Über Schichtholz und das Monster Lissabon

Holz als Schichtung ist ein interessantes Phänomen: Man schneidet Billigholz in sehr dünne Scheiben oder Späne und klebt sie dann zusammen. Der Blick auf Schichtholz suggeriert Authentizität. Er erinnert an Jahresringe von Bäumen, die die geradezu voyeuristische Eigenschaft haben, ins tiefste Innere von Etwas, in seine umfassende und bis zur Geburt zurückgehende Geschichte blicken zu können, mit allen Ungereimtheiten und grauen Phasen und schwarzen Löchern, die gemeinhin bedeckt bleiben. Schichtholz als ein lebenslänglicher Pornofilm mit willigen Akteuren.

Beim Schichtholz ist alles fake und es passt somit gut in eine Zeit, in der wir übers verlängerte Wochenende nach Lissabon fliegen, uns dort in eine Altbauwohnung im Altstadtviertel Alfama einmieten und tatsächlich glauben, dass wir nur mittendrin sind. In Wahrheit blicken wir nur auf den Querschnitt eines Schichtholzes. Und sind damit zufrieden. So genau wollen wir es gar nicht wissen.

Dieser Vergleich hinkt spätestens dann, wenn wir zwar das Schichtholz getrost für billige Möbel oder Lattenroste verwenden können, die Alfama hingegen durch die aufs vermeintlich Authentische Blickenden zerstört wird.

60 Prozent der Alfamawohnungen sind Ferienwohnungen, die Wohnungsnot in Lissabon ist seit Ewigkeiten groß. Der Prozess der Kapitalisierung populärer Städte hat durch Corona eine Zwangsatempause eingelegt, er wird voranschreiten. Die Bilder von besser gestellten und grün wählenden Familien, die in der Alfama umherspazieren und glauben, sie betrieben sanften Tourismus, brennen sich ein.

„Lissabon hat sich in ein Monster verwandelt“, sagt der Stadtgeograf Luis Mendes. Seine Erzählung ähnelt denen über ähnlich sozialisierte Berlin-Touristen, die unbedingt eine Ferienwohnung, wie man das verharmlosend nennt, in einem Altbau in Friedrichshain beziehen wollen, weil sie dann „mittendrin“ sind. Sie sind es, die das Mittendrin zerstören. Es ist diese absurde Jagd aufs Authentische, von dem man nicht einmal weiß, was es ist, und dessen Prämissen man insgeheim ablehnt. Es ist die Jagd mit dem unabdingbaren Willen, zu zerstören, eher unterbewusst als bewusst. Es ist, so meine tiefenpsychologische These, der unbedingte Wille, das vermeintliche Paradies zu ruinieren, weil man es nicht besitzen kann. Weil man ahnt, dass es zu spät ist.

Es zeigt jedenfalls das komplette Desinteresse vermeintlich Aufgeklärter am Phänomen Stadt.

Ein Hoch auf die, die nach Benidorm reisen. Oder zuhause mit ihren Schichtzholzbilligmöbeln leben.

(Foto: genova 2021)

Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Berlin, Gentrifizierung, Gesellschaft abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Über Schichtholz und das Monster Lissabon

  1. kormoranflug schreibt:

    Wir Touristen zerstören dir wirkliche Welt. Trotzdem wünschen sich EinwohnerTouristen als Einnahmequelle. Die frühere vorhandene Struktur ist bereits aus dem Gleichgewicht

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  2. genova68 schreibt:

    Wer sind denn „die Einwohner“? Die Besitzer von Wohnungen, die zu Ferienwohnungen umfunktioniert werden, wünschen sich das. Die, die eine Wohnung suchen, nicht. Es geht aber nicht gegen Touristen. Die könnten ja einfach in Hotels gehen.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Geformtes Schichtholz („molded plywood“) ist eine ganz wunderbare Sache, wie das Ehepaar Eames herausgefunden hat. https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_and_Ray_Eames

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  4. altautonomer schreibt:

    Es gibt durchaus immer wieder Auswüchse im sogenannten Individualtourismus als Vorläufer des Massentourismus:
    https://tinyurl.com/336nu62n

    Ein architektonisches Negativbeispiel ist auch die Getreidegasse der Altstadt von Salzburg, in der Besucher mit alten Original-Fassaden über die wirkliche Bausubstanz getäuscht werden.
    Gerade diese miteinander verbundenen Häuser haben die städtebauliche Charakteristik Salzburgs entscheidend geprägt. Die bis zu 750 Jahre alten Bürgerhäuser wurden entkernt und zu Geschäftsräumen umfunktioniert – alleine von 1960 bis 1980 wurden angeblich ca. 700 Altbauwohnungen in gewerblich genutzte Räume umgewandelt – und dies äußert lukrativ, wie vermutet werden darf. Ein verschärftes Altstadterhaltungsgesetz versucht dieses Handeln einzudämmen.

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  5. dame.von.welt schreibt:

    Ergänzend zu Hannes Wurst: der „lebenslängliche Pornofilm mit willigen Akteuren“ ist wesentlich stabiler als die gleiche Stärke Massivholz. Die einzelnen Funierschichten werden jeweils um 90° gedreht aufeinander verleimt, damit minimiert sich der Verzug. „Alles fake“ wäre, um in Ihrem Lissabon-Vergleich zu bleiben, wenn auf die gestreiften Schnittkanten auch noch Funier geleimt und so getan wird, als wäre das Resultat ein Massivholzbrett.

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  6. genova68 schreibt:

    Danke für den Hinweis auf meinen gefaketen Fake-Vergleich. Das ist wohl so. Ich meinte, dass vermutlich viel das Schichtholz nicht als Schichtungen sehen, sondern als etwas aus einem Guss. Ich merke aber beim Zweitlesen meines Artikels, dass das Schichtholz schlechter wegkommt als von mir beabsichtigt. Es sollte eigentlich ein Schichtholzlobaritikel werden. Das kommt davon, wenn man beim Beginn des Schreibens noch nicht weiß, wie das Artikelende aussehen wird.

    altautonomer,
    danke für den Hinweis auf Salburg. Dort kenne ich mich überhaupt nicht aus, nicht einmal die Autobiographie von Bernhard hat mir die Stadt nähergebracht. Die Getreidegasse und ihre Problematik hört sich für mich so an, dass man sich damit näher beschäftigen könnte.

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  7. eimaeckel schreibt:

    Gut ausgedrückt, das Unwohlsein am Kulturtourismus. Mich beschlich, als ich noch Städtereisen in Europa machte, irgendwann das Gefühl, dass ich nichts anderes mache, als durch den Prenzlauer Berg zu flanieren. Überall die gleichen Cafés, die gleichen Geschäfte und die gleichen Touristen. Seither findet Urlaub meist auf dem Land statt, auch wegen der Hitze und der Kinder.

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  8. genova68 schreibt:

    Mich beschlich dieses Gefühl zum ersten Mal vor 15 Jahren in Barcelona. Aber man kann ja auch Urlaub in Terni machen :-)

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