Von Mehrheiten und Lügen

Die kleinsten Zeitungsmeldungen sind bekanntlich oft die aufschlussreichsten.

„Ältere Umfragen zeigen“, berichtete die Süddeutsche Zeitung am 1. Juni versteckt auf S. 19: „Drei von vier Befragten glauben den Zahlen der Nürnberger Behörde nicht“.

Mit der Nürnberger Behörde ist die Bundesagentur für Arbeit gemeint, zu der man eigentlich weiterhin Arbeitsamt sagen sollte, um diesen lächerlichen Neusprech nicht mitzumachen.

75 Prozent gehen davon aus, dass das Arbeitsamt lügt. Eine angenehme Vorstellung. Jeder halbwegs Informierte weiß, dass die Zahlen falsch sind. Die Bundesregierungen haben über Jahrzehnte dafür gesorgt, dass immer mehr Arbeitslose aus der Statistik herausfallen: Ein-Euro-Jobber, Leute über 58, Sich Fortbildende. Mit der Fälschung von Statistiken beschäftigen sich in Berlin Heerscharen von Beamten.

Die Süddeutsche verteidigt die Agentur und sagt, dass sie die realen Zahlen jeden Monat in ihrem ausführlichen Bericht nennt. So seien real nicht 2,5 Millionen, sondern über eine Million Menschen mehr arbeitslos. Nur: Wer liest den Bericht aus Nürnberg im Original? Die via Medien kolportierte Zahl ist immer die gefälschte.

Dass sich nur 25 Prozent der Menschen hierzulande in Bezug auf die Arbeitslosenstatistik anlügen lassen, erfreut. Da können offenbar noch so viele Strategen und PR-Affine und Werber sich Strategien der Lüge ausdenken: Ein Scheitern ist möglich.

(Foto: genova 2011)

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Die Bauakademie und die Reichsbürger

Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, und andere forderten kürzlich in der FAZ (20. März, S. 12), beim geplanten Wiederaufbau der Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel in Berlin nicht die gleichen Fehler zu machen wie beim Berliner Stadtschloss – in einer für FAZ-Verhältnisse markigen Sprache:

Die Neue Bauakademie darf kein zweites Stadtschloss werden. Das Humboldtforum ist zum neopreußischen Fassadenzombie geworen, hinter dessen Oberfläche aus Natursteinschnitzereien eine zeitgenössische Kulturmaschine versteckt wird. Deren inhaltliche Ausrichtung wurde viel zu spät definiert, was zu den bekannten gewaltigen Konflikten mit dem Schlossfassadenkorsett geführt hat. Der Bauakademie droht jetzt dasselbe Schicksal.

So ist es. Die Idee an sich ist absurd: Eine Bauakademie zu bauen, die als Ort für Architektur, für Lehre und Praxis, für Ausstellungen dienen soll, die aber nur eine Rekonstruktion von vor 200 Jahren sein darf. Und sich damit noch auf Schinkel zu berufen, der sich im Grabe umdrehen würde, wie man sagt.

Es ist ein weiterer Beleg für den reaktionären Geist, der mittlerweile in diesem Land herrscht. Man braucht nicht die Existenz der AfD, um festzustellen, dass weite Teile des Bürgertums kein Interesse an Demokratie oder Partizipation oder irgendwas mit Sozial haben. Es ist der Feudalismus mit gleichzeitiger Ablehnung alles Neuen, was da kommen könnte. Es war der Bundestag, der den Wiederaufbau des Zombieschlosses ermöglicht hat und es ist nun das Bundesbauministerium, das die Bauakademie wieder errichten will. Es geht um die Wiedererrichtung der guten Berliner Stube, die naturgemäß eine ätzend-preußische und quasifaschistische ist. Sozialdemokraten sind bei der Reproduktion reaktionärer Verhältnisse natürlich dabei.

Es ist schon fast vergessen, dass vor 22 Jahren das DDR-Außenministerium, das auf dem Platz der Bauakademie stand, hektisch abgerissen werden musste. Seit 22 Jahren klafft dort eine Lücke. Man hätte mit dem Gebäude des Ministeriums einiges anfangen können, aber es war wohl ein Symbol der verhassten DDR, das musste zerstört werden, analog zum Palast der Republik.

Feudalschloss und der Missbrauch von Schinkel – das ist das, was das neue Deutschland noch hinkriegt. Die AfD und andere Rechtsradikale sind immerhin in der Hinsicht sympathisch, dass sie einigermaßen offen einen neuen König oder einen neuen Führer fordern. Die anderen tun noch empört.

Pikantes Detail am Rande: Direkt neben der Lücke, in der die Bauakademie zu Ehren Schinkels entstehen soll, steht die Friedrichswerdersche Kirche. Die wurde ebenfalls von Schinkel gebaut und hatte alle Kriegszerstörungen einigermaßen überstanden. Genauer gesagt hatte die DDR in den 1980er Jahren das Gebäude renoviert und dort ein Schinkel-Museum eingerichtet. Das konnte man 30 Jahre lang besuchen – bis 2015 direkt daneben Investoren Luxuswohnungen bauten. Beim Aushub einer 15 Meter tiefen Grube für eine Garage geriet die Kirche ins Wanken. Bauteile fielen herunter, der Fußboden bekam Risse. Man tat, was man im durchkapitalisierten Berlin in solch einer Situation tut: Man schloss Museum und Kirche und die Investoren bauen seitdem weiter. Das ist immer noch der aktuelle Zustand. Es gibt kein Schinkelmuseum mehr und andere Investoren wollen die anderen Seiten der Kirche auch noch bebauen.

Es gibt bis heute kein Datum für eine Wiedereröffnung von Kirche und Museum. Vorrang haben die Investoren.

Die werben übrigens mit solchen Bildern für ihr Objekt und behaupten links unten tatsächlich, dass die Kirche „heute das Schinkel-Museum beheimatet“. Die Kirche beheimatet das Schinkel-Museum nicht mehr, weil es dieses Luxusobjekt gibt, für das sich der Betrachter gerade interessiert. So was nennt man wohl eine Fata Morgana. (Wobei ich nicht sagen will, dass man direkt neben eine Kirche kein neues Gebäude stellen darf. Prinzipiell jederzeit.)

All diese Geschehnisse zeigen die Verlogenheit der Verantwortlichen, wie man solche Kameraden euphemistisch nennt: Die Bauakademie soll zu vorgeblichen Ehren Schinkels wiederaufgebaut werden, was aber nur eine reine Instrumentalisierung des Architekten gegen seine eigene Intention ist. Gleichzeitig zerstört man einen noch erhaltenen Bau von ihm, weil es dort um Kapitalisierung via Immobilien geht.

Man sollte dem Kapital und der Elite eigentlich dankbar sein – für diese offene und ehrliche Demonstration. Der angeblich politischste Platz Deutschlands wird für die Zukunft hergerichtet: mit Kapital und mit Kaiser.

Eine neue Bauakademie müsste selbstverständlich eine aktuelle, am besten avantgardistische Architektur bekommen. Eine zeitgemäße Nutzung müsste selbstverständlich die Frage nach sozialem Wohnen jenseits kapitalistischer Verwertungszwänge beinhalten. Sie müsste selbstverständlich die Frage nach anderen Wohnformen stellen. Es müsste selbstverständlich ein radikaler Bezug zwischen Form und Inhalt hergestellt werden, gerne auch mit jahrelangen heftigen Diskussionen. Es ist hier allerdings die Rede von Selbstverständlichkeiten einer aufgeklärten, humanen Gesellschaft. Also dem Gegenteil dessen, was wir hier vorfinden.

Und so wird der aktuelle Bundesbauminister, dessen Name mir entfallen ist, genau das tun, was das Kapital und die Reaktion und die Rechtsradikalen von ihm fordern: Zurück in die Zeiten von vor 45 oder vor 33 oder vor 18. Da ist man flexibel, solange es zwischen 71 und 45 und eben auf keinen Fall nach 45 ist. Die deutsche Elite verhält sich hier kaum anders als diese sogenannten Reichsbürger. Beide erkennen die Bundesrepublik nicht an. Die einen eher dämlich, indem sie Gerichtsbeschlüsse ignorieren. Die anderen, indem sie die kulturellen Sphären besetzen.

Dreimal darf man raten, wer gefährlicher ist.

(Foto: genova 2012)

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Die Notwendigkeit der Rebellion fürs Überleben des Kapitalismus

Im Tagesspiegel beklagt ein Max Tholl aus Anlass des sich zum 50. mal jährenden Schusses auf Benno Ohnesorg, dass es keine jugendliche Protestbewegung mehr gibt. Die Jugendkultur sei „zur selbstreferentiellen Nabelschau verkommen und steckt in einer Endlosschleife fest“.

Nostalgie ist zur treibenden Kraft geworden: Die Jugend krallt sich an den Utopien der Vergangenheit fest, statt eigene zu skizzieren […] Dabei ist Jugendkultur das Fundament jeder Jugend- und Gegenbewegung. Wer aber nur noch zitiert, kann keine neue Bewegung bilden, sondern kopiert nur Bestehendes. Eine kulturelle Revolution, wie sie 1968 stattfand, ist dann praktisch unmöglich.

Außerdem könne man sich heute eher das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus.

Stimmt alles. Aber es ist selbstredend bezeichnend für den Tagesspiegel, der angeblich rerum cognoscere causas, aber doch nur einmal mehr banal an der Oberfläche operiert. Es ist die bürgerliche und totale Kapitalisierung der Welt und des Lebens, der jede Opposition unmöglich macht. Es ist die umfassende Logik des Kapitals, der sich auch der Tagesspiegel verschrieben hat. Und es ist Teil des Spiels, ein bisschen Unruhe und Rebellion zu fordern. Geradezu absurd, aber eben doch folgerichtig ist der Aufruf Tholls am Ende des Artikels:

Der Idealismus, mit dem vergangene Jugendkulturen sich aufbäumten, war naiv und oft realitätsfern, aber genau deshalb so ansteckend und kraftvoll. Er bedient, genau wie der Populismus, die Emotionen und kann mobilisieren. Die Politik vermag das nicht mehr und braucht eine zivile Kraft als Partner und Herausforderer. Resignation verbietet sich angesichts der Fülle gesellschaftlicher und weltpolitischer Probleme. Um sie anzugehen und zu lösen, brauchen wir eine Dosis jugendlichen Idealismus.

Eine Dosis Rebellion, eine Dosis Unkontrollierbarkeit als Partner neoliberaler Politik. Vermutlich kapiert Tholl nicht, was er schreibt. Rebellion als kontrolliertes Phänomen, das dann exakt eines macht: Dem Kapitalismus auf seinem Weg zur totalen Kontrolle weiterzuhelfen. Die Jugend ist so lahm geworden, dass der Kapitalismus um seine Entwicklungsmöglichkeiten bangt. 68 hat es geschafft, eine Gegenkultur zu entwickeln, die das Kapital zur Ware und zu Geld und G´machen konnte. Heute konsumiert die Jugend Retrokultur, was eine Weile gut gehen kann, aber irgendwann ist das vorbei und das Neue fehlt.

Rebellion als „Partner“ herrschender Politik. Tholl meint das Ernst und genau das zeigt den erreichten Grad der Verblendung.

Tholl fordert angeblich Widerstand gegen den Kapitalismus und zwar genau in der Dosis, die den Kapitalismus auf seinem Weg der Weltzerstörung weiterbringt. Es spricht für die neoliberale Gehirnwäsche, dass Tholl dieses dialektische Verhältnis wahrscheinlich nicht einmal begreift. Er schreibt übrigens auch für die Zeit und hat mit der Heinrich-Böll-Stiftung zu tun. Vielleicht so ein mittelalter liberaler Grüner. Das sind die, die die fehlende Rebellion berufsmäßig beklagen, aber es sind naturgemäß die schlimmsten Apologeten des Kapitals. Von Kindesbeinen an infiziert, aber immer mit diesem homöopathisch dosierten Schuss Rebellion, der sie frei von jeder Erkenntnismöglichkeit macht. Wir kaufen ja im Bioladen.

Der Kapitalismus ist an sich völlig phantasielos und entwickelt einzig die Idee der Kapitalvermehrung. Den Stoff, mit dem sich das machen lässt, müssen andere liefern. Gentrifizierung ist wohl das bekannteste Beispiel. Künstler, Studenten, alle möglichen Nichtkapitalisten machen ein Viertel interessant, genau weil sie nichtkapitalistisch agieren. Darauf ist das Kapital angewiesen: Auf nichtkapitalistische Entfaltung, die dann kapitalistisch schmarotzend transformiert werden kann. Das kulturelle Kapital wird ausgesaugt und in Geld verwandelt.

Der moderne Kapitalismus hat noch nie etwas anders vollbracht, als zu klauen. Vor allem Ideen.

Verständlich, dass sich das Kapital Sorgen macht, wenn die Jugend nur noch konsumiert und sich der Kapitallogik vollständig unterwirft. Ihr Job im fortgeschrittenen Kapitalismus ist es doch, irgendwie rebellisch zu sein, ein paar Jahre den Kapitalismus abzulehnen und in dieser Zeit nichtkapitalistisches Neues zu schaffen, das dann vom Kapital besetzt werden kann. So wie der kapitalistische Schmarotzer ein Stück Land besetzt und für den Verkauf Phantasiepreise bekommt, braucht er das Nonkonformistische, das er dann gewinnbringend zu einer möglichen Norm erklären kann. Wo wäre die Kosmetikindustrie, wenn die 68er nicht begonnen hätten, Männern modische Frisuren und lange Haare als Option zu vermitteln?

Die Jugend ist so gesehen kapitalismuskritisch, ohne es zu wissen. Sie verweigert den Part des temporären Antikapitalisten. Sie will einfach das, was ihr über die Propaganda von Kindesbeinen an, wie man sagt, beigebracht wurde.

Ein faszinierendes Problem: Das Kapital braucht den totalen Konsumenten und verspielt mit ihm gleichzeitig seine Zukunft. So gesehen verhält sich die aktuelle brave und langweilige Jugend vielleicht am kapitalismuskritischsten: Durch die völlig Affirmation der Verhältnisse endet die kulturelle Entwicklung, die das Kapital so nötig hat. Das Gehype von Start-Ups in Berlin spielt in der gleichen Liga. Das sind die neuen Rebellen.

Wenn ein Max Tholl der Jugend mehr Rebellion anrät, ist es vielleicht gar nicht verkehrt, wenn die Jugend genau das nicht macht. Also, liebe Jugend: Bleibt bitte noch eine Weile so langweilig und affirmativ, wie ihr es gerade seid. Dann sehen wir weiter.

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Das Deutsche und das Essen

Wiglaf Droste in der Süddeutschen Zeitung vom 8. April 2017, S. 45

In Deutschland wurde die Slow-Food-Angelegenheit landesüblich akademisiert, den einfachen Leuten entrissen, in den Mittelstand der meist grün wählenden Besseresser überführt und von der verzichtbarsten Klientel überhaupt okkupiert, die von Dinkel und Dünkel notdürftige zusammengehalten wird und der alles Lebenssaftige völlig abggeht. In sogenannten Convivien wird „richtig Essen und bewusst geneißen“gelehrt und erlernt. Es wäre zum Speien, wenn es nicht so todkomisch wäre. In jedem südttalienischen Hafenarbeiter mit acht Jahren Schulbildung steckt mehr kulinarische Kenntnis als in der ganzen deutschen Slow-Food-Bewegung zusammen.

Schön gesagt von Herrn Droste und schön auf den Punkt gebracht. Gutes Essen ist nicht der Besuch eines sauteuren Restaurants einmal im Monat. Es ist Alltagskultur. Derer sind wir merkwürdigen Deutschen sowieso längst beraubt, wobei dem Begriff des Beraubtseins etwas Opfermäßiges anhaftet und deshalb vermieden werden sollte. Der deutsche Durchschnittsmichel hat sich seiner Alltagsesskultur schon vor langem freiwillig berauben lassen, naturgemäß von den Umständen, auch Sachzwänge genannt. Die Mittagspause wird freudig auf ein Sandwich vorm Computer beschränkt, die Esskultur ist aufs TV-Kochshowschauen reduziert und überhaupt geht es nur ums Sattwerden. Flüchtlinge aus den ärmsten Ländern sind entsetzt ob der Praxis der Nahrungsaufnahme hierzulande. Essen und Kaffeetrinken im Gehen ist jedem Volk, das sich einer Kultur rühmen will, fremd.

Esskultur gibt es nur noch im Zeitmagazin und beim Grillen. Bei letzterem dominiert die Männlichkeit, also, wieviel totes Tier man pro Zeiteinheit verschlingen kann. Immerhin schmeckt das.

Dem süditalienischen Hafenarbeiter wird die Esskultur von Schäuble und Konsorten noch ausgetrieben werden, dafür sorgt die deutsche Gründlichkeit, auch made in Germany genannt. Die nur dafür sorgt, dass man selbst mit 200 km/h nicht aus der Kurve fliegt. In Grenzsituationen ist der Deutsche in seinem Element, ob auf der Autobahn oder im Warschauer Ghetto.

Das Akademisieren ist das Soldatische 2.0. Die alten preußischen Tugenden, das Parieren, ist ökonomisch nicht mehr en vogue, Entfremdung via Akademisierung kommt da besser. Man kann auch den Geschmackssinn, den jedes kulinarisch gut erzogene Kind vortrefflich beherrscht, versachlichen und aus der Praxis herausziehen.

Was ist Esskultur? Egal, Hauptsache authentisch. Der Saumagen ist dabei wie auch die hohe französische Küche. Verständnis, das vom Gaumen wie vom Magen kommt. Ein ordentlicher Schuss Völlerei hilft. Ohne das Lebenssaftige keine Kultur.

Derzeit ist Musikkultur Helene Fischer und Esskultur ist irgendwas zwischen Truthahnsandwich mit Honigsoße und  Vegan. Man sollte den Fußballfans dankbar sein, dass sie die Trulla auspfiffen. Vielleicht retten sie mit der Bratwurst und dem Halbzeitbier mehr, also wir uns derzeit vorstellen.

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Von der zweckmäßigen Schönheit des sich Schüttelns

Die Shaker – religiöse Neuankömmlinge in den USA, die sich schüttelnd und hart arbeitend durch die Prärie zogen – schrieben kurz vor 1800 in ihren Leitsätzen:

Jede Kraft erzeugt eine Form, jeder Gegenstand kann vollkommen genannt werden, der genau den Zweck erfüllt, für den er bestimmt ist. Schönheit beruht auf Zweckmäßigkeit. Alle Schönheit, die nicht auf Gebrauch gegründet ist, wirkt bald widerlich und muss laufend durch Neues ersetzt werden. Was in sich selbst den höchsten Gebrauchswert birgt, besitzt auch die größte Schönheit.

Gläubige dürfen in keinem Falle und unter keinen Umständen zu Verkauf bestimmte Gegenstände herstellen, die überflüssige Zier tragen… ebenso wenig wie es statthaft wäre, solche Gegenstände selbst zu benützen.

Die Zeilen zeigen einerseits, dass es müßig ist, über die Frage zu streiten, wer den Funktionalismus erfunden hat. Da hat Julius Posener, dessen Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur ich diese Zitate verdanke, sehr recht. Das vernünftige Bauen, überhaupt das vernünftige, kosten- und materialsparende Herstellen von Gegenständen, war in der Geschichte in aller Regel schlicht notwendig, da man es sich aufgrund der geringen Entwicklung der Produktivkräfte kaum leisten konnte, mit viel Zierrat und Tamtam zu bauen. Die allermeisten Fachwerkhäuser, jede Lehmhütte, jeder Holzteller ist und sind funktionalistisch. Dazu brauchte es keinen Corbusier, keinen Tessenow, keinen Gropius und kein Ikea. Die Urhütte von Laugier ist vielleicht das Urbild des Funktionalismus schlechthin: Vier Baumstämme, Pfetten dazwischen, fertig ist das funktionalistische Haus.

Andererseits darf man ruhig die Frage stellen, ob das Verschwenderische, das Unvernünftige nicht genauso seine Existenzberechtigung hat. Der Funktionalismus, der in obigen Zitaten zum Ausdruck kommt, ist nicht von ungefähr protestantisch geprägt und die Shaker sind nicht nur Entsager, sondern auch, streng aufklärerisch, rationale Arbeitsbienen. Es kommt nicht von ungefähr, dass man dem Barock und dem Historismus heute mit ein wenig Neid begegnet: Die haben sich die Verschwendung einfach rausgenommen.

Denn es gibt natürlich das Unbehagen an Sätzen wie dem, wonach alle Schönheit auf Zweckmäßigkeit beruht. Wir können das ohne weiteres nachvollziehen und sehen es im Grunde genauso. Der schale Beigeschmack ist der der totalen Rationalität, die man nicht mehr kritisieren darf, weil sie praktisch und zweckmäßig ist, aber dennoch fad. Insofern sind Bekenntnis wie das, wonach Schönheit auf Zweckmäßigkeit beruht, nur richtig, wenn man im Vorfeld den Begriff der Zweckmäßigkeit angemessen definiert. Und dazu gehört der irrationale Aspekt, der Unvernünftiges, Überschwängliches, Banales, Kitschiges, Abweichendes, Deviantes, Unvertretbares, Unangemessenes, mit einem Wort: Menschliches beinhaltet. Dem Menschen zeckmäßig ist die Irrationalität.

Wenn also barocke Architektur ohne feudalistische Verhältnisse, die dafür sorgen, dass nur das berühmte eine Prozent den barocken Charme erfährt, nicht möglich ist, und historistische Architektur nur dem lächerlichen Aufstiegsdrang des Bürgertums neue Entfaltungsmöglichkeiten setzt, dann wäre eine Ablehnung der Verschwendung zwar naheliegend, aber trotzdem kurzsichtig. Es könnte lediglich der nächste Schritt zur Selbstausbeutung sein, der den Profit anderer maximiert. Ich weiß nicht, inwieweit die Shaker Opfer der Kapitallogik geworden sind – ob sie es also nicht besser wissen – oder ob da der Renditegedanke eine feste Rolle spielte. Die Zweckmäßigkeit der Shaker bestand offenbar darin, keine Verschwendung zu betreiben, wobei es da vermutlich nur um Geld ging.

Die Erkenntnis, wonach alleine aus Zweckmäßigkeit Schönheit hervorgehen kann, sollte kritisiert, aber nicht verworfen, sondern ergänzt werden. Zweckmäßigkeit muss das irrationale Bedürfnis,das Unbegründbare, das Nichtmessbare beinhalten. Der Zweck des Menschseins kommt ohne sie nicht aus. Werden sie ignoriert, kommt es zur wie auch immer sich konkretisierenden Katastrophe. Beispielsweise zu den Ästhetiken der aktuellen Neubaugebiete, zum Schlosswiederaufbau, auf der anderen Seite zu DDR-Plattenbauten und Neuer Sachlichkeit, die faschistische Architektur im demokratischen Staat vorwegnahm.

Lohnenswert wäre es, den Deutschen Werkbund auf diese Fragen hin zu untersuchen. Er argumentierte in Bezug auf das Verhältnis von Zweckmäßigkeit und Schönheit sehr ähnlich. Vielleicht hat er sich über die Definition von Zweck, was den Menschen angeht, mehr Gedanken gemacht.

Vielleicht. Bei den Shakern ist immerhin sympathisch, dass sie sich so schütteln.

Eigentlich ziemlich unzweckmäßig.

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Das Kreuz mit dem Kreuz

Das perfekte Symbolbild der deutsche Reaktion, das im Entstehen befindliche Berliner Stadtschloss, soll nun nicht nur die Kuppel wiederbekommen, sondern auch das vergoldete Kreuz obendrauf. Ausgerechnet die FAZ kritisiert das Vorhaben deutlich. Andreas Kilb schreibt:

Die Debatte über das Kuppelkreuz rührt an den eigentlichen wunden Punkt des Humboldtforums, seine historische Sollbruchstelle. Sie hat mit dem ungeklärten Verhältnis des Projekts und seiner Planer zur Geschichte des Gebäudes zu tun, in dessen Replik sie einziehen sollen. Also mit Preußen jenseits der Brüder Humboldt – mit dem Preußen der Reaktion und der bürgerlichen Unfreiheiten.

Im Juli 1844 erteilte Friedrich Wilhelm IV. die Kabinettsorder zur Errichtung einer Kapelle mit Kuppel über dem Westportal des Hohenzollernschlosses. Zehn Jahre später, zum Krönungsgedenktag am 18. Januar 1854, wurde der Bau der Architekten Stüler und Schadow vom Hofprediger Hoffmann geweiht. Ursprünglich war geplant gewesen, die gesamte Kuppellaterne samt Kreuz zu vergolden, doch „infolge der gespannten innenpolitischen Lage“, wie der Schlosshistoriker Albert Geyer vielsagend schrieb, hatte man die Vergoldung auf das Kreuz beschränkt.

Diese „gespannte Lage“ war die in Blut erstickte bürgerliche Revolution von 1848. Das Kuppelkreuz war das Symbol ihrer Niederlage und der erzwungenen preußischen Kirchenunion. Genau genommen gehörte es nicht zur Fassade, sondern zur Funktion des Gebäudes: Es zeigte seine Nutzung als Gotteshaus an. Eine solche Nutzung ist im Humboldtforum nicht vorgesehen. Es wird keine Abendmähler und Predigten mehr unter der Schlosskuppel geben; statt dessen sollen dort buddhistische Wandmalereien aus Xinjiang an der nördlichen Seidenstraße gezeigt werden, einer der wertvollsten Bestände des Museums für Asiatische Kunst.

Es gibt nicht viele Profanbauten in Deutschland, die mit Kreuzen geschmückt sind. Ganz sicher sind unter ihnen keine ethnologischen Museen. Ein Kuppelkreuz auf dem Humboldtforum wäre deshalb nicht nur eine Irreführung der Besucher. Es wäre ein historisches Zeichen, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließe. Nicht „unser“ Christentum würde darin sichtbar, wie Monika Grütters meint, sondern der Anschluss an die Tradition der preußischen Staatskirche mit ihrer engen Verbindung von Kanzel und Bajonett. Jene gebildeten Betrachter aus aller Welt, an deren Erwartungen die Konzeption des Humboldtforums Maß nimmt, würden diese Symbolik zu lesen wissen.

Das Kuppelkreuz als Symbol der Niederschlagung der 48er Revolution, das Kuppelkreuz als Symbol eines reaktionären, gewalttätigen Christentums, das Kuppelkreuz also als Symbol, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Wer A sagt, sollte ehrlicherweise auch B sagen. Wer das Schloss wiederaufbauen wollte, stand schon immer für die rechten und rechtsradikalen Geschichtsanschlüsse. Das Vorhaben, in das Schloss irgendwas mit Globalisierung und angeblichen Respekt vor dem Fremden zu installieren, war schon immer verlogen. Jeder, der so daherredete, wusste und weiß das. Mit dem Berliner Schloss entsteht das Bekenntnis zum vordemokratischen Staat, zum ergebenen Untertan, zu allen preußischen Scheußlichkeiten, die man so kennt.

Das Kreuz ist also nur die sinnvolle Folge des ganzen Schlossbrimboriums. Die gebildeten Betrachter aus aller Welt wissen diese Symbolik, die an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lässt, dann in der Tat zu lesen. Die historische Sollbruchstelle ist keine, das Schloss hat als Gebäude einen klaren Auftrag: Die Repräsentanz der feudalen, gewalttätigen Macht eines Unrechtsstaates. Falls es tatsächlich preußische Tugenden gibt, die man hochhalten sollte, wären die in keinem Fall mit dem Wiederaufbau des Schlosses zu symbolisieren.

Wenn Andreas Kilb versucht, das Schloss als Symbol zu retten, muss er scheitern, so wie diese ganzen merkwürdigen Konservativen scheitern müssen, wenn sie ihre Sollbruchstellen ignorieren. Ein Schloss ist ein Schloss ist ein Schloss. Es steht weder mit noch ohne Kreuz für irgendetwas Positives.

Also, liebe Schlossfreunde: Stellt das Kreuz da obendrauf. Ziert euch nicht. Seid keine Waschlappen, seid ehrlich. Nehmt euch ein Beispiel an der AfD. Fordert den Untertan, fordert die Prügelstrafe, fordert die Niederschlagung jeglicher Kritik. Und als nächsten Schritt empfehle ich: Keine fremdländische Kultur in unser toitsches Schloss stellen!

Ich schätze, diese Diskussion wird nicht ewig auf sich warten lassen.

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Vom Mieten und Verlieren

Kurz etwas Alt-Neues aus dem Asozialstaat Deutschland: Die linke Stadtentwicklungs-senatorin Katrin Lompscher hat gestern den Berliner Mietspiegel 2017 vorgestellt. Der berechnet den Mittelwert der real gezahlten Mieten und erlaubt eine bis um 20 Prozent über dem Mittelwert liegende Miete. Das Ergebnis dieses lustigen Spiegels ist naturgemäß: In Zeiten intensiver Kapitalverwertung von Immobilien gehen immer mehr Vermieter an die 20-Prozentgrenze, wodurch sich der Mittelwert im nächsten Mietspiegel signifikant erhöht.

Noch lustiger: Die Hauseigentümer können sich auch weigern, den Mietspiegel zu beachten. Wobei das nur logisch ist: In einer Gesellschaft, in der die Kapitalverwertung Gott ist, wäre ihre Behinderung Blasphemie. Wer kann dazu schon ja sagen?

Der Tagesspiegel berichtet gar (leider, ohne es zu erklären), dass sich neue Berechnungen für Altbaumieter so auswirken, dass sie mit bis zu 40 Prozent Mieterhöhungen rechnen müssen. Und:

Den höchsten Durchschnittswert im neuen Mietspiegel erreichen kleine Neubauwohnungen (mit Sammelheizung, Bad und Innen-WC) mit bis zu 40 Quadratmetern: Sie kosten 14,19 Euro. Die größten Verlierer sind Familien mit Kindern, die auf der Suche nach einer großen Wohnung sind.

40 Prozent mehr in einer Stadt, die von rot-rot-grün regiert wird. Mehr muss man zum Thema „Demokratie und Kapitalismus“ eigentlich nicht sagen. In einer halbwegs zurechnungsfähigen Gesellschaft würden nun alle Lohnabhängigen 40 Prozent mehr Lohn fordern und bis zur Erfüllung dessen in einen Generalstreik treten.

Naturgemäß nicht im preußischen und neoliberalisierten Deutschland. Die Selbstverständlichkeit, dass ein Quadratmeter Altbau maximal drei Euro kalt kosten darf und alles darüber Wucher ist, gilt Soziologen und Politologen vermutlich als eine linksextremistische Haltung.

Wäre die SPD eine linke Partei, würden sie und ihr Hampelmann Martin Schulz nun beispielsweise die Kapitalverwertung von Boden anprangern: keine Gewinne mit Wohnen, kein Schmarotzen auf Kosten von Grundbedürfnissen. Eine eigentlich selbstverständliche Forderung für einen, der gerne Mitgefühl mit dem „hart schuftenden Busfahrer“ zeigt, „der nicht weiß, wie er seine Miete bezahlen soll“.

Abgesehen davon, dass die Erkenntnis, dass ein Busfahrer hart schuftet, bei einem Sozialdemokraten zur Forderung der 30-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich führen müsste. Allerdings reden wir hier von einem Sozialdemokraten im Jahr 2017. Wir wundern uns nicht.

Typisch für die neoliberale Geistesverfassung ist ein Kommentar im Tagesspiegel von einer Frau namens Ulrike Heringer. Sie ist Herausgeberin des Urbanist Magazin – klingt toll – und sie schreibt in typisch neoliberaler, sinnbefreiter Manier:

Doch Wachstum ist nicht konfliktfrei zu haben. Denn mehr Jobs führen zu Zuzug, mehr Berufsverkehr und mehr Menschen, die in der Stadt wohnen wollen. Nahezu jede beliebte, wachsende Großstadt klagt über ähnliche Probleme. Man schaue sich Paris, Hongkong oder Tel Aviv an. Überall sind die Mieten hoch, der Wohnraum pro Kopf gering, der Verkehr staut sich regelmäßig. Es entstehen also überall Nutzungskonflikte. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: Zu wenig Platz zu haben, das ist praktisch die Definition von Stadt.

Steigende Mieten sind „Nutzungskonflikte“, das ist die Definition von Stadt, also ganz natürlich. Und dann, man beachte die Dichte des ideologischen Geplappers:

Dabei hilft es nicht, die Vergangenheit zu romantisieren. Aber der Blick auf andere Städte zeigt: Berlin hat gar keine schlechten Voraussetzungen! Man muss sie nur ergreifen.

Was genau man ergreifen soll, schreibt Heringer nicht. Ist ja auch egal, es klingt gut, wir sind vorne, wir sind dabei.

Ich wage die Behauptung, dass ein solch intellektueller Schrott es vor 30 oder 40 Jahren bestenfalls in die Bild-Zeitung geschafft hätte. Irgendein Redakteur hätte das aufgrund argumentativer und geistiger Armut, aufgrund offensichtlicher PR-Orientierung gestoppt. Heute geht das durch. Solange der Flow und die Dichte an trendy vocabulary stimmt, ist alles in Ordnung.

Wir wundern uns nicht.

(Fotos: genova 2015)

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Hergerichet, abgerichtet, hingerichtet: Unser Dorf soll hässlich werden

Dieter Wieland: Ein bayerischer Filmemacher, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feierte, wie man sagt. Er drehte in den 1970er Jahren eine Menge Filme fürs Bayrische Fernsehen mit solch aufmerksamkeitsfördernden Titeln wie „Unser Dorf soll hässlich werden“ oder „Grün kaputt“.

Diese Filme zu schauen, ist ungemein aufschlussreich. Zum einen, weil Wieland eine Sprache spricht, die es sonst nicht gibt:

„Begradigung, Bereinigung, Erschließung, Beschleunigung, Kanalisierung, Neuordnung, Verordnung, Verödung. Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet. Am Ende bleibt nur das Korsett des öden Rasters, der Triumph des rechten Winkels, Serienlandschaft.“

Thomas Bernhard hatte sicher seine Freude an Wieland gehabt, mal abgesehen von der leicht weinerlichen Stimme.

Zum anderen ist Wieland für mich interessant, weil er eine Umgebung kritisiert, die ich in meiner Sozialisation erlebte und somit als die normale wahrnahm, also eben diese Begradigungen, Kanalisierungen, Verordnungen, die Ziergehölze in den Vorgärten und die zugeteerten Garageneinfahrten. Es war für mich die Normalität und die Frage, ob das früher mal anders war, stellte sich nicht.

Alles eine Frage des Standpunkts.

Wieland kann man in vielem sicher recht geben. Man hat mit der Intenvisiverung der Landwirtschaft eine „rücksichtslose Produktionslandschaft“ geschaffen, in Teilen „eine ausgeräumte, nackte Maschinensteppe“, eine „Landschaft ohne Spuren“. Andererseits kommen auch ziemlich kulturkonservative Haltungen zum Vorschein, die auf ein „früher war alles besser“ hinauslaufen. Für Wieland scheint es im ländlichen Raum keine Entwicklung geben zu dürfen. Die Kritik der realen ist das eine, das Alternativangebot die andere Seite. Häuser niedrig, einfach, kleine Fenster, Fensterkreuze, das Holz ist zum Heizen aufgestapelt, alte Bauernhäuser

Wieland beklagt beispielsweise das Sterben der großen bayrischen Vierseithöfe und vergisst zu erwähnen, dass die nur einen Sinn machten, solange es die wirtschaftliche Notwendigkeit für Bauernhöfe in dieser Größe gab. Die Vierseithöfe waren auch irgendwann mal neu und verdrängten etwas Altes. Im Film (ab 4:30) beschwert er sich darüber, dass bei solch einem Vierseithof eine Seite abgerissen wurde, um ein neues Haus reinzustellen, das aber eine andere Grundform aufweist:

„Der Neubau hält sich nicht im geringsten an die alte Ordnung. Er steht da, zu hoch, zu kurz. Das ist kein Bauernhaus, das ist ein Arbeiter-, ein Angestelltenhaus.“

So wird es sein, deshalb sieht es auch nicht aus wie ein Bauernhaus. Warum sollte es? Vermutlich nur, um Wielands Meinung nicht zu stören, wonach es keine Veränderung geben dürfe.

Dann kommt der merkwürdige Satz:

„So haben sich die Standesunterschiede schon verwischt.“

Das scheint beklagenswert zu sein.

Man hat den Eindruck, Wieland geht es nicht um die Bewohner, sondern nur um ein Bild der formalen Idylle, das es zu bewahren gilt. Die geteerte Einfahrt sorgte dafür, dass man nicht ständig schmutzige Schuhe bekommt und das Wasser abläuft. Das sieht man heute unter ökologischen Gesichtspunkten anders und nachhaltiger, aber es war in den 60ern verständlich, dass man sich auf den Teer freute. Wieland versteht das nicht.

Oder Fachwerkhäuser, die so umgebaut wurden, dass die Fensterordnung zerstört wurde. Für Wieland ein Unding, man sollte sich wohl eher weiterhin mit den kleinen Fenstern in dunklen Räumen zufrieden geben. Dass es heute keine Notwendigkeit mehr für die kleinen Fenster gibt, interessiert nicht. Und eine neue Sparkasse darf nicht in einem modernen Gebäude realisiert werden und eine großflächig verglaste Ladenzeile ist ebenso tabu. Warum? Weil es das früher nicht gab. Genauer: Weil es das nicht gab, als Wieland sozialisiert wurde. Wielands Argumentation hat etwas störrisch-egozentrisches. Gotik und Barock sind heilig, rein formal. Jede Änderung, die sich an neuen Baupraktiken und neuen Nutzungsbedürfnissen orientiert, wird von ihm ignoriert. An den Dörfern scheinen vor allem die Menschen zu stören. Wären die weg, gäbe es auch keine Veränderung. Neue Häuser jedenfalls sollen sich „bescheiden einfügen“. Obrigkeitsstaat.

Nebenbei: Wieland spracht noch vom „Bundesbürger“, nicht vom Deutschen, sehr angenehm. Und wie weit entfernt mittlerweile. „Deutscher“ scheint ein rein neurotischer Begriff zu sein.

Ins Schwarze trifft Wieland mit seiner Kritik am Ziergarten. Was sich in den 1950er oder 1960 Jahren in den Gärten der Neubaugebiete breit machte, ist ein merkwürdiges Phänomen, das kaum gewürdigt wird: „Natur“ wird symbolisiert in allerlei Ziersträuchern und sinnlosen Zuchtpflanzen, alles streng geordnet und reglementiert und dazu kommt ein Zierrasen, in dem jegliche Abweichung von der Norm „Unkraut“ genannt wird, das selbstverständlich mit chemischen Keulen vernichtet werden darf und muss. Besonders bemerkenswert: Man liebte das fremde Gesträuch, es war irgendwie exotisch. Migranten aus diesen Ländern waren und sind weniger willkommen. Das Gesträuch lässt sich wohl besser assimilieren und hält den Mund. Der Biodeutsche kann es beschneiden, wie er will, es beschwert sich nicht.

Überhaupt kann man Wieland in vielem auch zustimmen, gerade aus der zeitlichen Entfernung. Die Verkitschung des Raumes ist so ein Punkt. Mit der zwanghaften Einbeziehung vermeintlicher Tradition wie an die Fassade darpierte alte Holzräder, in die noch Blumenkübel installiert wurden oder dem „Jodlerstil“ werden nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschritten, wie Wieland meint, sondern reale Geschichte instrumentalisiert und banalisiert. Der Fortschritt wird hier unmöglich, weil die Vergangenheit absurdisiert wird.

Recht hat Wieland sicher auch mit seiner Klage, dass vielen Flurgehölze, Obstbäume und Alleen der Garaus gemacht wurde.

Und sicher gab es gerade zwischen 1950 und 1980 viel sinnlose Zerstörung alter Bausubstanz und Flurbereinigung. Das hat wohl auch mit deutscher Gründlichkeit zu tun. Undenkbar, dass in einer deutschen Großstadt ein Stadttor 2000 Jahre lang stehenbleibt, obwohl es keine Funktion mehr hat. Wo in Rom heute die Autos durch- oder drumherum fahren und offenbar niemand auf die Idee kommt und 2000 Jahre lang nicht kam, es abzureißen, hätten nervöse deutsche Zeitgenossen schon längst von Chaos gesprochen und den Abrissbager angefordert. Es ist kein Zufall, dass von den einst 20 Berliner Stadttoren nur noch eins übrig geblieben ist: das Brandenburger Tor, und das muss nun als perfekt gesäubertes Touristenobjekt herhalten. Man könnte hier vom deutschen Zwangscharakter reden, der einerseits für Abrissorgien von originaler Bausubstanz verantwortlich war genauso wie für die andere Version, die Neuerrichtung originaler Schlösser heutzutage. Beides zeigt ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Geschichte, zu fehlender Gelassenheit, zur Tabula-Rasa-Raserei.

Eine ernsthafte Kritik der Zustände ist überdies nicht auf rein formal-ästhetischer Ebene ohne eine ökonomische Kritik möglich. Bauwirtschaftsindustrie, Lobbypolitik, Bodenpreise, Gentrifizierung: all das müsste man mitberücksichtigen.

Sinnvoll wäre nicht, dass sich alles Neue bescheiden einfügt. Sinnvoll wäre ein emanzipierter Umgang mit historischer Bausubstanz einerseits und andererseits Neubauaktivitäten, die sich am Stand der Technik und am Stand der Bedürfnisse messen lassen. Das kann dann – oder es muss dann – anders, neu, aussehen. Ist es inhaltlich vermittelbar, wird es auch formal akzeptiert. Es macht dann Sinn, wie man sagt.

Kürzlich bilanzierte er übrigens desillusioniert:

„Da haben wir nichts erreicht. Die Artenvielfalt ist in einer Weise zurückgegangen, das war uns damals gar nicht möglich, uns das in diesen Dimensionen vorzustellen. Die Bodenverdichtung, die Bodenentwertung, die Güllemassen – das war für uns unvorstellbar. Die Neubaugebiete schauen immer noch so aus, wie damals als ich meine ersten Filme gegen Neubaugebiete gemacht habe.“

Im letzten Punkt würde ich ihn korrigieren. Die Neubaugebiete schauen heute weitaus schlimmer aus als damals. Es sind die wahren Belege der gesellschaftlichen Regression.

Aber auch das ist wohl eine Frage des Standpunkts.

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„Der Trump der Architektur“ (2)

[Das ist die Fortsetzung dieses Artikels]

Der Dekonstruktivismus wollte die Wahrheit hinterfragen. Er wollte das Ganze untergraben. In der Architektur ist das, zumindest was die Stars dieses Genres angeht, in weiten Teilen in die Hose gegangen. Sie sind nun Teil der Wahrheit und des Ganzen, und die ist eine kapitalistische und das ist ein kapitalistisches. Die Logik des Kapitalismus ist ideologiefrei und bemächtigt sich jeder Strategie, die Rendite verspricht. Stararchitektur, die kritisch daherkommt, lässt sich leicht ins Spektakuläre drehen, dem jede Kritik abhanden gekommen ist. Dies haben wir, wie man sagt, in Teil 1 unserer kleinen Serie plausibel dargelegt.

Wie radikal sich der Dekonstruktivismus in den Dienst des Kapitalismus stellen kann, zeigt der deutsche Architekt Patrik Schumacher:

schumacherDer 55-Jährige ist nicht irgendwer, sondern seit dem Tod der Gründerin vergangenes Jahr der Chef des Büros Zaha Hadid. Laut Guardian und dezeen will er den sozialen Wohnungsbau auf null herunterfahren, Bauregulierungen weitestgehend abschaffen und sogar Straßen, Plätze und Parks privatisieren. Bemerkenswerterweise sagte er das kürzlich bei einer Konferenz in Berlin. Auch gegen Zweitwohnungen in Metropolen hat er nichts einzuwenden. Seine Begründung:

„I know a lot of people that have second homes in London and I’m so glad they do,“ he continued. „Even if they’re here only for a few weeks and throw some key parties, these are amazing multiplying events.“

Amazing multiplying events, soso. Vermutlich dann, wenn er eingeladen ist. Klingt nach einem Egozentriker.

Genügend Wohnraum will er so schaffen:

„Housing for everyone can only be provided by freely self-regulating and self-motivating market process.“

Der Markt soll es richten. Angesichts der Verhältnisse in London eine mutige Behauptung. Der Neoliberalismus hat die aktuellen Verhältnisse geschaffen, aber egal: Wir erhöhen einfach die Dosis. Es ist völlig klar, dass mehr Markt bei naturgemäß begrenztem Boden zu höheren Preisen führt. Man mag nicht glauben, dass Mister Schumacher so dämlich ist, das nicht zu wissen. Er weiß es sicher.

In die Städte sollen, und hier zeigt Schumacher, was er eigentlich will, nur “the most economically potent and most productive users who serve us most effectively” einziehen. Wobei man erst einmal klären müsste, ob die economically Potentesten auch die sind, die us most effectively nutzen. Wie auch immer, in London sind doch schon lange nur noch die ökonomisch Potentesten in der City. Er trägt Eulen nach Athen.

Wenn gerade keine Party angesagt ist, sitzt Schumacher laut Guardian gerne bei Architekturkonferenzen in der ersten Reihe und bezichtigt die Redner, Teil einer „lefty liberal conspiracy“ zu sein.

Auf Facebook sind die Meinungen über Schumacher deutlich:

hadid1

hadid2

hadid3Die Engländer scheinen weitaus meinungsfreudiger als die Deutschen zu sein, wenn es um Architektur geht. In Berlin sind solche Auseinandersetzungen undenkbar. Hier macht die sogenannte intellektuelle Elite jeden Wunsch des Kapitals mit und will architektonisch entweder das Schloss oder gar nichts.

Wie auch immer: Von dekonstruktivistischer zu einer zeitgemäß faschistischen Architektur ist es offenbar nicht weit.

Interessant ist auch Schumachers politischer Werdegang: Er bezeichnete sich früher, kein Scherz, als  Marxist. Nun jedoch sei er desillusioniert. Vielleicht ist nicht nur der Trump, sondern auch der Jürgen Elsässer der Architektur. Nun liest Schumacher Ludwig von Mieses, Friedrich Hayek und Murray Rothbard. Leute also, für die die FDP eine sozialistische Partei ist.

Was sagte Zaha Hadid zu Schumacher, der seit den 1980er Jahren in Hadids Büro arbeitete? Sie hielt wohl nicht viel von seinen Überlegungen zur Architektur und laut Schumacher war sie Guardian-Leserin, was er keineswegs als Lob versteht. Konnte Schumacher nur durch den plötzlichen Tod Hadids den Laden übernehmen? Hat sie nicht aufgepasst?

Fade out

(Fotos: Facebook und dezeen)

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Arno Brandlhuber und die freiwillige Erkenntnis des Kapitals

Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie, unter anderem von Arno Brandlhuber auf die Beine gestellt, beschäftigte sich mit Stadtarchitektur, Stadtpolitik, Stadtboden. Eine gute Idee, aber schon in der Einführung zeigen die Macher  – dazu gehört der Architekt Arno Brandlhuber, der eigentlich ziemlich gute Sachen baut und denkt -, dass sie etwas Grundsätzliches nicht verstanden haben. Sie fragen:

„Wie führen wir den städtischen Boden wieder einem gemeinschaftlichen Interesse zu, ohne das private Eigentum anzutasten?“

Thema verfehlt, setzen.

Von Belang ist das gemeinschaftliche Interesse, nicht das private Eigentum. Wenn letzteres hinderlich für ersteres ist, dann muss es infrage gestellt werden. Wenn Brandlhuber und Co. das auf keinen Fall wollen, sind sie Teil der neoliberalen Ideologie, ob sie das wollen oder nicht. Und es geht bei städtischem Boden nicht um selbstgenutzte Wohnungen, die in privatem Eigentum sind, sondern um das Privateigentum an Spekulationsmitteln.

Brandlhuber checkt das nicht und das scheint auch in dem dicken Katalog zur Ausstellung – der insgesamt sehr verdienstvoll und lesenswert ist – rüberzukommen. Neben vielen interessanten Beiträgen unterhält sich Brandlhuber allen Ernstes mit dem Immobilienspekulanten und Vorzeigegentrifizierer und also Stadt- und Menschenzerstörer Nikolaus Ziegert, der hier schon mehrfach gewürdigt wurde.

Um einen kleinen Eindruck zu bekommen:

Ziegert sucht jede Möglichkeit zu nutzen, Stadtviertel um Stadtviertel neoliberal umzubauen. Dieser Kamerad hat offensichtlich eine Stiftung gegründet. Das macht man so, wenn man viel Geld verdient hat, keine Steuern zahlen und außerdem sein Image aufpolieren will.

Was Ziegert im Gespräch mit Brandlhuber von sich gibt, ist Realsatire, orwellsches Geschwätz. Er hat Wohnungen im Angebot, die bei einer Miete von 20 Euro den Quadratmeter kalt beginnen bzw. für um die 8.000 Euro zu kaufen sind. Im Interview sagt er dann:

„Der Boden gehört allen. Es ist hart, dass ich das so sage, aber das sehe ich auch als einen Ansatz für Entwicklung“.

„Ansatz für Entwicklung“ klingt immer gut. Außerdem stimmt er der These zu, dass Wohnen keine Ware sei, will aber nicht, dass der Staat sich in diese Diskussion einmischt. Statt dessen brauchen wir

„einen offenen Diskurs quer durch alle Gesellschaftsschichten“.

Was man halt so sagt, wenn man trendy sein und nichts sagen will. Sein konketer Vorschlag:

„Die Wirtschaft muss hier selbst einen Erkenntnisschritt machen. Sie muss sagen, wir geben Teile ab und wir geben sie ab in gemeinnützige Stiftungen. Der Boden könnte freiwillig überführt werden. Freiwillig, aus Erkenntnis!“

Überflüssig zu sagen, dass es sich hier um Geplapper handelt. Es ist Teil der neoliberalen Ideologie, faktische Gegensätze zu verschleiern, irgendwas von Verantwortung zu erzählen und sich dieser zum Schein zu stellen. Es gibt in der offiziellen neoliberalen Ideologie keine Interessengegensätze, sondern wir sind alle Teil des Fortschritts. Man muss den imaginären Markt, der nicht existiert, nur machen lassen.

Vielleicht hat sich Brandlhuber mit dem Typen unterhalten, um ihn zu demaskieren. In einer Zeit, in der systemische Zusammenhänge ignoriert werden, ist das Interview allerdings Ausdruck von Postpolitik und Postideologie in seiner schlechtesten Form. Man will Zusammenhänge nicht mehr verstehen, weil man dann raus wäre aus dem tollen pluralistischen Dialog mit der ganzen Zivilgesellschaft, die Pluralismus so gerne simuliert. Man darf dann über alles diskutieren, aber auf keinen Fall die Verwertungslogik des Kapitals in Frage stellen. Es ist bezeichnend, dass Ziegert auf Erkenntnis und Freiwiligkeit des Kapitals baut. Es ist natürlich lächerlich.

Vor solchen Hintergründen sind pseudoaufgeklärte Gespräche zwischen einem Brandlhuber und einem freundlich lächelnden Sozialdarwinisten wie Ziegert eine Zumutung. Brandlhuber ist somit ein realer Erfüllungsgehilfe kapitalistischer Akkumulationslogik. Statt einen Ziegert zu kompromittieren, wird ihm dialogisch Ablass gewährt, damit er künftig seine Geschäfet noch ungehemmter fortführen kann.

In den Berliner Stadtumbauten in den 1980ern existierten von Spekulanten so eine Art Fahndungsfotos im Stil der BKA-Plakate mit den RAF-Leuten drauf. Die Spekulanten seinerzeit hatten dann vielleicht wirklich Probleme, sich in den Vierteln sehen zu lassen. Den Ziegerts von heute wird der sogenannte Dialog angeboten, das PR-Gespräch zur Selbstaufwertung. Üble Zeiten.

Postmoderne Vernebelung.

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