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(Foto: genova 2017)

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„… ein neues Außen finden“

[Es folgt ein gedankliches Durcheinander, dennoch unglaublich lesenswert.]

Der Ex-RAF-Terrorist Karl-Heinz Dellwo in der jungen welt zum 20. Jahrestag der Auflösung der Gruppe, wie man sagt:

Die 68er-Bewegung hat die Souveränitätsfrage gegenüber der kapitalistisch verfassten Gesellschaftsordnung theoretisch aufgeworfen, aber nach einigen Scharmützeln auf der Straße fallengelassen. Die Angst vor der Vierteilung war zu groß. In der BRD hat die RAF diese in der Praxis vakante Frage angenommen und zu beantworten versucht.

Heute scheint dieses Außen im Konkreten unvorstellbar und verloren. Das System des Kapitalismus ist zwar verbrecherisch wie nie zuvor, hat sich aber in den Menschen als alternativlos festgesetzt. Kriege werden endemisch, die Totalverwertung von Mensch und Natur ist Alltag geworden. Seine Objektstellung und Zurichtung, seine Kontrolle und seine Konditionierung zum angepassten Bürger und funktionalen Konsumidioten, allzeit bereit für alle Sinnlosigkeiten einer oftmals demütigenden Warenwelt sind totaler organisiert als je zuvor, der Repressions- und Kontrollapparat gigantischer als im alten Faschismus. Statt dem Menschen einen sozialen Horizont zu eröffnen, wird sein Blick auf den Boden niedergerückt und die falsche Existenz zur »alternativlosen« erklärt. Alle Werte sind umdefiniert in den einzig wirklichen Befehl zum Selbstverkauf und zum Konsum. Das hat sich als Rahmen des ganzen Lebens etabliert, sowohl in zeitlicher wie in geografischer Hinsicht. Das System hat mit seiner Strategie aus korrumpierter Integration und Vernichtung gesiegt und siegt tagtäglich in der Ausdehnung der sozialen Entwurzelung und Verohnmächtigung des Menschen weiter.

Die Auflösung der RAF folgte der Erkenntnis, dass eine Minderheit, egal wie sie sich anstrengt, alleine ein Außen nicht herstellen kann. Aber wir werden es brauchen, wenn wir nicht untergehen wollen. Der Kapitalismus ist die größte Bedrohung für die Menschheit. Wir werden nur aus seiner Gefahr herauskommen, wenn wir ein neues Außen finden und zur Systemfrage zurückkehren.

Es ist heutzutage angenehm, einen solch kompromisslosen und wahren Text zu lesen. Die RAF hat sich tatsächlich angestrengt und sie hat das Außen nicht hergestellt. Sie hat das kapitalistische System vermutlich eher noch gefestigt mit ihrem Treiben. Es war in weiten Teilen völlig destruktives Treiben, und ein Außen, das auf Terror und Gewalt fußt, ist für kaum jemanden verlockend. Dann doch lieber drinnen bleiben. Aber im Jahr 2018 überhaupt noch vom Außen zu reden ist die Attraktion an Dellwos Einwurf.

Denn das neue Außen, die Alternative, das Andere, das Nichtidentische ist unsichtbar geworden. Es schimmert noch am ehesten hin und wieder als Negativfolie durch, beispielsweise wenn Söder einen neuen Kulturkampf initiieren will oder junge, attraktive Menschen mit glänzenden Augen von Bitcoins reden, mit deren Hilfe sie auch allen Ernstes aus dem System aussteigen wollen. Systemausstieg ist demnach nur mit noch mehr Renditelogik zu haben.

Andererseits: Das neue Außen wird eigentlich immer gesucht: durch vegane Ernährung, die Lektüre der Dr.-Dr.-Rainer-Erlinger-Kolumne, den Download eines Song der Band Kategorie  C, Fallschirmspringen, Sexspiele mit Urin. Man sucht das neue Außen im eigenen Körper, in der Moral, in der Ethik. Die Perspektive, dass das neue Außen nicht kapitalistisch strukturiert sein darf, ist in den Hintergrund getreten und nur noch als literarisches Phänomen von Interesse.

Interessanterweise sind es gerade Randphänomene wie deutscher Gangsterrap, der sich der kapitalistischen Logik komplett unterworfen hat – wobei er meint, ihn nur zu nutzen. Die dickste Karre, die effektivste Knarre, die coolsten Markenklamotten und die teuersten Frauen. Das machen ein paar reiche Macker vor, die anderen gucken zu und finden es cool. Es ist die totale Systemaffirmation eines Publikums, das von diesem System real nicht viel zu erwarten hat. Eine Meisterleistung des Kapitals. Respekt!

In einer interessanten WDR-Doku zu vermutetem Antisemitismus bei diesen skurrilen Leuten meinte ein jugendlicher Fan aus Offenbach: Wenn er jemanden als Juden bezeichne, dann bedeute das, dass der reich sei, und das sei doch etwas Positives.

Der totale Anspruch des Kapitalismus erzeugt Unwohlsein, das war schon 1968 so und ist es heute auch. Damals suchte man noch den Ausweg jenseits des Systems, in einem neuen Außen. Dieses Außen ist heute ein systemimmanentes oder, besser gesagt, die Rolle des Kapitals spielt in den aktuell bedeutsamen Außen-Überlegungen keine Rolle mehr, weil es Alles ist, eine Art Gott. Das fette Auto ist ein Symbol des Widerstands gegen das Establishment, gegen dessen Regeln, genauso wie Antisemitismus, Frauen-, Schwulen- und Sonstwasverachtung und schräge Klamotten. Kritik an der kapitalistischen Logik ist nicht sexy, denn mit dessen Hilfe kann ich mir die ersehnten Symbole aneignen, die mich wertiger machen. Es ist eine komplett antiemanzipatorische Perspektive für die Millionen Fans und eine sehr emanzipatorische für Kameraden wie Fler oder Kollegah. Die Sozialisation als Underdog führt nicht mehr zur Kritik am System, das Underdog-Positionen verursacht, sondern zu umso stringenterer Imitation ebendieses Systems und seiner Logik der Ausgrenzung, Missachtung, Menschenverachtung. Demnach ist nicht der Kapitalismus die größte Bedrohung für die Menschheit, sondern es sind beispielsweise die regulativen Mechanismen, die mir den 700-PS-Mercedes aufgrund von rambohaftem Verhalten stilllegen; eben der Mercedes, den ich gar nicht besitze, sondern nur ersehne.

Die Objektstellung und Zurichtung des Menschen, seine Kontrolle und seine Konditionierung zum angepassten Bürger und funktionalen Konsumidioten, allzeit bereit für alle Sinnlosigkeiten einer oftmals demütigenden Warenwelt sind totaler organisiert als je zuvor.

Interessant in dem Zusammenhang sind noch die Titelseiten der jungen welt und der taz vom vergangenen Samstag, dem Marx-Geburtstag. Die taz verortet Marx irgendwo zwischen Mecki und Pippi Langstrumpf:

Das mit dem Genussmenschen würde mich allerdings interessieren.

Die junge welt zitiert Marx im Sinne Herrn Dellwos:

Respekt, dass die Journalisten der jungen welt das Thema Gewalt nicht einfach unterschlagen. Eine grundsätzliche Ablehnung von Gewalt ist natürlich sinnlos und das Nichtdiskutieren dieser Frage führt zu Verhältnissen wie in Kreuzberg am 1. Mai: besaufen und Flaschen auf Polizisten werfen. Nicht nur angesichts der realen Gentrifzierung in Berlin kann man die Anwendung von Gewalt natürlich diskutieren und wäre interessant, genau hinzuschauen, was Marx mit dem Sturz der materiellen Gewalt durch materielle Gewalt genau meinte. Am besten nachhaltig und transparent.

Zum Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie muss man nur das hier lesen:

Enge Kontakte zwischen Bundesregierung und Immobilienlobby

Das Problem ist vielleicht schlichtweg die Gewaltlosigkeit der Unterdrückten. Und das Problem ist aus meiner Sicht derzeit vor allem das der Nichtverständigung, und zwar nicht zwischen Linken und Pegida – das ist egal -, sondern innerlinks. Man hört nur sich, Diskussionskultur mit ernsthafter inhaltlicher Auseinandersetzung ist offenbar kaum noch möglich, das Internet zerstört die Möglichkeit realer Face-to-Face-Kommunikation.

Das Kapital hat somit auch in dieser Szene vorläufig gesiegt und Herr Dellwo kann nur depressiv werden. Mein Beileid.

(Foto: genova 2011)

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Die Welt und das Zimmermädchen

Die Welt berichtet im April über Protestaktionen spanischer Zimmermädchen und lässt ein solches fragen:

Vorläufiger Versuch einer Antwort:

Liebes Zimmermädchen,

du kriegst unter anderem deshalb nur zwei Euro, weil es prokapitalistische, rechte, ausbeuterische Scheißzeitungen wie die Welt gibt, die solche Verhältnisse seit Jahrzehnten herbeischreiben. Mein Verbesserungsvorschlag: Wenn dir das nächste Mal ein Welt-Redakteur eine Frage stellt, steck ihm eine Fünf-Sterne-Klobürste ins Maul. Das nennt man Klassenkampf.

Nichts zu danken,

genova

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Von der Wunderbarkeit eines betonierten U-Bahnschachtes

Der angenehme portugiesische Architekt Eduardo Souto de Moura hält in Berlin einen Vortrag. Bei einem Dia, das einen tiefen betonierten Schacht in einem U-Bahnsystem zeigt, kommentiert er sichtlich ergriffen:

„Wunderbar!“

Wer einen in Sichtbeton gefertigten Schacht mit etwa fünf Metern Durchmesser für optisch wunderbar hält, gehört vermutlich zu der Minderheit, die eine äußerst gelungene Sozialisation hinter sich hat. Es ist die sozialisierte Fähigkeit, im Sperrigen das Schöne zu erkennen.

Der Rest vermisst Bäume.

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o.T. 431

(Foto: genova 2018)

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Kevin Kühnert und der Mindestlohn

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Der Juso-Chef Kevin Kühnert hat jüngst eine Aussage getroffen, die über „No GroKo!“ und „Erneuerung!“ hinausgeht. Ehrlich! Er fordert einen Mindestlohn von mindestens zwölf Euro.

So weit, so selbstverständlich. Bemerkenswert kapitalaffin ist allerdings die Begründung, die in diesem Zusammenhang gegeben wird. Der Spiegel schreibt:

Erst vor wenigen Tagen hatten Ökonomen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung eine Studie veröffentlicht, die beweist, dass 8,84 pro Stunde zum Leben nicht ausreichen. Vor allem in Großstädten sei die die Belastung – etwa durch Mieten – so hoch, dass Betroffene ohne staatliche Aufstockung nicht auskämen. In 15 von 20 Städten sei ein Mindestlohn von 9,50 Euro pro Stunde notwendig, um nicht auf zusätzliche Leistungen angewiesen zu sein, schreiben die Autoren.

In München wäre selbst der von Kühnert vorgeschlagene Tarif nicht ausreichend. Dort wären nach Einschätzung der Böckler-Ökonomen 12,77 Euro pro Stunde notwendig, um ohne Zusatzleistungen auszukommen.

Im Klartext: Es wären in München 12,77 Euro pro Stunde notwendig, um die Renditeerwartungen des Kapitals zu erfüllen. Wir brauchen einen höheren Mindestlohn, damit das Kapital noch besser absahnen kann. Die Lohnerhöhung ginge demnach komplett für die hohen Mieten drauf. Zeitarbeitsfirmen etwa müssten etwas mehr bezahlen, das Geld geht via Betroffenem – der das über seine Kontobewegungen betrachten kann – auf die Konten der Immobilieninvestoren.

Die Böckler-Stiftung zeichnet ein realistisches Bild der Lage. Daraus müsste sich für eine ernstzunehmende Sozialdemokratie eine emanzipatorische Forderung ergeben. Tut es aber nicht.

Es ist die mittlerweile üblich gewordene Logik: Die Erhöhung der Kapitalrendite wird als Sozialstaat getarnt. Die Erhöhung des Wohngeldes in Berlin läuft auf die gleiche Logik hinaus. Das Kapital bekommt staatliche Gelder via Subentionen in Landwirtschaft, Abschreibungsmodelle, Wohngeld, Mindestlohn. Ein besseres Leben für die Betroffenen? Damit gilt man heute als Traumtänzer.

Die Forderung des Herrn Kühnert müsste natürlich lauten: Mindestlohn hoch auf mindestens 15 Euro (wobei die zwölf in die richtige Richtung gehen, das soll nicht verschwiegen werden), dazu einen Maximallohn und allgemeine Mietsenkungen auf maximal fünf Euro den Quadratmeter. Das wäre keine Revolutionsansage, sondern es wären sozialdemokratische Selbstverständlichkeiten, wenn es keine seit 30 Jahren andauernde neoliberale Sozialisation – also die Verstümmelung des Selbst – gäbe.

(Foto: genova 2017)

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o.T. 430

(Foto: genova 2018)

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Les coins du Liège

Das ist eine typische Ecke in der ostbelgischen Stadt Lüttich, die wir, wie man sagt, im Folgenden Liège nennen, weil es einfach besser klingt. Lüttich klingt nach Kartoffelackerdorf in der Schneeeifel.

Was einem in Liège sofort angenehm auffällt: Trotz der Nähe zur deutschen Grenze gibt es keine deutsche Architektur, überhaupt keine deutsch anmutende Ästhetik. Es ist alles Richtung Frankreich abgestimmt, man spricht französisch und man baut so. Im Besonderen fällt auf, dass viele Eckhäuser, die nach dem Krieg gebaut wurden, deutlich höher als der Kontext sind:

Es scheint kein Traufhöhengesetz zu geben; man baut so hoch, wie man will. Es ist eine – im Gegensatz zur Angst vor Stadt in der Stadt Berlin – praxisbezogene Herangehensweise ans Vertikale und es belebt das Stadtbild.

Es gibt daneben ungemein viel angenehme 50er-, 60er- und 70er Jahre-Architektur. Moderne im Mies-van-der-Rohe-Stil, so, wie man das auch in vielen anderen Ländern findet, andererseits auch das erwähnte französisch-belgische.

Eine typische Szene am Maasufer:

Ein hohes Haus als markanter Bezugspunkt, dahinter unterschiedlich hoch gestaffelte moderne Wohnhäuser, dazwischen immer wieder mal ältere und jüngere Ziegelfassaden. Wobei auch die so unendlich angenehmer sind als das, was vor allem in Norddeutschland mit Ziegel gemacht wird – Macht repräsentierend, dunkel, einschüchternd, heimatkitschig, depressiv. Hier sind es Ziegelfassaden, in die sich Fensterbänder einfügen, ohne Widerspruch, kaum stehende Fensterformate. Es haben hier viele Menschen einen ungehinderten Blick auf die Maas, gottlob auch nicht von wolkenkratzerhohen Bäumen verstellt. Man könnte nun noch die autobahnähnliche Uferstraße rückbauen und eine Promenade und Radwege einrichten, um den Anschluss an progressive Stadtideen nicht zu verpassen.

Liège hat den Vorteil, dass es in den 1980er Jahren zu einer massiven Strukturkrise kam: Die Kohleförderung in der Umgebung ging zurück, die Stahlproduktion ebenso. Es wurde also wenig postmoderner Schrott gebaut, dafür vorher umso mehr moderne Architektur und an einigen Ecken hat man deshalb den Eindruck, in einem Freilichtmuseum der Moderne gelandet zu sein.

Man sollte Gott für diese Strukturkrise danken. Zumal man den Eindruck hat, dass die Stadt dennoch quicklebendig ist. Bei früheren Besuchen, die schon mehr als 15 Jahre zurückliegen, hatte ich eher den Eindruck des Abgewrackten. Aber vielleicht war ich damals auch nur in anderen Vierteln unterwegs, ich weiß es nicht mehr.

Ein Platz in Innenstadtnähe:

Ganz links ein Haus aus den 1920er mit aufgesetzten reduzierten Gesimsen und geschwungener Ecke, daneben einfach Wohnhäuser mit bemerkenswert großen Fenstern und schließlich ein neunstöckiger Wohnklotz, der nicht erschlägt, sondern ganz selbstbewusst seinen Platz einnimmt und vielen Menschen eine Wohnung gibt. Ein ganz praktisches Haus mit umlaufenden Balkonen, also mit der maximal möglichen Quadratmehterzahl an Balkonen, und mit Fensterbändern. Wer möchte dort nicht einziehen?

Vermutlich diskutierte in Belgien kein Mensch über die korrekte Traufhöhe und es bildete sich auch keine besorgte Bürgerinitiative, um das Haus zu verhindern.

Dazu ein paar Bäume auf dem Platz, aber nicht zu viele. Es wird einem warm ums Herz.

Beim Spaziergang durch die Stadt fällt immer wieder äußerst angenehme, stilsichere, und menschenfreundliche Architektur mit diesem Aspekt des Unaufgeräumten, des Lotterigen auf:

Ein simples Betonraster, mit Fenstern unterschiedlicher Formate komplett gefüllt, drei Stockwerke mit optimaler Lichtausbeute, keine verordnete Dunkelheit, kein Muff, dazu ein Laden im EG. Alleine die Vorhänge in den Obergeschossen sind eine Anmutung von etwas, dem man nachgehen könnte.

Im direkten Vergleich mit dem linken Nachbarhaus fällt dessen Unbeholfenheit im Umgang mit Zierat auf: merkwürdige Segmentgiebel im oberen Stockwerk, in Ziegel und unverkleidet, und zwischen beiden Giebel eine rechtwinklige Vertiefung. Es ist dem Architekten offenbar nichts Vernünftiges eingefallen. Aber irgendwie muss man halt verzieren. Beim rechten Nachbarhaus könnte man den Blendgiebel wohlwollend noch als konstruktiv ehrlich betrachten.

Kontextbezogenes Bauen, das sieht man in Liège sehr schön, ist meist Mist. Die Rücksicht auf das Nachbargebäude ist meist rein oberflächlich und dient nur dazu, den Fortschritt zu verhindern. Eine typisch deutsche Argumentation gegen dieses Betonrasterhaus wäre eben der fehlende Kontextbezug.

Dieser unselige Vorwurf käme auch hier:

In Wahrheit ist diese Ecke natürlich zu loben. Das Eckgebäude und dessen beide alte Nachbarn ließ man glücklicherweise stehen und baute das Zeitgenössische einfach daneben: selbstbewusst modern und so hoch, wie es nötig war, um den Menschen eine Wohnung zu bieten, die eine haben wollten. Ich wage die These: Wem sowas missfällt, argumentiert in anderen Kontexten auch rassistisch. Links schließt sich ein langgestrecktes und relativ flaches Gebäude aus den 1950er an. Es ist alles gut, weil jedes Haus für sich gut ist. Alles weitere ergibt sich in der Praxis.

Bemerkenswert auch das hier:

Im Abstraktionsgrad weit fortgeschritten und schon deshalb ein Augenschmaus. Dass es mittlerweile leicht vergammelt ist, macht es nicht unattraktiver und widerspricht dem gemeinen Vorurteil, dass moderne Architektur nicht in Würde altern könne. Auch hier ist der Mix der verschiedenen Stile zusammen mit den Nachbarhäusern anregend.

Eine weitere interessante Stelle, eine Art wandbreiter Erker in schlichtem Look aus Alurahmen und mild getönten Fenstern:

Dass Liège durch die erwähnte Strukturkrise in den 80er und 90er Jahren einen baupraktischen Stillstand erlebte, führte zu solchen Szenen:

Eine Freifläche, die man als Park, als einen von Menschen nutzbaren Bereich gestalten könnte. Stattdessen Parkplätze. Dennoch merke ich, dass ich so eine Situation eben auch als Freilichmuseum der autonaiven 1960er ansehe und mich wohlfühle. Man kommt halt aus seiner Sozialisation nicht raus. Aber auch hier wieder dieser ungemein angenehm zurückhaltende, sachliche, stilistisch sichere, vornehme, nichtprotzige, nichtkitschige moderne Stil mit Fensterbändern, teilweise mit daruntergesetzten Granitplatten, teilweise als Bänder bis zum Etagenboden reichend. Man schämte sich noch nicht moderner Gestaltungsprinzipien, man zeigte sie. Die notwendige Kritik an moderner Architektur führte zur Regression, und davon ist Liège eben verschont. Soweit man das nach zwei Tagen Umherlaufen sagen kann.

Expemplare aus der kurzen Phase von Gebäuden mit braungetönten Scheiben kann man im Freilichtmuseum auch besichtigen:

Liége bestätigt meine Vermutung, dass es schädlich ist, über noch zu bauende Häuser zuviel zu diskutieren, bevor sie gebaut sind. Partizipation der Betroffenen unter Ausschluss des Kapitals und dann: machen, klotzen, betonieren. Nachher kann man ja sehen, wie man damit umgeht, Nutzung, Umnutzung. Ein Haus ist auch nur ein Mensch. Wichtig sind vor allem die sozialen Parameter, die im Vorfeld geklärt sein müssen, also Renditeerwartungen und ungefähre Nutzung.

Nebenbei: Liège hat auch Gründerzeitviertel und eine Altstadt, in der viel, aber noch nicht alles restauriert wurde; ein schöner Anschauungsunterricht über Fachwerk und andere Bautechniken.

 

(Fotos: genova 2018)

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o.T. 429

(Foto: genova 2018)

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o.T. 428

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