o.T. 487

(Foto: genova 2019)

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Von Persönlichkeiten gegen Mittelmaß und Mutlosigkeit

Susanne Klatten und ihr Bruder Stefan Quandt, Hauptaktionäre bei BMW, Multimilliardäre und vor allem Milliardenerben (auf Exportabel hier und hier schon thematisiert), sind in die „Hall of Fame“ aufgenommen worden. Die Hall of Fame ist ein PR-Gag der Realsatirepublikation manager magazin.

Bei dieser Ruhmeshalle engagiert man sich

„gegen Mittelmaß und Mutlosigkeit … und zeichnet Persönlichkeiten aus, die sich um Wirtschaft und Gesellschaft besonders verdient gemacht haben“,

so die Eigenbeschreibung.

Um Wirtschaft und Gesellschaft besonders verdient gemacht: Klatten und Quandt zweigen Jahr für Jahr eine runde Milliarde Euro aus dem Gewinn des Unternehmens BMW ab. Man kann das bei den beiden nicht auf einen Stundenlohn umrechnen, weil sie dafür keine Stunde und auch keine Minute gearbeitet haben. Der Stundenlohn tendiert gegen unendlich, sozusagen.

Auf der dazugehörigen Festveranstaltung gab es noch mehr Skurriles. Die herrschende Klasse unter sich. Nikolaus von Bomhard, Aufsichtsratsvorsitzender der Münchener Rück und der Deutschen Post, lobte seiner Laudatio auf Klatten und Quandt

„ihr nachhaltiges Wirken und ihre vielfältigen sozialen wie kulturellen Engagements: „Sie wissen, dass Unternehmer eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen und Vorbild sein müssen.““

Sozial und kulturell engagiert den Arbeitern das Geld aus dem Kreuz leiern. Das nennt man in diesen Kreisen gesamtgesellschaftliche Verantwortung.

Der Veranstaltungsort, so das manager magazin (bei dessen Lektüre einen schnell der Verdacht beschleicht, der Chefredakteur heiße Sonneborn) weiter,

wirkt wie eine Trutzburg im Abendlicht.

Da hatte vermutlich Freud seine Hände im Spiel. „Trutz“ bedeutet einen Akt der Gegenwehr. Die illustre Gesellschaft sieht sich offenbar in der Opferrolle und muss sich nun organisieren, um zu kriegen, was ihr zusteht. Die illustre Gesellschaft weiß sicher genau, wie asozial sie sich benimmt und ist vielleicht selbst am meisten verwundert darüber, dass die Ausgebeuteten sich das gefallen lassen. Sie, die illustre Gesellschaft, ist deshalb permanent in Abwehr- und Angriffsstellung zugleich. Und auf den Abend folgt die Dämmerung und dann die Nacht.

Bemerkenswert noch, dass in diese Hall of Fame auch zwei Gewerkschaftsbosse, nämlich der DGB-Chef Hoffmann und der IG-Metall-Chef Hofmann, aufgenommen wurden. Sicher auch wegen Verantwortung und Engagement, eben der herrschenden Klasse gegenüber.

Apropos Vorbild: Am besten nehmen sich nun 80 Millionen Menschen in Deutschland diese beiden Typen zum Vorbild: Jedes Jahr eine Milliarde Euro einsacken, ohne einen Finger dafür zu rühren. Vielleicht sollte die Putzfrau des Trutzburg-Events damit anfangen: Den Damen und Herren verkünden, sie stelle mit sofortiger Wirkung ihre Arbeit ein und verlange dafür eine Milliarde Euro pro Jahr. Die Betroffenen hätten sicher Verständnis, gehört dieses Verhalten doch zu ihrem Alltag. Was übertrieben klingt, ist exakt das, was das noble Geschwisterpaar Klatten und Quandt macht.

Die Klassenfeinde treffen sich in einer Trutzburg. Dort hocken sie für ein paar Stunden zusammen und engagieren sich gegen Mittelmaß und Mutlosigkeit.

In der Tat: Wir sind zu mittelmäßg und zu mutlos. Schade, dass wir die Gelegenheit nicht nutzen.

(Foto: genova 2016)

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Das langgestreckte Eirund

Eine Kirche von Rudolf Schwarz, ausnahmsweise nicht im Rheinland, sondern 1960 im oberösterreichischen Linz entstanden:

Ein stahlbetonbewertes Gerüst, mit Ziegel aufgefüllt, die innen unverputzt geblieben sind. Das Ganze als Oval, als „Eirund“, wie Schwarz selbst sagte, mit einer längsseitigen Ausbuchtung. Kirche zur Heiligen Theresia heißt sie.

Man hat beim Betreten des Hauptgebäudes sofort ein angenehmes Raumgefühl: luftig, hell, übersichtlich, aber nicht kalt. Schwarz braucht auch keine bunten Fenster, um dieses Raumgefühl zu schaffen. Man sieht und begreift die Konstruktion, mit einer schönen Decke aus Plattenbalken, schmal und prägnant.

Die Wandfüllungen sind Ziegel und Glas, in unterschiedlichen Anteilen. In Richtung des Altars wird der Glasanteil größer, Gott ist luftig und braucht keine Gruft. Es sind ganz einfache Baumaterialien, es ist eine simple, aber nicht funktionalistische Moderne, die Schwarz da zusammengebastelt hat.

Der Turm steht allein, auch ein ganz simples Gerüst, und neben dem Hauptbau steht ein kontrastives Element: eine Art Kapelle, die mit Naturstein hochgezogen wurde, ohne Wandöffnungen. Dort hat man ein völlig anders Raumgefühl als im Hauptraum, und dieser Kontrast ist ein besonderer.

Der Bau wirkt von außen ungemein anziehend, weil man den weißen Putz hat, der mit dem sichtbaren graugestrichenen Raster korrespondiert. Die Hintertür ist fast schon ein konstruktivistisches Bild. Figürlichkeit und Abstraktion verbinden sich. Dazu kommt der Kontrast zwischen einfachem Raster und der ovalen Form.

Die Kirche ist auch ein seltenes Beispiel für die Vereinbarkeit von Bäumen vor Häusern. Keine dummen Kastanien oder noch dümmere Platanen, die alles um sie herum erschlagen, sondern sensible Gewächse, die den Bau nicht verdecken und erdrücken und erschlagen, sondern ergänzen.

Bauhistorische Fotos zeigen schön, wie konstruktiv simpel solche Kästen hochgezogen werden:

Ein tiefes Fundament für die Stützen, die dazugehörige Schalung und dann facht man in Ruhe aus.

Es ist ein einfaches Bauen, damals sicher den begrenzten finanziellen Mitteln geschuldet, aber auch eine Misstrauen von Repräsentation und Machtdarstellung.

(Fotos: genova 2019)

 

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o.T. 486

(Foto: genova 2019)

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Ich stelle mein Kunstwerk vor

Absichtslose Kunst ist eigentlich keine und dennoch immer wieder die beste. Eine unbewusste Installation im öffentlichen Raum hat künstlerischen Reiz, weil sie keine gewollte Kunst ist, sondern erst durch den Betrachter geschöpft wird.

Das meiste, was an Installationen heute erstellt wird, ist reizlos. Es war gut, als es neu war, als es Interesse und Aufmerksamkeit weckte. Ein paar Felsbrocken in einem Museuml waren früher Stein des Anstoßes und sind heute nur noch Stolperfalle, und das ist dann auch schon der anregendste Aspekt dessen. Seien wir ehrlich: Ein paar Felsbrocken im Museum sind ein Anlass zum Gähnen und zum Austesten, ob man dagegentreten darf, ohne vom Personal gemaßregelt zu werden. Bewusst hingelegte Felsbrocken oder Drahtfäden oder irgendwas mit Glas sind im Jahr 2019 in Museen weitestgehend lächerlich und rein als Dokumentation von Kunstgeschichte interessant. Im Moment der Musealisierung sind solche scheinbar widerständigen Kunstaktivitäten obsolet. Kunst im Museum ist sowieso so problematisch, wie es der Begriff des Bürgertums schon längst ist.

Die Aktion der beiden Sozialdemokratinnen, die 1973 in einem Lagerraum eine alte, schmutzige Badewanne entdeckten und sie gewissenhaft säuberten, war ein ganz hervorragendes Lehrstück über Bedeutung und Funktion moderner Kunst. Die Wanne war von Joseph Beuys hergerichtet worden. Der Spiegel schrieb:

Mit Ata bewaffnet machten sie sich ans Werk und scheuerten nach guter Hausfrauenart drauf los, bis die Wanne weiß und glänzend dastand.

Innerhalb weniger Minuten zerstörten die ahnungslosen Damen ein Kunstwerk, dessen Wert Experten damals schon auf 80.000 D-Mark schätzten.

Die beiden Damen zerstörten eine Aura, die ein dümmlicher Kunstmarkt in jahrelanger PR-Propaganda errichtet hatte. Die Aktion der Säuberung der Wanne hatte den gleichen emanzipatorischen Aspekt wie ihre Verschmutzung.

Der Besitzer der Badewanne war ein Sammler, der nach der Behandlung allen Ernstes von der Museumsleitung forderte:

„Ich erwarte, dass Sie umgehend Schritte ergreifen, um eine sofortige Restaurierung der Objekte und eine Regulierung der Schäden durch die Versicherung sicherzustellen.“

Eine Restaurierung einer sauberen Badewanne in eine schmutzige. Vielleicht hätte jahrelanger simpler Gebrauch geholfen.

Natürlich kann eine schmutzige Badewanne Kunst sein, wie auch ein Pissoir. Aber es ist prima, wenn das jemand nicht erkennt und die Kunst vernichtet. Die Moral von der Geschicht ist interessant, die Wanne ist es nicht. Man könnte auch sagen, dass solche Objekte nur vorübergehend, kurzzeitig Kunst sind. Es zählt der Moment der Kunstmachung, danach wird das Objekt uninteressant.

Der Aspekt moderner Kunst, zu irritieren, neue Zusammenhänge herzustellen, neue Sichtweisen zu ermöglichen, fällt in sich zusammen, wenn er seinerseits autoritär wird. Der Anspruch moderner Objektkunst kann nur der Moment sein. Ihre Zerstörung könnte man als einen weiteren prozessualen Kunstmoment deuten und es ist gut.

Eine ganz wunderbare Aktion gelang in diesem Zusammenhang kürzlich Banksy, dem sogenannen Street-Art-Künstler: Ein Bild von ihm wurde für 1,2 Millionen Euro versteigert und direkt nach diesem kapitalistischen Akt sorgte ein von Banksy installierter Aktenschredder für sofortige Zerstörung des Bildes.

n-tv schreibt:

Später postete Banksy bei Instagram noch ein Video, in dem es heißt, dass der Schredder schon vor Jahren in den Rahmen eingebaut worden sei, für den Fall, dass das Bild einmal versteigert werde. Danach zeigt das Video die Momente, in denen das Bild zerstört wird sowie die Reaktionen der Anwesenden. Als Kommentar zu dem Eintrag zitierte Banksy den Maler Pablo Picasso: „Der Drang zu zerstören ist auch ein kreativer Drang.“

Das Auktionshaus Sotheby´s sagte – lustigerweise der Financial Times:

„Wir haben mit dem Käufer gesprochen, der überrascht über die Aktion war. Wir befinden uns in Verhandlungen über die nächsten Schritte.“

Es ist eine ziemlich coole Geschichte von einem, der offenbar versteht, dass diese Art von Kunst im Moment ihrer Kapitalisierung obsolet wird. Künstlerisch betrachtet ist die Zerstörung der einzig sinnvolle Ausweg. Andererseits: Das System Kapitalismus ist so ideologiefrei und flexibel, dass das zerstörte Bild vielleicht einmal mehr Geld Wert sein wird als das unzerstörte. Wir haben hier auch ein schönes Bild von einem System, dessen einzige Logik die Kapitalvermehrung ist. Ob ein gemaltes Bild, ein Haufen Kot auf einem Kuchen oder ein Krieg: Es geht lediglich darum, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass alles seinen Wert hat.

Man könnte der erstarrten modernen Objektkunst, um zum Thema zurückzukommen, in all den lächerlichen deutschen Provinzmuseen zu neuer Aktualität verhelfen, wenn man ihnen den Heiligenschein nähme. Putzfrauen und Kinder sollten sich all der Fettecken und Flecken und Lappen und Iglus und Nägel bemächtigen und damit etwas anstellen. Es wäre vielleicht sogar nötig, dieser momenthaftigen Kunst, die aus nichts als dem Moment heraus Kunst ist, ihre zeitliche Begrenztheit aufzuzeigen, das Betatschen, Verändern, Verwursteln zu erlauben. Man sollte vorher jegliche moderne Objektkunst entsichern, auf dass sich private Sammler nicht weiter entblöden können. Man könnte sich in diesem Zusammenhang noch einmal die Futuristen vornehmen. Es wäre auch ein antikapitalistischer Akt, denn im Moment der Ermächtigung des Kunstwerks könnte dieses auch schon obsolet, dem Markt enzogen worden sein. Man sollte all die lächerlichen deutschen Provinzmuseen als Dokumentationszentren für Kunstgeschichte betrachten.

Was macht eigentlich Julia Stoschek?

Im vorliegenden Fall bin also ich der Künstler, weil ich dieses Kleinod entdeckt, es dem Bauarbeiter gedanklich entrissen und zur Kunst erklärt habe. Und dann gefällt es mir deshalb so gut.

Wenn man dann noch bedenkt, dass ich dieses Kunstwerk in einer oberösterreichischen Kleinstadt mit einem FPÖ-Bürgermeister und einer FPÖ-Mehrheit im Stadtrat, also in einem Land mit aktuell 8,5 Millionen Debilen zur Kunst erklärt habe, kann ich mich mit Fug und Recht, wie man sagt, zum politischen und dissidenten Aktionskünstler erklären.

Aber nur vorübergehend.

(Foto: genova 2019)

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Von Eier sozialisierenden deutschen Hausfrauen

Ein hochinteressanter Artikel in der taz über deutsche Zeitgeschichte. Es geht um den Begriff der sozialen Marktwirtschaft und die Rolle Erhards. Erhard wollte einen freien Markt: „Ich meine, dass der Markt an sich sozial ist, nicht dass er sozial gemacht werden muss.“

Mir neu sind die beiden folgenden Ereignisse:

Erhard reagierte mit dem neoliberalen Mantra, die Preise würden sich mit der Zeit schon „einpendeln“. Das taten sie nicht. In den ersten zwanzig Tagen nach der Währungsreform stiegen die Preise von Schuhen und Grundnahrungsmitteln um 50 bis 200 Prozent, und bis zum Jahreswechsel verbesserte sich diese Situation nicht.

Schnell regte sich Unmut. Marktstände wurden geplündert, und Hausfrauen „sozialisierten“ die besonders begehrten Eier. Große „Kaufstreiks“ wurden durchgeführt, um die Händler zu Preisnachlässen zu bewegen, und in fast allen Städten kam es zu Protestdemonstrationen.

Eine Zäsur war der 28. Oktober 1948, als in Stuttgart 80.000 Menschen auf die Straße gingen – und anschließend einige Tausend Demonstranten Luxusgeschäfte zerstörten und Polizisten tätlich angegriffen. Deutsche und amerikanische Polizeibataillone setzten Tränengas, Bajonette und gepanzerte Fahrzeuge ein, um die aufgebrachte Menge unter Kontrolle zu bringen.

Am 12. November 1948 kam es schließlich zum bislang letzten Generalstreik in Deutschland: Über 9 Millionen Menschen legten die Arbeit nieder – das entsprach einer Beteiligung von knapp 80 Prozent –, obwohl nur 4 Millionen einer Gewerkschaft angehörten und es auch kein Streikgeld gab. 9 Millionen verzichteten auf ihr knappes Einkommen, damit Wirtschaftsdirektor Erhard endlich verstand, dass seine Politik des „freien Marktes“ gescheitert war.

80.000 Demonstranten und zerstörte Luxusgeschäfte – klingt nach den aktuellen französischen Gelbwesten und schwersten 1.-Mai-Ausschreitungen und man glaubt kaum, dass sowas in Deutschland möglich war. Kurz darauf ein Generalstreik mit einer Beteiligung von knapp 80 Prozent – ein Bericht aus einer anderen Welt.

Interessant dabei auch, dass diese Ereignisse im historischen Bewusstsein der Deutschen, wie man sagt, nicht vorkommen. Die herrschende Geschichtsschreibung hat hier gute Arbeit geleistet. Wer wüsste schon, wann in Deutschland der letzte Generalstreik stattgefunden hat? Wir wissen stattdessen von dem Übermenschen Ludwig Erhard, der angeblich die „soziale Marktwirtschaft“ erfunden hat und dass Unzufriedenheit es nur in der Ostzone gab. Der 17. Juni 1953 wurde sogleich zum Feiertag erhoben.

Vorschlag: Wir schaffen den lächerlichen 3. Oktober als Feiertag ab und führen stattdessen zwei neue Feiertage ein: den 28. Oktober und den 12. November, inklusive aufklärender Begleitprogramme und wie der Wert des sich Wehrens gegen Zumutungen überhaupt aktualisiert werden könnte. Besser noch: Wir richten eine jährliche Feiertagszone vom 28. Oktober bis zum 12. November ein. Dann kommt die Aufklärung besser voran und die Bevölkerung kann sich gut organisieren.

Verlaufen diese Begleitprogramme erfolgreich, wird spätestens ab Anfang Dezember kein Paket mehr über Amazon verschickt, kein Hotelzimmer mehr geputzt, kein Brötchen mehr verkauft und keine Miete mehr gezahlt.

Es wäre eine ernstzunehmende Emanzipationsbewegung jenseits von Sozialsstaatsgeplapper und Binnen-I-Diskussionen. Gut möglich aber auch, dass das Kapital den bevorstehenden 70. Gründungstag des Grundgesetzes zur massiven Propagandaschau zur Durchsetzung ihrer Interessen nutzen wird. Da haben dann weder der 28. Oktober noch der 12. November einen Platz.

Man wird ja noch vorschlagen dürfen.

(Foto: genova 2017)

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o.T. 485

(Foto: genova 2019)

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„… ´n krass wichtiges Ding“

Wir Älteren vermuten es ja schon länger: Die CDU ist eine durch und durch verlogene und scheinheilige und also dumme Partei, deren Ziel einzig die dauerhafte Realisierung einer Politik für die Interessen der oberen Zehntausend, wie man sagt, ist. Die Christenunion als Volkspartei ist also unserer, der Älteren Vermutung nach, der politische Abdruck eines in weiten Teilen durch und durch verlogenen und korrupten und also dummen Volkes, wie man sagt.

Ein junger Mann mit Namen Rezo gibt uns jetzt Gewissheit. Er publizierte kürzlich ein Video, das politische Aufklärung im besten Sinn betreibt. Nichts, was hier gesagt wird, ist neu. Neu ist aber, dass so ein Video in vier Tagen über 3,3 Millionen Aufrufe bekommt und die Medien sich ausführlich damit beschäftigen. Es gibt offenbar Bedarf. Und der Video-Anhang mit Quellenangaben könnte zumindest vom Umfang her unter einer Promotion stehen.

Das Video sorgt laut Deutschlandfunk „bei der CDU für Nervosität“. Haha. Paul Ziemiak, CDU-Generalsekretär und auch noch jung, verbreitet, Rezo verbreite „Falschbehauptungen“. Und er behauptet, allen Ernstes, er habe „mehr Skrupel“ als Renzo.

Das ist nun wirklich ein starkes Stück.

Ein alter weißer Mann muss sich an Rezos körperliches Rumgezappel erst gewöhnen, aber so ist sie wohl, die junge Generation. Oder vielleicht ist sie nur so, wenn eine Kamera läuft.

Rezo behandelt  – außer konkreter Immobilienpolitik – fast alle politischen Bereiche: Wirtschaft, Vermögensverteilung, Klima, Bildung, Artenvielfalt, Krieg, Völkerrecht, Drogen. Egal, wohin man schaut, die Politik der CDU – und in kaum geringerem Maß die der SPD –  ist naturgemäß das Letzte, so bisher unsere Vermutung und jetzt unsere Gewissheit.

Kritiker sagen, das Video schüre Politikerverdrossenheit. Ich sage: Jedes aufklärende Video über diese Politiker schürt Politikerverdrossenheit. Jedes Interesse für reale Politik schürt Politikerverdrossenheit. Je mehr und umfangreicher und nachhaltiger und also intensiver Politikerverdrossenheit, desto besser für aufgeklärte Politik.

Lustig ist die Doppelbedeutung des Videotitels, wobei leider nur die eine Bedeutung tatsächlich ist:

Die Zerstörung der CDU

Ich fordere nun die vielen Milllionen junger Rezipienten meines Blogs zur aufmerksamen Rezeption dieses krass wichtigen Dings auf. Bitte sehr:

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o.T. 484

(Foto: genova 2019)

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Zum ästhetischen Totalitarismus der Stalinallee und eine zwanghafte Überleitung zu HC, wie man sagt, Strache

Ein paar wirre Gedanken, vor deren Lektüre ich ausdrücklich warne:

Der wunderbare Architekturtheoretiker und Architekturhistoriker und Architektur-soziologe Werner Durth – man lese beispielsweise seine Übersicht über die biographischen Verflechtungen von Architekten vor und nach 1945 – meinte kürzlich in einem Vortrag in Berlin, die Stalinallee in Ostberlin sei ein Beispiel einer „Bildsprache totalitärer Herrschaft“.

Sicher waren die DDR und Stalin totalitär, aber die Stalinallee ist nur sehr bedingt ein Beispiel für eine totalitäre Ästhetik. Es war ein Großprojekt auf verwüstetem Grund, aber mit unzähligen kleinen formalen Abweichungen, die eben keinerlei Totalität vermitteln, sondern individuellen Zugang suggerieren. Ich zitiere mich selbst:

Warum finden wir diese Gebäude heute schön? Knappe Antwort: Weil sie abwechslungsreich gestaltet sind, und zwar nicht zu absichtlich, nicht krampfhaft, nicht permanent augenzwinkernd, Bildungsüberlegenheit ausspielend. Sondern auf den ersten Blick sogar symmetrisch und monoton. Auf den zweiten Blick bemerkt man unzählige Abweichungen an allen Baukörpern. Keiner gleicht dem andern. Die Abweichungen sind nicht postmodern kindisch, sondern zurückhaltend, und genau deshalb wohltuend. Vielleicht ist es die konventionelle Ernsthaftigkeit, das Einsetzen althergebrachter stilistischer Mittel wie Pilaster.

Es wohnten dort tatsächlich Arbeiter und der real existierende Sozialismus wollte seine Überlegenheit zeigen. Die Stalinallee war natürlich grundverlogen, weil sie Arbeitern keine emanzpierte Architektur erlaubte, aber es war eben der Ausdruck dessen, was in den 1920er Jahren schon als regressive Phase in der Kulturpolitik der Sowjetunion eingesetzt hatte.

Stalin war totalitär, die Stalinallee war es nicht. Man sollte hier zwischen totalitärer Architektur von Hitler, von Gigantomanie und Maßstabslosigkeit, von seelenlosem Neoklassizismus mit alleine der Einschüchterung dienenden Fassaden einerseits und der Stalinallee andererseits unterscheiden.

Insofern scheint mir ein anderer Ansatz aus Durths kürzlichem Vortrag in Berlin vielversprechender: Schon 1977 schrieb Durth, so Durth heute, in seinem Buch Die Inszenierung der Alltagswelt, dass die Zuversicht in eine offene, neue Zukunft momentan von einer Glorifizierung der Vergangenheit abgelöst werde und diese Entwicklung bis heute andauere und sich beschleunigt habe: Frauenkirche, Altstadtrekonstruktionen und mehr. Für 1977 eine bemerkenswerte Erkenntnis, die auch heute noch aktuell ist.

Durth sprach in diesem Zusammenhang auch von „Existenzangst“, und es ist offensichtlich, dass die Errichtung von Stadtschlössern im 21. Jahrhundert, der Wiederaufbau ganzer historischer, wie man das nennt, Stadtviertel, und gar die Rekonstruktion solch historisch belasteteter Gebäude wie der Potsdamer Garnisonskirche nicht ohne das Erstarken von rechtsradikalen Gruppierungen in Deutschland und anderswo gesehen werden kann. Existenzangst erzeugt Unterstützung für AfD und ähnliches und der sogenannte neobürgerliche Hang zu städtebaulichen Rekonstruktionen zeigt nichts anderes als eine Art große Koalition der ästhetischen und somit gesellschaftlichen Regression – von der SPD bis zur NPD.

Sage bitte keiner der Schloss- und Altstadtadepten, er engagiere sich im Kampf gegen Rechts. Jeder Schlossbefürworter engagiert sich ganz aktiv im Kampf für Rechts. Und das Kapital nimmt bekanntlich, was es kriegen kann – Schloss oder Mies, es ist egal.

In Berlin wird man wohl über kurz oder lang die Altstadt zwischen Schloss und Fernsehturm rekonstruieren. Momentan traut man sich noch nicht so ganz, aber die Kameraden stehen in den Startlöchern.

Man könnte in Zusammenhang mit Totalitarismusaspekten auch nach den ästhetischen Vorlieben von Herrn Strache fragen, es wäre vielleicht ganz interessant. Bei der Uraufführung der Heldenplatz-Inszenierung von Thomas Bernhard 1988 jedenfalls war er anwesend:

Welche Architektur bevorzugen die österreichischen Rechtsradikalen? Wollen sie auch neue Altstädte? Oder doch eher Aufmarschplätze? Und was sagen die acht Millionen Debile dazu?

Wir Deutschen brauchen keinen Strache, wir haben einen Bundespräsidenten der demnächst sehr zuverlässig das Berliner Stadtschloss einweihen wird, und die ganze pervertierte Polit- und Künstlerprominenz dieses unangenehmen Landes wird Spalier stehen.

Doch bevor es hier allzu einseitig wird, sei ein letzter Aspekt aus Durths kürzlicher Rede genannt. Der Architekturtheoretiker und Architekturhistoriker und Architektursoziologe wies klugerweise darauf hin, dass der funktionale Zeilenbau, der in den 1920er Jahren seine Anfang genommen hatte, „die Angst vor Heimat- und Bindungslosigkeit verstärkt“ habe. Es folgten die Nazis.

Die instrumentelle Vernunft ist auch den Linken in die Wiege gelegt, das ist bekannt. Und so hilft es wenig, sich an Strache und dem unseligen deutschen Bundespräsidenten abzuarbeiten – einem Hardcoreneoliberalen, der sich ganz raffiniert den Mantel der Milde umgelegt hat -, sondern es gilt, vor der eigenen Tür zu kehren.

Amen.

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