007, sondern von 1889. Es schrieb Camillo Sitte in seinem damals ziemlich einflussreichen Buch „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“.

Es kommt einem bekannt vor. Kritik des Aktuellen und die Sehnsucht nach dem Alten. Das, was Sitte mit „einförmigen modernen“ Plätzen meinte, sind die heute beliebten Plätze in den Altbau- (bzw. Mietskasernen-) Vierteln, beispielsweise in Berlin. Menschen zahlen Höchstpreise, um dort, in den „empfindungslosen Anlagen“ zu wohnen und zu empfinden.

Sitte wollte zurück zur barocken, also geschwungenen Stadt- und Platzanlage. Wir machen heute zwischen geschwungener und gerader Anlage keinen Unterschied. Wichtig ist, dass die Straßenflucht geschlossen ist, und zwar mit Altbauten.

„Warum haben wir damals das 19. Jahrhundert so gehasst? Ich verstehe es selbst nicht, aber so war es.“

Das sagte kürzlich der Stadtplaner Thomas Sieverts, zitiert in der Süddeutschen Zeitung anlässlich der Besprechung einer Münchner Ausstellung über den gewerkschaftseigenen Ex-Baukonzern Neue Heimat.

Sieverts hatte die Hassgefühle in den 1950er und 1960er Jahren. So unverständlich ist das allerdings nicht. Man wollte weg vom engen Block, das ist ja eigentlich bekannt. Konkret geht es hier um die Münchner Siedlung Neu-Perlach, die heute viele als gescheitert ansehen.

Neu-Perlach ist nicht gescheitert, es wohnen vielleicht zu viele gescheiterte Menschen dort und wesentliche Teile der ursprünglichen Planung wurden nicht verwirklicht, gerade was kleine Läden, dezentrale Strukturen angeht. Dort hat die Neue Heimat gespart, auch sie wollte Geld verdienen.

Es ist merkwürdig, wie subjektiv Sitte argumentierte. Eine schnurgerade Straße „wirkt langweilig. Sie widerstreitet dem Naturgefühl“. Was auch immer das sein mag. Vielleicht das,was man später das „gesunde Volksempfinden“ nannte“.

Man könnte sich, nebenbei, über diesen skurrilen Namen Neue Heimat Gedanken machen, gerade im aktuellen und eher regressiven Heimatdiskurs. Neue Heimat: Man würde heute dahinter Entwurzelung und linksextreme Schollennegation vermuten.

Aber das wirklich nur nebenbei.

Hassgefühle sind natürlich völlig ok, nur in Deutschland problematisch, weil man hier gründlich ist. Hass führt hier wahlweise zum Komplettabriss ganzer Stadtviertel oder zum Völkermord. Deutscher Hass geht nur nach unten. Deshalb sind in Deutschland schwache Häuser genauso gefährdet wie schwache Menschen.

Erbarmen wir uns ihrer.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 474

(Fotos: genova 2016)

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Von deutschen Schonfristen

Ein nettes Bild: Eine Lesbe und ein Jude in einer rechtsradikalen und somit strukturell antisemitischen und homophoben Partei, die eine als Funktionärin, der andere als Besucher.

Die konkret (3/19, von dort stammt das Foto) beobachtet in Bezug auf Broders Auftritt bei der Bundestagsfraktion der AfD ganz richtig:

Die Nazi-Seiten im Netz platzten vor Begeisterung über die „mutige Rede“.

Aber letztlich ist das alles ganz normal: Auch ein Jude darf rechtsradikal sein und auch eine Lesbe darf sich ablehnen. Broder hat leider nicht verstanden, dass das Anbandeln von Juden mit deutschen Faschisten nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt sein kann. Es gibt da Grundsätzliches, das der Harmonie im Wege steht. Mit Homosexuellen ist es ähnlich. Broder freut sich vermutlich hauptsächlich deswegen, weil ihm der Bauch gepinselt wurde.

Rechtsradikale wie Gauland, Höcke etc. beim versuchten Philosemitismus: Kürzlich meinte der heutige Rechts- und frühere Linksextremist Jürgen Elsässer, er sei früher „Antizionist“ gewesen, aber das sei heute nicht mehr opportun. Die Juden könne man als Kooperationspartner im Kampf gegen den Islam gut gebrauchen. Ähnliches lässt sich in allen anderen eurpoäischen rechtsradikalen Parteien und Szenen beobachten.

Schonfrist für die Juden also, zumindest für die rechten. (Die linken sind nach wie vor nicht von dieser Welt.) Deutsche Rechtsradikale gewähren ihnen Aufschub. Homosexuellen offenbar auch.

Danken wir dem Christengott für den neuen humanistischen Ansatz unserer Faschisten. Es hätte schlimmer kommen können.

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Italia moderna – sei

Die postmoderne Wirtschaftsfakultät der Uni Trient (Baujahr und Architekt sind mir leider nicht bekannt), ein Gebäude wie aus dem Stilbilderbuch. Ein massiver Kubus mit einem an die 1920er erinnernden angestetzen Turm ist der moderne Grundtypus, der vielfach postmodern gebrochen wird. Der Kubus ist im oberen Teil gebrochen und die Stützen sind zum größten Teil sichtbar. Sie sind modern gestaltet, unverkleidet, nur gestrichen, und mit konstruktivistischen Stilelementen. Die wiederum sind auf den ersten Blick Moderne in Reinkultur, auf den zweiten ironisch gebrochen, denn sie tragen nicht vernünftig, sondern setzen, wie man im zweiten Bild sieht, auf optische Täuschungen in der Statik.

Diese Stützen laufen also in die Spiegelglasfassade hinein. Zwei moderne Gestaltungselemente, die sich aber in ihrer Kombination widersprechen, sich konterkarieren, sich gegenseitig ironisieren, denn eine Spiegelglasfassade ist eigentlich eine Vorhangfassade mit zurückgesetzen Stützen, die eben nicht sichtbar sind, sondern hinter dem Spiegelglas verschwinden.

Die Fassade löst sich immer mehr auf, je länger man hinschaut. Nicht nur die durch die Stützen verursachten tiefen Einschnitte sorgen für Zerfall, sondern auch der rechte Teil der Front, wo das profillose Spiegelglas unregelmäßig von profiliertem abgelöst wird und sich im Turm fortsetzt, in dessen rechtem Teil wiederum die Fassade fensterlos massiv ausgeführt wird, und zwar in der Optik an die Stützen angelehnt.

Ein massives Natursteingesims oberhalb des Erdgeschosses verleiht dem Gebäude trotz der erwähnten Zerklüftung eine gewisse Geschlossenheit und Blockhaftigkeit.

Das Dach ist prinzipiell als Flachdach ausgebildet, ist aber ebenfalls zerklüftet und zeigt das Bestreben, die Blockhaftigkeit, die Massivität des Kubus zu entkräften.

Das Erdgeschoß ist zurückgesetzt und ebenfalls verspiegelt, wodurch es zu keiner Sockelbildung kommt, ein weiteres Indiz der Moderne.

Bislang haben wir, wie man sagt, die Rückseite besprochen. Die Hauptseite (Bilder 3, 4 und 6) – oder zumindest die an der Straße gelegene Seite mit dem Haupteingang ist strukturell genauso gestaltet, hier fällt die stark zerklüftete Ecke (Bild 3) auf, die schon als dekonstruktivistisches Element gedeutet werden kann.

Das auf der Hauptseite links anschließende alte Gebäude wurde vom Architekten offenbar auch bearbeitet; neben dem massiven Eckpfeiler breitet sich das profilierte Spiegelglas weitflächig aus. Es ist eine gelungene Verbindung zwischen alt und neu und das war ja zumindest ein Anliegen der Postmoderne.

Der Eingangsbereich schließlich ist ein weiteres Zitat: Zwei funktionslos stilisierte und in ihrer konsequenten Einfachheit sehr moderne Torbögen, die die Eintretenden mit der Philosophie des Gebäudes konfrontieren: Ein Bekenntnis zur Moderne, das im selben Moment konterkariert und aufgelöst wird, wobei eine angenehme Indifferenz übrig bleibt. Die Moderne wird ironisiert, doch gleichzeitig hat man nicht den Eindruck, vor einer reinen Spielerei zu stehen. Es ist ein postmodernes Gebäude, das zeigt, das jenseits des rein spielerischen Zitierens mehr möglich ist.

Ein nachhaltiges Spiel mit Zitaten, mit Brüchen, mit Inkonsequenz und Konsequenz zugleich. Es ist ein Gebäude, das im heutigen Zeitgeschmack wohl auf kein gutes Urteil kommt, das aber seinen Platz verdient hat. Gut möglich, dass es in 100 Jahren reüssieren wird.

(Fotos: genova 2018)

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