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(Foto: genova 2018)

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Kurze Notiz zu einem außergewöhnlich unangenehmem Land

In welch überaus und außergewöhnlich katastrophalem Zustand sich unser, wie man sagt, Land befindet, berichtete kürzlich die Süddeutsche Zeitung (20.10., S. 45) in einem Satz:

85 Prozent der Deutschen brauchen zum Aufstehen einen Wecker.

Der Mensch hat eine praktische und vom Werk eingebaute High-Tech-Funktion: Er wacht auf, wenn er ausgeschlafen ist. Wenn nicht, schläft er weiter. Ein Humanwecker sozusagen, und alles ist in Ordnung. Könnte in Ordnung sein. Stattdessen quälen sich offenbar jeden Morgen runde 68 Millionen Deutsche erst aus dem Schlaf und dann aus dem Bett, statt das Selbstverständliche zu machen: liegenzubleiben und weiterzuschlafen. Die restlichen zwölf Millionen sind vermutlich Rentner, die sowieso wachliegen. Es gibt demnach in diesem Land praktisch niemanden, der das Natürlichste überhaupt macht: ausschlafen.

Eine der Folgen: Die Verkehrsberichte einschlägiger Radiosender berichten morgens um sieben minutenlang über kilometerlange Staus. Morgen für Morgen. Die Deutschen sind um sieben nicht nur schon aufgewacht, sie sind nicht nur schon aufgestanden, sie haben nicht nur schon das Haus verlassen, nein, sie stehen auch schon alle im Stau.

Es ist eine unaufhörliche und immer wieder täglich und also jeden Tag aufs Neue sich verwirklichende Kultur – und also Menschenkatastrophe.

In Georgien, las ich kürzlich, beginnt das Leben morgens erst gegen neun.

Die Süddeutsche berichtet in diesem luziden Artikel dankenswerter Weise auch über das, was die Deutschen nach dem Aufgewecktwerden machen:

Früh zur Arbeit, spät nach Hause, fünfzehn Minuten Mittag, alles mit der gebotenen Verbissenheit.

Bei soviel Weckerfixiertheit wundert es nicht, dass die Deutschen europaweit die einzigen sind, die ein Ende der Zeitumstellung fordern. Ihr Argument: Die Kühe geben deshalb nicht mehr so viel Milch.

So ist das in diesem außergewöhnlich unangenehmen Land.

Gute Nacht.

(Foto: genova 2018)

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o.T. 455

(Foto: genova 2018)

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o.T. 454

(Foto: genova 2018)

 

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Vom Tragen

Ein Carport im Südwestdeutschen mit einer netten kleinen Spielerei:

Drei Stützen, die das Dach tragen, und auf jeweils einem Pfeiler aufliegen. Aber drei verschiedene Bauphilosophien: einmal ein Stahlbetonträger, einmal ein Doppel-T-Träger und einmal ein Holzbalken. Wobei interessieren würde, was der Holzbalken wirklich trägt. Und genau genommen ist der Stahlbetonträger vielleicht keiner, sondern nur die zementige Verlängerung der darunterliegenden Ziegelwand.

Es ist eine nackte, nachvollziehbare Konstruktion mit Augenzwinkern, sozusagen eine kleine Bauaustellung. Vermutlich freut sich der Carportbesitzer jeden Abend, wenn er seine Gefährten parkt, aufs Neue.

(Foto: genova 2018)

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Farbenlehre: Das Bauhaus zwischen rot und braun

Wie sich Geschichte wiederholt: Das Bauhaus Dessau hat die linke Band Feine Sahne Fischfilet ausgeladen. Die sollten dort am 6. November anlässlich einer Aufzeichnung des ZDF auftreten.

Die Ausladung ist konsequent.

Das Bauhaus war in der Weimarer Republik das, was man heute links oder linksextrem nennen würde. Hannes Meyer („Volksbedarf statt Luxusbedarf!“) war bekennender Kommunist und Bauhaus-Chef ab 1928. Form und Inhalt dachte er zusammen. 1930 wurde er abgesetzt, und zwar auf Druck der NSdAP, die in Dessau schon damals stärker war als anderswo. Zwei Jahre später bekamen die Nazis in der Stadt die komunale relative Mehrheit der Sitze im Stadtrat und machten das Bauhaus ganz dicht. Ein paar Jahre später mussten prominente Bauhäusler ins Exil gehen oder sie kamen ins KZ.

Nach 1945 wollte man von den Nazis nichts mehr wissen und nach 1990 wurde das Bauhaus-Design schick. Entkoppelt vom Inhalt ist die Form heutzutage eine Distinktionsmaschine für alle, die das brauchen. Ein paar tausend Euro für einen Freischwinger und schon ist man auf der Leiter ein paar Stufen nach oben geklettert. Es ist eine typische Vorgehensweise neoliberaler Gesellschaftspolitik. Der linke, progressive Ansatz des Bauhausdesigns wird geleugnet, stattdessen stellt man sich der kapitalistischen Verwertung zur Verfügung. Philipp Oswalt, linker Architekt und Bauhaus-Chef ab 2009, hat ein paar andersfarbige Tupfer gesetzt und den rechten Druck zu spüren bekommen.  Er ist 2014 von dem Posten abgetreten.

Die aktuelle Bauhaus-Chefin heißt Claudia Perren. Sie interessiert sich für

Hybriden, die sich zwischen den Disziplinen bewegen, und dabei Raum infrage stellen, um ihn neu zu definieren.

Aha. Als „Leitgedanke“ erläutert die Stiftung Bauhaus, man wolle

das Bauhaus in seinen Ideen und Themen lebendig erhalten und vermitteln. Die Stiftung arbeitet historisch reflexiv und fragt zeitgleich nach der heutigen Relevanz und den gegenwärtigen Potenzialen, die sich aus dem Bauhauserbe für das 21. Jahrhundert ableiten lassen.

Zur heutigen Relevanz gehört offenbar, sich von einer linken Band zu distanzieren. Vermutlich behagte ihr etwas Hybrides im interdisziplinären Raum nicht. Interessant auch, dass die Stiftung Bauhaus auf ihre Website das Thema totschweigt. Selbst in der Rubrik „Aktuelles“ ist nichts zu finden. Es ist auch eine dilletantische PR-Strategie, die an totalitäre Systeme vor der Etablierung des Internet erinnert.

Die aktuelle Bauhaus-Leitung ist wohl vor dem Druck von CDU, AfD und echten Nazis zusammengeklappt. Man befürchtet rechte „Demonstrationen vor der eigenen Tür“. Eine ziemlich unglaubliche Begründung: Wenn Nazis vor unserer Tür demonstrieren wollen, machen wir halt das, was die wollen. Es ist eine Einladung an den rechten Mob, Veranstalter zu bedrohen.

Das Management betont einfach, das Bauhaus sei Kultur und die habe unpolitisch zu sein. Eine Sprecherin sagte dem WDR:

„Wir als Bauhaus sind ein bewusst unpolitischer Ort.“

Das ist natürlich Unsinn und im Falle der Bauhausgeschichte ein gefährlicher, notwendig rechter Unsinn.

Das Bauhaus ist nicht unpolitisch und eine linke Band hätte eine Menge inhaltlicher Anknüpfungspunkte. Dass man die auslädt, spricht Bände. Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt hat sich so zu Wort gemeldet:

„Ich halte die Idee, eine Punkrockband aus dem linken Spektrum mit entsprechenden Fans im eher kammermusikalischen Ambiente der Bauhaus-Bühne auftreten zu lassen, für nicht besonders überzeugend.“

Geilomat. Das Bauhaus ist also jetzt kammermusikalisch, abgehoben, Kulturelite. Der Bauhausgründer Walter Gropius hat in seinem Manifest 1919 noch die Gesamtheit von Architekt, Künstler und Handwerker betont. Es war das Gegenteil elitären Denkens. Bei der aktuellen Denke sollte man das Bauhaus in der Tat schließen, und zwar wegen Geschichtsklitterung.

Das Bauhaus, wollte es inhaltlich noch ernstgenommen werden, hätte natürlich die Aufgabe, dieses Punkkonzert auszutragen und damit ein Zeichen zu setzen, wie man sagt. Den Rest draußen erledigte die Polizei.

Hintergrund des Streits um diese skurrile Punkband ist wohl auch, dass sie als linksextrem gelten und früher in Verfassungsschutzberichten auftauchten. Auch hier ist eine rechte Strategie zu erkennen, die im bürgerlichen Lager populär ist, nämlich die Hufeisentheorie. Demnach ist der linke politische Rand genauso schlimm wie der rechte. Die AfD versuchte kürzlich, die Unteilbar-Demo zu diskreditieren, weil die MLPD und andere Linksextremisten mit von der Partie waren. Es wäre ein gefährliches Spiel, da nicht zu widersprechen. Die MLPD will diesen Staat umkrempeln, um den Kommunismus zu etablieren. Nazis wollen den Staat umkrempeln, um die Nazi-Ideologie erneut zu etablieren. Kommunismus kann etwas Nettes sein, NS eben nicht. Den Unterschied sollte man nicht verwischen.

Ausgerechnet das Bauhaus sieht das offenbar anders. Völlig klar ist: Wenn das Bauhaus sich historisch ernst nehmen will, muss es sich politisch positionieren. Und das bedeutet naturgemäß die Positionierung gegen rechts. Abgrenzung nach links ist überflüssig. Dass Rechte heute  ausgerechnet das Bauhaus wieder zum Ziel ihrer Angriffe machen, ist so logisch wie perfide. Es zeigt den Geist dieser Leute. Kulturell hat die Rechte noch nie etwas Interessants hervorgebracht. Sie kann nur abkupfern.

Übrigens: Nachfolger von Hannes Meyer wurde 1930 Ludwig Mies van der Rohe. Er richtete das Bauhaus stärker künstlerisch und vermeintlich unpolitisch aus, um es zu retten. Es half nichts.

1919 wird – ausgerechnet – Sachsen-Anhalt das 100jährige Bestehen des Bauhauses feiern. Man ahnt nichts Gutes.

P.S.: Dame von Welt hat zum Thema einen schönen Beitrag geschrieben.

(Foto: genova 2018)

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Modena: Die Architektur und der Tod

Der berühmte Friedhof von Aldo Rossi in Modena:

Wollte man böse sein, könnte man sagen: Friedhöfe konnte Rossi gut bauen, denn da muss auch keiner mehr leben.

Man schaue sich den Eingangsbereich von Rossis Wohnquartier im Mailänder Stadtteil Gallaratese an und vergleiche ihn mit dem Pfeilergang in Modena:

Rossi macht zwischen Lebenden und Toten architektonisch keinen Unterschied. Hauptsache seine Lehre von der reinen Typologie kommt nicht durcheinander.

Aber nähern wir uns dem Friedhof nicht mit der Lust am Verriss, sondern mit lebendiger Anteilnahme. Italiener bestatten ihre Toten vorzugsweise nicht nebeneinander in der Erde, sondern platzsparend übereinander, in sechs, acht, zehn oder mehr Etagen. Insofern ist das Prinzip der Reihung, der Serie, schon vorgegeben. Und deshalb passt Rossis Reihungsvorliebe zu italienischen Friedhöfen. Dazu kommt seine Vorliebe für den puren Typus, hier den Kubus mit gleichmäßigen Wandöffnungen. Es braucht keine Rücksicht auf die Verschiedenheit des Menschen und seine unterschiedlichen Bedürfnisse, denn er ist ja tot. Und so gleicht im Hauptgebäude ein Fenster dem anderen. Auch das Satteldach kommt als Typus in Reinform zu seinem Recht. Rossi freute sich vermutlich über den Purismus und keinen störts.

Eine Tourismusseite der Region Emilia-Romagna beschreibt das Prinzip des Friedhofs unfreiwillig ganz gut:

Der Fokus des Baus war das quadratische Hauptgebäude, das kreiert wurde, um die abstrakten Konzepte darzustellen, die Rossi vorher aufgeschrieben hat.

Das Gebäude wurde also nicht gebaut, um einem inhaltlich-konkreten Zweck zu dienen, sondern um eine Abstraktion zu konkretisieren. Wem nutzt das? Vermutlich vor allem der Eitelkeit des Architekten.

Die Atmosphäre, die sich beim Schlendern auf dem Friedhofs einstellt, ist eine bemerkenswerte: Man hat all die konsequenten Formen um sich, nichts stört den Purismus, und ein blauer Himmel ohne Störungen passt dazu ganz gut. Man fühlt sich an Bilder von Giorgio de Chirico erinnert, ans Metaphysische, ans Stilisierte. Eine leere, aufgeräumte Landschaft, die in dieser Konsequenz schon wieder irreal wirkt. Es ergäbe eine gute Filmkulisse.

Es soll eine realistische Architektur sein, was bedeutet, dass sich die Grundformen der Architektur historisch sedimentiert haben: Sie sind wahr, weil sie schon immer sind. Je abstrakter diese Grundformen verwendet werden, desto wahrer sind sie. Es ist eine Absage an die tatsächliche Geschichte, die sich nicht in Grundformen wiedergeben lässt. Es ist der von Anfang an zum Scheitern verurteilte Versuch der Reduzierung von Komplexität. Geschichte wird hier etwas, was formal idealisiert wird, ohne Störungen, ohne Irritationen, ohne Wendungen.

Es ist unglaublich banal.

Man kann den Friedhof in der Tat als eine Art Rossimuseum betrachten. Die reine Form, die reine Gestaltung, Monumentalität und kein Widerstand von niemandem. Den Puristen freut es, als Kunst betrachtet ist es einiger Ehren wert.

Das Meisterwerk eines Architekten ist ein Friedhof. Rossi hätte dabei bleiben sollen.

(Fotos: genova 2017)

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Die Stadt und das umherschwirrende Geld

Der Architekt Markus Appenzeller bringt im Interview mit dem Tagesspiegel die Kapitallogik im Wohnungsmarkt, wie man sagt, gut auf den Punkt. Es ist, zusammengefasst, die Verwertung von Boden und Haus einzig mit dem Ziel, aus Geld mehr Geld zu machen. Aus g wird g´. Das eigentliche Angebot von Wohnhäusern, nämlich Raum zum Wohnen zu schaffen, spielt keine praktische Rolle. g zu g´: Das funktioniert an der Börse, bei Rohstoffen, mit Kunst, alten Autos, mit Wasser, mit realen und nicht realen Gütern. Das Objekt der Begierde gehorcht nur der einen Logik. Diese Umtriebe bei Wohnungen haben für das Kapital den Vorteil, dass man sich dem nicht entziehen kann. Man kann auf den Picasso im Wohnzimmer verzichten, nicht aber auf das Wohnzimmer selbst.

Appenzeller lenkt dankenswerterweise den Blick darauf, dass es bei diesen Bautätigkeiten eben nicht um Wohnraum geht, sondern um ein Abstraktum:

Wenn so viel gebaut wird, müsste dadurch der Wohnraum nicht billiger werden?

Ein Großteil der Preissteigerungen hat nichts mit der realen Nachfrage nach Wohnraum zu tun. Die gibt es, doch der explodierende virtuelle Immobilienmarkt kommt nun als Preistreiber hinzu. Er hat nicht mehr den Stadtbewohner als Mieter und Endverbraucher im Fokus. Sondern Investoren, die ihr Geld anlegen wollen. Die Folgen sind absurd: Man baut komplett am realen Bedarf vorbei und schafft Wohnraum, der im Zweifel gar nicht als Wohnraum gedacht ist, sondern nur als Geldanlageobjekt.

So ist es. Wenn Berlin jährlich um etwa ein Prozent wächst – zwischen 2010 und 2017 waren es nur 0,7 Prozent -, dann ist das wohnraummäßig kein Problem. Man baut ein paar Wohnungen und damit hat es sich. Dennoch behaupten Politiker und Parteien, man müsse „mehr bauen“.

Nein, man muss renditelos bauen.

Bedroht dieses globale Geschäft die lokalen Stadtgesellschaften?

Ja. Internationalen Investoren ist es im Gegensatz zum klassischen Hauseigentümer relativ gleichgültig, welche lokalen Folgen ihr Handeln hat. Sie haben nur zwei Entscheidungskriterien: die Rendite und die Sicherheit für ihr Kapital, die ihnen der Ort bieten kann. Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht. Ich bin grundsätzlich Optimist, aber ich mache mir da schon Sorgen.

Die Rendite und die Sicherheit bieten die Verhältnisse vor Ort, sind also vom Handeln von Politik und Gesellschaft bestimmt. Die Gentrifzierungsdiskussion läuft in Berlin seit mehr als zehn Jahren. Seit mehr als zehn Jahren behaupten Politiker hier unisono, man müsse sie nur wählen, dann erledige sich das Problem. Real sieht es so aus: „Seit 2008 sind die Bodenrichtwerte in Berlin zum Teil um mehr als 1.000 Prozent gestiegen“, berichtet der rbb.

Das ist kein Zufall, sondern das korrekte Verhalten eines kapitalistischen Staates. Der Staat sorgt für maximal günstige Renditeverhältnisse bei gleichzeitiger maximaler Rechtssicherheit – was bedeutet, dass die Besitzverhältnisse nicht angetastet werden. Der Staat unternimmt also folgerichtig nichts, was die Renditebildung beeinflussen könnte und beruhigt gleichzeitig die Öffentlichkeit, man habe alles im Griff und werde nun für die Bürger aktiv.

Die Preisentwicklung – 1000 Prozent – bildet dabei die Wahrheit ab: Gäbe es Anzeichen dafür, dass Politiker sich um das Wohl der Menschen kümmerten, würde sie sich massiv nach unten entwickeln. Gäbe es die Aussicht auf langfristige Rendite nicht mehr, würde kein Investor noch mitbieten. Die Faktizität der Entwicklung zeigt: Investoren haben nichts zu befürchten.

Diese Investoren machen alles richtig. Devote, korrupte oder nur unfähige Politiker ebnen ihnen den Weg, und ein bisschen Sozialgedöns für die Massen sorgt dafür, dass die ruhig bleiben.

Welche Folgen befürchten Sie?

Der Neid und der Kampf ums Überleben in der Stadt wird größer werden. Auch die Nationalismustendenzen und latente Ausländerfeindlichkeit in manchen Vierteln sind ein Zeichen für diesen wachsenden sozialen Unfrieden. Die Politik hat inzwischen erkannt, dass das ein Problem ist, der Wohnungsgipfel zeigt das. Aber wenn man nicht schnell deutliche Schritte unternimmt, besteht aus meiner Sicht ein reales Risiko, dass sich das zu einem explosiven Gemisch aus ökonomischem Druck, Zukunftsangst und Xenophobie entwickelt.

Dass die deutsche aktuelle Politik „deutliche Schritte“ hin zu renditefreiem Bauen unternehmen wird, ist so wahrscheinlich wie Schnee im August.

Wohin der Weg führt, zeigt London:

In London etwa wird schon lange nicht mehr für Londoner gebaut, sondern fast nur noch für ausländische Anleger. Chinesische Firmen lassen für vermögende Chinesen bauen, die ihr Geld entweder direkt in Wohnungen oder in Anteile an einem Immobilienfonds investieren. Der Verkauf läuft meist in China ab, die Wohnung ist also auf dem lokalen Markt gar nicht verfügbar. Inzwischen sieht man dieses Vertriebsmodell in immer mehr Städten, auch in Berlin.

Eine Wohnung in Berlin wird nicht mehr in Berlin angeboten, sondern in Peking. Dort kauft sie jemand, der vielleicht noch nie in Berlin war und auch gar nicht vorhat, dort zu wohnen.

Dann kommt ein weiterer hochinteressanter Aspekt:

Aber diese Objekte werden doch trotzdem nachher als Wohnraum vermietet.

Nicht unbedingt. Je nach Modell wird eine Wohnung durch die Vermietung für Anleger sogar weniger wert. Einerseits, weil sie dann schwieriger zu verkaufen ist. Außerdem besteht das Risiko, dass sie durch die real erwirtschaftete Miete abgewertet wird. Man schätzt, dass in China ein Drittel der Wohnungen leer steht. In Schanghai oder Peking gibt es bei Wohnungen Wertsteigerungen von mehr als 50 Prozent im Jahr – da gibt es keinerlei ökonomische Notwendigkeit, sie zu vermieten.

Was tut man dann damit?

Man lässt sie drei Jahre leer stehen und verkauft sie wieder. Diese Auswüchse des Renditekapitalismus sieht man weltweit. Es besteht das Risiko, dass sich die Innenstädte dadurch komplett entleeren und nur noch Arbeitsplätze, Tourismus und Dienstleistungen übrig bleiben.

Es wird viel gebaut, aber in den Wohnungen nicht gewohnt. Für Berlin gibt es keine zuverlässigen Zahlen, aber man sieht ganze neue Wohnblöcke auf dem Ex-Mauerstreifen zwischen Kreuzberg und Mitte, die unbewohnt scheinen. Offiziell haben die Eigentümer aus der ganzen Welt dort vermutlich ihre Dritt-, Viert- und Fünftwohnungen, real stehen die Wohnungen leer und erhöhen Jahr für Jahr ihren Wert. Irgendwo auf der Welt wird es weiterhin Leute geben, die dafür in ein paar Jahren noch mehr zahlen. Ein Makler eines solchen Hauses mit schätzungsweise 15 oder 20 Wohnungen gab mir gegenüber einmal offen zu, dass dort „niemand einziehen“ werde, die Wohnungen kauften Leute, „die haben das Geld auf dem Girokonto, das muss da weg“.

Was früher nur an der Börse passierte, eine Art Spiel, ist in der realen Welt zu einer perversen Variante mutiert. Alles vor den Augen der sogenannten Zivilgesellschaft und natürlich dem politischen Apparat.

Appenzeller nochmal dezidiert zu Berlin:

Berlin steht vor einer riesigen Herausforderung. Die internationalen Kapitalströme fließen extrem schnell und treffen auf Stadtentwicklungsprozesse, die sehr langsam ablaufen. In Berlin ist dadurch eine Dynamik entstanden, die viel größer als in etablierten Immobilienkapitalmärkten wie Hamburg oder Frankfurt ist. Berliner bekommen die Effekte durch den Mietwohnungsanteil von 85 Prozent viel stärker in kurzer Zeit zu spüren als Bewohner anderer Städte mit höherem Eigentumsanteil. Berlin muss schnell gezielte Gegenstrategien entwickeln.

Berlin und schnelle gezielte Gegenstrategien: Man könnte sich schlapplachen, wenn es nicht so ernst wäre.

Man müsste einmal ausrechnen, wie viel Geld Monat für Monat auf die andere Seite gescheffelt wird, ausgehend von nötigen Preisen von vier Euro Miete pro Quadratmeter für Altbauten und acht für Neubauten oder 500 Euro für den Kauf eines Altbauquadratmeters bzw. 1.000 für den Kauf einer Neubauwohnung. Wir bekämen interessante Zahlen.

Der Sozialstaat besteht nun darin, dass es in Berlin jetzt eine Art Nothilfe für Familien, gibt, die aufgrund Mieterhöhungen aus ihren Wohnungen fliegen. Dort dürfen sie dann ein paar Wochen nächtigen.

Wer sind die Investoren? Natürlich zum einen relativ wenige Leute mit sehr viel Geld. Zum anderen aber auch jeder, der eine private Altersvorsorge finanziert. Das Geld muss irgendwohin, beispielsweise in Berliner Immobilien. Es ist ein durch und durch so logisches wie perverses System. Kennzeichen unserer Zeit ist bekanntlich, dass wir all das wissen und in unserer tollen aufgeklärten, nachhaltigen und transparenten Gesellschaft nicht in der Lage sind, irgendetwas daran zu ändern.

Die Immobilienbranche ist einfach zu wichtig fürs Funktionieren des Systems, als dass man das ändern könnte. Schon vor einigen Jahren schrieb die Zeitschrift Der Architekt über die Immobilienwirtschaft:

Ihre Bruttowertschöpfung beträgt in Deutschland fast ein Fünftel der gesamtwirtschaftlichen, über 450 Milliarden Euro, etwa sechsmal mehr als der Fahrzeugbau.

Die Zahl hat viel mit dem Marktwert von Boden zu tun, also von etwas, für das höchstens der liebe Gott Geld bekommen dürfte. Und: Die niedrigen Zinsen werden nicht für Realinvestitionen im eigentlichen Sinn genutzt, sondern für unbewohnte Häuser. Der Unterschied zwischen realen und Finanzinvestitionen verschwimmt hier.

Angesichts dieser Zustände ist es so peinlich wie bezeichnend, dass zur Unteilbar-Demo vergangenen Samstag in Berlin 200.000 Leute aufstehen, aber der soziale Aspekt nur völlig verschwommen mit „Solidaritätsforderungen“ abgehandelt wird. Vielleicht meint man ja, man müsse den Alten besser über die Straße helfen. Kapitalismuskritik – nach der Finanzkrise vor zehn Jahren neu aufgeblüht – ist mittlerweile von moralischem und scheinsozialem Geplapper abgelöst worden. Das repräsentieren derzeit die Grünen par excellence, woraus sich auch ihre Beliebtheit erklärt. Man erträumt sich eine bessere Welt, das muss reichen.

Fassen wir zusammen: Es werden Wohnungen gebaut, aber nicht zum Wohnen, sondern zum Parken von Kapital. Die Gesellschaft ist gelähmt. Geplappert wird überall, aber eben ohne jeden Effekt. In einer Sendung zur bayrischen Landtagswahl wurde einem Linken-Politiker vorgeworfen, er habe von Enteignung in Bezug auf Münchner Wohnungen gesprochen. Der Mann knickte ein, diese so notwendige wie selbstverständliche Forderung war ihm im TV- Studio offensichtlich peinlich.

Fehlende Zivilcourage. Genau hier liegt das Problem.

„Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht“, sagt Appenzeller im Tagesspiegel-Interview. Das Kapital benötigt die Stadt als Wohn- und Lebensraum nicht mehr.

Je absurder die Verhältnisse, desto größer die Zustimmung zu ihnen.

(Fotos: genova 2015, 2018)

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Afrikaner in den Alpen

Eine nette Pointe zum Heimatbegriff:

Die FAZ fragt in einem interessanten Artikel über Heimat und Tourismus, ob die Alpen-Touristen wissen,

dass die Geranie, erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus Afrika importiert, zur ikonischen Heimat-Blume im Alpenraum wurde, wo es um die Herstellung des Gefühls der guten alten Zeit ging? Mehr als fünfzig Millionen Jungpflanzen werden derzeit zu diesem Zweck jährlich als Stecklinge eingeflogen.

Die Geranie ist aus Afrika? Eine Katastrophe. Müssen wir sie nun ausreißen? Von den Tiroler FPÖ-Dorfbalkonen verstoßen? Oder gar abschieben? Wollen die Afrikaner sie überhaupt zurückhaben? Sollen wir die Millionen Junggeranien an der Grenze zurückweisen? Oder in Sammellagern unterbringen? Und was nehmen wir stattdessen als alpine Ikone?

Fragen über Fragen. Nicht mal mehr die Alpen taugen der Reaktion noch als Zufluchtsort. Vermutlich schlägt sie genau deshalb immer wilder um sich.

Wenn ich den Artikel richtig verstehe, suchte man in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den (deutschsprachigen) Alpen nach eine Gefühl der guten, alten Zeit. Und man besann sich auf eine Blume aus Afrika, die erst kurz zuvor in den Alpen heimisch geworden war? Nachforschungen wären hier nötig.

Wobei der Begriff „Alpenraum“ nicht präzise gewählt ist, meine ich. In den italienischen Alpen jenseits von Südtirol jedenfalls habe ich noch keine Geranie gesehen.

(Foto: genova 2018)

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Adorno und die Provinz

Lucca, bei großer Vergangenheit, ist heute, nach der Rolle, die es im Lande spielt, provinziell, auch die meisten Läden sind es und die Kleidung. Illusionär wohl, sich einzubilden, das Bewusstsein der Einwohner wäre es weniger. Aber sie wirken nicht so. Die Tradition ihres Volkes und ihrer besonderen Gegend ist so tief in Erscheinung und Gebärde eingedrungen, dass sie geformt, der Barbarei der Provinz entrückt sind, vor der in nördlichen Breiten noch die schönsten mittelalterlichen Städte ihre Einwohner nicht feien. Provinz ist nicht Provinz.

Schrieb Adorno 1965. Man hat den Eindruck, dass sich daran bis heute nichts Wesentliches änderte. Urlaubsaufenthalte, auch ausgedehnte und von äußerst aufmerksamen Reisenden unternommene, sind natürlich keine Basis für profunde Urteile, es geht um den schnellen Eindruck. Eine „provinzielle Kleidung“ allerdings existiert nicht mehr, es kommt alles aus den gleichen textilen Mega-Fabriken und der Stil ist in Lucca wohl der gleiche wie in Mailand.

Nach Adorno sind die italienischen Provinzler formal der deutschen Provinz-Barbarei entrückt, im Bewusstsein nicht. Vielleicht erklärt das die aktuellen italienischen Wahlergebnisse. In Norditalien, besonders in der Lombardei, ist die Lega-Partei fast überall die stärkste. Es scheint auf eine gewisse Art ein barbarischer Provinzialismus eingekehrt, aber vielleicht trügt der Schein. Berücksichtigen sollte man immer, dass naturgemäß 80 Prozent Faschisten in der italienischen Provinz wesentlich weniger unheilvoll sind als 20 Prozent Faschisten in der deutschen. Provinz ist nicht Provinz.

Der Eindruck jedenfalls ist nirgendwo ein unangenehmer, selbst in den Lega-Hochburgen nicht. Kein Vergleich mit Deutschland. Die Menschen kleiden sich gut, ob provinziell oder nicht, es zeugt von einem gewissen Respekt vor dem Mitmenschen. Kaum jemand, der hier ein Muscleshirt trüge. Es gibt nach wie vor viele kleine Läden, in denen man einkauft, viele Cafés, in denen tatsächlich Menschen sitzen, keine Ketten, inhabergeführt. Es gibt diese Haltung, irgendwo zwischen Fatalismus und Lässigkeit, die ein Haus, das man als im Weg stehend betrachten könnte, stehen lässt. Es löst keine Nervosität aus.

Gegensätzliches erlebt man in Teilen Ostdeutschlands. Unvergessen ist ein Kurzbesuch in einem Städtchen namens Schneeberg im Erzgebirge: Ein perfekt restaurierter Marktplatz, der diese Funktion schon lange eingebüßt hatte und nur noch als Kulisse diente. Außenherum Ein-Euro-Shops, Bäckereiketten, Leerstand. Auf dem Platz geplagte – teilweise mental, teilweise finanziell – Menschen. Schneebergs Restaurierung wurde ermöglicht, indem man die Gelder der Wessis nahm, die ihnen zugleich mit gönnerhafter Pose ihr Untermenschentum klarmachten. So beginnt man zu hassen. Ein Marktplatz als Kulisse eines besseren Lebens, das versagt bleibt. Jeder Schritt auf dem Platz gerät zur Visualisierung der Lüge, zum Spießrutenlauf an den eigenen Erfahrungen vorbei.

Die Vewertung ist hier scheinbar alternativlos, man sieht in der Tat keine Alternative. Gleichzeitig spürt man, dass man deren Anforderungen nicht erfüllen kann. Es ist vielleicht der wesentliche Grund für die Entwicklung von Barbarei. Wo auch immer.

(Foto: genova 2018)

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