Bauen in Antwerpen und Bauen in Berlin

In Antwerpen wurde gerade ein Wohngebäude fertiggestellt, dessen Kaufbedingungen aufhorchen lassen: Kaufen darf dort nur, wer erstens bestimmte Einkommensschwellen nicht überschreitet und noch kein Wohneigentum besitzt. Das ist deshalb interessant, weil damit nur die Leute als Käufer infrage kommen, die dort auch tatsächlich wohnen.

So etwas wäre in Berlin und anderswo in Deutschland dringend nötig. Wohnungen nicht mehr als Betongold, sondern für etwas, was man in Berlin kaum noch kennt: Wohnungen bauen, um darin zu wohnen. Naturgemäß ist die Debatte hierzulande weit entfernt von diesem Niveau. Außer „mehr bauen“ fällt den Parteien im Wahlkampf – außer der Linkspartei – nichts ein. Es geht allen nur darum, die kapitalistische Verwertbarkeit des Bodens weiter zu erhöhen. Die Medien fallen als Korrektiv weitestgehend aus.

Was baut man derzeit in Berlin? Der Architekt Jürgen Mayer H. hat gerade eine Wohnanlage im Prenzlauer Berg zusammengestellt. Dicht, eng, wenige Balkons, klassische Arbeiterwohnungen für die ärmere Bevölkerungshälfte also. Die Ästhetik kann man ansprechend nennen oder einfach nur trendy. Eher rund als eckig, nichts, was interessant wäre. Man sieht weder Photovoltaik noch begrünte Dächer oder stattdessen ein Schwimmbad. Man sieht keine flexiblen Grundrisse. Man sieht dort nichts, was irgendwie nach ernsthafter Innovation, nach Ideen, nach Gedanken aussähe. Es ist nur Form. Mayer hatte auch schon gute Ideen, anderswo. Gibt man ihm ein Grundstück, auf das er Wohnungen stellen soll, also eine seriöse Bauaufgabe, fällt ihm nichts ein.

Mayer schreibt zu dem Bau:

Der Wohnkomplex fasst in jedem der Gebäude differenzierte Wohnungstypologien zusammen, die einer Segregation im Viertel entgegenwirken. 240 Einheiten mit 1-bis 5-Zimmer-Wohnungen richten sich an unterschiedliche Zielgruppen. Diese räumliche Konstellation ermöglicht die Bildung einer ausgewogenen sozialen Bewohnerstruktur aus Studenten, Familien, Singles, WGs und Rentnern.

Eine 5-Zimmer-Wohnung mit 133 Quadratmetern kostet 3.000 Euro warm an Monatsmiete. Das wirkt also der Segregation im Viertel nicht entegegen, sondern fördert sie. Daran ändern auch „differenzierte Wohnungstypologien“ nichts, was ohnehin nur bedeutet, dass es dort unterschiedlich große Wohnungen gibt. Die kleinsten sind übrigens nur 20 Quadratmeter groß. Die Miete liegt dann vermutlich bei 600 Euro.

Dichte und Lage weisen auf Arbeiterwohnungen hin. Die kapitalistischen Verhältnisse machen daraus eine Wohnung, bei der eine vierköpfige Familie 3.000 Euro für die Miete zahlen, also über ein Haushaltsnettoeinkommen von wenigstens 5.000 Euro verfügen muss. Mayers Geplapper erweist sich so schnell als falsch, dass man nicht weiß, ob man über seine Frechheit staunen soll oder über seine intellektuelle Unzulänglichkeit.

Bauherrin ist die Trei Real Estate, die Immobiliengesellschaft von Tengelmann.

Der Ausverkauf der Stadt geht munter voran und die bevorstehende Wahl zum Abgeordnetenhaus wird die Situation eher verschärfen. Die SPD-Kandidatin Giffey signalisiert Interesse an einer großen Koalition und will das Kapital weniger ärgern als die aktuelle Regierung. Giffey und Scholz  verstehen sich prima. Die Forderung nach „mehr bauen“ führt nur dazu, dass private Konzerne weiter zum Zug kommen. Nichts freut das Kapital mehr als die Forderung nach mehr bauen unter den gegebenen kapitalistischen Bedingungen. Es hat von Lindner bis Scholz seine Vertreter. Baerbock hat vor lauter nationalistischen Klimageschnatter sowieso den Kompass verloren.

Es läge an den ernsthaft linken Kräften in der Partei, diesen Weg zu boykottieren. Aber da ist wohl das Verlangen nach Pöstchen stärker. Man kann in diesem Land über Klima plappern und übers Gendern. Solange alles ungefähr und kapitalfreundlich bleibt, ist das kein Problem. Jeder Schritt raus aus dieser Sphäre ist verboten.

Nichts Neues also aus der Hauptstadt.

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Eine Antwort zu Bauen in Antwerpen und Bauen in Berlin

  1. Jakobiner schreibt:

    Ich bin auch Mal gespannt,wie sich die allgemein erhobene Forderung nach beschleunigten Genehmigungsverfahren und Entbürokratisierung von Mehr bauen dann auf den Wohnungsbau auswirkt.Bei den Infrastrukturprojekten , vor allem im Bereich der Energiewende mag das ja berechtigt sein,aber was ist dann in der Wohnungspolitik zu erwarten?Noch ungezügeltere Spekulationsmöglichkeiten für In nvestoren und Spekulanten?

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