Haus mit Ausschlag

Die Bewohner wollten vermutlich suggerieren, dass der Putz bröckelt und dahinter das Authentische, das Heimelige, die gute alte Zeit zum Vorschein kommt, dass sie also den glatten, haltlosen, keine Orientierung gebenden modernen Glattputz ablehnen, dass sie die Form sekundär bewerten und stattdessen den Inhalt betonen.

Allerdings muss auch Faken gelernt sein. Das Haus hat nun Ausschlag. Oder es wird es gerade von Aliens und fiesen Tentakeln angegriffen.

Der Unterschied zum gerade wiederaufgebaut werdenden Berliner Stadtschloss ist nur ein gradueller. Die Ästhetik des Schlosses wird professioneller angegangen, aber nicht weniger regressiv. Beide lehnen Fortschritt ab, weil sie glauben, man könne ihn aufhalten. Versucht man das, gestaltet man lediglich den Grad der Regression.

Mögen die Bewohner weiterhin ruhig schlafen.

(Foto: genova 2012)

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o.T. 411

(Fotos: genova 2017)

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Infiltration

Die AfD-Fraktion im Bundestag soll nun drei Ausschüssen vorsitzen: Haushalt, Recht und Tourismus. Bemerkenswert sind die Kandidaten, denen die Fraktion diese Rollen zuteilen will.

  • Peter Boehringer, Verschwörungstheoretiker, Anhänger der New-World-Order-Idee, Hetzer („Merkelnutte“). Interessanterweise Mitglied in der Hayek-Gesellschaft wie auch Beatrix von Storch. Man kann die neoliberale Hayek-Gesellschaft wohl mittlerweile als braunen Treffpunkt beschreiben. Neoliberalismus und Rechtsradikalismus gehen hier ehrlicherweise eine Symbiose ein.
  • Sebastian Münzenmaier, Fußballfan, der gegnerische Fans verprügelt haben soll, wurde deshalb zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt, seine Immunität ist derzeit aufgehoben, geht in Berufung.
  • Stephan Brandner, außergewöhnlich primitiver Redner, gewaltaffin. Eine syrische Familie ist für ihn als „Vater, Mutter und zwei Ziegen“ definiert.

Ich will mich nicht im Detail mit diesen Leuten beschäftigen, aber es erinnert tatsächlich an die NSdAP von 1933 und an ihre Zerstörung des Parlaments. Drei ausgesprochen ungeeignete Personen für Ausschussvorsitze, wo man vermitteln soll. Genau diese Leute werden nominiert. Gauland sprach in dem Zusammenhang von „Krieg“ den man im Parlament führen wolle. Das ist kein Zufall.

Was auch immer man an Kritik an den Altparteien anbringen mag: Nazi-Affine als Vorsitzende von Bundestagsausschüssen, die sie, wenn sie es geschickt anstellen, lahmlegen können, dazu Leute wie Weidel und Gauland und Höcke und viele mehr im Hintergrund, mittlerweile duzend- und hundertfache Belege für die Naziaffinität dieser Partei; vielleicht sollte man sich doch mal überlegen, wie man die Kameraden wieder loswerden kann.

Das eine ist der braune Mob, der sich seit zehn oder fünfzehn Jahren im Internet austobt. Das andere ist das real life.

Es ist offensichtlich, dass diese Leute demokratische Strukturen nutzen, um sie abzuschaffen, um dem Pöbel und anderen Ariern zu ihrem Recht zu verhelfen, um Rache und Gewalt zu etablieren. Das Volk, das sie sind, und die Volksverräter. Vermutlich merkt man es erst hinterher, wenn es zu spät ist. Und es läuft regional unterschiedlich. In Teilen Osttdeutschlands haben die Rechtsradikalen die faktische Macht schon übernommen. Wer die Strukturen kritisiert, bekommt Besuch von den noch eher unsortiert agierenden Nachfolgeorganisationen der SS.

Heribert Prantl plädiert in der Süddeutschen „für eine Ausnahme von parlamentarischen Gepflogenheiten“, also der Gepflogenheit, dass die stärkste Oppositionspartei bestimmten Ausschüssen vorsitzen darf. Ob das hülfe, ist unklar, zumal sich die AfD dann wieder als Opfer aufspielen könnte. Es steht aber zu hoffen, dass die Vorsitzenden in ihrer Arbeit schnellstmöglich demaskiert werden.

Großen Respekt verdienen Menschen wie Katharina König, Landtagsabgeordnete der Linken im Thüringer Landtag. Sie engagiert sich offensiv gegen Rechts, wie man sagt – was Mordaufrufe gegen sie zur Folge hat.

Was macht eigentlich der Verfassungsschutz, wenn man ihn mal braucht? Das ist das Landesamt, dessen Vorsitzender bis 2000 Helmut Roewer hieß, der heute einträchtig mit Jürgen Elsässer agiert und für dessen Publikation Compact schreibt. Der thüringische jedenfalls versuchte vor sechs Jahren, einen Mitarbeiter von Frau König als V-Mann (gegen links) anzuwerben.

So geht das in den neuen Ländern, wie man erstaunlicherweise immer noch sagt.

Der realen Regionalisierung – also völlig unterschiedliche politische Verhältnisse in unterschiedlichen Regionen, Städten und gar Stadtteilen – entsprechen im Internet Facebook-  und Youtube-Accounts sowie das Twitter-Following. Man bewegt sich analog und digital in seinen Zusammenhängen und kann so reale Entwicklungen ignorieren. Man kann weiter öffentlich-rechtliche Quellen rezipieren und die Welt ist in Ordnung. Dort ignoriert man nicht die Gefahr von rechts, aber solange um 20 Uhr die Tagesschau beginnt, kann alles nicht so schlimm sein. Man kann sich andererseits bei Höcke und diesen Kameraden informieren und ist überzeugt, dass die Übernahme der Völkischen kurz bevor steht.

Blogger, die sich früher dezidiert links gaben, aufgeklärt, sind heute in Argumentation und Hass auf die da unten nicht mehr weit von denen entfernt, die ihr vermeintliches Bürgertum nur durch Treten auf das Unterprivilegierte verteidigen können. Noch verbergen sie ihre Haltung mit schlecht verbrämter Sorge ums Soziale.

Ein anderer Aspekt dieser Infiltration ist das, was man heute alternative Fakten nennt. Alex Rühle las für einen lesenswerten Artikel in der Süddeutschen vom Wochenende (S. 15) den Bestseller Verheimlicht, vertuscht, vergessen – Was 2017 nicht in der Zeitung stand. In dem Buch werden die dämlichsten Verschwörungstheorien aufgestellt, was an sich kein Problem wäre, aber das Buch steht derzeit auf Platz 3 der Spiegel-Bestsellerliste.

Rühle schreibt:

Das Schlimme an Wisnewskis Buch aber ist weder die Plumpheit seiner Argumentation noch der handwerkliche Dilettantismus; weder die hilflose Sprache, in der all das zusammengepanscht wird, noch die scheinlogischen Argumente, durch die Seriösität und Kausalität vorgegaukelt werden sollen. Das Schlimme ist, dass dieses Buch tausendfach verkauft wird. Das nämlich bedeutet, dass offensichtlich viele Leute bereit sind, ihm mehr Glauben zu schenken als fundierteren Quellen. Was auf das eigentlich Problem weist: die epistemische Krise in der westlichen Welt.

So ist das wohl. Das Wisnewskische völlig unsägliche Geplappere wird Ernst genommen und die Verbindung zu den eingangs genannten drei Kameraden ist die Krise des Versuchs, Phänomene rational zu erklären. Die Feinde sind: Moslems, Juden, Amis, Rothschild, Rockefeller, Frühsexualisierer und Claus Kleber. Kurz: die NWO.

In den USA ist die Verschwörerei wohl schon weiter fortgeschritten, ohne sie wäre Trump nicht Präsident geworden.

Die Infiltration verläuft auf vielen Ebenen, schleichend und mit Getöse zugleich.

(Foto: genova 2013)

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o.T. 410

(Foto: genova 2016)

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Hüttes Hängung

Eine Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunst Palast über den Becher-Schüler Axel Hütte. Die Fotos sind so gehängt:

Man kann kaum ein Bild ohne massive Spiegelungen und Lichtverzerrungen sehen. Eigentlich sieht man nicht das Abgebildete, sondern das sich Spiegelnde: Besucher, Lampen, Wände, Fußböden, sich selbst. Der Grund hierfür liegt vor allem in dem Glas, das jeder Aufnahme vorgesetzt ist.

Es gibt bei solchen großen Ausstellungen eine Menge Leute, die sich über die Präsentation und die Hängung Gedanken machen. Heraus kommt dann etwas, wo man die Ausstellungsstücke schlicht nicht erkennt. Und das auch völlig unnötig: Hütte ist nicht Rembrandt, und selbst wenn ein Besucher auf das Bild pinkelt, dann fertigt man eben einen neuen Abzug an. Halb so wild. Fotos sind keine Unikate.

Vielleicht hat sich einfach nur kein Ausstellungsmacher die Ausstellung nach dem Machen angeschaut.

Und Hütte selbst? Geht so. Naturaufnahmen, Bäume, Sträucher, Blätter, nun ja. Die paar Fotos, die den Gegensatz zu Stahl, zu Brücken, zu Menschengemachtem (siehe Fotos) thematisieren, heben sich wohltuend ab. Es ist schade, denn Hütte hat bessere Sachen gemacht. Natur ist bei anderen Becherleuten mittlerweile auch en vogue. Ich finde: Sie können das nicht, sie sollten die Finger davon lassen, sie haben es nicht nötig, sie können anderes. Sie können aus der Natur nicht im Ansatz das herausholen, was sie bei Objekten wie Gebäuden, leeren Hallen, strukturalen Rohbauten und ähnlichem hinkriegen. Einzig die Bilder mit spiegelnden (im Bild, nicht auf dem Glas) Wasserflächen lassen eine künstlerische Verfremdung erkennen, ohne zuviel zu wollen.

Andererseits: Angesichts der katastrophalen Hängungsbedingungen ist es ganz ok, dass er seine wahren Schätze im Atelier gelassen hat.

(abfotografiert von genova 2017)

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Fotografieren und sehen

Bemerkenswert, dass ich beim Erspähen und selbst beim Fotografieren dieser beiden Notausgänge einer C&A-Filiale wie selbstverständlich davon ausging, dass es sich hier um die gleichen Türformate handelt: gleiche Höhe, gleiche Breite. Tatsächlich merkte ich erst beim Bearbeiten der Bilder, dass dem nicht so ist. Ein Lob dem Blick.

(Fotos: genova 2017)

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Hommage an das Duisburg des Südwestens

(Fotos: genova 2010 und 2017)

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o.T. 409

(Foto: genova 2017)

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Von der deutschen Unmöglichkeit der Aufstockung

Mein Respekt gilt Leuten, die solche Häuser bauen:

Keine ausgebildeten Architekten, keine Statiker,  keine Bürokraten. Man braucht Wohnraum und schafft ihn sich, indem man aufstockt. Viele Flüchtlinge in Deutschland verstehen das deutsche Wohnungsproblem nicht: Jahrelang wird ihnen erzählt, dass Wohnungen knapp seien und jahrelang wird nichts unternommen. „Warum bauen wir nicht einfach?“, wird man gefragt. Antwort: Weil Deutschland ein kleingeistiger, bürokratischer, stadt- und menschenfeindlicher und vor allem komplett verwalteter Ort mit kleingeistigen, bürokratischen, stadt- und menschenfeindlichen und vor allem sich selbst verwalten lassenden Menschen ist.

Spontane Aufstockungen stehen all dem im Weg.

Die Städte würden interessanter werden, voller, lebendiger, unkontrollierter, reflektionsreicher.

Um kleinlicher Kritik vorzubeugen: Natürlich sollte man hier einen Statiker zu Rate ziehen, aber das spontane Machen ist im Bausektor einer Überfülle an Vorschriften gewichen. Kein Bedenkenträger, der nicht mehrere Jahre Gerichte mit seinen Bedenken beschäftigen dürfte. Keine Aufstockung ohne jahrelange Diskussionen über eine weitere Feuerwehrzufahrt. Aufstockungen sind bei Häusern in Deutschland fast überall möglich. Gemacht wird es fast nirgendwo.

Damit verwandt: Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen lag in den 1950er Jahren bei rund 500.000 jährlich. Heute bräuchte man ebensoviel, aber die aktuelle Zahl liegt halb so hoch. Das, was dieser Staat vor sechzig Jahren schaffte, ist heute, bei einer massiv gestiegenen Produktivität, angeblich nicht mehr möglich. Man kann natürlich auf unfähige und korrupte Politiker schimpfen, was selten falsch ist. Aber das Problem liegt tiefer.

Vor 100 Jahren wurde wesentlich schneller gebaut als heute. Die totale Bürokratie hat schon lange die Macht übernommen. Im Unterschied zu früher fehlt heute der Bauer mit der Mistgabel in der Hand.

Die Logik des Bauens hierzulande ist eine deutsche Katastrophe. Naturgemäß nur eine mehr.

(Foto: genova 2010)

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Augsburg im Nebel

(Foto: genova 2017)

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