Von Stuttgartern, die gerne Schokoladeneis essen

Judith Sevinç Basad sagte vor einer Weile in der Phoenix Runde zum Thema Gendersprache:

Wenn Sie in einen Stuttgarter Kindergarten gehen und Sie sagen den Satz „Alle Stuttgarter essen gerne Schokoladeneis“, dann können Sie ein vierjähriges Kind fragen, wer ist damit gemeint? Sind damit nur Männer gemeint oder sind damit auch Frauen gemeint? Und schon kleine Kinder oder auch Menschen, die nach Deutschland gekommen sind und gerade Deutsch lernen, haben ein natürliches Sprachgefühl für das generische Maskulinum … Menschen verstehen intuitiv die Bedeutung des generischen Maskulinums.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin antwortete, dass die Forschung dem widerspreche. Und:

Vierjährige Kinder haben auch schon sehr viel Input bekommen. Das kann durchaus sein, dass Vierjährige gelernt haben, dass wir über Männer reden und andere mitmeinen. Das ändert aber nichts daran, dass wir über Männer reden und die andern nur mitmeinen. Ein natürliches Sprachgefühl ist das mit Sicherheit nicht.

Diese kleine Passage zeigt schön das Problem der Gendersternchenleute.

Das Unwichtige vorweg: Natürlich ist das kein „natürliches Sprachgefühl“, da liegt Basad falsch. Was sollte das sein? Sprache wird erlernt. Es ist ein sozialisiertes Sprachgefühl.

Davon abgesehen erzählt Basad ein selbstverständliches Allerweltsbeispiel, an dem man sieht: Sprache funktioniert. Man redet im generischen Maskulinum und nicht nur über Männer. Das Kind hat Input bekommen, und zwar den selbstverständlichen, dass Stuttgarter alle Menschen sind, die in Stuttgart wohnen. Das Kind hat keine Er-Endung und keine In-Endung im Kopf, sondern es weiß aus Erfahrung, was gemeint ist. So weit, so selbstverständlich und unproblematisch. Mit „Stuttgarter“ redet man über alle, die in Stuttgart wohnen und meint sie selbstverständlich auch.

Stefanowitsch will das nicht begreifen. Er behauptet allen Ernstes, man rede da über Männer – und nicht über Frauen. Man meine sie nur mit.

Für Stefanowitsch und Konsorten nochmal kurz zur Erklärung: Sprachpraxis ist Semantik. „Alle Stuttgarter“ meint zweifelsfrei alle Menschen, die in Stuttgart wohnen. Das weiß das vierjährige Kind, das weiß er und das wissen alle. Wenn etwas von allen gemeint wird, dann ist das exakt das, was gesagt wird. Es gibt hier keinen Unterschied zwischen dem Gemeinten und dem Gesagten. Stefanowitsch und Konsorten versuchen nun das, was prima funktionierte, zu entfunktionialisieren, indem er sich auf reine Grammatik zurückzieht und Semantik ignoriert. Grammatik aber ist nur Mittel zum Zweck. Es ist ein theoretisches Regelsystem, das in der Praxis angewendet wird. Auf dieser grammatikalischen Basis entsteht Semantik, zusammen mit unzähligen anderen Kontexten. Erst das Ergebnis ist Kommunikation, und zwar immer wieder veränderbare. Stefanowitsch und Konsorten wollen offenbar, dass die Semantik von „Stuttgarter“ sich ändert, sich wieder an der rein grammatikalischen Ebene orientiert. Warum? Vermutlich sind sie Wichtigtuer.

Es ist eine Derrida-geprägte Allmachtsphantasie, die da zum Vorschein kommt. Ich fühle mich den neoliberalen Verhältnissen machtlos ausgeliefert und erfinde ein Traumreich, in dem ich noch Macht ausüben kann. Es ist wohl auch, wie hier schon öfter thematisiert, eine typisch deutsche Herangehensweise an ein Phänomen. Es ist deutscher Idealismus in seiner übelsten Form.

Gendersternchenleute verstehen nicht, wie Sprache funktioniert. Sie haben einen fundamentalistischen Zugang zur Sprache und verhalten sich damit kaum anders als Taliban, wenn sie den Koran lesen.

Das reale Problem besteht vielmehr darin, dass Sprache gerade im Politischen permanent missbraucht wird. Man redet von Reform und meint Sozialabbau. Man redet von Altersvorsorge und meint zu schaffende Renditebereiche fürs Kapital. Man redet von Akzeptanz für Homosexuelle und meint damit Duldung fürs Nichtsichtbare. Die Grammatik ist hier einerlei. Solche Beispiele ließen sich viele finden. Es wären hervorragende Forschungsfelder für Stefanowitsch. Soziolinguistik nennt man das und bezeichnenderweise ist dieses Fach mit dem Aufkommen des Neoliberalismus an den Universitäten eingeschlafen. Noch bezeichnender: Mit dem Aufkommen des Neoliberalismus in der Gesellschaft endete nicht nur die Soziolinugistik, sondern die Gendersternchenleute begannen ihren Marsch durch die Institutionen.

Wie kommt ein Stefanowitsch mit solch einem peinlichen Verhältnis zur Sprache zu einem Lehrstuhl für Sprachwissenschaft? Vermutlich so, wie Neoliberale zu VWL-Lehrstühlen kommen.

Oder afghanische Taliban in die Regierung.

(Foto: genova 2011)

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25 Antworten zu Von Stuttgartern, die gerne Schokoladeneis essen

  1. Jakobiner schreibt:

    Am besten Baerbeck und Habock-aber auch das würde Diverses wieder unsichtbar machen und diskriminieren

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  2. Hugo schreibt:

    „Es ist ein sozialisiertes Sprachgefühl.“
    Richtig, und dem imaginären Kind im fünften Lebensalter, ob nu Bleichgsicht oder ned, sind die behaupteten („Alle…“) Eisvorlieben seiner Stuttgarter Miteinwohner*innen scheißegal, Priorität hat die Erfüllung des Wunsches nach Eis durch sein soziales Umfeld, behaupte ich. Was dem imaginären Kind im Jahr 5781, 2021, 1442 auch scheißegal sein sollte, ist, wie die Erwachsenenwelt es versuchen will, in geschlechtliche, ethnische usw. sozial konstruierte und durch veraltete Sprache wiedergegebene Rollenmodelle zu pressen, die schon in ihrer Kindheit scheiße waren. Und die Diskutantant*innen contra dem Gendern ohne Bevorzugung eines sich seit (vermutlich) der Seßhaftwerdung in den Vordergrund gedrängelten Geschlechts mögen bitte weder Kinder noch andere Menschen ned mit ihren immer bescheuerter werdenden Diskussionsbeiträgen nerven. Du @Genova findest doch den zeitgleich aufgekommenen Grundbesitz doof, also müsstes Du doch der Vorreiter (nicht bevorzugt gegendert, da auf EINE und als „Mann“ gelesene Person bezogen) der Sprachaktualisierung sein ;).

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  3. genova68 schreibt:

    Hallo, Hugo,
    wir drehen uns im Kreis. Du glaubst, dass sich Semantik nicht ändern ließe, ich glaube das Gegenteil. Das Kind dient als Beispiel, dass es die grammatisch männliche Endung ignoriert bzw. vernünftig interpretiert, nämlich so, wie gemeint. Bodenbesitzverhältnisse müssen geändert werden, weil sich sonst Ausbeutungsverhältnisse nichts ändern. Da ist nix mit Semantik.

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  4. nouseforislam schreibt:

    Stefanowitsch, auch so ein Idiot, der meint, weil er seinen Namen in Sternchenform pinkeln kann, wäre er ein Wissenschaftler.

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  5. Pingback: Von Stuttgartern, die gerne Schokoladeneis essen — Exportabel – Ollis Blog der Infamie

  6. genova68 schreibt:

    Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen, nouseforislam: Mit deinem menschenverachtenden Blog habe ich nichts zu tun. Verlinken kannst du natürlich, was du willst.

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  7. Hugo schreibt:

    Genova: „Du glaubst, dass sich Semantik nicht ändern ließe, ich glaube das Gegenteil.“
    Ned ganz richtig; ich habe bei mir empirisch festgestellt, daß ich sowohl durch das Stolpern über *:innen als auch über das selber Benutzen im Schriftlichen und tw. im Mündlichen (mensch statt man, Stuttgarter(Sprechpause)innen…) ned (hierarchisch) an Männer und die Anderen denke sondern an alle Protagonist*innen auf einer Ebene. Deine Version der Bedeutungserweiterung des Maskulinum würde für eine längere Zeit bedeuten müssen, daß am Anfang jedes Textes, der es ernst meint mit ebenjener Inklusion Aller, im Vorwort draufhingewiesen wird, daß selbstverständlich immer auch „Nichtmänner“ gleichgestellt mitgemeint sind.
    Meinetwegen können auch mehr oder minder bekannte als weiblich gelesene Personen fordern, als „DER Schriftsteller Nele P.“ oder „DER Ökonom Sarah W.“ betituliert zu werden, das allerdings finde ich albern, tue es aber respektieren…

    Und DAS arme vierjährige Kind wird halt heutzutage immernoch dahingehend gegängelt, sich spätestens mit Schuleintritt für Fremdinterpretation seines biologischen Geschlechts * entscheiden zu müssen und kriegt ne perverse Form der Diversität aufgedrückt, die bedeutet, daß es zwei Geschlechter mit jeweils zugeordneten Verhaltensweisen gibt und daran ned zu rütteln ist.
    *obs nun eindeutig ist oder im Kleinstkindalter an/wegoperiert

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  8. Jakobiner schreibt:

    Inzwischen gibt es da eine elegante Lösung.Rechtsanwaltskanzleien und etliche Firmen stellen juristischen und geschäftlichen Texten ein Vortext voran,in dem sie darauf hinweisen,dass alle maskulinen Neutrums im folgenden Text Gendergerechte als*innen gemeint sind,jedoch wegen der zu erwartenden Textlänge nicht ausgeschrieben werden.Ein Kompromiss,der praktikabel.ist.

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  9. genova68 schreibt:

    Danke für den Vermittlungsversuch, Jakobiner. Eingefleischte Sternchenfans werden das nicht akzeptieren, weil man dann beim Lesen trotzdem wieder nicht an die vielen Nichtmänner denkt und sie damit diskriminiert.

    Hugo,
    das vierjährige Kind bekommt alles mögliche aufgedrückt: die Klassenzugehörigkeit, ein ideologisches Wording, wonach wir nicht im Kapitalismus leben, sondern in der „Sozialen Marktwirtschaft“, das Kind bekommt narzisstische Eltern aufgedrückt und heutzutage haufenweise Egozentriker, die dem vierjährigen Kind erzählen, dass es ebenso egozentrisch und narzisstisch werden muss. Dem vierjährigen Kind wird aufgedrückt, dass es möglichst gleichzeitig Klavier und Englisch und. Joga lernen muss. Dem vierjährigen Kind wird eine sanft zerstörende Moral der vermeintlich Progressiven aufgedrückt, wonach das Kind frei handeln darf, aber die moralischen Folgen verantworten soll. Das vierjährige Kind liebt die Schokolade, die ein vierjähriges Kind in Westafrika geerntet hat. Das vierjährige Kind gerät nach und nach in den Bann einer neoliberal verseuchten Welt.

    Aber das vierjährige Kind hat mit 99,99prozentiger ein eindeutiges biologisches Geschlecht, Junge oder Mädchen. Falls es tatsächlich zu der winzigen Minderzeit der Zwitter gehört, sollte man ihm zeigen, dass das kein Problem ist. Und wenn das vierjährige Kind mit Puppen oder Autos spielen will, ist das auch alles ok. Und wenn das vierjährige Kind sich in ein paar Jahren fürs eigene Geschlecht interessieren wird, dann bekommt jeder, der darüber hänselt, eine aufs Maul.

    In keinem Fall bekommt ein vierjähriges Kind eine Fremdinterpretation seines biologischen Geschlechts aufgedrückt. Das ist eines der Märchen, die sogenannte Progressive heute gerne erzählen. Sonst nichts.

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  10. Hugo schreibt:

    Zumindest ist das Argument mit der Textlänge ziemlich schwach @*innen, des reißts nu weder bei juristischen noch verwaltungstechnischen Texten noch Firmen-PR raus, da ist genug Genauigkeit und/oder Geschwafel bei.
    @Kinder; die Reklame ist immernoch rosa vs. blau für Kinderkrimskrams und ich ordne des mit den Geschlechteridenditäten ned als Unterpunkt des pösen Neoliberalismus ein. So alles in einen Topp schmeißen und umrühren und von einem aufs andere schließen ist mir zu preiswert/einfältig/unterkomplex… ;) .

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  11. Hugo schreibt:

    https://taz.de/Gendern-als-Ausschlusskriterium/!5782080/
    Kurz von mir zusammengefasst will Dörte Stein nur in Stellenanzeigen „*innen“ weil Blinden solche ned „maschinell“ vorgelesen werden müssen. Oder so ähnlich…
    Und wenn ich das Türkisch-Argument gegen das diverse Gendern lese, weiß ich, daß die BenutzerInnen nix kapiert haben. Wenn ich in einer weitaus männerzentrierteren Nation als wie die deutsche lebe, brauchts halt die Erwähnung von Frauen eher ned, weil die kommen ja eh in der Öffentlichkeit ned vor, und wenn dann nur als Störenfriedas oder hübsches Beiwerk.

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  12. genova68 schreibt:

    Du hast die Grammatik der türkischen Sprache nicht verstanden. Es werden dort nicht Frauen nicht-erwähnt, sondern das Geschlecht spielt keine Rolle. So wie bei und „das Mitglied“. Türkisch scheint eine Avantgardesprache zu sein. Aber auch das ist eben nur symbolisch und hat mit sozialer und emanzipatorischer Politik nichts zu tun.

    Schön, dass so ein Text jetzt auch in der taz erscheinen kann.

    Diese drei Absätze finde ich besonders erwähnenswert:

    Es hat in der Geschichte sowohl fiktive als auch reale Versuche gegeben, Sprache von oben zu manipulieren, um dadurch Menschen zu beeinflussen und ihre Eigenständigkeit zu unterdrücken. Es verwundert, wie bedenkenlos sich angeblich progressive Institutionen hier einreihen.

    Der bürokratische Umgang mit der Sprache beim Thema Gendern erzeugt Unbehagen. Die Sprachentwicklung im Deutschen ist partizipativ, sie vollzieht sich unkontrolliert im lebendigen Dialog der Sprachgemeinschaft. Das ist ein hoher freiheitlicher Wert.

    Der Widerstand gegen das Gendern richtet sich gegen die aufgezwungene Sprachpolitik und ist nicht gleichzusetzen mit der Ablehnung von Diversität, Gleichstellung und Diskriminierungsfreiheit. Diese Werte sind mittlerweile über ein breites politisches Spektrum konsensfähig in einer aufgeklärten, egalitären Gesellschaft. Die Gender-Befürworter vertreten sie nicht exklusiv.

    Sprachveränderungen von oben sind hochproblematisch. Mir fällt da er antifaschistische Schutzwall ein. Das zeigt übrigens schön, wie Sprache funktioniert. Rein formal ist so ein Schutzwall etwas tolles. Man wird vor Faschismus beschützt. Die Semantik verkehrte sich aber direkt nach seiner Erfindung ins Gegenteil, weil die gesellschaftliche Realität diesbezüglich klar war.

    Genauso verhält es sich mit einem Begriff wie „Einwohner von Berlin“. Die Gendersternchenleute wollen ihn nun zwanghaft umdeuten (nur Männer sind gemeint), damit ihr Sprachgebot (Einwohner*innen) als notwendig erscheint. Sie ignorieren die gesellschaftliche Realität ähnlich wie das Ulbricht tat.

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  13. Hugo schreibt:

    „Der Widerstand gegen das Gendern richtet sich gegen die aufgezwungene Sprachpolitik und ist nicht gleichzusetzen mit der Ablehnung von Diversität, Gleichstellung und Diskriminierungsfreiheit.“
    Dazu Margarethe Stokowski (https://www.spiegel.de/kultur/gendersprache-und-vorstandsquoten-nichts-koennte-mir-egaler-sein-kolumne-a-6f2de6b0-31d2-4505-80b4-8dfd672b8afb):
    „Ja, es ist selbstverständlich auch Trotz, wenn ich sage, dass mich so etwas wie geschlechtergerechte Sprache im Moment vergleichsweise wenig interessiert, während Konservative und Rechte so darüber ausflippen. Aber das ist Trotz mit Recht. Inzwischen wäre ich sogar froh, wenn die Bundesregierung im Eilverfahren noch schnell vor der Sommerpause »Gendersprache« verbieten würde. Dann wäre diese elende Ablenkungsshow endlich vom Tisch.“
    Die Zweitzitierte ist da mit ihrem Senf zum Thema weitaus weniger Bubble als Dörte Stein, die wohl auf die Beteuerungen ihrer (männlichen) Blasenmitglieder, eigentlich de facto Feministen zu sein und der eine Ärzte-Song nur für andere Männerschweine gelten kann, immer und immerwieder reinfällt.

    @Türkisch; evtl. schwabbert mal ein Kommentar eines der Sprache mächtigen Menschen durch das I-Net, so als Phrase in den Raum geworfen ohne daß die*der Benutzer*in weitaus mehr Ahnung vom Türkischen wie Du und ich, ist halt mau…

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  14. genova68 schreibt:

    Dann wäre diese elende Ablenkungsshow endlich vom Tisch.

    Wenn mich Leute zwingen wollen, in jedem gesprochenen und geschriebenen Satz zu überlegen, wo und wie ich das Sternchen unterbringen muss, dann ist der Widerstand dagegen keine Ablenkungsshow. Und von Zwang würde ich schon sprechen, denn wenn ich das nicht mache, diskriminiere ich. Und das kann heutzutage nicht folgenlos bleiben.

    Was hälst du, Hugo, eigentlich davon, wenn im englischsprachigen Raum man nur noch nach dem Waiter ruft und Schauspielerinnen sich actor nennen? Wenn es dort als diskriminierend gilt, die weibliche Form noch zu nennen? Also genau das, was ich für richtig halte? Das müsste dir doch ein Graus sein, oder?

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  15. genova68 schreibt:

    Dieser Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch argumentiert auch an anderer Stelle unangenehm unwissenschaftlich. Auf die Frage des Bayrischen Rundfunks, wie man die Akzeptanz fürs Gendern (derzeit gering) erhöhen könne, antwortet er:

    Ich glaube, es geht erstmal gar nicht unbedingt darum, die Zustimmung der Bevölkerung zu kriegen, sondern darum, überhaupt erstmal ein Wissen zu verankern, worum es hier geht. Dafür ist ganz viel Bildungsarbeit nötig, ganz viel Aufklärungsarbeit und auch ganz viel Diskussion.

    Wer nicht gendern will, ist ungebildet, unaufgeklärt und braucht pausenlos Diskussionen. Anders begreift es der Pöbel halt nicht. Genauer: Die Bevölkerung ist so lange ungebildet und unaufgeklärt, bis sie die Meinung von Stefanowitsch vertritt. Stefanowitsch kommt gar nicht in den Sinn, dass eine andere Meinung als seine in Ordnung sein könnte.

    Auf die Frage, ob gendern spaltet:

    wenn der Preis dafür, dass man Spaltung vermeidet, ist, dass man denjenigen, die sich einer Menschengruppe gegenüber feindselig verhalten nach dem Mund redet, dann ist dieser Preis zu hoch, glaube ich. Wenn wir nach wir vor so tun, als ob die Welt nur aus Männern bestünde, dann ist dieser Preis zu hoch. Dann müssen wir vielleicht durch eine Periode der Spaltung durch, um einfach mal auszudiskutieren, was hier auszudiskutieren ist.

    Wer nicht gendert, verhält sich manchen „Gruppen“ gegenüber feindselig, Punkt. Dann müssen wir eben spalten, bis wir gewonnen haben. Es ist ein totalitärer Ansatz, der vielleicht im Ökonomischen einen Sinn hat, bei der Sprache nicht.

    Auf die Frage, ob Gendern unästhetisch sei:

    Ästhetik ist Privatsache. Und was man schön findet und was nicht, das kann man selber kaum steuern.

    Wenn Ästhetik Privatsache wäre, könnte man sie auch privat steuern. Wenn man das nicht kann, ist sie keine Privatsache. Ästhetik ist natürlich keine Privatsache, sondern gesellschaftlich formiert.

    Stefanowitsch hat ein Buch geschrieben: „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“

    Er verpackt sein Problem direkt in den Titel: Wer gendert, handelt moralisch, wer es nicht tut, handelt unmoralisch. Es ist eine Variante des Tugendterrors, der hier auch noch ganz unverblümt zum Ausdruck kommt. Man wähnt sich mit seiner Banalität im Reich des Besseren, des Gerechteren.

    Eigentlich zum Lachen.

    https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/meinungsumfragen-zum-thema-gendern-extreme-positionen-anatol-atefanowitsch-100.html

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  16. Jakobiner schreibt:

    Im Falle handschriftlichen Schreibens und Sprechens mag das Gendern umständlich sein,aber im Falle computergeschriebener Texte wohl nicht,denn dafür könnte man ein entsprechendes Schreibprogramm und Autokorrektursoftware entwickeln,vielleicht sogar einen Algorithmus Aber insgesamt bleibt es auch ein praktisches Problem,vor allem beim Sprechen,zumal heute kaum mehr jemand mit der Hand schreibt.

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  17. genova68 schreibt:

    Danke für deinen freundlichen Vermittlungsversuch, Jakobiner :-)

    Irgendwie fällt mir gerade das hier ein: Es geht ja im Grunde immer um fehlende Freiheit in der verwalteten Welt. Das Korsett der Regularien wird immer enger, natürlich immer aus Vernunftsgründen heraus. Interessant sind die Motorradfahrer, die unbedingt mit laut knatterndem Auspuff unterwegs sein wollen. Das ist natürlich asozial und das wissen die auch. Aber sie haben einen regressiven Freiheitsbegriff verinnerlicht. Entfremdete Arbeit und entfremdete Beziehungen und dann die Freude auf den Samstag, wo man seine vermeintliche Freiheit ausleben kann. Wird einem die genommen, wird man asozial.

    Man könnte nun sagen, die Gendersprachverweigerer sind die Regressiven, die ihr Korsett noch weiter zugeschnürt sehen. Möglich. Vielleicht wird aber eher umgekehrt ein Schuh daraus: Die Flucht in Sprachveränderungen zeugen von einer (angeblichen) Unmöglichkeit, reale Verhältnisse zu verändern. Dringend notwendige grundsätzliche Kapitalismuskritik ist mittlerweile verebbt, die Beschäftigung damit nach der Finanzkrise 2008 findet nicht mehr statt. Stattdessen gibt es eine in Teilen infantile Linke, die sich rein in der Form ergeht.

    Und:
    Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, dann bestimmen die gesellschaftlichen Verhältnisse die Sprache, genauer: die Semantik. Laut der Gendersternchenleute bestimmt aber die Sprache das Bewusstsein.

    Schon Marx wusste also, dass das Gendersternchen Quark ist.

    Nur mal so dahingeschrieben.

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  18. Jakobiner schreibt:

    Ja mit der regressiven Freiheit ,da ist schon was dran.Nimm den Gartenzwerg und der Wutbuerher wird radikal und asozial.

    Inzwischen reicht LGBTQ nicht mehr aus.Neuer Terminus ist nun LGBTQQIP2S AA.,da nun auch Wüsteninger identities,Untersexuelle,Pansrxuelle,Twospirits,Sexuelle und Androgene einbezogen werden.Mal sehen,ob sich dieser Sprachbandwurm noch weiter auswaechst und mutiert.

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  19. Jakobiners schreibt:

    Korrektur QIP2SAA steht für Questiong identities,Intersexuelle, Pansexuelle,2spirits,Asexuelle und Androgyne

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  20. Jakobiner schreibt:

    Wenn man einmal anfängt mit dem Gendern gibt es kein „genug“,sondern zerlegt alle Grammatik und Gesellschaft in immer weitere Subgruppen,die auch noch speziell berücksichtigt werden müssen.Das ist wie die Kernspaltung ,die eine immer weitergehende Kettenreaktion auslöst.Also die Frage,obb man das gleich lässt oder aber im praktischen Sprachensinne versucht einzugrenzen.Zwar mag die Zahl der sexuellen Orientierungen begrenzt oder begrenzt kombinierbar sein,aber es ergibt sich eine grosse Menge,zumal ja da jeder subjektiv Berufene auf ein neu zu schaffendes objektives Kriterium zu konstruieren weiss,während unsere postkoloniale,postmodernen Dekonstruktisten dafür wieder wichtige gesellschaftliche Diskriminierungs-und Freiheitserfahrungen in Anspruch nehmen wird.A never ending Story.Vielleicht sollte man es statt sprachlicher Kernspaltung,mehr mit sprachlicher Kernfusion halten

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  21. genova68 schreibt:

    lol

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  22. Jakobiner schreibt:

    ???

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  23. Jakobiner schreibt:

    Die Berliner Grünen und ihre Kandidaten Jarrasch nehmen sich jetzt scheinbar ernsthaft desWohnungsbauproblems an.Gefordert wird jetzt eine Mieterschutzregelung,wonach nach dem Vorbild Wiens 50Prozent der zukünftigen Wohnungen gemeinwohlorientiert sein sollen.Bleibt zu hoffen,dass die Bundesgrünen da mitziehen.Aber ist Berlin Deutschland?

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  24. genova68 schreibt:

    Ja, das ein interessanter Vorschlag. Man kann den Berliner Grünen attestieren, dass sie ein ernsthaftes Interesse an der Lösung des Problems Gentrifizierung haben. Allerdings machen die Bundesgrünen nicht mit. Auf dem Bundesparteitag kürzlich wurden entsprechende Vorschläge abgewiesen, die Neoliberalen haben sich durchgesetzt. Baerbock und Habeck sind konservativ, außer Klima gibt es kein Thema. In Berlin wäre die Fortsetzung von rrg das sinnvollste, aber die unsägliche Giffey will mit der CDU koalieren. Die wirkt wie von der INSM bezahlt. Wundern würde es nicht.

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  25. Jakobiner schreibt:

    Bei CDu und FDP ist klar,wo die hinwollen.Giffey schlägt einen Runden Tisch zwischen Immobilienbesitzern und Mieterverbänden vor nach Vorbild des Runden Tisches Hamburgs.In Hamburg sollen wegen des Runden Tisches mehr Neuwohnungen pro Kopf gebaut worden sein als in Berlin Bisher,fragt sich,ob das im Falle des Grünen Mieterschutzschirms auch noch so wäre

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