Berliner Schloss: Vom Durchschleusen und vom Fieberwahn

Das Berliner Schloss ist nun einzugsbereit, morgen wird es eröffnet. Da noch kein neuer Kaiser installiert wurde und man Bernd Höcke als unzuverlässig einstuft, versucht man es vorerst halt mit der Präsentation kolonialer Beutekunst aus Afrika.

Das deutsche Feuilleton schwelgt ob des tollen neuen Schlosses. Der Tagesspiegel „fiebert“ gar der Eröffnung „entgegen“. Vielleicht ist es ja Fieberwahn. Man spürt die für Zugereiste gewöhnungsbedürftigen Berliner Kollektivorgasmen, wenn es um dieses komische Preußen geht. Mir fällt gerade die Potsdamer Garnisonskirche ein, die dieselben rechten Kreise wiederaufbauen wollen.

Selbst die taz glaubt:

Das Humboldt Forum wird vielleicht gerade wegen all der berechtigten Kritik an ihm besser werden, als die meisten glauben.

Es geht schon damit los, dass etwa vier Millionen Besucher*innen jährlich in der Zeit nach der Pandemie erwartet werden – also mehr als in jedem Museum in Deutschland.

Genau. Vier Millionen können nicht irren, damit geht es los. Man hofft, dass die Pandemie noch eine Weile anhält. Wer hat sich die Zahl vier Millionen eigentlich ausgedacht? Egal, die taz plappert es munter nach.

Zur Erinnerung: Die Kolonialkunst war bislang im Berliner Vorort Dahlem zu sehen, in einem architektonisch interessanten Gebäude, nur interessierte das dort wenige. Das Tourismusmanagement war mit den Besucherzahlen unzufrieden. Der Umzug nach Mitte bedeutet also, die desinteressierten Touristenmassen irgendwie durchs Schloss zu schleusen, auf dass die Zahl von vier Millionen Durchgeschleusten erreicht werde. Ich sehe die Schulklassenhorden ähnlich euphorisch die afrikanische Kunst bestaunen wie sie bislang schon auf dem Holocaust-Mahnmal herumturnen.

Das Schloss ist nicht nur formal Walt Disney. Das nennt man kulturellen Fortschritt. Selbst das Original war ein architekturhistorisch bestenfalls mittelmäßiger Kasten, da hilft auch das ganze jahrelange peinliche Hochgejazze der Provinzfürsten – ehemals ostelbische Landjunker – nichts.

Dummerweise gibt es ein klitzekleines Problem: Nigeria fordert die Benin-Bronzen, die das Herzstück, wie man sagt, des neuen Museums werden sollen, zurück. Die so fleißige wie reaktionäre Elite Deutschlands will im neuen Schloss Hehlerware ausstellen. Die Frage, wieso koloniale Raubkunst „preußischer Kulturbesitz“ sein soll, stellt man sich in diesen Kreisen nicht. Es sind ja nur Neger.

Andreas Kilb plapperte in dem Zusammenhang in der FAZ von „Propaganda postkolonialer Gruppen“. Die Bronzen gehören natürlich uns und morgen die ganze Welt.

Dazu passt auch eine Geschichte über den Co-Architekten des Schlosses, Thomas Albrecht (vom reaktionären Büro Allmann Sattler Wappner Architekten). Niklas Maak berichtet in der FAZ:

Albrecht ist so erbost, dass die Medien es immer noch wagen, Kritik an seinem Superschloss zu äußern, dass er jüngst Briefe an Zeitungschefs aufsetzte, in denen diese aufgefordert werden, schlosskritische Journalisten endlich aus der Redaktion zu „entfernen“.

„Entfernt“ hat man ja schon des öfteren in der deutschen Geschichte. Eine sozusagen traditionelle Forderung.

Der Terminus passt zum Schloss und zur Beutekunst und zu dem ganzen Preußengeplapper. Wer ein Schloss baut, will auch Journalisten entfernen, was denn sonst? Nicht grundlos sind die Kameraden der AfD die vehementesten Schlossbefürworter.

Es passt eigentlich alles. Wie schon öfter in diesem Blog festgestellt: Jenseits von pseudolinker Gendersprache und PR-Agitation sind weite Teile dieser Gesellschaft nach wie vor reaktionär, rechts, zwanghaft und angstbesetzt. Warum regte man sich eigentlich kürzlich über die Reichsflaggen der Querdenker auf?

Touristenmassen, Billigbarock, Preußen: Da kommt alles zusammen. In Bezug auf die Forderungen aus Afrika jedenfalls sollten die Schlossfans standhaft bleiben. Wie einst der Kaiser.

(Foto: genova 2016)

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Die rechte Agenda der Franziska Giffey

Die neue Berliner SPD-Chefin Franziska Giffey will den Berliner Mietendeckel in fünf Jahren auslaufen lassen. Was will sie gegen steigende Mieten tun? Laut Tagesspiegel das:

Die Zeit müsse für mehr Neubau genutzt werden, auch mit Partnern aus der Privatwirtschaft. Das Thema müsse Chefsache sein. Nach den fünf Jahren Mietendeckel „muss man auch zu anderen Wegen kommen, damit eben Investoren nicht sagen, ich gehe woanders hin“, sagte Giffey.

Andere Ideen von Giffey zum Thema sind nicht bekannt. Mehr Neubau durch private Intestoren garantiert Mieten von 20 Euro und mehr oder einen Kaufpreis von 6.000 und mehr für den Quadratmeter. Selbst die angebliche linken Sozialdemokraten im Berliner Landesverband wollen nach dem zarten Pflänzlein Mietendeckel schnellstens wieder zurück zu einer rechten, neoliberalen, asozialen Wirtschaftspolitik statt den Weg zum kapitalismusbefreiten Wohnen weiterzugehen. Giffey will die Bodenverwertung durchs Kapital weiter vorantreiben. Eine Sozialdemokratin. Es ist eine Katastrophe.

Immerhin gibt es aus den SPD-Gremien zaghaften Widerspruch. Aber die rechte Giffey wurde kürzlich zur SPD-Chefin gewählt. Nennt man das politische Schizophrenie?

Es geht auch nicht nur ums Wohnen. Kürzlich sprach ich mit einem Restaurantbetreiber im Szenebezirk, wie man sagt, Friedrichshain. Für 130 Quadratmeter in einem Altbau zahlt er eine Miete von 4.000 Euro nettokalt. Selbst die Müllgebühren sind da noch nicht enthalten. Dieser Staat gilt als sozial, wenn er in Lockdownzeiten diesem Restaurantbetreiber Geld zuschießt. Der Vermieter darf weiter seine 4.000 Euro verlangen. Es wäre eine Selbstverständlichkeit, per Gesetz dem Typen die Miete auf maximal 700 Euro zu reduzieren, auch ohne Corona. Selbst dann könnte er mit dem erbeuteten Mietzins leben, ohne zu arbeiten. Im fortgeschrittenen Neoliberalismus wird das schon als Zumutung angesehen. Es ist offenbar ein Naturgesetz, dass man ohne zu arbeiten luxuriös leben kann. Es ist eine Art ungeschriebener Artikel im GG. Artikel eins: Die Würde des Kapitals ist unantastbar.

Kein Wort dazu von Giffey. Wichtig ist ihr, den Mietendeckel zu torpedieren. Reicht es für den SPD-Vorsitz aus, dass man nett lächeln kann und telegen wirkt? Oder reicht es, dass man die richtigen Geschlechtsmerkmale zwischen den Beinen hat? Was sagt eigentlich der Vorzeigelinke Kevin Kühnert dazu? Giffey will nächstes Jahr Berliner Bürgermeisterin werden. Wie gesagt, eine Katastrophe.

Die Resonanz auf Giffeys Ideen sind bemerkenswert. Der Berliner Mieterverein tadelt, die FDP lobt sie und nennt den Mietendeckel eine „staatliche Übergriffigkeit“. Klar, wenn sich der Staat gegen die totale Ausbeutung via Wohnen wehrt, ist er übergriffig, so wie man übergriffig ist, wenn man ein Kind schlägt.

Die einzig sinnvolle Position wäre: Erst wenn der letzte private Investor die Stadt verlassen hat, ist günstiges Bauen wieder möglich. Investoren, ihr seid nicht willkommen, wäre der einzig angemessene Satz einer sozialdemokratischen Politikerin. Stattdessen sagt sie, private Investoren seien „Partner“. Ja, sie sind Partner, wenn Giffey die Ausbeutung intensivieren will. Und wenn Giffey von der „Chefsache“ Wohnungspolitik redet, dann ist das aus ihrem Mund eine Drohung.

Wenn man sich überlegt, weswegen die SPD einmal gegründet wurde, erfasst man, warum die Partei mittlerweile so kaputt ist. Und das läuft so seit Schröder. Wowereit galt als politisch links, vermutlich weil er schwul ist. Dabei setzte er die Gentrifizierung bewusst in Kraft und freute sich dann öffentlich darüber. Wowereit realisierte die Wohnungspolitik von FDP und AfD. Ein rechter Politiker. Die Sozis machten das schon. Und werden es mit Giffey weiter machen.

Parteipolitisch ist die Linkspartei in Sachen Wohnungspolitik die einzig halbwegs zuverlässige  Größe. Die Berliner Grünen schlagen sich derzeit nicht schlecht, aber sie sind ideologisch unzuverlässig. Wenn denen jemand sagt, dass sich Mieten auch mit Homöopathiepillen senken lassen, ist unklar, was passiert. Oder wenn ihnen Söder ein Elektroauto schenkt.

Hoffen wir, dass die SPD unter die Fünf-Prozent-Hürde fällt. Oder sich direkt in Unsoziale Partei Deutschlands umbenennt.

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o.T. 568

 

(Foto: genova 2020)

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Mehr Diktatur in der Architektur!

Gerhard Matzig behandelt in der Süddeutschen Zeitung vom 14. November den hochinteressanten Aspekt der partizipatorischen Architektur; also einer Baukultur, die von der Mitsprache der künftigen Benutzer ausgeht. Ich habe den Artikel nicht im Original gelesen, sondern zitiere aus dem  Perlentaucher Architektur:

In der SZ macht Gerhard Matzig seinem Ärger über die Münchner Luft, die gegen die beiden von Jacques Herzog und Pierre de Meuron geplanten Hochhaus-Türme auf dem Areal der ehemaligen Paketposthalle protestieren. Statt Partizipation sehnt er sich nach dem „vordemokratischen Selbstbewusstsein einiger durchgeknallter, autokratisch oder monarchisch agierender Bauherren“ zurück: „Die Bürgerbeteiligung möchte, dass am besten nichts gebaut wird, was nicht alle gut finden (realistisch betrachtet nichts); der Denkmalschutz will, dass nichts gebaut wird, was die Welt, wie wir sie kennen, verändert (realistisch betrachtet nichts). Es gäbe Paris nicht.“

Bemerkenswert erst einmal, dass hier jemand gegen Strich bürstet. Vordemokratische Strukturen im Bauentscheidungsprozess zu fordern, lässt aufhorchen und ist deshalb schon bedenkenswert. Von Matzig liest man meist eher unangehnemes Zeug, insofern bin ich vorsichtig. Ich bemerke aber eine Neigung dazu, seine Meinung sympathisch zu finden. Bei öffentlichen Bauaufträgen bestimmt beim Bürger meist das Ressentiment die Haltung: Das geplante Gebäude darf nicht zu hoch sein, am besten nicht mehr als drei Stockwerke. Es darf nicht ungewohnt sein, am besten das Gewohnte. Es darf nicht zu viel Platz einnehmen, am besten bleibt es unter der Erde. Und am besten wird es rundherum begrünt, auf dass das Haus kein Haus mehr ist, sondern Natur. Ob man auf diese Art von Beteiligung wirklich etwas Sinnvolles hinkriegt, kann man bezweifeln. Zu viele Köche verderben den Brei

Andererseits ist Partizpation eine gute Sache. Gerade im Wohnungsbau ist der Bewohner beim Architekten eine unbekannte und vor allem uninteressante Variable. Es bauen in den Großstäden irgendwelche Investoren, die sich nicht für Grundrisse interessieren, sondern für Rendite. Die lässt sich offenbar immer noch am besten dann verwirklichen, wenn man die Wohnung für die Kleinfamilie baut, dazu ein paar Singlewohnungen. Dass das an den realen Wünschen in Teilen vorbeigeht und dass es so auch nicht zu einer Diskussion über künftiges Wohnen kommt, ist diesen Leuten egal. Grundrisse spielen in der Diskussion sowieso kaum eine Rolle, das ist seit den 1970er Jahren so, als die Postmoderne umschwenkte und man sich nur noch für Fassaden interessierte.

Dazu kommt das offenkundige Versagen auch der Architektenschaft im Wohnungsbau. Fast alles, was heute in Berlin neu gebaut wird, liegt jenseits von 5.000, 6.000, 7.000 Euro pro Quadratmeter. Irgendwas Innovatives lässt sich praktisch nirgendwo finden, ein paar progressive Baugruppen ausgenommen. Doch auch die sind angesichts der Bodenpreise nur noch möglich, wenn sie viel Kapital mitbringen.

Es bräuchte im Wohnungsbau eine breite Bürgerbeteiligung. Lernen könnte man von der Partizipationsbewegung der 1960er Jahre, die in strukturalistischer Architektur mündete. Aldo van Eyck und Lucien Knoll wären aus historischer Perspektive zu nennen. Heute machen Gruppen wie die Baupiloten von sich reden. Partizipation könnte es auch in größerem Maßstab geben, wäre die Politik nicht systemisch korrupt.

Gerhard Matzigs Wunsch nach mehr Dikatorenschaft beim Bauen hat also etwas cooles, sofern niemand darin wohnen muss.

Vielleicht sollte man jedes Jahr ein paar innerstädtische Grundstücke bestimmten Architekten mit Neurosen zur Verfügung stellen, die ungehemmt drauflos bauen dürfen: Skyscraper, extremistische Sachen, neue Techniken und Baustoffe testend, gewollt provozierend, bewusst hässlich, irritierend. Hier käme auch der künstlerische Anspruch vieler Architekten sinnvoll zum Einsatz. Sie könnten sich als Genie erweisen oder ungergehen. Es wäre ok. Es käme dann zu einer öffentlichen Auseinandersetzung und alleine das wäre die Sache wert. Darüber reden. Man könnte nach ein paar Jahren andere Architekten den Bau variieren lassen. Work in progress. Es gäbe einen Erkenntnisgewinn. Der mittlerweile erreichte Zustand der Bürokratie jedenfalls wie auch die vielen verlogenen Wettbewerbe bedürfen dringend der Korrektur.

Dictatorship in architecture: ein durchgeknallter und autokratischer Architekt legt los. Was hätte man zu verlieren? Es lebe die kontrolliere Diktatur!

(Foto: genova 2015)

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Österreich verstehen

(Foto: genova 2019)

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Statik und Präzision

Immer wieder unglaublich: Das „Bildnis einer jungen Dame“ von Petrus Christus, um 1470 gemalt.

Ein klarer, katzenartiger Blick mit großer Schärfe. Keine Augenlider, kaum wahrnehmbare Brauen, dazu eine glatte, künstliche Haut, als hätte der jungen Dame schon das heutige Repertoire der Kosmetikindustrie zur Verfügung gestanden. Oder hat man so eine Haut, wenn man das Repertoire gerade nicht aufträgt? Die im Lauf der Zeit entstandenen vielen kleinen Brüche in der Ölfarbe wirken wie unzählige geplatzte Adern, was der Dame einen Hauch von Horrorfilm gibt.

Der Blick lässt den Betrachter sich schuldig fühlen. Was habe ich falsch gemacht?

Zur Komposition gehört die Materialität der Haut genauso wie all das Schmale: Nase, Mund, Ohren, Dekolleté, Schultern. Schmal, filigran, zart, gleichzeitig unerhört nüchtern und hölzern. Teakholzhölzern sozusagen. Lasiert.

Es wundert mich immer wieder, wie sehr das ausgehende Mittelalter eine großartige Detailtreue und Präzision entwickelt hatte. Diese Präzision ging aber in Mitteleuropa immer ins Statische. In Italien war man schon beschwingter, lebendiger, auf direktem Weg in die Renaissance. In der spätgotischen Malerei war die Präzision auf einem Höhepunkt, die Statik aber noch dominant. Es war eine Art Naturalismus an der Schwelle zu einer neuen Zeit. Gerade der Haaransatz der Dame wirkt sehr naturalistisch.

Dazu kommt das allgemeine Merkmal dieser Portraitkunst, und zwar dass man Augen, Nase, Mund und vor allem das Kinn damals zu klein malte. Warum eigentlich?

Wie auch immer, vielleicht ist es gerade diese konfrontative Statik, die komplett fehlende Dynamik, die diese Bilder, auch die von Jan van Eyck, so anziehend machen.  Statik und Unnahbarkeit. Was auch mit der fehlenden Zentralperspektive zusammenhängt. Vordergrund und Hintergrund, das hatte zu reichen.

Wobei: Man könnte Augen und die Mundpartie auch als überhaupt nicht statisch lesen. Mund und Augen geben der Frau – oder ist es noch ein Kind? – etwas Individuelles. Die Augen sind nicht symmetrisch, sondern bewusst ungleich gemalt. Das linke Auge hängt in Karl-Dall-Manier. Oder auch nicht. Es ist geheimnisvoll. Aber es sind eben nur Mund und Augen, die eine besondere Dynamik besitzen. Es ist im Mund eine minimale Bewegung vorhanden, die vermuten lässt, dass die Abgebildete einen leisen Vorwurf formuliert. Einen leisen, aber betroffen machenden Vorwurf.

Mit all diesen Attributen wirkt die Frau aktuell. Sie könnte in einem Alien-Film die Hauptrolle übernehmen. Mich würde auch nicht wundern, wenn Giorgio de Chirico sich 450 Jahre später dieses Bild angeschaut und seine metaphysischen Stadtlandschaften an dieser Ästhetik orientiert hätte.

Statik und Präzision – ein schöner Moment in der Geschichte der Kunst.

Das Bild hängt in der äußerst besuchenswerten Gemäldegalerie in Berlin.

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Zum Verhältnis von Kapitalismus und purer Natur

Kapitalismus und Ökologie: Theoretisch kein Widerspruch, da man das Kapital ausschließlich ökologisch vertretbar investieren könnte. Die Praxis sieht anders aus.

Das ist eine Mineralwasserflasche von Evian mit Produktinformationen, wie man sagt:

Der Mineralwasserproduzent – wobei: Kann man von „produzieren“ reden, wenn man das Wasser einfach aus dem Boden holt? – Evian will also die „Natur in besonderer Weise bewahren“: Man verwendet angeblich umweltfreundliche Flaschen. Und man will, natürlich, „unseren CO2-Abdruck weiter reduzieren“. Was man heute halt so sagt.

Ein Wasser, das von einem Heer von Werbestrategen seit den 1980 er Jahren derart aufgeputscht wurde, dass es als schick gilt, sich mit dieser Marke in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zeitgleich mit der Aufmotzung des Formalen in Neoliberalismus und Postmoderne hat man es geschafft, das allgemeinste und selbstverständlichste Lebensmittel überhaupt als etwas exklusives zu präsentieren, mit dem man sich vom Pöbel oder auch nur vom Nachbarn abheben kann. Dabei ist Evian 36.500 Prozent teurer als Leitungswasser.

Dazu kommt, dass Evian offenbar von eher schlechter Qualität ist. Die Stiftung Warentest warnte vor acht Jahren vor Evian:

Denn der Hersteller werbe im Internet damit, dass das Säuglingswasser Evian „durch seine bakterienfreie Reinheit von Säuglingen ohne Abkochen getrunken werden“ könne. Aber auch in Evian fanden die Experten Keime.

Egal. Wer etwas auf sich hält, trinkt Evian, natürlich mit der Evian-Flasche auf dem Tisch.

Hier sehen wir die eine Stufe der Perfidie des Kapitalismus. Man suggeriert den Leuten, sie könnten sich mit Evian absetzen, eine Stufe auf der Hierarchieleiter hochklettern, ihre Klasse mal schnell verlassen, ihre Distinktionsfähigkeiten demonstrieren, wenn sie Evian trinken. Wobei es nicht ums trinken geht, sondern ums Präsentieren der Evianflasche in der Öffentlichkeit.

Der Kapitalismus ist auf solches Verhalten offenbar angewiesen. Täglich neue Renditequellen ausfindig machen bzw. überhaupt erst künstlich generieren, das ist das lebensnotwendige Geschäft des Systems. Das Kapital erzählt dem gemeinen Erdenbewohner zuerst, es gebe keine Klassen, sondern es gebe nur die Selbstverwirklichung des Individuums. Und diese Selbstverwirklichung realisiere sich beispielsweise über Evian. Die Kunden sind vermutlich glücklich.

Um auf das eigentliche Thema zurückzukommen: Evian kann man in weltweit 120 Ländern kaufen. Evian, schreibt Wikipedia, wird bevorzugt in Amerika und Japan getrunken. Das Wasser wird also offenbar unter hohem Energieaufwand von den französischen Alpen in die ganze Welt transportiert. Ein Wasser wie jedes andere auch. Ökologisch ist das eine Katastrophe. Die Lösung wäre einfach: Man trinkt das Wasser aus der Region, in der man sich gerade befindet.

Würde Evian also seinen eigenen Anspruch ernsthaft umsetzen wollen, müssten sie ihr Geschäftsmodell aufgeben. Wenn es tatsächlich „unser besonderer Auftrag“ wäre, „diese Natur in besonderer Weise zu bewahren“, tränke man Evian nur in Evian.

Das aber wäre das Ende von Evian. Genau deshalb beauftragt man lieber eine PR-Agentur damit, ein perverses Geschäftsmodell via perverser Sprachmodellierung als ökologisch korrekt darzustellen. Das „natürliche Mineralwasser“, „pur und rein, wie die Natur es geschaffen hat“, wird in einer Art um die Welt geschippert, dass die pure und reine Natur zerstört wird. „Geschützt im Herzen der Berge“ sorgt „jeder Tropfen“ dafür, dass wir weiter in Umweltkatastrophen schlittern.

Dabei ist es nicht nur Evian. Ob im Bahnhof oder im Zug oder in deutschen Innenstädten: Man bekommt kein Leitungswasser, sondern Evian oder ähnliches. Es machen alle mit. In südlichen Ländern ist es naturgemäß angenehmer, dort ist Wasser oft in öffentlichen Quellen frei verfügbar. Im Flughafen in Athen bekomme ich einen halben Liter No-Name-Mineralwasser für 40 Cent. Auf deutschen Flughäfen ist es mindestens das vierfache. Man ist in Deutschland bekanntlich schamloser.

Evian gehört übrigens zu Danone. Das sind die, die vielfach für ihr menschenfeindliches Verhalten kritisiert werden. Man macht schon Kinder mit Fruchtzwergen und ähnlichem abhängig und schafft sich so zuverlässig die Kundschaft von morgen. Die Pharmaindustrie kann sich dann über Karies und Übergewicht freuen. Ob Natur- oder Menschenzerstörung: Alles bringt Rendite. Der Kapitalismus lässt uns keine Wahl.

Der Kern des Problems: Wenn Evian sich auf das Verbreitungsgebiet französische Alpen beschränkte, würden überall regionale Quellen Ersatz bieten. Würde man dieses Wasser günstig anbieten, wäre das für die Menschen super, aber das Bruttoinlandsprodukt sänke und damit auch der Umsatz der Volkswirtschaften. Ökologie funktioniert im Kapitalismus also nie über Verzicht, sondern nur über mehr Technologie. Der Einbau von Katalysatoren in Autos und Kraftwerke sorgten in den 1980er Jahren für bessere Luft. Weniger Autos ddagegen würden eine Wirtschaftskrise bedeuten, würde man nicht andersweitig Umsatz generieren. Ein altes Auto besitzen und wenig fahren ist ökologisch sinnvoll und kapitalistisch katastrophal. Verzicht ist im Kapitalismus nicht vorgesehen.

Sicher müsste man unter ökologischen Gesichtspunkten Teile der Produktion stilllegen. Es wäre ein starker Staat gefordert. Doch hier hat der Neoliberalismus ganze Arbeit geleistet. Wer verbieten will, ist böse, gegen die Selbstverwirklichung des Individuums und für Sozialismus. Das Verbot der Zerstörung haben die Apologeten des Kapitals längst zu einem angeblichen Verbot der Freiheit gewandelt. Dieser kapitalistisch pervertierte Freiheitsbegriff scheint mir die Grundlage dafür zu sein, dass wir einfach so weitermachen. „Wir arbeiten daran, unseren CO2-Fußabdruck weiter zu senken“, schreibt Evian. Das muss reichen. Die Perfidie schimmert schon in Formulierungen wie der von Evian durch, dass man die Natur nicht einfach „bewahren“ müsse. Nein, man muss sie „in besonderer Weise bewahren“. Was auch immer das sein soll.

Kapitalismus ist genial. Seine Sucht nach dem Mehrwert schafft es, einem großen Teil der Weltbevölkerung zu suggerieren, dass die totale Naturzerstörung in Wahrheit die totale Umwelterhaltung ist. Die Widersprüche sind für jedes Kind verständlich. Dennoch machen wir weiter. Es ist klassisches Suchtverhalten.

Kapitalismus und Ökologie: Theoretisch kein Widerspruch. In der Praxis wohl ein unaufhebbarer.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 567

(Foto: genova 2017)

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Vier Fotos zu angenehmen Stadtsituationen

Vier Fotos, die urbane, wie man sagt, Situationen zeigen:

Warum empfinden wir das Abgebildete auf diesen Fotos als angenehm? Die Antwort ist einfach: Weil wir vier städtische Straßen und Plätze sehen, aber keinen einzigen Baum. Viele Häuser, kein Grün (bis auf einen kümmerlichen Busch). Man nennt das Stadt. In Deutschland naturgemäß undenkbar.

Man könnte hier weitere Aufnahmen aus nahezu allen italienischen Städten machen. An den wenigen Stellen, wo Bäume stehen, wohnen vermutlich deutsche Migranten.

Hoffen wir, dass diese Beispiele (Chiomaggio, Mantua, Lüttich, Wien) Schule machen und demnächst in Berlin und anderen Städten die Kettensägen totalitär regieren.

Keine Angst: Es wird uns gefallen.

(Fotos: genova 2015-2018)

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Waschbeton 16

Kürzlich in einer TV-Doku über die drei Hochhäuser von Arne Jacobsen von 1965 auf der Ostseeinsel Fehmarn: Eine Touristin in einem Fehmarner Restaurant in der Nachbarschaft sagt:

Ich finde, dass Hochhäuser aus den 70er Jahren sowieso nicht schön sind, die kann man einfach sprengen.

Der Betreiber des Restaurants ergänzt:

Es passt heute nicht mehr hin. Es muss sich immer weiterentwickeln … Die Zeiten ändern sich. Es ist kein Pfeffer drin.

Die Touristin redet nicht lange herum und bringt das, was man gerne „Bauchgefühl“ nennt, zum Ausdruck. Der Koch versucht immerhin noch zu argumentieren, auch wenn es dabei drunter und drüber geht. Dass man heute anders baut, reicht ihm nicht. Zeichen einer anderen Zeit unterliegen seiner subjektiven Momentbetrachtung, die aber dazu ausreichen soll, zu eliminieren. Passt demnach ein Fachwerkhaus noch irgendwo hin? Oder der Dom in Speyer? Die Zeiten haben sich ja geändert. Bitte abreißen.

Es ist das immer gleiche Spiel: Der Desinteressierte hat keinen Respekt vor Gebautem, wenn ihm das spontane Grummeln im Arsch den Abriss empfiehlt. Nicht einmal Respekt vor einem Jacobsen. Ließe man diese Leute, also solche, die man gemeinhin mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet sieht, walten: Übrig bliebe ein verwüstetes Land.

Gottseidank hat die zuständige Denkmalbehörde dieser ästhetischen Regression einen Riegel vorgeschoben und die drei Türme 2015 unter Denkmalschutz gestellt.

Thematisch nicht weit weg: Waschbetonplatten als Brüstung und als Fassadenelemente. In dieser Sprödheit immer wieder schön zu sehen. Boten einer vergangenen Zeit, in der dieses Spröde, Harte und Schmucklose sich durchsetzen konnte. Möge der Denkmalschutz auch hier tätig werden. Oder besser: Möge sich der kulturell und ästhetisch verantwortungsbewusste Teil der Bevölkerung dafür einsetzen, dass solche Sachen stehen bleiben.

(Fotos: genova 2019)

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