Christoph Mäckler und die Ideologie

Ich halte ideologische Fragen in der Architektur, im Städtebau, aber auch in der Politik für völlig unangebracht.

sagte der Architekt Christoph Mäckler jüngst, wie man sagt, im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Wer ist Mäckler und was ist für ihn Ideologie? Im Folgenden mäandern wir ein wenig.

Christoph Mäckler ist ein arrivierter Architekt mit Büro in Frankfurt und hat schon viel gebaut. Darunter allerdings solch problematische Sachen wie 1994 das neokonservative Lindencorso in Berlin:

Es ist typische Stimmann-Architektur. Der Architekturkritiker Gerhard Matzig schrieb damals in der Süddeutschen Zeitung, das Lindencorso sei

von neuteutonischer Natur, die auch dem Führer gefallen hätte.

Das war vielleicht ein bisschen böse, aber nicht ganz falsch. Die Stimmann-Architektur hatte und hat eine gewisse Affinität zum deutschen Faschismus. Schon deshalb, weil man so zwanghaft zur steinernen Fassade zurückkehrte und alles andere verunmöglichte. Hans Stimmann – in den 90ern Staatssekretär für Stadtplanung – ist ein schönes Beispiel für die frühe Liaison von Sozialdemokratie und rechter Ideologie. Neoliberalismus und steinerne Fassaden. Dass die neoliberale Ideologie zeitgleich mit dieser restaurativen Architektur sich ausbreitete, ist kein Zufall.

Die Herrschaft tut heute gerne so, als habe es eine progressive Weiterentwicklung des deutschen Nationalismus gegeben: Wir sind jetzt ganz locker. Nö. Es ist heute noch interessant, sich die Diskussion in den 1990er Jahren zur Architektur in Berlin anzuschauen: Die Progressiven wurden ausgebootet, der Titel eines Arch+-Heftes war:

Von Berlin nach Neuteutonia

Vor dem Krieg stand an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden übrigens ein Historismus-Gebäude mit dem mondänen Café Bauer im Erdgeschoß:

Das Café rühmte sich damit, täglich 800 Tageszeitungen auszulegen. Kein Scherz. Man kann eine Ahnung davon bekommen, wie international Berlin damals war. In den 1960er Jahren baute die DDR das Lindencorso in zeitgemäßer Architektur wieder auf, es soll ein beliebter Treffpunkt gewesen sein. Da nachder Wende DDR-Architektur nicht nur bei stramm Rechten verhasst war, wurde das Corso 1993 abgerissen. Ein Jahr später begann Mäckler dort zu bauen. Das Gebäude beherbergt heute im Erdgeschoß einen VW-Händler und eine Restaurant-Kette. Darüber gibt es Büros, wo man für ein Acht-Quadratmeterbüro 799 Euro bezahlt. Immerhin warm.

Der Architekt Christoph Mäckler fungierte also an der angeblich wichtigsten Ecke Berlins als Reaktionär und Förderer neoliberaler Politik.

In gewisser Weise kann man an diesem Eckgrundstück Teile der reaktionären deutschen Geschichte ablesen. Immer obrigkeits- und kapitalaffin.

Zurück zur Ideologiefrage. Was für Mäckler Ideologie ist, kann kaum beantwortet werden, da in Mäcklers Kopf diesbezüglich Unklarheit herrscht. Im FR-Interview beklagt er sich über zu teures Wohnen in der Stadt Frankfurt, über zu viel „freien Markt“, über soziale Entmischung in vielen Vierteln, und er lobt indirekt die DDR-Verhältnisse:

Da wohnten der Professor der Charité und der Straßenbahnfahrer noch in einer Nachbarschaft.

So weit, so gut. Fragt man Mäckler aber konkret danach, was sich ändern müsste, kommt ein katastrophale Verwirrung der Begriffe zum Vorschein. Das Problem ist für Mäckler nicht das ausufernde Kapital, sondern:

Fatal ist auch, dass Stadtplanung und Architektur in der Ausbildung getrennt werden.

Und weiter zu den Ursachen der Gentrifizierung:

Weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können. Das ist ganz schlecht. Dahinter steht das grundsätzliche Problem, dass dem Städtebau in der Politik zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Das mag eine Rolle spielen, aber es ist letztlich egal. Unterm Kapital wird die Stadt verwertungsoptimiert, egal ob von Architekten oder von Stadtplanern. Es geht nicht um das Verhältnis von Städtebau und Architektur. Beide Felder werden vom Kapital totalitär in Beschlag genommen. Mäckler erkennt das Problem nicht einmal im Ansatz.

Wie kann ein prominenter Architekt im Alter von 70 Jahren nur so wenig Wissen mitbringen?

Noch absurder: Mäckler hält die Entwicklung des Westhafens in Frankfurt für vorbildlich – dort wurde ein ehemaliger Binnenhafen in ein Wohnviertel transformiert:

Man kann das Ergebnis in Teilen für gelungen halten, wobei die entmischte Nutzung offensichtlich ist: nur Wohnen, kein Arbeiten, kein Einkaufen, keine Kultur. Also letztlich Langeweile.

Doch davon abgesehen – Wie viel zahlt man im Westhafen fürs Wohnen? Für ein möbliertes Appartment mit 42 Quadratmetern läppische 1.500 Euro, für 22 Quadratmeter sind es nur noch 1.023 Euro. Es werden auffällig viele Wohnungen möbliert angeboten. Das ist für Mäckler also hervorragendes Wohnen.

Christoph Mäckler zeigt in dem FR-Interview unfreiwillig, woran es auch krankt: Wenn Architekten denken, ist das Ergebnis meist enttäuschend. Sie sind in weiten Teilen Büttel des Kapitals, wie wir alle. Frappierend allerdings, wenn das ein exponierter Vertreter der Branche so wenig Ahnung hat. Vielleicht überschätze ich aber generell den Bildungsstand der Menschen. Die Hinwendung zur Partei „Die Grünen“, die derzeit in Umfragen sichtbar wird, kann auch problematisch beurteilt werden. Die Berliner Grünen wollen die Möglichkeit des bundesweiten Mietendeckels. Habeck lehnt das ab. Eine Konkretisierung des grünen Wahlprogramms lehnte die Mehrheit der Delegierten vergangenes Wochenende beim Bundesparteitag ab: Vergesellschaftung hat bei den Grünen keine Chance. Eine zunehmend unangenehme Partei.

Der smarte Neoheld zeigt damit schon vor dem Wahltag sein wahres Gesicht: Plappern, aber bitte keine realen Veränderungen. Er war es auch, der ein Tempolimit auf Autobahnen zur unabdingbaren Voraussetzung für eine grüne Regierungsbeteiligung machte. Symbolpolitik, um die Massen zu beruhigen. Die Grünen werden die Besitzverhältnisse verfestigen, lediglich ihr Management aktualisieren, so scheint es. Die relativ linken Berliner Grünen werden das Feigenblatt sein.

Noch einmal zurück zu Christoph Mäckler: Seine Meinung, dass es nur um Kompetenzgerangel zwischen Architekten und Stadtplanern gehe, hängt damit zusammen: Ablenkung von den echten Problemen.

Vollends ernüchternd wird das Mäcklersche Denken bei der Frage, ob man Gebäude der 1960er und 1970er Jahre abreißen solle. In einer NDR-Reportage über brutalistische Architektur und Denkmalschutz sagt der, ähm, Experte:

Vieles würde man sehr gerne abreißen. In vieles würde man gerne eine Bombe reinwerfen. Weg damit, damit endlich Ruhe ist. Aber das regelt der Markt, ganz klar.

Wenn der Markt also Bomben werfen will, dann geht das in Ordnung. Nach all dem, was wir von Mäckler mittlerweile wissen, wundert es nicht mehr. Es ist reine Regression; als würde man Michael Wendler über Miles Davis befragen. Es ist vielleicht auch typisch deutsch: den gesunden Menschenverstand propagieren und als „normal“ verkaufen, ihn zur Norm erheben und dann munter das zerstören, was sich der Norm nicht fügt.

Was Mäckler nun unter Ideologie versteht, bleibt verschwommen. Vielleicht einfach alles, was ihm nicht passt.

(Fotos: Wikipedia und Wikipedia und Wikipedia )

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Berlin, Gentrifizierung, Neoliberalismus, Rechtsaußen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Christoph Mäckler und die Ideologie

  1. Jakobiner schreibt:

    Interessant ist auch,dass die Vorreiter der Ideologiekritik,dieFrankfurter Schule und Popper(Die Feinde der offenen Gesellschaft)sich gegenseitig verdächtigten Ideologen zu sein.Wobei Popper von Plato bis Marx zu Heidegger alles mit Ideologievorwurf versah.Popper sah Ideologie vor allem in Faschismus und Kommunismus,die Frankfurter Schule vor allem nur in bürgerlichen Ideologien,die gaschismusaffin wären.Im neoliberalen Zeitalter wird Ideologie vor allem als Vorwurf gegen links gebraucht.Dabei war Fukuyamas Ende der Geschichte neben Samuel Huntingtons Kampf der Kulturen die bestimmendsten Ideologiewerke der 90er.Danach kam ausser Heinrich Dietrichs „Sozialismus im 21.Jahrhundert“,Ray Kurzweil und Yuval Harris Homo Deus kein massenwirksames ideologischen Werk mehr raus.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, die Geschichte des Ideologiebegriffs ist in diesem Zusammenhang interessant. Mäckler gebraucht den Begriff rein populistisch: Eine Idee, ein Gedanke gefällt ihm nicht, also bezeichnet er das als Ideologie. So verwendete man den Begriff auch bis 1989, vor allem von konservativer Seite. So verwendet ist „Ideologie“ immer nur eine Entlastung der eigenen Position. Die muss icch nicht weiter erläutern, wenn ich dem Gegner starres, blockierendes Denken, Dogmatismus, Verblendung nd ähnliches vorwerfe. Ähnlich wurde wohl auch während der medialen Schlacht um die Agendapolitik verfahren. Man war Besitzstandswahrer und blockierte notwendige Reformen und Veränderungen.

    Man sollte auf den Begriff verzichten, denke ich. Er ist verbannt.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Andreas Scheuer verwahrt sich auch gegen Ideologen und Ideologien.Er selbst sei Pragmatiker und Macher.Innerhalb der Grünen hätte man ja auch den Streit zwischen Fundus und Realos,wobei letztere ersteren Ideologie undDogmatismus vorwarnen.Rausgekommen ist der antifaschistische Jugoslawien-Krieg und die neoliberale Agenda.Ganz ideologiefrei.

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