o.T. 449

(Foto: genova 2018)

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Kurze Bemerkungen zu zwei Häusern

Zwei Häuser irgendwo zwischen Piacenza und Modena, die ganz simpel moderne und traditionelle Architektur vereinigen und deshalb als postmodern gelten können. Auf eine Spiegelglasfassade wird ein Zeltdach gesetzt. Im ersten Fall werden die Ecken durch massive Pfeiler visuell verstärkt, im zweiten Bild tut es eine dünne grüne Kunststoffverstärkung, die die Fassade einfasst.

Das Dachthema nimmt das zweite Haus ernster als das erste. Es ist hier nicht nur ein lediglich als Speicher nutzbarer Raum, sondern es beherbergt zwei vollwertige Wohnstockwerke. Also das, was man heute in deutschen Neubaugebieten oft sieht, gerne auch in den österreichischen Alpen. Es wird, gerade in Hotels in touristisch stark frequentierten Gebieten, viel umbauter Raum benötigt, man ziert sich aber, klar in die Höhe zu bauen. Die Zahl der eigentlichen Stockwerke ist begrenzt, unterm Dach finden sich zwei, drei oder noch mehr Etagen, die als solche nicht auffallen, sondern vom flüchtigen Beobachter als „Dach“ eingestuft werden.

Die beiden Häuser sind ein gutes Beispiel für die These, dass Architektur nicht in hässlich und schön einzuteilen ist. Das kann man als radikal subjektives Urteil machen, ist generell aber uninteressant. Die diesbezüglichen Urteile klassischer, mittelalterlicher und solcher Architekturtheoretiker aus der Renaissance sind heute überholt, sie wirken willkürlich, gezwungen, gar lächerlich. Der gesunde Menschenverstand ist immer ein zeitgenössischer, auch auf architektonische Schönheit bezogen. Die Moderne hat da für erkenntnistheoretische Fortschritte gesorgt, scheint mir. Leider hat sie auch dafür gesorgt, dass ein Schönheitsbegriff absolut gesetzt werden kann und das Unschöne radikal ausgemerzt wird. Architektonisch ist dieses faschistische Denken bis heute in Berlin zu begutachten. Aber warum sollte auch ausgerechnet in Berlin faschistisches Denken nicht mehr en vogue sein, wenn auch unter der Decke gehalten?

Die beiden Häuser sind interessant, weil man an ihnen Geschichte herauslesen kann. Nutzungspraxis, ökologische Fragen, Kosten wären gesondert zu untersuchen. Ästhetische Urteile zu fällen, kann alleinig auf der Basis des Standes des Materials geschehen. Und da fällt mir bei diesen Gebäuden hier nichts ein, was ich gegen sie anbringen könnte.

(Fotos: genova 2018)

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Attraktiv, dynamisch, Berlin

Der Tagesspiegel berichtet unter der bezeichnenden Überschrift „Goldgräberstimmung“ über die Immobiliensparte des weltgrößten Vermögensverwalters, wie man das nennt, Blackstone:

120 Milliarden Dollar hat der US-Konzern weltweit in Immobilien investiert. Seit kurzem gehören auch rund 2500 Wohnungen in Berlin dazu, die meisten mitten in der City. Die Hauptstadt, meint Seppala [Chef der Immobiliensparte], sei eine von „Europas dynamischsten Städten“. Mit dieser Einschätzung steht Blackstone nicht allein da. Die Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers kürte Berlin sogar zur attraktivsten europäischen Stadt des Jahres 2018 – für Immobilieninvestoren. Wohnungen, Häuser, ganze Blöcke wechseln den Eigentümer, manchmal auch ganze Unternehmen. Die GSW etwa, 1924 als städtische „Wohnungsfürsorgegesellschaft Berlin mbH“ gegründet, gehört seit fünf Jahren der Deutschen Wohnen. Die Geschäfte des börsennotierten Immobilienkonzerns laufen gut.

Schön, dass Berlin jetzt in der Champions League mitspielt. Die attraktivste und mit die dynamischste europäische Stadt, wer kann da schon nein sagen.

Es ist eine erneut erzählte Geschichte des Versagens dessen, was man Sozialstaat – das bedeutet: ein Staat, der sich sozial verhält – nennen könnte. Blackstone hat eine Geschäftsidee, und die können die umsetzen, weil die Politik ihre Verbündete ist, mithin asozial. Blackstone will einer vermutlich überschaubaren Gruppe von Menschen, ermöglichen, aus viel Geld noch mehr zu machen und saugt dafür Berliner Mieter aus. Für die Herrschenden, ob SPD oder CDU, ist das kein Problem bzw. ein Naturverhältnis.

Die Geschichte ist bekannt und faszinierend ist nach wie vor, dass man den kapitalistisch schon länger und seit 20 Jahren neoliberal verschärft deformierten Menschen all das offen erzählen kann, ohne dass es zu ernstzunehmendem Widerstand kommt. Die einzigen, die hin und wieder ein wenig Gewalt anwenden, sind die vom Establishment so genannten Linksextremen. Kaum vorstellbar, aber wahr: Wir lassen die da oben machen.

Weiter im Tagesspiegel:

Berlin ist begehrt. Das hat Folgen: Seit Jahren meldet der Gutachterausschuss einen Rekord nach dem nächsten bei den Bodenpreisen. Sowohl der Umsatz der gehandelten Immobilien insgesamt als auch die Quadratmeterpreise kennen nur eine Richtung – aufwärts. Höhepunkt vor kurzem: Die Vervierfachung der Bodenpreise im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – innerhalb nur eines Jahres. Das Nachsehen haben die Mieter, vor allem Neumieter. Seit 2008 sind die Angebotspreise um 104 Prozent gestiegen. „Berlin ist heute doppelt so teuer wie vor zehn Jahren“, meldete das Internetportal Immowelt.de in dieser Woche. In keiner anderen deutschen Stadt sind die Preise so explodiert wie an der Spree.

Vervierfachung in einem Jahr: Man denkt da an einen OTC-Wert an der Börse, ein Pennystock, ein bisschen spekulieren als Hobby, realwirtschaftlich unerheblich. Hier aber geht es um Lebensnotwendiges, es geht um das Dach überm Kopf, um die Behausung, ums Wohnen. Heidegger sagte das in Bauen Wohnen Denken deutlich:

Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen.

Wobei ich nicht weiß, inwieweit Heidegger sich mit dem ökonomischen Aspekt des Wohnens auseinandersetzte. Vermutlich eher weniger. Systemisch betrachtet jedenfalls sind solche Überlegungen wurst. Auch Tote sind nur eine Frage der Verrechnung: Steigt dadurch das BIP? Und kann ich daran verdienen?

Es ist das immer gleiche Spiel: Der kapitalistische Staat hat exakt eine Aufgabe: Die Renditebedingungen auf der Staatsfläche immer weiter zu optimieren. Deshalb lässt er die Ausbeuter systemisch gewähren. Eine bessere Renditeerzeugungsmaschine, ein besseres Ausbeutungssystem als der Wohnungsmarkt lässt sich kaum denken.

Die Linkspartei hat jetzt das Problem erkannt:

„Der Wohnungsmarkt ist in die Hände von Konzernen und Hedgefonds gelangt“, kritisiert auch Caren Lay, Fraktionsvize der Linken.

Sehr gut. Passieren wird naturgemäß nichts.

Lustig dann das hier:

Nun will die Politik wenigstens ein Steuerschlupfloch schließen.

Nach zehn Jahren Gentrifizierung fällt der Politik etwas ein. Allerdings will der rot-rot-grüne Senat lediglich ein bisschen mehr mitkassieren. Es wird sich also nichts ändern.

Ein Staat, der bei der Möglichkeit umfassend preisgünstigen Bauens das zentrale Feld des Wohnens dem Kapital überlässt, zuschaut, sich vermutlich in vielen Fällen selbst bereichert, will – das ist das perfide – weiterhin ernst genommen werden.

Die Gentrifzierung ist sowohl ökonomisch als auch psychologisch das Ergebnis der neoliberalen Gehirnwäsche der vergangenen 30 Jahre. Wir glauben ja auch jeden Blödsinn: An der Börse die Rente erwirtschaften, ans BIP als Wohlstandsbarometer oder eben an den Wohnungsmarkt, der ein Naturgesetz ist. Historiker sollten einmal untersuchen, ob es schon jemals in der Geschichte eine breit angelegte herrschende Klasse gab, die ihre Manipulationsobjekte, Bürger genannt, so perfide und dauerhaft hinters Licht geführt haben. Vermutlich glaubt selbst ein ordentlicher Teil dieser herrschenden Klasse an das, was sie erzählt.

Wir haben uns von den offensichtlichen Märchen der Religionen distanziert, um um so affektiver den Märchen des Kapitalismus zu verfallen. Beides sind Naturgesetze, göttliches Wissen oder kapitalistisches, es ist egal. Wir glauben an eine Autorität.

Stadt als Beute, der kapitalistische Staat als natürlicher Feind. Wobei: Der erwähnte deformierte Bürger fügt sich brav in seine Beuterolle. Eingeschüchtert und umfänglich kapitalistisch zugerichtet kann er nicht anders. Was Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung als Kulturindustrie beschrieben haben, ist heute noch umfassender. Wir können uns ausgiebig mit persönlichen Geschmäckern befassen, uns in unserem Jazzverständnis vermeintlich unkapitalistisch perfektionieren, uns distinguieren, was das Zeug hält. Wir sind aufgeklärt, extrem aufgeklärt. Allerdings um den Preis der totalen Deformation. In den üblichen Kulturbetrieben in Berlin-Mitte, wo kein Mensch mehr eine bezahlbare Wohnung bekommt, sind linksextreme Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Schwärmereien, nach wie vor beliebt. Die findet sogar das Kapital gut. Extremismus als Renditemittel, eben weil es cool ist. Linksextremismus als gesellschaftliches Rollback, dargestellt als Avantgarde.

Man könnte an dieser Stelle Oswald Spengler positiv wenden, indem man seinen Satz aus dem Untergang des Abendlandes

„Eine moderne Republik ist nichts als die Ruine einer Monarchie, die sich selbst aufgegeben hat.“

wandelt in

„Eine neoliberal-kapitalistische Republik ist nichts anderes als die Ruine einer Demokratie, die sich selbst aufgegeben hat.“

Es scheint klar: Die parlamentarische Demokratie ist nicht geeignet, das Kapital dauerhaft zu bändigen. Wir leben in der totalen und alles umfassenden Katastrophe und wir alle versagen total und umfassend. Und der Begriff der Attraktivität einer Stadt ist ein ins Negative gewendeter. Attraktivität bedeutet im Kapitalismus lediglich: ausbeutbar.

Lassen wir die Ausbeuter also weitermachen und beschäftigen uns stattdessen mit Kunst. Dieses Werk ist von Matteo Peterlini, einem italienischen Fotoartisten, der mittlerweile in Berlin lebt, wo sonst.

„Backscape“ heißt es (Teil einer Reihe, 2006) und Peterlini beschreibt die verwendete Technik so:

The project is a database of landscape’s pictures. The application selects casually an image from the record of 9 photos and, sets a pixels of it on the stage. The result is an image created by arrays of pixels drawing or tending to configurate in a casual way a landscape.

Offenbar so eine Art Foto. Es ist faszinierend, dass man auch beim Betrachten des Originals über die Art der Herstellung, des Materials, der Oberfläche im Unklaren bleibt.

Ich habe in dem Bild eher eine Stadt gesehen, ein diffuses Wirrwarr aus Linien und Flächen, die keiner angelegten Ordnung folgen. Es entsteht eine Atmosphäre der Anonymität, der seichten, indifferenten Gefahr. Es ist kein wohnlicher Ort.

Man könnte dieses Projekt also durchaus als kritisches sehen. Man kann es in unserer seligen Zeit aber auch bleiben lassen. Es ist egal.

(Foto: abfotografiert in der Galleria Civica Trento in der Ausstellung Vicino. Non qui, 2018)

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o.T. 448

(Foto: genova 2018)

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Blei und Zeit

Ein Bild aus dem aktuellen Jahreskalender einer trientinischen Bank. Das Foto wurde im Jahr 1974 aufgenommen und zeigt eine Autobahnauffahrt im trientinischen Trient:

Das Bild bringt die uns vertraute Atmosphäre der bleiernen Zeit rüber: 70er Jahre, Terror, Polizei, alles ein wenig schmuddelig, grobkörnige Bildqualität, Dreck in der Luft, leicht gammelige Menschen, neuer Klamottenstil, Schlag, coole, ebenfalls leicht gammelige Autos mit allzugroßen Toleranzen in den Spaltmaßen. Man benutzte damals ja noch allen Ernstes den Begriff „handgemacht“ als vermeintliches Qualitätsmerkmal. Der Lack war matt, man achtete ab Werk noch nicht so sehr auf Lackqualität wie heute.

Man sieht sich in der Öffentlichkeit fast schon räkelnde Menschen, sich in der Öffentlichkeit offensiv kämmende Menschen, Menschen mit langen, gammeligen Haaren. Dazu eine gammelige Mautstation, die aussieht wie die Brücke von Genua am Montag vergangener Woche gegen elf Uhr. Und rechts im Bild fährt gerade der Klassenfeind in der S-Klasse auf die Autobahn ein. Bestimmt geht gleich eine Bombe der brigate rosse hoch und die Mautstation kippt um. Vielleicht ist die Frau, die uns kämmend den Rücken zuwendet, Frau Cagol und hat alles im Griff. Ich betone jedoch: Ich weiß es nicht.

Natürlich ist das Wetter schlecht in Italien, es ist neblig und nass. Sonne ist etwas für die anderen, für die Reaktion, die auf der autostrada del sole unterwegs ist.

Ich vermute also, hier wird gerade ein Anschlag vorbereitet, vielleicht auf den Mercedes, vielleicht aufs System, wie man sagt, allgemein. Dazu diese schön große und breite Teerdecke ohne Markierung. Man betrachte, nur nebenbei, die Intensität der Fahrbahnmarkierungen und vergleiche sie länderspezifisch, und man weiß, in welch unangenehmen Land wir Deutschen leben müssen.

Das Bild oben jedenfalls bringt mit einer solchen Selbstverständlichkeit die beschriebene Atmosphäre rüber, das man annehmen muss: Es war so.

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Von inneren Notwendigkeiten im Kapitalismus

Maja Hoffmann finanziert die Neuerfindung der französischen Industriestadt Arles als kleine Kunstmetropole mit 150 Millionen Euro aus ihrer Privatstiftung. Darum kann man sich unter anderem von Frank Gehry einen Glitzerturm bauen lassen.

Hoffmann, geboren 1956, ist in Arles aufgewachsen und verbringt auch jetzt noch einen Teil des Jahres dort. Die Mäzenin sieht sich selbst nicht so sehr als Kunstsammlerin, als die sie oft rezipiert wird, sondern eher als „Ermöglicherin“, wie sie gegenüber dem US-Modemagazin „W“ sagt. Das Ermöglichen ermöglicht ihr die Familie: Sie ist eine der Erbinnen und Erben des Hoffmann-LaRoche-Clans, dessen Pharmaunternehmen an der Börse 180 Milliarden Euro wert ist.

In den beiden Absätzen steckt vieles von dem, was gesellschaftlichen Ekel erregt. Eine Frau, deren finanzeller Status auf ihrem Tochterdasein beruht, wird naturgemäß „Kunstmäzenin“ und „Kunstsammlerin“. Und 150 Millionen Euro hat sie in ihrer „Privatstiftung“, wie niedlich. So wie andere einen Fünfziger im Portemonnaie haben. Stiftungen gründet man gemeinhin, wenn man Steuern sparen will. Im Klartext: Sie hat die Verfügungsgewalt über Milliarden Euro (man würde es unter besseren gesellschaftlichen und juristischen Umständen als Ergebnis eines Diebstahls bezeichnen) und tut nun feingeistig. Und zu allem Übel: Sie beauftragt im Jahr 2018 allen Ernstes den Langweiler Frank Gehry, was zeigt, dass sie zu Kunst keinen Bezug hat, eher zu PR und Rendite.

Was ist eine Ermöglicherin? Sowas wie Gott?

Auch sehr geil:

Aber das ganze Areal soll viel mehr sein als ein reines Ausstellungszentrum. Geforscht werden soll hier zu Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit.

Klar, zu Nachhaltigkeit, was sonst. Zu Transparenz vermutlich auch noch. Wenn dort ernstzunehmend zu Nachhaltigkeit geforscht wird, dann sollte das erste Ergebnis sein, dass man Hoffmann die Milliarden wegnimmt. Das wird, fürchte ich, nicht passieren.

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie schnell die bürgerliche Gesellschaft auf die Knie geht, wenn ein reicher Ausbeuter seine Brieftasche öffnet. Ich erinnere mich an einen Tagesspiegel-Artikel vor einiger Zeit, der behandelte, wie toll sich eine andere Frau, die hauptberuflich Erbin ist, um soziale Projekte in Neukölln kümmert. Ein ähnlich gelagerter Fall ist die werte Julia Stoschek mit ihren Kunstsammlungen in Düsseldorf und Berlin. Sie hat mittlerweile einen Sohn mit Mathias Döpfner, lese ich gerade. Man bleibt unter sich. All das sind Herrschaften, die jedem Ansatz einer aufgeklärten Gesellschaft massiv schaden. Aber sie agieren unter dem Radar der Kritik.

Milliarden Euro, von denen jeder erarbeitet wurde, aber eben nicht von diesen Gestalten. Und mit diesem Geld wird Kunst korrumpiert und sich selbst aufgewertet und damit werden die gesellschaftlichen Verhältnisse gefestigt. Stoschek hat ganz ordinär BWL studiert.

In welch absurden Herrschaftsverhältnissen wir leben, wird an solchen Beispielen deutlich. Eigentlich. Aber unsere untertänigen und nur ganz vordergründig emanzipierten, kritischen oder gar reflektierten Gesellschaften finden die Engagements dieser Leute toll. Sie klauen Milliarden und geben ein paar Euro zurück in den Hut des Bettlers.

Nicht nur der Tagesspiegel reagiert herrschaftsaffin. Über Stoschek schrieb die Süddeutsche Zeitung 2007 allen Ernstes:

Als Gesellschafterin der Coburger Brose-Unternehmensgruppe kann sich die 31-Jährige ganz dem Sammeln von Kunst widmen. Für sie kommt Sammeln von innen heraus – und wird am liebsten in Galerien oder direkt in Ateliers ausgelebt

Die zarte Betriebswirtin Stoschek sagt in dem Artikel:

„Zeit meines Lebens empfand ich die Auseinandersetzung mit Kunst als innere Notwendigkeit und empfinde sie heute als großes Glück.“

Ihr Arbeitspensum in der Firma beschreibt die Gesellschafterin so:

„Ich nehme auch jetzt schon regelmäßig an Gesellschaftertreffen und Telefonkonferenzen teil.“

Ein lustiges Zitat nach dem anderen.

Von innen heraus, innere Notwendigkeit: Man wartet jetzt auf den Begriff der Berufung. Und dann nochmal Gott.

Man könnte in Museen gehen und überhaupt und überall die Augen offen halten. Reicht solchen Leuten aber nicht. Gesellschafterin, ein schönes Wort: Man hat Unternehmensanteile geerbt und zieht daraus eine Menge Geld. Da kann man sich so manchem widmen. Natürlich von innen heraus. Man muss sich schon fragen, welche Vorteile die Süddeutsche aus einer solchen Berichterstattung zieht. Oder andersherum: Es wäre dumm, für solch ein Geplapper kein Geld zu nehmen.

Die über alle Maßen katastrophalen geistigen und herrschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, lassen sich an solchen Kleinigkeiten ganz gut festmachen. Die als Schein aufgeklärte Gesellschaft. Verachtung ist der Begriff, der mir hier einfällt. Ganz nachhaltig.

(Foto: genova 2018)

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o.T. 447

(Foto: genova 2018)

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Über die gefährliche Lebensphase von Häusern

Der Architekturtheoretiker Stephan Trüby in einem taz-Interview:

Schönheit oder Hässlichkeit sind Begriffe, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Sobald etwas hundert Jahre alt ist, finden wir es schön. Da setzt dann automatisch ein Romantisierungsprozess ein.

My thoughts exactly. Der gemeine Bürger findet wirklich jedes Haus schön, das mindestens 100 Jahre alt ist. Alles, was jünger ist, hat es schwer, um nicht zu sagen, hat keine Chance. Es sei denn, es sieht so aus, als sei es mindestens 100 Jahre alt. Und gerade deshalb leben Häuser, die jünger als 100 Jahre sind, so gefährlich.

In diesem Zusammenhang ist mir kürzlich dieses Gebäude in Berlin aufgefallen:

Ein höchst bemerkenswertes Haus. Zum einen sind stehende Fenster eingebaut, was auf einen Altbau – vor 1918 – schließen lässt. Andererseits passt die Fassadenstruktur nicht in diese Zeit: drei gedrungene Stockwerke, kein optisch betontes Fundament, und als Abschluss – eine kleine Sensation – ein Mezzaningeschoß mit Waschbetonverblendung. Vielleicht ist es so ein merkwürdiger Zwitter aus der Nachkriegszeit, wo mangels Materialien wild gebaut wurde, ohne die üblichen architektonischen Regeln. Und schon entstand etwas Bemerkenswertes.

Ich fordere eine sofortige Aufnahme in die Liste denkmalgeschützter Bauten.

Leider finden wir hier auch das typische, katastrophale, menschen- und somit letztlich naturverachtende Berlin-Phänomen vor: Das Denkmal ist auf drei Seiten von Bäumen verstellt, was den Kunstgenuss erheblich schmälert. Es fehlt hier – im Antikulturland Nordelbien – schlichtweg der Respekt fürs Gebaute.

Man sollte den zahlreichen Architekturführern über Berlin einen dazugesellen, der sich ausschließlich mit solchen architektonischen Phänomenen beschäftigt: Häuser, die aus der Reihe fallen, bei denen es aber niemand bemerkt.

Es sind naturgemäß die interessantesten.

(Foto: genova 2018)

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o.T. 446

(Foto: genova 2018)

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Bodensatzgespräch

Eine nette Unterhaltung. Zwei Rechtsradikale unterschiedlicher Prägung geraten ob differenter Verschwörungstheorien in Rage. Einerseits Michael Stürzenberger, seit vielen Jahren als Islamhasser unterwegs, der vorgeblich Israel liebt, weil man dort etwas gegen Moslems hat, und wegen Volksverhetzung verurteilt, andererseits der „Volkslehrer“ Nikolai Nerling, der mit Vorliebe Holocaustleugner interviewt und unterstützt und kürzlich wegen Volksverhetzung vom Berliner Schuldienst suspendiert wurde. Für ersteren ist 9/11 der Beleg für den wahren Islam, für den zweiteren ist 9/11 ein Beleg für irgendeine Verschwörung, die Welt zu beherrschen, Amis, Juden, wer auch immer. „Wer hat die Brücke in Genua gesprengt?“ wird im Video noch gefragt, leider ohne Antwort. Die hätte mich jetzt schon interessiert. Wer war es denn?

Am Ende einigt man sich darauf, ins Bierzelt zu gehen.

Wobei: Gegen den Volkslehrer wirkt selbst ein Stürzenberger vernunftbegabt. Man kommt da wohl nur mit pschologischen Erklärungsansätzen weiter.

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