#Wir haben Platz

In der Tat: Wir haben Platz. Berlin ist so locker bebaut, dass der Stadt ein paar Millionen Einwohner mehr guttun würden. Insbesondere außerhalb des S-Bahnrings, wie man sagt, weiß man oft nicht, ob man sich noch in einer Stadt oder schon in der brandenburgischen Tundra befindet. Das Genörgel des gemeinen Berliners, Berlin sei “zu voll“, ist nur Ausfluss der traditionellen deutschen Stadtfeindlichkeit, wonach eine Stadt immer zu voll ist, wenn dort mehr als eine Handvoll Leute wohnt.

Gäbe es massiven Bevölkerungszuwachs, könnte dann ganz gut mit fortschrittlichen Architekturideen aus anderen Ländern arbeiten. Unbürokratisch bauen, beispielsweise, oder strukturalistisch mit Partizipation, mit einem Standard, auf dem jeder Bewohner selbst weiterbauen kann. So wie vor einigen Jahren in Chile geschehen:

Projekte also, zu denen der Durchschnittsdeutsche weder fähig noch bereit ist.

Liebe Refugees und sonstwer: Wenn Ihr linksradikal seid, dann kommt bitte nach Berlin, fällt Bäume, rührt Beton an und – ganz wichtig – haut den privaten Investoren aufs Maul (das können wir nämlich auch nicht), sonst wird das nichts.

Danke im Voraus und freundliche Grüße,
genova

(Foto: genova 2020)

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o.T. 542

Corona hat die Klage diese*s*R besorgte*R*n Bürger*/In namens CK erhört.

(Foto: genova 2018)

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Architektur und Alltag 10

Ein Gebäude der Bundesdruckerei in Berlin-Kreuzberg.

Die Bundesdruckerei besteht aus einem ganzen Block mit vielen unterschiedlichen Gebäuden aus unterschiedlichen architektonischen Epochen. Das hier scheint mir in den 1950er Jahren gebaut und vor kurzem renoviert worden zu sein. Auffällig ist der Mittelsockel: Er suggeriert, dass dort früher ein vormodernes historistisches Haus mit einem massiven Steinsockel stand, der stehen blieb und auf dem das neue Haus gebaut wurde.

Ich vermute einen Fake. Die Steine wurden wohl später dort extra hingestellt. Vielleicht stand das besagte Gebäude wirklich dort und die Steine lagen nach dem Krieg herum, wer weiß.

Ein Fake, aber immerhin ein eye catcher.

Und eine Möglichkeit, Geschichte darzustellen, einzubinden, die nur Puristen ablehnen. Es ist der Versuch, in einem notwendig beschädigten Land, in einer notwendig beschädigten Stadt, Geschichte als authentische zu installieren.

Wir sollten Nachsicht üben.

(Foto: genova 2020)

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o.T. 541

(Foto: genova 2020)

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Seltsames Berlin 3

(Foto: genova 2020)

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Giancarlo de Carlo (1) – Ausflug nach Urbino

Es gilt, zwei Ereignisse zu feiern, die man als äußerst bedeutsam bezeichnen muss.

Erstens mein Besuch in der strukturalistischen Arbeitersiedlung Matteotti des Architekten Giancarlo de Carlo im umbrischen Terni, zweitens mein Besuch in der strukturalistischen Universität desselben Architekten in Urbino in den Marken (keine Angst: kurz vor Corona).

Beginnen wir in Urbino. Eine mittelalterliche Stadt in Mittelitalien mit einer alten Traditionsuniversität, 1506 gegründet. Die Gebäude wurden zu klein und man beschloss Anfang der 1960er Jahre, außerhalb der Altstadt eine ganze Reihe neuer Unigebäude zu errichten. De Carlo baute auf einem Hügel und seinen Hängen eine eigene strukturalistische Stadt:

Das Bild zeigt schön, dass de Carlo seine Stadt der Morphologie anpasste. So wie die alte Stadt am oberen rechten Bildrand, so ist auch die neue im Vordergrund angelegt: dicht, mit Grünzonen dazwischen, komplett für Fußgänger ausgelegt, mit verschiedenen Bautypen, aber dennoch standardisiert, und für jeden Hügel eine individuelle Lösung.

De Carlo (1919 bis 2005) baute sein halbes Leben lang in Urbino – nicht nur die Uni, sondern auch Wohnkomplexe. Er bezeichnete das als seine „Lebensaufgabe“.

De Carlo selbst sagte über seine Architektur in Urbino:

” Ho sempre avuto (…) l’esigenza di stabilire un dialogo continuo tra progettazione degli edifici e progettazione della città; in altre parole, di pensare gli edifici come casi particolari della città e del territorio e di pensare la città e i territori come insiemi di spazi edificati e aperti tra loro correlati. Dietro questa reciprocità, e anche dentro, c’è la società umana e ci sono gli individui (…)”. Giancarlo De Carlo, La città di Urbino: progetto e modifica.

Das ist der selbsterstellte Anspruch de Carlos. Kurzversion: Architektur bedeutet Beziehungen. Beziehungen zwischen dem konkreten Ort und der Architektur wie auch zwischen der Architektur und den Menschen, die sie nutzen. Hintergrund damals war die Partizipationsebatte: Sollen die Nutzer der Architektur an der architektonischen Planung beteiligt werden. Laut de Carlo partizipieren die Nutzer in jedem Fall, weil sie sich in den Gebäuden aufhalten, sie nutzen. Sie nehmen also das Angebot des Architekten an, ob gewollt oder ungewollt. De Carlo unterscheidet deshalb in

eine aktive und eine passive Art der Partizipation. Im allgemeinen ist sie passiv, weil meist nicht bedacht wird, was für eine Last es bedeutet, in vorgegebenen, nicht beeinflussbaren Räumen leben zu müssen. Ein Raum ohne Menschen darin macht aber keinen Sinn, er ist keine Architektur. Architektur meint einen Ort, der von Menschen genutzt wird. Er existiert nur durch die Aktivitäten, die sich in ihm entfalten – wenn die Menschen fortfahren, sich in den Raum einzugewöhnen – und den Raum an sich zu gewöhnen! – damit verändern sie ihn. (archplus 57/58, Juli 1981)

Spontane Eindrücke beim Umhergehen:

Die Ästhetik beeindruckt mich. Ich spüre, das De Carlo bewusst arbeitete. Beim Betreten jeder neuen Gasse bin ich neugierig. Die Struktur ist kleinteilig. Ich gehe von einer kleinteiligen Zelle in die nächste. Sichtbeton, Metall, Holz, Textil, Ziegel, alles wechselt sich ab. Rigide Innerlichkeit wechselt sich mit Ausblicken auf weite Natur ab. Kultur und Natur im permanenten Wechsel. Man erlebt eine ungeheure Stilsicherheit. Kein Material ist kaschiert, de Carlo verwendete alles so, dass das Gefühl der Authentizität entsteht. Der Beton ist unverkleidet, der Boden gummigenoppt oder granitgegossen und als Tisch dient gerne mal eine Platte aus Billigbeton.

Dazu kommt ein unvergleichliches Raumgefühl. Korridore sind eng, erweitern sich plötzlich zu Räumen, niedrige Decken wechseln mit hohen ab, intime Konstellationen werden zu öffentlichen, banale rechtwinklige Räume liegen hinter kathedralartigen zentralen Orten, abgetreppte Übergänge werden zu Bühnen. Engstellen führen zu zwischenmenschlichen Kontakten; unzählige Rückzugsorte, kleine Winkel, verschwiegene Ecken bieten die Möglichkeit der Intimität. Es fällt einem der Begriff der Religiosität ein, des mythischen Ortes, unterstrichen von den immer wieder plötzlich auftretenden großartigen Blicken durch breite Fenster auf die hügelige Topographie.

Die Uni ist also eine Siedlung. Universitäre Orte einerseits, Unterkünfte andererseits. Man wohnt meist zu zweit oder dritt, wie mir scheint, kleine, bescheidene Wohnungen mit sympathischer Ausstattung. Überall ist der Weg auf eine Wiese nicht weit.

Das einzige Verkehrsmittel sind die eigenen Füße. Man steigt den Hügel hoch und wieder runter und hat alleine schon deshalb eine Menge Bewegung. Keine Autos, keine Busse, keine Räder. Gesunde eigene Füße braucht man auch, wenn man sich verlaufen hat. Das passiert dem Neuling an der Uni Urbino zwangsläufig. Es hat ewas labyrinthisches.

Bei der Partiziptation bei einer Universität sieht de Carlo ein naheliegendes Problem:

„Die Nutzer sind unberechenbar, weil es Studenten sind. Sie sind nur vorübergehend da, sie haben nur kurzatmige Ideen, anders als Leute, die Häuser brauchen.“ (archplus, s. o.)

Hier liegt vielleicht eine mögliche Kritik: Die Universität in Urbino ist ähnlich strukturiert wie die FU Berlin. Studenten wollen in der Regel weniger abgeschiedene Räume, sondern solche, wo sie zusammenkommen, sich kennenlernen, wo man den Überblick über all die Menschen hat. An der FU ist das kaum möglich, zu abgeschieden sind auch die zentralen Institute untergebracht. Auf den Wegen begegnet man oft keinem Menschen, auch wenn man weiß, dass hier zigtausend Leute studieren. In Urbino – ich war dort zu Beginn des Wintersemesters) scheint mir das zumindest in den Institutsbereichen ähnlich zu sein. Im Mensakomplex dagegen stimmen die Bedingungen. Die paar Leute, mit denen ich sprach, waren zufrieden.

Interessant wäre die Beschäftigung mit der Frage, inwieweit in Urbino architektonisch-strukturalistische Prinzipien tatsächlich umgesetzt wurden. Streng genommen müsste jeder Korridor, jede kleine Außenfläche, jede Erweiterung und jede Verengung seinen Grund in minutiöser inhaltlicher Vorarbeit haben und dementsprechend zu prüfen sein.

Ein weiterer Kritikpunkt, den man zwar di Carlo nicht anlasten kann, aber dem disfunktionialen italienischen Staat: Die gesamte Uni ist dringend renovierungsbedürftig: eingeschlagene Fenster, durchgemoderte Holzrahmen, gesprungene Steinplatten, es sieht in Teilen aus wie ein lost place. Ein Mitarbeiter sagte mir, neben einem morschen Fensterrahmen stehend:

Die Architektur ist super, aber Herr de Carlo war Architekt und er hätte dringend einen Ingenieur an seiner Seite gebraucht. Den hatte er nicht. Deshalb funktioniert hier so vieles nicht.

Mein Eindruck ist eher, dass ein Ingenieur nichts nutzt, wenn man das Haus nicht pflegt.

Das ändert jedoch nichts am überragenden Gesamteindruck. Verglichen mit heutigen Unibauten bemerkt man eben das hohe Maß an Authentizität. Ruppiges Material hinterlässt Ruppigkeit, keinen Fake. Man könnte es ein wahrhaft postmodernes Gebäude nennen, wäre der Begriff nicht desavouiert. Man spürt, wie konkret damals die Wegscheide war: Man wollte und musste weg vom Bauwirtschaftsfunktionialismus und hatte die Wahl zwischen Strukturalismus und banaler Postmoderne. Man entschied sich bekanntlich für letzteres. Der Abstieg begann.

Vielleicht sind aktuelle Sachen wie die Universität von Lausanne von SANAA der wahre Nachfolgetypus der strukturalistischen Universität. Offener, dynamischer, weil Lernen ja auch eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Vielleicht eignet sich Strukturalismus in der Architektur heute besser fürs Wohnen. Wir werden das bei der Beschäftigung mit de Carlos Arbeitersiedlung in Terni sehen. Demnächst in diesem Theater.

Ich verlasse den Ort beseelt. Was könnte man schöneres über Architektur sagen?

(Fotos: genova 2020, „Das Werk“ (Band 52, 1965) und bilgeserin.wordpress.com)

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Zum Reinbeißen

Ich enthülle nun beiläufig eines der größten Geheimnisse zeitgenössischer Architekturforschung:

Warum ist historistische Architektur bei der Masse so beliebt?

Weil sie reinbeißen möchte.

Gib der Masse eine Architektur von der Anmutung einer Sachertorte. Sie kann nicht widerstehen.

(Foto: genova 2015)

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Seltsames Berlin 2

(Foto: genova 2020)

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James und Jimmy Cobb

Am 24. Mai ist James Cobb gestorben. Bekannt war er als Jimmy Cobb, aber nennen wir ihn James. Ich kannte ihn nicht persönlich, und da sind diese Nicknamegeschichten meist anbiedernd. Kaum zu glauben: James Cobb sah mit 90 noch so aus, wie andere mit 50 gerne aussehen würden. Keine Falte.

James Cobb also war der Schlagzeuger des zuindest kommerziell erfolgreichsten Jazzalbums aller Zeiten. Kind of blue mit Miles Davis, aufgenommen 1958, verkaufte sich bis heute über vier Millionen Mal.

Man könnte nun darauf hinweisen, dass James Cobb für diese Aufnahme ein Honorar von exakt 48,50 Dollar bekam. Man könnte darauf hinweisen, dass er vergangenes Jahr an Lungenkrebs erkrankte und man ihn nicht behandeln wollte, weil er die Behandlung nicht bezahlen konnte. Man könnte darauf hinweisen, dass ein Spendenaufruf für James Cobb vergangenes Jahr innerhalb kurzem 94.000 Dollar einbrachte. Man könnte darauf hinweisen, dass es hier sicherlich Bezüge zu den aktuellen Emanzipationsbestrebungen in den USA gibt.

Oder man hört sich einfach Kind of blue an.

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Waschbeton 12

(Foto: genova 2020)

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