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(Foto: genova 2019)

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„…ohne dass sie selbst etwas dazu tun müssen.“

Derzeit liest man in bürgerlichen Zeitungen häufig Artikel, die sich über die vermeintlich zu geringe Zahl von Baugenehmigungen beschweren. „Der Staat“ ist demzufolge Schuld an der Wohnungsnot. Dagegen berichtet ein Professor für Immobilienökonomie namens Günter Vornholz in der FAZ (16.8., S. 13), dass die Spekulation von Grundstücksbesitzern eine Ursache für die Wohnungsnot ist. Unter der Überschrift „Am Genehmigungsstau liegt es nicht“ schreibt er:

Seit Jahren steigt der sogenannte Bauüberhang, also die Zahl der bereits ausgesprochenen, aber liegengebliebenen Baugenehmigungen. 2017 lag dieser bei gut 650.000 Einheiten und hat sich innerhalb von gut zehn Jahren nahezu verdoppelt.

Vornholz berichtet im Weiteren, dass er für die Wohnungsnot in Ballungsgebieten vor allem zwei Ursachen sieht. Erstens die ausgelasteten Baukapazitäten, und zweitens…

…die Spekulation der Grundstücksbesitzer. Bauland wird nicht bebaut oder zurückgehalten, um es später zu einem höheren Preis zu verkaufen. Spekulanten verdienen daran, dass ihr Grund und Boden immer teurer wird, ohne dass sie etwas dafür tun müssen.

Vornholz ist Professor an der privaten EBZ Business School in Bochum, man wird ihm wohl nur schwer einen ideologischen Hang zum Sozialismus vorwerfen. Es sind schlicht die Statistiken, die dieses Bild entwerfen.

Kapitalismus funktioniert in dieser Situation also wie folgt: Man hat Bauland mit einer Baugenehmigung, wartet aber mit dem Bauen, vielleicht ein Jahr, vielleicht länger. In dieser Zeit suchen viele eine Wohnung, aber das spielt in der Logik des Kapitals keine Rolle, sonlange der Grundstückspreis schneller steigt als die theoretische Miete das täte.

Ökonomisch ist das Modell erfolgreich, denn wenn das Bauland ein paar Jahre später zu einem wesentlich höheren Preis den Besitzer wechselt, nennt man das „Wachstum.“ Die offiziellen staatlichen Bilanzen weisen dann aus, dass es „Deutschland“ gut geht. Dass neben dem Grundstück vielleicht jemand unter einer Brücke schläft, ist bilanztechnisch nicht von Interesse.

Solche Beispiele zeigen die Perversion unseres netten Wirtschaftssystems, wobei man Herrn Vornholz noch ergänzen müsste. Für die Wohnungsknappheit sind mitnichten nur „insbesondere zwei Ursachen verantwortlich“. In Berlin – dritte Ursache – wird fast ausschließlich hochpreisig gebaut, als 5.000 Euro für den Quadratmeter aufwärts. Wer diese Preise bezahlt, spürt keine Wohnungsnot, wer sie nicht bezahlt, spürt sie. Und viertens: Eine unbekannte, aber hohe Zahl an Wohnungen in Berlin steht faktisch leer, weil Reiche aus aller Welt sie als Dritt-, Viert- usw.-Wohnungen belegen. Betongold.

Nichts neues also, aber hin und wieder sollte man daran erinnern, wie dieses Wirtschaftssystem beschaffen ist, in dem wir so gottgegeben leben.

(Foto: genova 2019)

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(Foto: genova 2019)

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Die Linke jenseits der Spaltung

Ein Interview mit dem Philosophen Robert Pfaller in der taz und ein Interview mit der Soziologin Sabine Hark im Tagesspiegel. Die beiden vertreten angeblich weit auseinanderliegende Positionen, wobei sich vermutlich beide gegenseitig das Linkssein absprechen. Während man Pfaller im traditionellen linken Milieu verortet, der dabei der Perspektive des alten weißen Mannes verwurzelt bleibe, kritisiert man Hark, weil sie mit ihrer Identitätspolitik das Ganze aus dem Blick verliere und zur Infantilisierung von Politik beitrage.

Mir fällt bei den Interviews auf, dass man Beiden im Wesentlichen zustimmen kann. Was bedeutet, dass eine Linke beide Positionen braucht.

Pfaller argumentiert, dass die reine Verteilung von Macht auf zu bestimmende Minderheitspositionen das Folgende ergibt: Es würden weiterhin

„ein Prozent der Bevölkerung neunzig Prozent der Ressourcen kontrollieren, nur wären innerhalb dieses einen Prozents – in den USA – dann eben elf Prozent schwarz, zwölf Prozent Latino, fünfzig Prozent Frauen und irgendein entsprechender Anteil LGBT-Leute.“

Im falschen System wäre bislang Unterprivilegierte gleichberechtigt an der Ungleichberechtigung beteiligt.

Sabine Hark kritisiert die Heterormativität in der Gesellschaft, die „die gesamte Alltagskultur organisiert“, wobei sie Kinderücher, Lehrpläne und Werbung anführt.

Die Folge:

„Damit Heterosexualität normative Wirkung entfalten kann, muss eine Voraussetzung erfüllt sein: Es darf nur zwei Geschlechter geben. Diese müssen einander kontradiktorisch gegenüberstehen. Männer müssen vom Mars sein, Frauen von der Venus, um es salopp zu sagen. Entsprechend werden Geschlechterstereotype überall dramatisch inszeniert.“

Meine Rede. Auch die Polarisierung in Homo- und Heterosexualität ist nichts anderes als eine Normierung. Homosexualität ist heute weniger Diskriminierung ausgesetzt, aber eine Festlegung ist nach wie vor ein Muss. Wer sich nicht festlegt, dem fehlt offenbar die pressure group. Dabei ist der Mensch so angelegt, dass er sich nicht festlegen kann und das nur via gesellschaftliche Zwänge erfolgt. Genderpolitik ist so gesehen das Natürlichste überhaupt.

Kapitalismus ist genauso scheiße wie Heteronormativität. Würde man sich in der Linken auf diese selbstverständliche Position einigen, wäre der Stress nur noch halb so groß. Es gäbe vielleicht auch so eine Art Selbstreinigung in beiden Lagern: Im Pfallerlager kämen die altlinken Traditionalisten unter Druck, vornehmlich alte weiße Männer, die linke Politik jenseits ökonomischer Verteilungskämpfe nur als eine sehen, in der sie sich ein bisschen tolerant – abhängig von der Tagesform – gegenüber Minderheiten geben, ohne eigene Definitionsmacht abzugeben. Und im Harklager kämen Wichtigtuer, meist dumme Frauen, unter Druck, die Sprechverbote inszenieren und alles moralisieren, um ihre individuelle Position zu stärken.

Nicht der schlechteste Ausblick.

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o.T. 499

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o.T. 498

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Was Kunst mit Kacken und Kapitalismus zu tun hat

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich bezichtigt in der Zeit den Maler Neo Rauch des rechten Denkens. Rauch sei „Mitspieler neofeudaler Machtstrukturen in der heutigen Kunstwelt, wie die FAZ am 5. August, Ullrich zitierend, in der Prinzausgabe schrieb (online in veränderter Form hier abrufbar).

Einige Protagonisten aus Leipzig wurden ja schon öfter rechter Umtriebe bezichtigt, vielleicht zurecht oder auch nicht, ich weiß es nicht. Interessant ist aber, dass Rauch auf die Vorwürfe mit einem Bild reagierte, das er „Der Anbräuner“ nennt und das, laut FAZ, „ein abscheuliches, buchtstäblich hingeschmiertes Bild“ ist. Es zeigt einen Mann, der in einen Nachttopf kackt. Vermutlich ist der Mann Ullrich und der Nachttopf ist Rauch. Ullrich kackt Rauch braun an. Rauch fühlt sich offenbar diffamiert – in die rechte Ecke gestellt, wie man heute sagt.

Angesichts des erstarkten Rechtsradikalismus in der Form der AfD und angesichts der in Sachsen – Leipzig ist die Heimat von Rauch – bevorstehenden Landtagswahl könnte man so eine Reaktion eigentlich als Rauchs Bekenntnis zum Rechtsradikalismus werten. Ansonsten würde er sich mit Ullrichs Kritik inhaltlich auseinandersetzen.

Absurd wurde die Geschichte danach: Der Immobilieninvestor Christoph Gröner – ein kapitalistischer Stadt- und Welt- und also Menschzerstörer und jemand, bei dem mir sofort der Begriff „Herrenmensch“ einfällt – hat das Bild nun für 750.000 Euro gekauft. Den Erlös spendet der Auktionator an ein Kinderhospiz.

(Sowohl das Bild von Rauch als auch Christoph Gröner sieht man unter dem obigen Link.)

Ein Mensch- und also Weltzerstörer spendet an ein Kinderhospiz. Man kennt diese Gesten. Man kann sie sich leisten, ohne das Zerstörungswerk auch nur unterbrechen zu müssen. Gröners Zerstörungswerk läuft durch diesen Kinderhospizscheck wahrscheinlich noch besser, also noch zerstörerischer.

Kunst als kapitalaffine Handlung, in diesem Fall vielleicht auch als faschismusaffine.

Adorno bemerkt in dem Vortrag über Rechtsextremismus, den er 1967 gehalten hat (und der gerade sehr erfolgreich erstmals in Buchform veröffentlicht wurde) ganz treffend, dass es im Wesentlichen der Kapitalismus mit seinen Konzentrationstendenzen ist, der den Faschismus gebiert.

Dass Gröner das braune Bild von Rauch kauft, passt also wie Arsch auf Eimer. Und dass materiell davonl kranke Kinder profitieren: Die yellow press hätte es sich nicht besser ausdenken können.

P.S.: Wer sich ein Bild dieses furchtbaren Gröner machen will: Es gab vor ein oder zwei Jahren in der ARD eine Doku über ihn:

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o.T. 497

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Klimawandel oder: Das letzte Gefecht

In 30 Jahren wird die Welt mit dem, wie wir sie heute kennen, nichts mehr zu tun haben. Jahr für Jahr steigen die Temperaturen und der Meeresspiegel; tausende Hektar Land werden zu Wüste, und Millionen von Menschen machen sich auf den Weg in eine neue Heimat. Dafür sind wir, die Menschen, verantwortlich. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte geht es für die Menschheit darum, das Überleben ihrer eigenen Art zu sichern – nicht im Kampf gegen Raubtiere, Hunger oder Krankheiten, sondern gegen sich selbst.

Das schreibt der Neurobiologe Sébastien Bohler in dem Wissenschaftsmagazin Spektrum.

Bohler hat mit der Wüstenbildung und den steigenden Temperaturen nach allem, was wir derzeit wissen, recht – wobei das schon ein alter Hut ist und man keinen Neurobiologen braucht, um das zu wissen. Wenn dieser Herr dann allerdings in einer Wissenschaftspublikation schreibt, dass es um das Überleben der Menschheit gehe, wird es lächerlich. Das ist nicht nur höchst unwissenschaftlich, sondern da stellt sich die Frage nach dem Geisteszustand dieses angeblichen Wissenschaftlers.

Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, warum so ein Quatsch veröffentlicht wird, hilft vielleicht der Soziologe Armin Nassehi, der am 2. August in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel Denkfaule Demokratieverächter schrieb (S. 9):

Die Selbstbeschreibung von Gesellschaften folgt starken Konjunkturen. Selbstbeschreibungen sind immer selektiv, sie wählen zwischen Möglichkeiten aus. Die derzeit prominenteste Selbstbeschreibung der Gesellschaft in ihrer veröffentlichten Form ist der Klimawandel – eine katastrophische Form, die den unschätzbaren Vorteil hat, dass sie aufs Ganze geht. Das Überleben der Menschheit ist das Thema. Das ist nicht nur aufmerksamkeitsökonomisch bedeutsam, sondern kann gewissermaßen an der Unbedingtheit des eigenen Anspruchs ansetzen: Es geht nicht um irgendein Problem, sondern um so etwas wie das letzte Gefecht.

Nassehi bezieht sich nicht auf Bohler, aber der Zusammenhang ist offensichtlich. Das letzte Gefecht, drunter geht es nicht.

Auch ansonsten schreibt der tolle Neurobiologe in dem erwähnten Spektrum-Artikel (vom 29. Juli) Sachen, die jedes Kind schon weiß.

Beispiel:

Auch im zwischenmenschlichen Bereich kann weniger mehr sein. Anstatt die Zahl der Freunde auf Facebook zu mehren, können wir in die Qualität dieser Beziehungen investieren.

Sag bloß. Und:

Wir lassen uns weismachen, wir bräuchten zu unserem Glück ein Auto, das mindestens so luxuriös und leistungsstark ist wie das der Nachbarn. Doch wir haben die Wahl: die Werbebotschaften für bare Münze zu nehmen und immer mehr zu konsumieren – oder uns am Fahren eines altmodischen Autos zu erfreuen und an Freundschaften, in denen es nicht darum geht, wer mehr vorzuweisen hat.

Der Mensch hat gegenüber einem milliardenschweren Werbeaufwand nicht einfach „die Wahl“. Wie kann ein angeblicher Neurobiologe so einen Nonsens schreiben?

Was mich hier viel mehr interessiert als der Klimawandel ist die Frage: Wie kommt dieser Schwätzer auf so wichtige Posten? Was läuft da in der Gesellschaft falsch? Es hat auch mit der von Nassehi angesprochenen Aufmerksamkeitsökonomie zu tun. Wer vom Aussterben der Menschheit warnt, dem hört man zu.

Was also läuft falsch? Bei der Beanwortung dieser Frage bräuchte man vermutlich linke Psychologen, linke Politologen – und linke Soziologen.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 496

(Foto: genova 2018)

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