Becher etc. reloaded

Eine angenehme Fotoausstellung (leider soeben zuende gegangen) im Berliner Deutschen Architekturzentrum, daz. Ein Fotograf namens Constantin Meyer bringt quasi Stillleben von innerstädtischen und in der Regel nicht beachteten Perspektiven. Parkhäuser, Alltagsarchitektur, Schlendrian.

Eigentlich nichts Neues. Die Becher-Schule lässt grüßen, der graue Himmel, die klare Ausleuchtung, die langen Belichtungszeiten, die rechten Winkel und jetzt die sanfte Teilkolorierung. Angenehm ist wohl auch, dass die Motive Kindheitserinnerungen wachrufen: moderne Architektur, westdeutsche Nachkriegsmoderne, das unprätentiöse und zugleich aufmerksame Abbilden von Alltagsarchitektur.

Meyer fotografierte in Köln, Düsseldorf, Essen: Ein Lob den Orten dort, die aus heutiger Sicht einzigartig sind. Dank der allierten Bombenhagel entstanden hier neue Städte, mit allen Mängeln, aber eben mit Alleinstellungsmerkmalen. Man möchte sie nicht mehr missen. Nach einer Woche Prenzlauer-Berg-Kollwitzplatz-Heile-Welt ist die Innenstadt Köln das Paradies. Becher, Struth, Ruff, Sasse, Hütte, Gursky haben das festgehalten, Constantin Meyer zieht nach. Es ist nicht zu spät.

(Fotos: genova 2017)

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Thesen für eine unsoziale Stadt

Berlin spiegelt sich ein ein paar Jahren selbst. Man findet die Stadt – und eigentlich sich – ganz toll, vor allem, weil die Stadt wächst. Die Berliner Zeitung, in der Regel seriös und lesenswert, versteigt sich einer Rezension einer Ausstellung über Berlin im Jahr 2050 zu folgender Behauptung:

Ein warmer Morgen in 36 Jahren. Sie öffnen zum Lüften das Fenster und schauen hinaus. Was sehen Sie? Was für eine Straße, was für Nachbarn? Kurz gesagt: Was für ein Ort wird Berlin im Jahr 2050 sein? Wer werden die Berliner sein und wo werden sie alle leben?

Die Frage mag töricht erscheinen, schließlich hat sich keine Großstadt in Europa – oder vielleicht sogar in der ganzen Welt – so sehr und so dramatisch verändert wie Berlin. Dennoch erleben wir jetzt einen faszinierenden Augenblick in Berlins Wachstum.

Keine Stadt weltweit hat sich so sehr und dramatisch verändert wie Berlin, aha. Leider vergisst der Autor den zeitlichen Bezugsrahmen seines drastischen Vergleichs, aber egal. Ich würde als Gegenthese behaupten, dass sich so ziemlich jede größere Stadt in Osteuropa, in China, in Südostasien, in Afrika und in Südamerika in den letzten zehn, zwanzig oder einhundert Jahren wesentlich dramatischer verändert hat als Berlin. Man ist in Berlin nur vor allem mit Nabelschau beschäftigt.

Diese Nabelschau führt seit Jahren zu dem Resultat, dass die mäßig steigende Einwohnerzahl zum Show down hochgepusht wird. Dabei ist der reale Anstieg läppisch.

Diverse Prognosen rechnen bis 2035 mit einer um rund 500.000 Menschen höheren Einwohnerzahl. Das klingt erst einmal mächtig, ist es aber nicht. Es sind keine 15 Prozent in 18 Jahren.

Zum Vergleich: Zwischen 1850 und 1900 stieg die Einwohnerzahl von 400.000 auf 1,8 Millionen. Ohne die heute mögliche Produktivität im Wohnungsbau.

15 Prozent in 18 Jahren sind runde 30.000 Menschen mehr pro Jahr das ist gerade mal ein Bevölkerungswachstum von weniger als einem Prozent pro Jahr. Läppisch, wie gesagt. Weltweit betrachtet ist dieses Wachstum äußerst bescheiden.

Eine Wirtschaft, die so toll ist wie die deutsche, würde das locker wegstecken und die benötigte Zahl an Wohnungen – an preisgünstigen, wohlgemerkt – einfach bauen. In Berlin, in Deutschland läuft das nicht so einfach. Man diskutiert erst ein paar Jahre oder Dekaden ohne jedes sinnvolle Ergebnis und klopft sich dann zufrieden auf die eigene Schulter. Weil man ja darüber geredet hat.

Wie diese Art der Kommunikation konkret aussieht, kann man derzeit in der eingangs erwähnten Ausstellung der Architekturgalerie Berlin begutachten. Es gibt dort jede Menge nette Gadgets, auf Tablets kann der Besucher  sich Zahlen zusammensuchen, wenn er die richtigen Knöpfe drückt.

Die wesentlichen Aussagen haben die Kuratoren – namhafte Architekten und Stadtplaner, allesamt im Professorenstand – auf einer Tafel mit dem Titel „Thesen für eine sozial gerechte und nachhaltige Stadt“ zusammengefasst:

Die Forderungen sehen auf den ersten Blick gut aus: mehr Partizipation, möglichst viel Bausubstanz erhalten, gesellschaftliche Mischung und Nutzungserweiterungen, also Stichwort gemischte Stadt; dazu kommen eine Öffnung der Häuser zum öffentlichen Raum hin und eine vernünftige Einbettung in die öffentliche Infrastruktur, also Bildungseinrichtungen und Mobilität.

Das Problem findet sich in Punkt 3 („Mische gesellschaftliche Schichten“): „Stelle sicher, dass jeder Neubau mindestens 30 Prozent Wohnungen aufweist“ und „Stelle sicher, dass jeder Wohnbereich mindestens 30 Prozent bezahlbaren/sozialen Wohnraum hat.“

Eine einfache Rechnung macht klar: 30 Prozent Wohnungen und davon 30 Prozent bezahlbare Wohnungen bedeuten exakt zehn Prozent bezahlbare Wohnungen pro Neubau. Da sich die Ausstellung explizit auf das Bevölkerungswachstum konzentriert und man zugleich die Mischung gesellschaftlicher Schichten fordert, fragt man sich, was die Kuratoren geraucht haben.

Damit hängt zusammen: Gerade mal jede dritte Wohnung soll bezahlbar sein. Also sollen zwei Drittel unbezahlbar sein. 90 Prozent der gebauten und nutzbaren Fläche sollen mehr oder weniger bezahlbare Büros und Handelsflächen und unbezahlbare Wohnungen sein. Profitorientierte Häuser für das Kapital aus aller Welt. Dem Renditebedürfnis des neoliberal zusammengegaunerten Geldes sollen bitte keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.

Angesichts der Entwicklung der Gentrifizierung, der steigenden Mieten und Wohnungspreise der vergangenen zehn Jahre müsste eine Forderung selbstverständlich lauten, dass 100 Prozent aller zu bauenden Wohnungen bezahlbar sein müssen. Und bezahlbar sollte heißen: Auf keinen Fall mehr als acht oder neun Euro kalt pro Quadratmeter für einen Neubau. Oder 1.200 bis 1.400 Euro für den Kauf. Das bedeutete, dass alle privaten Investoren aus der Stadt rausfliegen und die öffentliche Hand den Wohnungsbau in selbige nimmt. Dann begönne eine ernstzunehmende Diskussion über das Wie. Vorher nicht.

Preisgünstiges Wohnen ist den Experten egal. Sie glauben vielleicht wirklich ernsthaft, dass ihre Zehn-Prozent-Forderung für eine „sozial gerechte und nachhaltige Stadt“ steht. Auch wenn es kaum zu glauben ist.

Diese Forderungstafel zeigt das Ausmaß der mittlerweile erreichten gesellschaftlichen Debilität. Man fordert alles Mögliche, was gut klingt, aber die Renditelogik des Kapitals darf nicht angerührt werden. Daraus resultiert, dass man sich vermutlich alle andere Punkte in die Haare schmieren kann.

Skurril an sich schon die Kopplung der beiden Begriffe „bezahlbarer Wohnraum“ und „sozialer Wohnraum“. Was ist sozialer Wohnraum? Sind Sozialwohnungen gemeint? Mit Steuergeld geförderte? Falls es die Architekturprofessoren noch nicht erforscht haben: Man kann heute günstig und gut bauen, ohne jede öffentliche Förderung. Man muss dazu nur anerkennen, dass der sogenannte Wohnungsmarkt so real existiert wie eine Fata Morgana und das der Boden allen gehört.

Vor diesem Hintergrund ist auch Punkt eins nett, nämlich die Forderung, die Öffentlichkeit in die Planungen stärker mit einzubeziehen. Auf Grundlage der Zehn-Prozent-Regel braucht es eine ganz spezielle Öffentlichkeit, die sich auf diesen Humbug einlässt: eine neoliberal vollständig deformierte.

Die ist in Berlin allerdings in weiten Teilen anzutreffen, insofern ist die Partizipationsforderung eine konsequente: Ein bisschen Geplapper bewusstloser Menschen, die später über die korrekten Pflanzen im Gemeinschaftsgarten wachen, das war es dann wohl. Damit fühlt sich der Zeitgenosse schon gut bedient. Eine ernstzunehmende Öffentlichkeit mit der Forderung nach sozialer Stadt müsste den dritten Punkt des Forderungskatalogs im oben erwähnten Sinn umschreiben und das wäre das Ende der feuchten Kuratorentäume.

Mit einer neoliberal deformierten Öffentlichkeit lässt sich also eine Öffentlichkeitsbeteiligung verwirklichen, deren Fassade das Soziale betont, deren Ziel aber die totale Vewertung der Stadt ist. Man macht bei der eigene Deklassizifierung freudig erregt mit.

Kein Wunder, bei den Zeitungen: Der Tagesspiegel beispielsweise berichtet über die Schau ohne ein kritisches Wort zu den geforderten Wohnanteilen. Der Journalist Ralf Schönball hat zwar gemerkt, dass es irgendwie voller wird:

In Pankow sind Busse und Bahnen überfüllt. Und auf der Avus wachsen mit den Pendlern, die sich keine Wohnung im Zentrum leisten konnten, Staus, Lärm und Feinstaubbelastung.

Warum sich die Pendler keine Wohnungen dort leisten können, wo sie arbeiten, fragt sich Herr Schönball nicht. Vermutlich hat es etwas mit einem Naturzustand zu tun. Und wie man künftig eine Wohnung in Häusern finden soll, die nur zu zehn Prozent aus Wohnungen bestehen, hat er sich auch nicht gefragt, der Herr Schönball. Man müsste raus aus seinem neoliberalen, sozialdwarinistischen Kokon.

Jens Bisky bekrittelt in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung, dass die Kuratoren sich zu wenig „prägnanter Geschichten, klarer Gegensätze und falscher Behauptungen“ bedienten. Das hätten die Verfechter des Neuen Bauens auch so gemacht. Nun ja, Bisky hielt sich schon immer für eine coole Sau. Klare Gegensätze wären ja ok, aber dann bräuchte man erstmal eine Standortbestimmung. Von Baukosten und Verwertungsdruck hat Herr Bisky jedenfalls nocht nie gehört. Aber in gewissem Sinn ist die ganze Ausstellung eine falsche Behauptung.

Es ist ein Elend mit der bürgerlichen Presse.

Aber genau die ist zur Weiterführung neoliberaler Logik nötig. Bitte keine grundsätzlichen Diskussionen und bitte keine Versuche, die Berliner aus ihrem Traum („Wir sind dufte und die Besten“) aufzuwecken. Wir sind da, wo alle hinwollen, und deshalb sind wir toll.

Das muss als Erkenntnis reichen.

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Die Berliner Mauer und die westdeutsche Geschichtsklitterung

Zurzeit steht in einem Bundestagsnebengebäude in Berlin diese für die Öffentlichkeit kostenlos zu besichtigende Installation:

Es geht um die Mauertoten. Ben Wagin heißt der Künstler, und laut der Pressestelle des Bundestages folgen

„die Mauersegmente dem ursprünglichen Verlauf der Mauer, die wie ein schmerzhafter Fremdkörper in die Architektur einschneiden.“

Es würde mich zwar wundern, wenn die Mauer wirklich da stand, wo jetzt die Installation aufgebaut ist, aber egal: Mich nervt das Thema schon seit längerem, weil ich das Gefühl habe, dass es hier ausschließlich um eine Instrumentalisierung handelt. Rund 300 Tote an der Mauer und an der innerdeutschen Grenze sind natürlich 300 Tote zu viel, aber hier geht es um Politik.

Was hätte die DDR 1961 anderes tun sollen als eine Mauer bauen?

Nach 1945 hatten wir die einzigartige Situation, dass der eher reiche Staat sich den Bürgern des eher ärmeren Staates öffnete, sie einlud, ihnen noch vor der Flucht eine dauerhafte Bleibeperspektive zusicherte, die sofortige Verleihung der Staatszugehörigkeit garantierte, keine Integrationskurse (wäre ja denkbar gewesen: Sozialisten, die Kapitalisten werden sollten) verlangte, nichts. Millionen Menschen des ärmeren Staates nahmen diese Einladung an.

Normalerweise ist es umgekehrt: Der reiche Staat schottet sich gegenüber dem armen ab.

Die DDR hätte auf die Mauer verzichten können, allerdings um den Preis ihrer Existenz. Sie wäre ausgeblutet. Das kann man natürlich moralisch fordern, und es wäre in Ordnung gewesen, wäre die DDR 1961 verschwunden; noch besser: wäre sie gar nicht erst gegründet worden.

Aber das war nun mal die Situation seinerzeit: Begründet durch die totale Beklopptheit der Deutschen gab es zwei Staaten, in denen zuerst andere das Sagen hatten. Natürlich wollte die Sowjetunion nicht auf die DDR verzichten, zumal die Bundesrepublik den Neutralitätsvorschlägen des Ostens bis 61 eine Absage erteilt hatte.

Also blieb die Mauer als Ausweg. Welcher Staat der Welt würde sich freiwillig aufgeben, wenn er das mit dem Bau einer Mauer verhindern könnte?

Natürlich kann man persönlich um Tote trauern, aber die Propaganda der Bundesrepublik zielte ja immer auf die Diskreditierung sozialistischer Positionen ab, ob die in der DDR erfüllt wurde oder nicht, spielte für die Propaganda keine Rolle.

Im Gegenteil: Die herrschende Klasse Westdeutschlands konnte froh sein, dass der Sozialismus in der DDR sich als Stalinismus präsentierte. Hätte ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz drüben funktioniert, ja, was dann? Wäre der Westen in die DDR einmarschiert? Gut möglich.

Und was die Geschichtsschreibung angeht: Die DDR behauptete, sie brauche diesen antifaschistischen Schutzwall. Jeder wusste, dass das nicht stimmt. Umgekehrt behaupten heute alle bürgerlichen Medien und Politiker, Deutschland habe die Agenda 2010 gebraucht, um ökonomisch vor dem Ausland bestehen zu können. Das ist zwar genauso falsch wie die Schutzwall-Geschichte, wird aber von vielen geglaubt. Das soll keine Gleichsetzung sein, aber Geschichtsschreibung ist immer eine interessensgeleitete.

Halten wir also den Ball flach: Dass es die Mauer gab, lag an den Deutschen, an den bis 45. Realpolitisch war sie nach der Westbindung der Bundesrepublik unvermeidbar. Alles andere ist Geschichtsklitterung. Und eine weiteres Märchen der Repräsentanten aus Bonn.

(Foto: genova 2017)

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Sensation: Die letzten Fotos des New Yorker WTC entwickelt

Ich weilte, wie man sagt, am Morgen des 11. September 2001 aus privaten Gründen in New York. Ich war früh aufgestanden, um in der blauen Stunde noch ein paar Fotos des World Trade Centers zu knipsen. Die beiden folgenden Bilder entstanden um exakt 8.41 Uhr Ortszeit, wie man sagt. Dann reiste ich ab. Genau fünf Minuten später flog Bin Laden in die Hochhäuser rein.

Es handelt sich also um die vermutlich letzten Fotos dieser symphatischen Gebäude in unversehrtem Zustand. Mir ist das erst jetzt aufgefallen, weil ich vergessen hatte, den Film zur Entwicklung zu bringen.

Ich möchte sie (die Fotos, nicht die Gebäude) nun meistbietend versteigern. Mit dem Erlös mache ich mir ein sorgenfreies Leben.

Ich bitte um ausschließlich seriöse Angebote.

Danke im Voraus.

P.S.: Falls jemand am 11. September 2001 nach 8.41 Uhr Ortszeit  (also zwischen 8.42 Uhr und 8.46 Uhr Ortszeit) noch Fotos vom WTC geknipst hat, möge es sich bitte melden. Dann ziehe ich mein Angebot selbstverständlich zurück.

(Fotos: genova 2001, 8.41 Uhr Ortszeit)

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Warum es in Mantua schön ist

Ein Platz- Piazza delle Erbe – mit einem Restaurant im oberitalienischen Mantua:


Über einem Bogengang aus dem zwölften Jahrhundert wurde eine Art begehbare Freiluft-Empore eingerichtet. Die dafür nötigen Stützen hat man einfach vor die Pfeiler des Bogengangs gestellt. Keine besonders elegante Lösung, könnte man auf den ersten, in Harmoniesuppe geschulten Blick sagen, aber dafür zweckmäßig.

Zweiter Blick: Man hat hier eine wunderbare Zusammenstellung von mittelalterlichen Stützen mit merkwürdigen Kapitellen und modernen Säulen, die schlicht ihre Aufgabe erfüllen. Form follows function. Die alten Pfeiler stützen die Bögen, die neuen die Empore. Und alles ist gut. Warum irgend etwas verschleiern?

Travertin vor Metall. Jeder Zeit das ihr Mögliche. Dazu ein kräftiger Betonsockel, damit die Säule nicht kippt. Man sitzt hier nicht mehr in einem komplett altstädtischen Ambiente, sondern in einem funktionalen, wobei die Travertinstütze auch einmal funktional war. Das Regenrohr verschiebt die Ästhetik ein wenig ins Schrebergärtnerische, aber eben nur ein wenig.


Es ist ein bisschen Berlin – oder vielmehr das Bild von Berlin – das hier aufscheint: Skurrile Lösungen, die nicht mit viel Geld und Know-How realisiert wurden, sondern geradlinig, ehrlich, lösungsorientiert, machbar, ohne Klischee, und genau deshalb sympathisch.

So sah der Platz ohne die Emporenkonstruktion aus:

Gut möglich, dass es vor Baubeginn in der Stadt öffentliche Diskussionen deswegen gab, ich weiß es nicht.

Besser? Schlechter? Die Frage muss sich nicht stellen. Es ist zweckmäßig, und genau das ist auf lange Sicht die beste Lösung. Die ganze Stadt wurde über Jahrhunderte genau nach dieser Richtlinie entwickelt. Jede Epoche hat so gebaut, wie sie das für richtig hielt. Was auch sonst? Auf dem letzten Bild sieht man eine Rundkirche aus dem elften Jahrhundert, romanisch karg. Man könnte sie als hässlich beschreiben: Die Pilaster sind zu schmal, zu hoch und liegen zu eng beieinander, es fehlt der rechte Maßstab. Und es gibt zu wenig Maueröffnungen.

Es ist egal, denn es ist imposant, dass das Gebäude immer noch steht – bzw. wieder ausgegraben wurde. Ein paar Meter tiefer als der Bogengang, alles ein wenig schief, ohne Lot, aber es wird alles respektiert.

Man findet bei einem Spaziergang durch Mantua unzählige Beispiele dafür, wie jede Zeit rücksichtslos ihren Streifen gemacht hat. Rücksichtslos in dem Sinne, dass man sich ums kontextuelle Bauen nicht geschert hat. Man baute, was man wollte. Kontextuelles Bauen ist nur in verunsicherten Zeiten „in“, wenn man nicht weiß, was man will. Weiß man es, baut man es, ohne Rücksicht auf den Nachbarn.

In Mantua baute jede Epoche, wie sie wollte, ohne deshalb das Alte zerstören, bereinigen, verschwinden lassen zu wollen. Und auch heute setzt man rücksichtslos die neuen Metallsäulen vor die alten Travertinstützen. Diese bleiben ja stehen, das muss reichen.

Und genau deshalb ist es in Mantua schön.

Als problematisch könnte sich erweisen, dass Mantua seit 2008 Weltkulturerbe der Unesco ist. Bekämen die das mit den Metallsäulen raus, gäbe es vermutlich Stress. Ich erinnere an die unglaubliche Diskussion über Hochhäuser in Köln, die nicht gebaut werden durften, weil sie die Sichtachse auf den Dom versperrten, reiste man aus Bergisch Gladbach an.

Die Unesco ist der Tod jeder städtischen Entwicklung.

Möge Mantua gegenüber den Bürokraten sich als durchsetzungsfähig erweisen. Damit es auch weiterhin schön bleibt.

(Fotos: genova 2017 und wikipedia)

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„… und der Spuk wäre vorbei.“

Harald Schumann im Tagesspiegel über die Paradise Papers:

 

Und genau das ist der eigentliche Skandal: Die milliardenschwere Steuervermeidung erfolgt größtenteils ganz legal.

Die gängige Entschuldigung für diesen Zustand gab der ausgeschiedene Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zum Besten. Man lebe nun mal „in einer globalisierten Welt“, sagte er, und da sei es schwer, dem Steuerfluchtwesen zu begegnen. Kaum hätten er und seine Kollegen „der Hydra einen Kopf abgeschlagen“, würden „zwei neue wachsen“.

Das ist absurd. Tatsächlich sind die Steuerfluchtzentren de facto nichts anderes als ex-territoriale Zonen in den Datenspeichern der Banken. Gäbe es in den USA oder in der Euro-Zone den politischen Willen, ließe sich deren parasitäres Geschäft von heute auf morgen beenden. Die Parlamente müssten nur beschließen, dass Banken, die Geschäfte mit Firmen auf der Isle of Man, den Kaiman-Inseln und anderen steuerfreien Zwergstaaten betreiben wollen, kein Konto mehr bei der EZB oder Federal Reserve bekommen, folglich also nicht mehr in Euro oder Dollar handeln könnten. Sofort würden alle internationalen Banken dieses Geschäft einstellen, und der Spuk wäre vorbei. Den Vorschlag machte Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt schon vor elf Jahren.

Aber diesen Willen gab es eben nie. Stattdessen sorgte sich die bisherige Bundesregierung lieber um die Privatsphäre der Superreichen. Vor allem wegen des deutschen Widerstandes gibt es darum bis heute keine Register, die EU-weit verpflichtend und ohne Ausnahme die tatsächlichen wirtschaftlichen Begünstigten einer jeden Unternehmung öffentlich benennen, um so dem Geschäft mit den Geheimvermögen ein Ende zu machen.

Viel mehr muss man nicht wissen. Ähnliches gilt für die lustigen Steuerparadiese Luxemburg und Irland. Jean-Claude Juncker hat ja seinerzeit aktiv mitgeholfen, Konzernen eine Quasi-Null-Steuer in seinem Herzogtum zu ermöglichen. Was passierte, als das rauskam? Nichts. Juncker hat nach wie vor den wichtigsten politischen Posten der EU inne.

Gäbe es den politischen Willen, wäre der Missstand morgen vorbei. Man muss da wohl von massenhafter Korruption reden, legaler und illegaler. Es ist eine systemische Korruption, denn, aus welchen Gründen auch immer, schauen alle nur zu.

Das Systemische ist wohl auch das Altbekannte: Man darf alles sagen, man kann über alles reden, Hauptsache, es hat keine Folgen. Es ist eine Gesellschaft der totalen Kommunikation, die sich alleinig dadurch legitimiert, dass man darüber geredet hat. Schulterklopfen, denn wir sind ja so kritisch, wir sprechen alles an. Die üblichen Talkshows werden das Thema durchnudeln, eine Woche lang, das war´s dann, bis zum nächsten Paper.

Interessant auch, was die Süddeutsche Zeitung zur Verbindung der Steuerhinterzieher zur Berliner Gentrifizierung schreibt: Phoenix Spree heißt ein Immobilieninvestor mit vielen Wohnungen in Berlin. Phoenix Spree sitzt auf Jersey, einer Steueroase mit null Prozent Unternehmenssteuersatz. Die Firma kauft Wohnungen, renoviert sie und erhöht massiv die Miete, die Süddeutsche schreibt von 70 Prozent. Im Wesentlichen steuerfrei, für den Investor. Gewerbesteuer zahlen sie auch nicht. Alles legal.

Bemerkenswert, dass die beiden Süddeutsche-Journalisten meinen, dass die Geldgeber, also im Zweifelsfall du und ich, der sein Geld anlegt, wie man sagt, gar nicht weiß, was er anrichtet. Beispielsweise, dass er in einen Fonds investiert, der dafür sorgt, dass in Kreuzberg eine Kita aus dem Haus vertrieben wird, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten kann. Das ist wohl ein zentraler Punkt dieses Systems: Alles ist anonym, man will doch nur, dass das eigene Geld sich vermehrt. Mehr weiß man nicht und will man auch nicht wissen. Wer hat, dem wird gegeben. Die deutsche Politik hat sich ziemlich angestrengt, um die Steuerhinterzieher legal davonkommen zu lassen. Nur, falls jemand sich nun auf Luxemburg und Irland konzentriert.

Die beiden Journalisten sagen dann noch ziemlich deutlich:

„Phoenix Spree steht auch für ein System, das sich legal verhält, aber trotzdem fragwürdig ist und dass es für Hunderttausende Mieter in Berlin sehr starke Auswirkungen hat.“

Legale Strukturen sind das, was Politiker schaffen. Offiziell tun sie alles fürs Gemeinwohl, weshalb sich die Frage stellt, ob die Politik so unglaublich dämlich ist und ständig das Falsche macht, oder ob eine faktisch kriminelle Energie dahintersteckt. Vielleicht ist es die naive Annahme, dass man ohne das Kapital, ohne den Investor in einer kapitalistischen Welt hoffnungslos verloren ist. Kollateralschäden sind unvermeidlich. Wir alle lassen uns das bieten.

Der Aktienkurs von Phoenix Spree ist seit dem Börsengang im Juni 2016 um 66 Prozent gestiegen.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: Die sogenannten Wirtschaftsweisen – eine Truppe neoliberaler Aktivisten – fordern jetzt

„eine Abkehr vom „Verteilungsdiskurs“, der in den vergangenen Jahren im Mittelpunkt der Regierungspolitik der Großen Koalition gestanden habe. Die gute konjunkturelle Lage bietet aus Sicht der Weisen die Chance für eine „Neujustierung“.

Dieser lustige Verteilungsdiskurs hat nie stattgefunden. Weise, die die Abkehr von etwas fordern, was nie zur Debatte stand, sind, ja, was? Idioten? Ich schätze, sie glauben, was sie sagen, und sie nehmen sich Ernst. Diese „Neujustierung“ kann nur heißen: mehr Klassenkampf von oben. Vermutlich muss man Idiot sein, um zum deutschen Wirtschaftsweisen zu werden, Bofingers Bemühungen in Ehren.

Der wirtschaftspolitische Diskurs in Deutschland ist geprägt von der Angst, man könne vom Platz des Exportweltmeisters verdrängt werden. German Angst. Die Deppennation in Hochform. Hitlers Erbe. Um in Deutschland als weise zu gelten, muss man sich zuvor als Sozialdarwinist profiliert haben. Prost Mahlzeit.

Ich vermute auch, dass es keinen Journalisten geben wird, der sich all dieser Sachen ernsthaft annimmt, nachbohrt, die Politiker bloßstellt, die nichts tun. Wir haben ja darüber geredet.


(Foto: genova 2017)

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o.T. 389


Ein Foto aus vergangener Zeit in einer Ausstellung in Ludwigshafen über vergangene Zeit: Gastarbeiter kurz nach ihrer Ankunft in den 1960er Jahren in Deutschland, noch ohne ihre, wie man sagt, Frauen, vor moderner, teilweise organischer Architektur mit hyperbolischem Dach, der Eberthalle in Ludwigshafen. Die Gastarbeiter sind tadellos gekleidet, die Architektur angenehm und zukunftsweisend. Heute stünde da ein Proletenrapper mit Stinkefinger, Goldkette und SUV und dahinter irgendein reaktionäres Haus. Wobei: Als alter, weißer Mann sich über Rapper auszulassen, ist ein sinnloses Unterfangen.

Interessant jedenfalls: Die Halle wurde von den Ludwigshafener Stadtvätern zur Fertigstellung Mitte der 1960er Jahre in Erinnerung an einen wichtigen Sozialdemokraten getauft, der einen der vielen sozialdemokratischen Schritte weg vom sozialistischen Programm und hinein ins „System“ machte. Der Architekt der Eberthalle wiederum hieß Roland Rainer, war Österreicher und vor allem Nazi. 1938 pünktlich NSDAP-Mitglied geworden, kümmerte sich zeitlebens um das Einfamilienhaus, das seinerzeit von den Nazis propagandistisch benutzt wurde, und tat sich auch nach 45 mit seiner Vergangenheit schwer.

Nichts destotrotz war Rainer wendig, wie viele seiner Berufskollegen. Zehn Jahre vor der Eberthalle und zehn Jahre, nachdem er vom „arischen Wesen“, für das er baue, fabuliert hatte, baute er die Stadthalle in Wien:


Man sieht, Rainer passte sich zeitlebens an: ob 70er-Jahre-Strukturalismus oder die hyperbolische Dachform, also ein selbsttragendes dünnes Dach, in Ludwigshafen. Der 1910 Geborene wuchs vielleicht in einer Zeit auf, die der heutigen ähnelt: Faschisten treten in die österreichische Regierung ein und Gegenden wie Kärnten sind mehr oder weniger faschistisch grundiert, die Hitlerverehrung ist auf Heider übergegangen, der wiederum von Strache oder Höcke abgelöst werden wird, das ist der wesentliche Unterschied. Die junge Generation ist vermutlich in weiten Teilen verseucht.

Kärnten ist das Sachsen Österreichs, also eine Katastrophe. Roland Rainer, das Opfer.

Die Gastarbeiter von unserem Foto ganz oben kannten wahrscheinlich weder Roland Rainer noch Friedrich Ebert noch Haider-Kärnten, sie kamen ins Hier und Jetzt, wollten eine bella figura machen und Geld verdienen. Ein streng rechtwinklig-moderner Springbrunnen, der tatsächlich in Betrieb ist, dezentes Grün, schöne, dem Anschein nach gut geschnittene Anzüge, eine selbstreflexive Körperhaltung, freundliche Menschen, zeitgemäße Stühle aus neuartigen Kunststoffen und die organische Eberthalle mit dem tollen Dach.

Das Foto könnte heute auch als Werbung für die Ehe für alle dienen. Zwei schwule Gastarbeiter auf dem Weg zum Traualtar in die moderne Kirche im Hintergrund mit hyperbolischem Dach. Die Welt ist unübersichtlich.

Herr Rainer vor seiner Wiener Stadthalle, 1958:


(Foto: genova 2017 und wikipedia und hier)

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Tiere, Massen, Menschen und der Pranger

Mitten in die Jamaika-Sondierungen hinein platziert die FAZ einen deutlich positionierten Artikel gegen Massentierhaltung:

„Die Massentierhaltung gehört verboten. Wenn die Grünen sich bei der Jamaika-Sondierung nicht durchsetzten, wäre das eine Schande.“

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Mich würde interessieren, wie viel Prozent der Bundesbürger sich öffentlich für eine Fortsetzung der Tierquälerei aussprechen. Ich vermute, eine ziemliche Minderheit.

Andererseits gibt es die Massentierhaltungslobby. Diese Leute kennt man kaum, vermutlich scheuen sie das Licht und leben so abgedunkelt wie die von ihnen misshandelten Kreaturen.

Die FAZ weiter:

„In der Massentierhaltung lässt der Mensch sich auf tierische Weise gehen. Der Mensch geht, und die Sache Tier kommt. Er verzichtet dann darauf, sich als Mensch zu denken. Er betäubt sich als Mensch, trainiert die Abstumpfung, damit er das Tier als Sache denken, ausbeuten und misshandeln kann, bis es als eingeschweißtes Fleischprodukt im Handel ist.“

Es mag naiv oder auch kalkuliert sein, dem Menschen grundsätzlich positive Eigenschaften anzudichten, aber letztlich ist das egal. Der Mensch muss sich betäuben, um Massentierhaltungsfleisch zu essen oder gar es zu produzieren. Es würde auch jeder Schlachter sich bedanken, würde er durch Tierschutz arbeitslos, zumindest theoretisch.

Ein Artikel, den ich in seiner Deutlichkeit bislang nur in der taz vermutet hätte, zeigt vielleicht ein Umdenken. Wahrscheinlich nicht bei der Lobby. Naturgemäß sind die beiden Parteien mit dem C im Namen vorne dabei, wenn es um die Fortsetzung legalisierter Tierfolter geht. Keine Merkel, kein Seehofer und kein CDU-Kommunalpolitiker aus dem Emsland lassen sich das Geschäft entgehen.

Hat sich Jens Spahn noch nicht zum Thema geäußert? Sind ihm die Hühner nicht zu hippstermäßig?

Dank des Niedriglohnsektors ist Deutschland übrigens seit Jahren Fleisch-Exporteur. Hierzulande wird so viel Massentierhaltungsfleisch produziert, wie man sagt, dass die Deutschen alleine das gar nicht alles essen können.

Übel wäre, beließe man das Thema auf der individuellen Ebene. Es ist ja nett, wenn der Einzelne entscheidet, kein Fleisch aus Massentierhaltungs zu kaufen, aber es ist unterm Strich egal. Es ist Aufgabe der Politik, der Massentierquälerei ein Ende zu bereiten, und begründen muss man da nichts mehr.

Vorschlag an die FAZ-Redaktion: Berichtet über die Politiker und Lobbyisten, die sich gegen die Abschaffung der Massentierhaltung einsetzen, gerne mit Bild und Ton. Diese Leute sollten kenntlich gemacht werden so wie Berliner Immobilienmagnaten. Sie können sich ihr Verhaltung nur erlauben, weil sie unsichtbar bleiben, so unsichtbar wie ihre Tiere in der dunklen Box.

Der Pranger als schlichter Ort, an dem man für seine Haltungen geradesteht. Ich schätze, die Massentierhaltung erledigte sich von selbst.

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Le Corbusier und die Barbarei

1926 sollte der Völkerbund, der Vorläufer der UNO, in Genf ein neues Hauptquartier bekommen. Man lobte einen Architekturwettbewerb aus, an dem auch Le Corbusier mit einem modernen Entwurf teilnahm. Es folgte eine der wohl ersten großen Auseinandersetzungen zwischen traditioneller und moderner Architektur.

Den Wettbwerb gewann ein Jahr später nicht Corbusier oder ein anderer Moderner, sondern der konservative französische Architekt Henri Nénot, der auch Vorsitzender der berüchtigten, weil architektonisch konservierend wirkenden Académie des Beaux-Arts war. Nénots Reaktion auf die Entscheidung – abgedruckt in Corbusiers Aufsatzsammlung Vers une architecture –  ist heute noch interessant:

„Ich bin glücklich für die Kunst als solche; die französische Mannschaft hatte es sich, als sie sich in den Kampf begab, zum Ziel gesetzt, der Barbarei Einhalt zu gebieten. Wir nennen Barbarei eine gewisse Architektur, die seit einigen Jahren in West- und Südeuropa Furore macht. Sie verleugnet alle großen Zeiten unserer Geschichte und beleidigt in jedem Fall den gesunden Menschenverstand und den guten Geschmack. Sie ist unterlegen. Alles ist gut.“

Eine bestimmte Architekturrichtung ist also Barbarei. Was barbarisch ist, kann man auch abreißen. Der gesunde Menschenverstand, das normale Denken und Empfinden des Menschen, vor allem des mitteleuropäischen, wird beleidigt, der gute Geschmack kommt auch unter die Räder – der Duktus erinnert an rechtes, völkisches, wie man heute sagt, Gedankengut. Wir sind im Besitz des Natürlichen, wir haben Recht, die anderen müssen weg. Der Faschismus lässt grüßen.

Man bedenke:  Nénot sagte das 1927. Aus der damaligen Zeit ist heute nur noch die modernen Architektur im Gedächtnis, die linken Wohnsiedlungen, das Neue Bauen; die Moderne hatte – zumindest in der heutigen Erinnerungskultur – gesiegt, aber in den 20ern wurde nach wie vor mehrheitlich traditionell gebaut, vermute ich.

Der Nénot-Entwurf war in gewissem Sinn zeitgemäß: ein von Zierat befreiter Neoklassizismus und das, was man heute manchmal Neue Sachlichkeit nennt, aber eher ein neuer Monumentalismus war. An die reine Moderne mit ihren unverschnörkelten Flächen dockte die schiere Größe an, die das kommende autoritäre Zeitalter vorwegnahm. Einschüchternd sollte Architektur wirken, klein machend, im besten Fall nur imposant. Das Gesims wirkt hart, die breite Mauer in der Treppe abweisend, das ganze Gebäude ist nur für eine Diktatur repräsentativ. Die Schrulligkeit des Wallotschen Reichstages ist vorbei, fast sehnt man sie zurück.

Martin Steinmann schrieb in einem 1978 in der archithese erschienenen Artikel („Der Völkerbundpalast: eine ´chronique scandaleuse ´“, Heft 23, S. 28ff.), dass die Wettbewerbsbeschreibung eine Architektur forderte, die „durch die Reinheit ihres Stils berufen ist, die friedliche Größe des 20. Jahrhunderts zu versinnbildlichen“.

Hoppla. Die Reinheit des Stils machte ein Wiederaufleben des Historismus unmöglich und vermutlich hatte auch kein Architekt vor, einen historistischen Entwurf im Wettbewerb einzureichen. Andererseits: Um welchen Stil sollte es sich denn handeln? Aus heutiger Sicht wissen wir, dass die Monumentalität des Nénot´schen Entwurfs die friedliche Größe des 20. Jahrhunderts unmöglich versinnbildlichen konnte und der Faschismus sich in immer mehr europäischen Ländern etablierte, gerade auf architektonischen Grundlage des Monumentalismus. Die friedliche Größe hätte zwingend zu einem modernen Entwurf führen müssen.

Bemerkenswert also, dass man sich dann für Nénot entschied. Zumal von Anfang an klar war, dass sein Entwurf die maximal zulässigen Kosten von 13 Millionen Franken deutlich übersteigen würde. Von Anfang an rechnete man bei Nénot mit 27 Millionen Franken, dennoch blieb der Entwurf im Rennen. Noch bemerkenswerter: Der einzige Wettbewerbsbeitrag, der den finanziellen Rahmen einhielt, war der von Corbusier. Der kritisierte die „enormen kosten der fassadenverkleidungen in naturstein“ und die „übermäßigen raumhöhen“ der konventionellen Entwürfe.

Den von Corubiser wollte man offenbar aus politischen Gründen nicht. Hinter Nénot stand nicht nur die Akademie, sondern auch der französische Außenminister Aristide Briand. Das ist der, der 1926 den Friedensnobelpreis bekam. Kann man für den Frieden sein, wenn man eine autoritäre und imperialistisch anmutende Architektur forciert?

Es ist kein Zufall, dass die Rechten den gesunden Menschenverstand und den guten Geschmack für sich reklamierten. Das hat sicher mit Gott zu tun und mit der Natürlichkeit der Verhältnisse. Und natürlich verleugnen solch böse Menschen auf die großen Zeiten „unserer Geschichte“. Wer historistisch baute, verleugnete sie also nicht und wer neoklassizistisch baute, auch nicht. Wer sich des Zierats entledigte und die Bauaufgabe neu definierte, verleugnete die Geschichte. Eine skurrile Haltung. Jeder Stein, der auf den anderen gesetzt wird, hat seine Geschichte, jede Konstruktion hat die ihre. Ein Verleugnen von irgendwas ist da gar nicht möglich. Es ist alles nur eine Frage der Interpretation.

Nénot hatte übrigens schon in den 1880er Jahren diesen Entwurf für das Denkmal der ersten italienischen Königs Vittorio Emanuele II. mitentworfen:

Ein historistisches, klassizistisches, monumentales und verkitschtes Denkmal, ganz der alten vormodernen Zeit entsprungen. Es erinnert an den Deutschen Reichstag, der zu gleicher Zeit gebaut wurde. Ein bisschen Protzerei, um es dem Kaiser gleichzutun. Wer so architektonisch sozialisiert wurde, muss bei der Moderne ein Magengeschwür bekommen. Gleichzeitig sieht man hier, wie viel sich zwischen 1880 und 1926 getan hat.

Man müsste an dieser Stelle näher untersuchen, warum die so ungemein fortschrittlichen frühen Versuche moderner Architektur – Konstruktivisten im revolutionären Russland, Revolutionäre im Deutschland der frühen 20er Jahre und anderes – so schnell in Reaktion umschlugen. Vielleicht analog zur Entwicklung von Marx zu Stalin.

Der architektonische Umschlag von den frühen 20ern zu den späten 20ern war wesentlich effektreicher und deutlicher als der Umschlag der späten 20er zur Hitlerschen Architektur. Der konnte sich am Monumentalismus der Weimarer Republik bedienen – einer Architektur, die schönfärberisch „Neue Sachlichkeit“ genannt wurde.

Vom protzigen Kitsch des Emanuele-Denkmals (auf dessen Stufen man bis heute nicht sitzen darf, ohne von Wachpersonal zum Aufstehen genötigt zu werden) zum Monumentalismus – Nénot ist sich im Grunde treu geblieben.

Sein Völkerbundpalast-Entwurf wurde 1933 im Rohbau fertiggestellt, zwischen 1936 und 1938 bezogen die Nationen nach und nach ihre Räume. Der Friede hielt nicht lange. 1938 war das Bündnis faktisch schon tot. Eine im Rückblick äußerst deutungsschwere Entwicklung: Ein protziges Gebäude soll die Völker verbinden und führte doch nur in die Bedeutungslosigkeit seines Wirkens.

(Fotos: Wikipedia)

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„Suizidales Gebäude mit Knastatmosphäre“

Eine Schulerweiterung von AFF Architekten in Berlin:

Viel Sichtbeton, viel Skulpturales. Bei Baunetz, wo das Gebäude vorgestellt wurde, üben Leser eine Menge Kritik:

Die Oberfläche Beton wird unbewußt mit ganz anderen Emotionen verknüpft, wie das beim geschulten Fachmann der Fall ist.
Solange Architekten dies immer noch arrogant ignorieren, und weiterhin ganze Lebensräume grau in grau gestalten, muss sich der Berufstand auch zurecht Kritik wie „Bunker- oder Knastarchitektur“ gefallen lassen.

und:

eine anmutung … von 1970 … schade um die vertane chance …

und:

die wirklich sehr tristen und abweisenden Innenräume dieses Baus, die zu Vandalismus und ruppigem Umgang mit dem Interieur geradzu herauszufordern scheinen.

und:

Suizidales Gebäude mit Knastatmosphäre. Fehlt nur noch das Sprunggitter, das sich quer durchs Atrium spannt.

und:

Grau in Grau, hart und kantig…dem Architekten gefällts, dem Grossteil der Bevölkerung und Nutzer eher nicht. Kein Wunder, erinnert es “normale Bürger“ doch sehr an eine Bauruine deren Investor das Geld mitten im Bau ausgegangen ist. Andere erinnert es an die Betonhäuser in denen die Bundeswehr ihre Übungen veranstaltet. Grauer harter kantiger Schulalltag.

und:

So neu und von den künftigen Nutzern unangetastet könnte man meinen hier wird der Kader für das dunkle Imperium in Star Wars ausgebildet.
Aber mit den kahlen und kalten Wänden wollen die Architekten Lehrer und Jugendliche bestimmt zur farbenfrohen Aufhübschung mit Postern, Transparenten, Bildern, etc provozieren ;-)

Sichtbeton ist in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit immer noch bäh: kalt, herzlos, böse. Es ist Teil des falschen Bewusstseins, dass man den ganzen neoklassizistischen und völlig verlogenen Müll, der in Berlin und anderswo gebaut wird, vermutlich als wahr, freundlich, menschlich und gut bewertet. Es erinnert an die gute alte Zeit.

Beton wird nach wie vor als Baustoff für den Rohbau betrachtet, der bitte verkleidet gehört. Wenn die Zeiten menschenfeindlich sind, braucht es die reaktionäre Hülle, damit es menschelt. Interessante Formgebungen werden dann als „formalistisch“ gebrandmarkt, wie man sagt, um sich mit der Form gar nicht erst beschäftigen zu müssen.

Man könnte das Gebäude auch als Angebot betrachten: Man kann den Beton noch mit Farbe anstreichen, Bilder dranhängen, was auch immer. Davon abgesehen sollte man sich eine Schule nur gefüllt mit Schülern vorstellen. Die fehlen auf diesen perfekt inszenierten und deshalb auch recht irrealen Fotos.

Interessanter ist da schon die Geschichte, denn „als ehemals privates Landschulheim für den preußischen Adel pflegen Bau und Inhalt eine elitäre Tradition“, wie es im Begleittext von Baunetz heißt.

Hui. Wie diese elitäre Traditionspflege aussieht, erfährt man nicht, die Kommentatoren scheint es auch nicht zu interessieren.

Nebenbei: Ob das Gebäude gelungen ist oder nicht, kann man selbstverständlich nicht anhand von ein paar Bildern im Leerzustand beurteilen.

Mehr Bilder und Text gibt es hier.

(Fotos: Hans-Christian Schink, baunetz)

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