Architektur und Alltag 19

Zeitstillstände haben den Vorteil, dass ein bestimmter Moment in der Geschichte eingefroren wird und man ihn Jahrhunderte später noch ungestört betrachten kann – betrachten, da sich ein Stillstand immer visuell darstellt. Die obige Kirche heißt Pfarrkirche St. Xaver, steht in Leoben in der sympathischen Steiermark und wurde 1660 bis 1665 vom Jesuitenorden gebaut. Gute 100 Jahre später schwächelte der Orden erheblich und die Kirche stand leer. Dann übernahm eine katholische Stadtpfarrei den Kasten. Erst hatte man im kleinen Leoben kein Geld für Modernisierungen, schließlich schwächelte auch der Katholizismus. Ergebnis: Die Kirche steht innen und außen exakt so da, wie sie 1665 auch schon dastand.

Wir konzentrieren uns im Folgenden auf das Äußere.

Ich hätte 1660 im katholischen Österreich eine Fassade vermutet, die eher dem entspricht, was man landläufig unter „barock“ versteht: dynamischer, kurviger und vor allem schwelgender. Wir sind ja weder in Norddeutschland noch in Frankreich. Ein paar hundert Kilometer weiter südlich, in Rom, war 1660 der Barock schon in seiner Hochphase angelangt und nur noch dynamisch und kurvig und vor allem schwelgend. Um 1590 begann dort der Frühbarock, der sich zaghaft aus der Renaissance entwickelte. Michelangelo war mit seiner Peterskirche sogar noch früher dran. (Dieses isolierte Vorpreschen rechtfertigt seinen legendären Ruf). Die Leoben-Kirche dagegen erinnert noch 60, 70 Jahre später an die formalen Vorgaben der Renaissance.

Wir sehen einen bescheidenen Sockel mit vier Stockwerken darauf. Der erste Stock verfügt über hohe Rundbogenfenster, der zweite über nicht mehr so hohe Zweiflügelfenster mit Sprossen, darüber ein Stockwerk mit kleinen liegenden Ovalfenstern, dann wieder eine Etage mit Rundbogenfenstern, jetzt mit überbreiten Fensterbänken. Darüber thront eine Art Satteldachspeicher mit einem Ovalfenster. Jedes Stockwerk hat seine ganz eigene strenge Geometrie.

Die Fassade erinnert an ein streng entworfenes Spielbrett. Eben mehr an Renaissance als an Barock.

Einzig die zweiflügelige (aber eben doch sehr bescheidene) Treppe, der leicht aufgemotzte Eingang mit dem darüberliegenden Emblem und die zwei symmetrischen Türme lassen den Barock ahnen. Das Emblem wirkt angeklatscht.

Überhaupt sind die herrschenden architekturhistorischen Einteilungen bei näherer Beschäftigung problematisch. Der Mensch ordnet gerne und packt die herumliegenden Sachen in Schubladen, weil es dann ordentlicher aussieht. Auch wenn es deshalb nicht ordentlicher ist. Ist diese 60 Jahre nach dem offiziellen Beginn des Barock entstandene Fassade in Leoben eine barocke, weil sie eben genau dann entstanden ist? Und sind die Treppe und das Emblem und die merkwürdige Andeutung von Zwiebeltürmen Grund genug, um von einer barocken Kirche zu sprechen, wenn sie doch grundlegende Renaissancearchitekturmerkmale aufweist?

Unter „Barock“ wird architekturhistorisch eine solch enorme Bandbreite an Unterstilen zusammengefasst, dass die Bezeichnung nur bedingt etwas aussagt. Architektur der Spätrenaissance, also manieristische Architektur, weist gewöhnlich mehr barocke Merkmale auf als die angeblich barocke Kirche in Leoben.

Ein weiteres Beispiel, das diese Problematik zeigt: Der Salzburger Dom – also in der Nähe – wurde schon rund 50 Jahre vor der Kirche in Leoben fertiggestellt und eindeutig barock im eigentlichen Sinn gestaltet. Das früher entstandene Bauwerk entsprach also architekturhistorisch einer späteren Entwicklung als die Kirche in Sankt Leoben. Man könnte vermuten, es handelt sich hier weniger um die bloße räumliche Distanz von der Barockgeburtsstadt Rom, sondern um die zeitliche Verzögerung von Neuerungen, bis sie in der Provinz ankommen. So wie man heute noch in der Altmark mit Internetgeschwindigkeiten arbeitet, bei denen sich Bilder im Minutentakt aufbauen. Aber auch dieser Vergleich ist böse, denn vielleicht mögen die Altmärker ja das langsame Internet, weil es mehr Zeit zum Denken lässt als das schnelle Metropoleninternet. Und vielleicht haben sich die Architekten der Leobenkirche ganz bewusst nicht an die aktuellen Vorbilder in Rom und Salzburg gehalten und waren stolz auf ihre vermeintlich rückständige Fassade, die der rationalen Renaissance mit ihrem emanzipatorischen Anspruch mehr Geltung ließ als der blöde Barock.

Seien wir architekturhistorisch Papst Clemens XIV. dankbar, dass er die Jesuiten 1773 verbot. Wäre das nicht passiert, wäre der der ästhetischen Protzerei nicht abgeneigte Orden früher oder später der Versuchung erlegen, die Kirche in Leoben, Bernini und Borromini folgend, hochbarock umzugestalten, so dynamisch und kurvig und vor allem schwelgend, dass uns heute noch schwindlig würde. Das wäre vielleicht auch ganz schön, aber der frühbarocke – oder eben Renaissancezustand mit wenigen barocken Elementen – wäre für immer verloren gewesen.

Es ist, soweit ich das beurteilen kann, ein seltenes Kleinod, das da in Leoben in der sympathischen Steiermark weitgehend unbeobachtet herumsteht.

(Foto: genova 2019)

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2 Antworten zu Architektur und Alltag 19

  1. eimaeckel schreibt:

    Da schwelgt aber einer in der Rationalität. Schöner Beitrag, ☺️

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  2. genova68 schreibt:

    Aus zeitlich entfernter Sicht ist Barockarchitektur natürlich angenehm, so wie alles, was alt ist. Bedenkt man die zeitlichen Umstände, wird es kritisch. In der deutschen Hochzeit des Barock war die Realität der 30-jährige Krieg. Barock als Zeichen der Gegenreformation und dann kam die totale Verwüstung des Landes. Da kann man ins Grübeln kommen.

    Der Architekt als Stukkateur

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