o.T. 465

(Foto: genova 2018)

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Von der Nutzlosigkeit

Eine alte Stadtmauer mit Turm und Wassergraben im norditalienischen Orzinuovi. Als Festung um 1200 gegründet, und aus dieser Zeit stammen vermutlich auch die abgebildeten Objekte.

Es ist eine in Italien häufig anzutreffende Szenerie: Ruinen, seit vielen Jahrunderten nicht mehr gebrauchtes, Stückwerk, das bestehen bleibt. Es ist offenbar seit 700 Jahren in Orzinuovi niemand auf die Idee gekommen, Mauer samt Turm abzureißen. Beides ist eingermaßen zerbröselt und man lässt es einfach stehen. Funktionslos, aber dennoch toleriert. Es kann heute als Spielplatz dienen oder als Sitzmöglichkeit, aber schon diese Gedanken sind typisch deutsch und deshalb zu unterlassen. Es ist einfach und es ist gut so.

Hierzulande, wie schon oft angemerkt, kaum denkbar. Man hätte es entweder schon längst weggerissen, da nutzlos, oder es perfekt restauriert. Oder man hätte zumindest Zäune angebracht, da man ja runterfallen und sich verletzen könnte. In Orzinuovi gibt es nicht einmal Touristen.

Das Nutzlose, das keine Nervosität erzeugt, keine Hektik, kein Gefühl, dass man ewas unternehmen müsse. Beneidenswert.

(Fotos: genova 2018)

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o.T. 464

Es folgte der dritte und letzte Teil unseres bescheidenen Versuchs, anlässlich der Feier Christi Geburt die Welt ein wenig besser zu machen.

Wir sehen hier das authentische Innere des Jesustalls nahe Betlehem, den ich vor einiger Zeit besuchen durfte. Maria gebar den Heiland auf dem Stuhl im Vordergrund, mit dem Feudel wurde die Nachgeburt weggewischt. In den Müllsäcken befinden sich noch heute die Geschenke aus dem Morgenland.

Möge uns dieses Bild zur Bescheidenheit gemahnen. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern Weihnachten.
(Foto: genova 2018)

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o.T. 463

Stall Jesu, Seitenansicht:

(Foto: genova 2018)

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o.T. 462

Wir entschiedenen Christenmenschen begehen heute das Fest des Lichts und der Besinnung. Ich bin mir sicher, dass die aktuellen und zahlreichen Freunde Jesu (nennen wir stellvertretend nur AKK, Gauland, Merz und Höcke) den heutigen Tag mit Andacht und Demut, in der sich sich üben, verbringen werden.

Möge dieser bescheidene Beitrag (wir sehen auf dem Foto die kärgliche Beleuchtung des Original-Stalls Jesu in Betlehem) die Welt ein wenig besser machen.

(Foto: genova 2018)

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o.T. 461

Es  folgen zum Fest der Liebe, des Friedens und der vollumfänglichen Hilfsbereitschaft ein paar hochwertige Fotos zum Thema. Sie zeigen: Man kann täglich Gutes tun.

Den Anfang macht eine kürzlich überfahrene Einkaufstasche, die ich fand, sie erstversorgte und sogleich zum Schneider brachte. Es geht ihr schon wieder gut – den Umständen entsprechend.

(Foto: genova 2018)

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Mutschler in Vogelstang

Anschließend an diesen Artikel über den strukturalistischen Mannheimer Architekten Carlfried Mutschler geht es nun um seine Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Mannheim-Vogelstang, erbaut Ende der 1960er. Es ist ein schönes Beispiel für eine Mischung aus strukturalistischer und brutalistischer Architektur, die sich von der monotonen Moderne emanzipiert hatte und nun in die Jahre gekommen ist. Viel Sichtbeton, dazu Ziegeleinlagen, viel Konstruktives auf der Rückseite, dazu abgerundete Ecken an der Frontseite. Bemerkbar ist auch das Bemühen, die Grenzen zwischen innen und außen zu relativieren. Viel Glas und Offenheit hinten, nach vorne hin eher verschlossen. Das Ganze ist flach gehalten, maximal drei Stockwerke, was den langgezogenen, liegenden Charakter bestärkt.

Im Innern gibt es eine „Straße der Begegnung“, eine Hauptachse, breit und lang. Dazu eine fließend integrierte Mensa.

Schon bei einem Besuch sind die ineinandergreifenden Raumgefüge auffällig. Kein Abgrenzen, sondern Ineinanderfließen. Diverse Betonmäuerchen bieten Wege und Aufenthalte an, ohne dazu zu zwingen. Vieles ist offen, überschaubar.

Angenehm auch, dass damals für das neue Stadtviertel Vogelsang bewusst eine Gesamtschule geplant wurde. Keine Abgrenzung zwischen dummen Hauptschülern und schlauen Gymnasiasten.

Bilder aus einer fernen Zeit.

Man sieht an solchen Schulgebäuden auch, wie furchtbar Schulen noch um 1900 konzipiert wurden. Schulen des Ausschlusses, der Autorität, viel zu hoher, Ehrfurcht einflößender Decken, dazu steile Treppen, keine Aulen, keine einladenden Eingangssituationen. Schüler um 1900 sind vermutlich mit Bauchschmerzen, Herzklopfen und Vernichtungsphantasien in die Schule gegangen, und das täglich.

Ich weiß nicht, ob das 1968 anders war, aber Architekturen wie die von Mutschler boten zumindest eine Alternative.

(Fotos: genova 2018)

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Architektur und Dogma 9 (4) – Rossi und der Rationalismus

Teil 4 dieser leider vernachlässigten Serie über den italienischen Architekten Aldo Rossi. Der Architekturtheoretiker Nikolaus Kuhnert sagte zur Typologieaffinität Rossis und seinem damit verbundenen Geschichtsverständnis in der arch+ (Nr. 229, 2017):

Der Begriff der Rationalen Architektur, den Rossi in Die Architektur der Stadt entworfen hatte, bedeutet, dass aller Architektur bestimmte Grundformen zugrunde liegen und dass die Geschichte der Architektur nur eine Interpretation dieser Grundformen ist.

So habe ich Rossi immer verstanden, wobei man dazu sagen muss, dass Rossi ein ziemlich schlechter Schriftsteller war. Die Architektur der Stadt ist kaum lesbar. Typologie ist das einzige, was Rossi interessiert und so sieht auch seine Architektur aus.

Kuhnert wendet dann ein:

Bis zum Aufkommen der Industriegesellschaft lebte die bäuerlich-ländliche zund die bürgerlich-städtische Gesellschaft in Europa entweder in Dörfern oder in der Stadt und dort in regional spezifischen Haustypologien. Diese Typologien haben sich historisch herausgebildet, aber sie wurden durch die Industriegesellschaft, die nicht mehr nach Stadt oder Land, sondern nach Arbeit und Kapital differenziert, amalgiert und zerstört. Die Frage des Typus ist in der Industriegesellschaft nicht mehr eine der Haustypologien, sondern des typisierten Elements für die industrielle Produktion. Daran scheiterten die Studien von Rossi.

Rossi scheiterte also daran, dass er den Typologiebegriff einseitig betrachtete und meines Erachtens daran, dass er diesen Begriff schmalführte. Es geht um die Form und nur um die Form. Da spielt vielleicht auch der genius loci hinein, doch Gesellschaft, Ökonomie, Menschen kommen darin nicht vor.

Kuhnert weiter:

Diese Grundformen sind nicht individuelle, sondern gesellschaftliche bedingt. Die Architektur der Stadt fungiert wie eine Sprache, die man weiterentwickelt, wenn man sie neu interpretiert, aber neue Wörter sind nur in Ausnahmefällen hinzuzufügen… Rossi hingegen betrachtete Bedürfnisse als etwas Flüchtiges, Fragiles, das sich immer wieder verändert und auf das die Architektur nicht aufbauen kann. So weit, so interessant. Die Schwierigkeit liegt aber bei Rossi darin, dass diese Erkenntnis, dass Stadt oder Architektur wie eine Sprache fungieren, die man nur neu interpretieren, aber nicht neu schaffen kann, sie an eine geschlossenes Konzept von Geschichte bindet.

Wer Bedürfnisse als etwas Flüchtiges und Fragiles betrachtet, braucht sich natürlich nicht näher mit ihnen zu beschäftigen. Offenbar weiß der schlaue Architekt es ohnehin besser. Die Bedürfnisse des Wohnenden sollte man sich gar nicht erst anhören, sie sind ja eh nur fragil.

Interessant in diesem Zusammenhang auch die Analyse Kuhnerts, wonach Rossi

zwar sozialwissenschaftliche argumentierte, aber unausgesprochen immer von der Autonomie der Architektur ausging.

Beides geht nicht zusammen. Wer Architektur für autonom hält, hält sie für ewiggültig, ohne dass gesellschaftliche Änderungen Auswirkungen hätten. Der einzelne Typus muss nur ein wenig neu justiert werden. Rossi argumentierte zwar auch, dass Architektur zeitlos sein solle, weil die Funktionen sich änderten. Das ändert allerdings nichts daran, sich um die Funktion generell zu kümmern. Dazu findet man bei Rossi wenig bis nichts. Wer selbst diese Neujustierung unter Ausschluss der Bedürfnisse der Nutzer vornehmen will, weil fragil, der baut dann als Eingangsbereich sowas:

Pfeiler wurden in die Länge gezogen und zu endlosen Reihen ausgebaut. Es ist ein großer Angstraum. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil es hier um die Mailänder Siedlung Gallaratese geht. Typologisch ist hier alles astrein und die Bedürfnisse der Bewohner sind fragil. Über die Bewohner oder über Grundrisse der dortigen Wohnungen ist nirgendwo etwas zu finden, dafür gibt es jede Menge Fachartikel über die dort realisierte tolle Typologie, die in der Praxis schlicht egal ist.

Ein Gallaratese besuchender Architekt bemerkte:

These columns remind me of the famous picture of him standing between the columns of the Parthenon on the Acropolis.

 

Es ist eine faktisch rechte Architektur, die Rossi, seinerzeit Mitglied der italienischen kommunistischen Partei, baute. Der Mensch ist nichts, die Norm, die der autonome Künstlerarchitekt erstellte, alles. Es kommt einem der Begriff des Führers in den Sinn.

Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht dieses Bild:

Rossi 1955 vor einem Gemälde, das Stalin zeigt. Ob Rossi vor Stalins Leistungen im allgemeinen Respekt hatte, weiß ich nicht. Bekannt ist aber seine Bewunderungen für Stalins Zuckerbäckerarchitektur.

Schon 1994 las man in der arch+ (Nr. 122):

Mit dem öffentlichen Raum muß man sich nicht mehr beschäftigen, wenn man die Stadt nur getreu den Thesen von Aldo Rossi oder den Zeichnungen der Kriers rekonstruiert. Die Folge ist ein schematisches Instrumentarium, das mit dem, was in der Stadt und in den Gebäuden passiert und wie heute gelebt wird, nichts zu tun hat.

Leon Krier hat später übrigens Poundbury gebaut und sein Bruder Rob ist postmodern-iealistisch unterwegs. Wenn sich ein Architekt nicht mit gesellschaftlichen Fragen beschäfgit, kann er auch Luftschlösser bauen.

Rossi als rechter Architekt; als jemand, der zwar keine postmoderne Verhübscherei will, aber ähnlich effizient von realen Erfordernissen guter Architektur ablenkt: Autonom, um sich der Bedürfnisse der Bewohner zu entledigen, typologisch, um die Welt zu vereinfachen: Kubus, Zylinder, Pyramide. Die alte Übersichtlichkeit.

Vielleicht ist das Urteil zu harsch und vielleicht wäre eine kombinatorische Analyse von Rossi und der Pittura metafisica interessant, vielleicht wäre der Architekt und Maler Arduino Cantafora, der Rossi nahestand und La città banale malte, also eine typologische Reihung produzierte, hier zu erwähnen.

work in progress

(Fotos: genova 2014)

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Zum Verhältnis von Postmoderne und Strukturalismus in der Architektur

Die ominöse architektonische Postmoderne: Mit ihr wurde ich sozusagen sozialisiert. Man empfand das damals als frisch, neu, inspirierend, offen, zeitgemäß. Die Stuttgarter Staatsgalerie war state of the art.

Es war keine gute Zeit für architektonische Sozialisation. Architektur war nurmehr Oberfläche, Fassade, plötzlich spielten wieder ornamentale Details eine Rolle, deren Vermittlung im Kontext kaum möglich war. Ein Plastiksäule, die nichts trägt, galt als lustig, als Augenzwinkern, wobei vergessen wurde, dass Architektur nicht lustig sein kann, denn das Lustige ist ein vergänglicher Wert an sich. Eine Pointe ist nach kurzer Zeit vorbei. Ein lustiges Gebäude ist somit nicht möglich. Nur unlustige Architekten entwerfen lustige Häuser.

Schlimmer: Die postmoderne Diskussion ignorierte das, was sie angeblich einforderte: kritische Ansätze innerhalb der modernen Bewegung.

So hörte man in den Postmoderne-Debatten der 1980er Jahre nichts von strukturalistischer Architektur der 1960er, von Partizipation, von der grundlegenden Abkehr vom platten Funktionalismus. Der Strukturalismus war schon eine Antwort auf den zum Formalismus erstarrten Funktionalismus. Man könnte gar die provokative These vertreten, wonach die Postmodernisten vor allem Konservative und Reaktionäre waren, die nur vermeintlich die Sorge um gute Architektur umtrieb. In Wahrheit wollten sie zu einem reaktionären Fassadismus zurück. Leute wie Leon Krier, die noch heute als postmoderne Architekten gelten, zeigen das deutlich. Die allgemeine gesellschaftliche Wende hin ins Konservative und Neoliberale jedenfalls kann von der architektonischen Postmoderne kaum getrennt werden, auch wenn viele damalige Verfechter postmoderner Architektur nicht zu den Reaktionären gerechnet werden können. Manche haben sich einfach verführen lassen.

Vorbereiter des Strukturalismus waren interessanterweise architektonische Utopien, die zu Beginn der 1960er Jahre aufkamen: Metabolisten, Archigram, Yona Friedman. Es ging immer um Raum, der die ästhetische Erscheinung formiert. Es waren übrigens die ersten utopischen Architekturentwürfe seit den 1920er Jahren.

Eine Utopie zur Grundlage zu haben, ist immer gut. Sie speckt mit der Zeit ab und mit etwas Glück wird ein Teil davon Realität.

Zurück zur Postmoderne: Nervig ist aus der Rückschau die Verlogenheit weiter Teile ihrer Argumentation. Der von ihr geforderte Rückblick auf Bautraditionen ist für sich betrachtet richtig. Doch das hatten die Strukturalisten schon 20 Jahre früher gefordert. Die Moderne entwickelte sich in der Architektur ab 1918 reflexiv und ging schon zehn Jahre später in der Neuen Sachlichkeit und in der faschistischen Architektur Italiens in einen einseitigen Funktionialismus über, der nach dem Krieg sich gerade im Wohnungsbau teilweise negativ weiterentwickelte. Doch ab etwa 1960 waren die kritischen Stimmen nicht mehr zu überhören. So äußerte sich einer der prominentesten Strukturalismus-Vertreter, der Niederländer Aldo Eyck, bereits 1959 aus Anlass des CIAM-Kongress im niederländischen Otterlo:

Die moderne Architektur hat sich ganz und gar danach ausgerichtet, der andersartigen, der neuen Situation zu entsprechen, und ist dabei so weit gegangen, dass ihr Blick für das verlorenging, was nicht andersartig und neu, sondern alt und ewig gültig ist. Die Zeit ist gekommen, dass wir das Alte im Neuen wirksam machen, dass wir uns wieder besinnen auf die ewigen Grundsätze des menschlichen Daseins.

Der andere prominente Architekt dieses Genres, Herman Hertzberger, zur selben Zeit:

Wir können nur etwas Neues schaffen im Sinne einer anderen Interpretation bestehener Bilder, diese neu bewerten und sie für unsere Situation geeignet machen. Was wir nötig haben, um auszuschöpfen, ist die große Bildsammlung.

Und:

Entwerfen kann nichts anderes sein als fortbauen auf dem Darunterliegenden und es sozusagen verbauen.

Auch die Kritik am modernen Städtebau mit seiner Funktiontrennung und der Autogerechtigkeit wurde schon früh kritisiert. Der Architekt Louis Kahn sagte etwas später, dass die Straße zum reinen Verkehrsweg reduziert worden sei, was einer massiven Verengung ihrer langen Geschichte entspreche:

Straße als Stätte der Begegnung, Straße als öffentlicher Gasthof, der bloß kein Dach hat. Ein Versammlungsraum ist ja auch nur eine Straße mit einem Dach darüber […] Heute sind die Straßen teilnahmslose Bewegungsbänder, die nicht in geringster Weise zu den Häusern gehören, die an sie grenzen. Wir haben also keine Straßen mehr; wir haben Verkehrswege, aber keine Straßen. Um die Straßen zurückzubringen, müssen wir dei Bewegung neu definieren und sie in eine Ordnung fügen, in welcher die Straße die ihr zukommende Stellung als Teil der kommunizierenden Gemeinschaft wieder einnehmen kann.

An anderer Stelle redete er von der Stoa und der Agora als Plätze, „wo immer etwas geschah“.

Auch Architektenvereinigungen wie Team Ten oder früher noch teilweise Le Corbusier (La Sainte Baume, 1948) zeigen modernismuskritische Ansätze weit vor der Postmoderne.

Die Postmoderne nahm diese Gedanken kaum auf, auch einflussreiche Bücher wie von Jane Jacobs wurden eher instrumentalisiert als ernstgenommen. Der Focus verschob sich weg vom Inhalt hin zur Oberfläche, zur Fassade ohne Verbindung zum Inhalt, zum Spiel, zur Tändelei.

Strukturalistische Architektur löste schon früh theoretisch das ein, was Postmodernisten auf der falschen Ebene, nämlich der Fassade, forderten:

Einfühlungsvermögen in menschliche Situationen, Nuanciertheit und Klarheit.

wie Arnulf Lüchinger schreibt.

Auch der so fabelhafte wie vergessene Architekt Lucien Kroll erkannte 1982:

Der postmoderne Überdruss sucht aggressiv die direktstesn Wege, um so schnell wie möglich den Verdacht, modern zu sein, loszuwerden. Die schnellsten Wege sind natürlich stilistische Imitationen, das Verspielte, vorgetäuschte Verrücktheiten, mathematische Spielereien, alle Äußerungen des „Sich in seiner Haut unwohl Fühlens“. (Freibeuter 12, S. 81)

Kritik am Strukturalismus könnte an einem Punkt ansetzen, an dem Strukturalisten zwar entgegengesetzt zu den Postmodernisten arbeiteten, aber damit auch falsch lagen:

In der klassischen Moderne konnte noch die moderne Idee

mit einer sauber gelösten Gebäudeecke demonstriert werden, wie z.B. bei der Fagus-Fabrik von Walter Gropius. Im Strukturalismus verschiebt sich der Blickpunkt, die Gesamtansicht von oben wird aktuell.

Das stimmt. Die üblichen Publikationen zur strukturalistischen Architektur zeigen die Gebäude aus der Vogelperspektive, und in der Tat sieht man von oben die Gestaltungsabsicht am klarsten. Nur: Die Nutzer der Architektur nehmen diese Perspektive nie ein, insofern ist das ein unzulässiges Hilfsmittel. Darin könnte ein grundsätzliches Problem strukturalistischer Architektur zutage treten: Man erkennt ihren Vorteil nur aus einem Blick, der praktisch nicht erfahrbar ist. Die Gesamtansicht von oben ist eine, die dem Strukturalismus am entferntesten liegen sollte. Die Struktur muss im kleinen erfahrbar sein. Erkenn man sie nur von oben, ist sie totalitär.

Vielleicht ist das aber auch nur der mangelnden Kreativität des fotografischen Blicks geschuldet.

Erkenntnis gewänne man hier erst, wenn man das täte, was selbstverständlich sein sollte: Die Betroffenen fragen. Mit dem Schlagwort der Partizipation zeigt sich deutlich, dass die Strukturalisten dieses Problem gesehen haben.

fade out

(Foto: genova 2015)

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Von der Negation des wirklichen Lebens und dem Zweifel

„Das Spektakel ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und zum Ausdruck bringt: Die Verarmung, die Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens.“

Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels

Eine Arte-Dokumentation über die Alpen als Ort des Spektakels. Das Filmchen macht zwar den peinlichen Versuch, zwischen gutem Spektakel in Orten wie Ischgl und Laax einerseits und den Retortenorten in den französischen Alpen wie Lac de Tignes und Val Thorens („nicht nachhaltig“) zu unterscheiden, ist aber dennoch sehenswert. Ischgl als Paradeort für ideologisches Spektakel, bei dem einem spontan das Debord-Zitat einfällt.

Natur wird über hunderte von Kilometern angesteuert, nur um ihr zu entfliehen. Berge werden abgeflacht, Schnee künstlich produziert, Lawinen ausgelöst, denn der Berg muss funkionieren. Die kürzesten Dirndls der Welt und affirmative Unterhaltung total. Alkohol als Entgrenzungsmittel, um inmitten dieser Künstlichkeit etwas zu spüren, was als das wahre Leben gilt. Ein Protagonist hebt im Filmchen die Wichtigkeit des Springens hervor: auf Skiern, in der Hüpfburg. Springen als Mittel des konkreten Fühlens, der bewussten Körperlichkeit. Praktiker einer Geschäftsidee machen es möglich.

Andererseits: So simpel, wie Debord – und auch Adorno – sich im Wissen um das wahre Leben wähnten, ist es eben heute nicht mehr. Im Zeichen der totalen Unterdrückung, die – aber nur dann – als totale Freiheit erfahren wird, sind eindeutige Urteile nur noch unterm Signum der Ignoranz möglich.

Vielleicht sind heute die Gelbwesten das wahre Leben. Luxusgüter auf den Champs Elysées kaputthauen als Mittel des Sich-selbst-spürens. Ideologiefreie Zonen, die Unmittelbarkeit zählt. Diese Unmittelbarkeit hat etwas sehr sympathisches. Ferraris werden angezündet, Bullen verprügelt, man ist ganz bei sich. Wer kann das schon verurteilen? Oder eben Kümmerling kippen und Dirndls besteigen. Es ist egal. Vielleicht fährt so mancher Gelbwestler in den Weihnachtsferien nach Ischgl.

Machen wir also beides. Fahren wir am Wochenende nach Ischgl und zünden auf der Rückfahrt die Prinzregentenstraße in München an. Diese Unvorher- und Unkontrollierbarkeit ist vielleicht das probateste Mittel des Widerstandes. Überhaupt lustig: Diese Spießerwarnweste als Symbol der Auflehnung.

Natürlich stimmt man Debord zu. Die Bilder aus Ischgl als Verarmung, Unterjochung und Negation des wirklichen Lebens. Katastrophale Zustände. Die Entfremdung hat gesiegt, weil wir sie anstreben. Da das wirkliche Leben aber nur mit Zweifel zu haben ist, zweifeln wir auch an diesem unserem (H. Kohl) Urteil. Es geht nicht anders.

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