Eisenerz und Eisenerz

Eisenerz ist nicht nur Eisenerz, sondern auch der Name einer kleinen, merkwürdigen und höchst sehenswerten Stadt mitten in Österreich. Es sind zwei Kennzahlen, die bei aufmerksamen Suchenden Aufmerksamkeit erregen: Erstens hatte Eisenerz im Jahr 1950 noch 13.000 Einwohner, 2020 nur noch 3.800. Zweitens kam die Kommunistische Partei Österreichs, die KPÖ, bei der Gemeinderatswahl 2015 auf runde 20 Prozent. Genug Gründe, um sich in der nördlichen Steiermark umzuschauen.

Beides hat mit diesem Berg zu tun:

Ein geradezu obszön entkleideter oder, schlimmer noch, ein geschundener, malträtierter, misshandelter, seiner Würde beraubter Berg. Ihm wurden viele hunderte Jahre lang die Haut abgezogen und das Fleisch herausgeschnitten. Er liegt nicht etwa versteckt in einem Seitental, sondern direkt vor den Augen der Eisenerzer und Eisenerzerinnen und Eisenerzer:innen. Der Berg empfindet also seit Jahrhunderten Scham und die Menschen in Eisenerz schauen seit Jahrhunderten auf den Berg, dessen Scham sich dadurch noch verstärkt. Die Menschen wurden vom Berg so in den Bann gezogen, dass sie den ganzen Ort von vormals Innerberg nach dem Material benannten, den sie aus dem Berg schaufelten: Eisenerz. Der Berg heißt Erzberg, wie auch sonst. Konsequenter wäre noch „Eisenerzberg“. Der Ort könnte also „Eisenerz am Eisenerzberg“ heißen.

Warum man den Ort nach dem Material benannte, ist mir unklar. Vielleicht war es ein frühes Branding. Vielleicht wird Mountain View einmal in Google umbenannt.

Der Erzberg rächte sich, doch dazu später.

Schon im 13. Jahrhundert grub man nach Eisenerz. Im 15. Jahrhundert bekam Eisenerz Marktrechte und zur selben Zeit wurden 20 Prozent des in Europa geförderten Eisenerzes in Eisenerz gefördert. Eisenerz war damals für Eisenerz so etwas wie heute das Silicon Valley für das Smartphone. Oder vielleicht eher wie chinesische Sweatshops fürs Smartphone. Wobei die Eisenerzer damals zu Wohlstand kamen, die chinesischen Sweatshopinsassen nicht.

Mitten im Ort steht heute noch der Schwarze Hof, das war das Herrenhaus eines Radwerks, das nicht mehr existiert. Radwerke waren die Vorläufer der Hochöfen, also waren das in Eisenerz die wichtigsten Maschinen überhaupt, vergleichbar mit heutigen Serverfarmen. Brennt eine Serverfarm, bekommt das Internet Löcher. Brannte ein Radwerk, musste man den Berg in Ruhe lassen, was gut für den Berg, aber schlecht fürs Geschäft der Eisenerzer war.

Der Schwarze Hof hatte früher also eine ähnliche Funktion wie heute die Skyscraper der Banken in Frankfurt. Er sieht jetzt so aus:

Ein bisschen traurig also und das ist symptomatisch für den Ort. Denn den kleinen Ortskern hat man nett herausgeputzt, wie man sagt. Der viel größere andere Teil des Ortes steht leer oder ist seiner Funktion beraubt wie der stillgelegte Bahnhof:

Ganze Siedlungen stehen leer. Bedenkt man den erwähnten Einwohnerrückgang und die Tatsache, dass der Ortskern noch relativ belebt scheint, dann dürfte ein Mehrheit der Gebäude leerstehen. Es gibt schöne Beispiele früher Arbeitersiedlungen, aus Holz, mit Schieferplatten verkleidet, mit mächtigen Risaliten, daneben auch kleine Einfamilienhäuser:

Schön ist außerdem die Verbindung von Arbeitersiedlung und Bauernhof:

Offenbar sollte man am Erzberg Eisenerz abbauen und am Abend nach den Kühen schauen und sie melken. Oder es lief in Arbeitsteilung. Es ist eine merkwürdige Anrichtung auf dem Bild und es wäre schön, darüber mehr zu wissen. Leider ist weit und breit niemand, den man fragen könnte. Andererseits liegt das auch an der zu kurzen Dauer meines Aufenthalts, denn es gibt ein Heimatmuseum in Eisenerz, in dem man sich kundig machen kann.

Selbst im Altenheim herrscht Leerstand:

Die noch bewohnten Häuser verwundern; zumindest einen Städter, der die Alpen gemeinhin mit Tourismus und einem sichtbaren Wohlstand verbindet. Kommt man von Deutschland, fährt man stundenlang durch kaum bewohnte Gebiete mit viel Grün. Der Ort passt, so könnte man meinen, nicht in die Landschaft, sondern eher ins Ruhrgebiet:

In Wahrheit sind Bergbau und Hüttenwerke bis weit in unser Jahrhundert in den Alpen der Mainstream gewesen. Das waren die reichen Orte und die Orte, die wir heute als reich kennen, waren die armen. Eisenerz war reich bis in die 1970er Jahre. Im Dritten Reich kam rund 25 Prozent der Eisenerzproduktion des Reiches aus Eisenerz.

Es ist ein angenehmer Ort. Man sieht überall Skurriles, Überwachsenes, Entblößtes und vermutlich gibt es nirgendwo im ländlichen Österreich weniger Kitsch als in Eisenerz. In den verlassenen Arbeitersiedlungen gab es den vielleicht früher, aber er wurde mitgenommen oder abgeräumt. Mittags und später dann wieder Abends sitzt man in der Wirtschaft, wo der Stammtisch Kette raucht und man isst ein Wiener Schnitzel und eine Blutwurst und eine Eierspeise. Die Preise sind vor ein paar Jahrzehnten stehengeblieben und die Einrichtung hat einen aufklärerischen Aspekt: In den 1970er Jahren gab es nicht nur das Design, das man heute in den bekannten Retrodesignläden in den Metropolen findet.

Für eine Tankstelle gibt es nicht mehr genug Autos, und ob die aufgerissene Straße noch einmal geteert wird, ist für den Reisenden ungewiss.

Das jüngste Gebäude, das ich fand, war das der Polizei:

In den 1970ern ganz schick hingestellt. Mittlerweile haben die Polizisten wohl wenig zu tun, oder das Revier wurde flächenmäßig vergrößert, so dass sie den ganzen Tag in ihren Autos durch die schöne Landschaft fahren können.

Bemerkenswert: Die Eisenerzer widerstanden bislang der Versuchung, das zu machen, was Österreicher in Massen machen: Faschisten wählen. Es gibt anderswo Städte mit Wohlstand und FPÖ-Bürgermeistern, in Eisenerz nicht.

Seit einigen Jahren versucht man es mit Tourismus, mit Mountainbike fahren und wandern. Das versuchen alle abgehängten Regionen, insofern dürfte man da nicht viel holen. Vielleicht sollte man die Zustände nutzen: Ein paar Siedlungen wieder herrichten und Massen mit günstigen Preisen anziehen. Fußballturniere veranstalten und Erzbergbegehungen, abends Disco im Mondschein. Was auch immer, man müsste die Geschichte und damit das Potenzial von Eisenerz nutzen. Oder eine Sommerfrische für Berliner einrichten, die dann für die schönsten Wochen des Jahres der unerbittlichen Kapitallogik ihrer einst coolen Stadt entfliehen und sich erholen können.

Nicht kapitalistisch verwertbare Räume sind leider die, für die sich kaum jemand interessiert. Wäre der Mensch nicht dressiert, wäre es anders.

(Fotos: genova 2019 und wikipedia1 und wikipedia2)

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8 Antworten zu Eisenerz und Eisenerz

  1. Jakobiner schreibt:

    Klasse Text.Lebt da jemand?Auf keinem Foto ein Mensch zu sehen-ausser HC Strache auf dem Plakat.Wirkt eher wie eine tote Geisterstadt oder nach einer Pandemie.

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  2. genova68 schreibt:

    Da wohnen schon noch 3.800 Menschen. Die meisten wohnen wohl im Zentrum, das ist ganz nett herausgeputzt. Das habe ich aber hier nicht visualisiert, denn das hätte schlecht in meine Erzählung gepasst.

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  3. eimaeckel schreibt:

    Das bleibt übrig, wenn der Kapitalismus weiter zieht: Ein Berg, der sich schämt (und errötet). Schönes Bild und starke Bilder. Oder umgekehrt.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Und der Berg kreiste und gebar eine Maus.wahrscheinlich sehen viele deutsche Bergbaustätte ähnlich aus.Vor allem jene,die den sogenannten Strukturwandel nicht geschafft haben.Wahrscheinlich nach dem Kohleausstieg nicht viel anders.

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  5. genova68 schreibt:

    Ja, im Ruhrgebiet sieht es teilweise ähnlich aus. Aber ohne das Alpenpanorama. Und der relative Einwohnerrückgang in Eisenerz ist einzigartig.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Loetiz ist auch so eine verlassene Stadt.Dort hat man jetzt ein Projekt gestartet,dass junge Grossstaedter probeweise für 1Jahr in die leerstehenden Häuser einziehen und diese herrichten.Sie können bleiben oder wieder in die Grossstadt zurückziehen.Ob solch eine Wiedergeburt entvoelkerter Dörfer und Städte in grossem Umfang möglich ist,bleibt die Frage.Istvdie Urbanisierung ein kapitalistisches Naturgersetz?Und die Land-Stadtpolarisierung?

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  7. genova68 schreibt:

    Wo ist denn dieses Loetiz? Ich finde es nicht.

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  8. Jakobiner schreibt:

    Dann habe ich mir den Namen falsch gemerkt.Laut TV-Bericht ist dies ein Dorf in Ostdeutschland.Fuer ehemalige Burgen gibt es auch ähnliche Programme.So kann man runtergekommene Schlösser billig kaufen und wieder herrichten.Friedensquerfrontaktivist Florian Kirner alias Prinz Chaos macht dies gerade,um dort eine autarke Oeko-WG zu gründen.Es gab auch Mal in den 70er und 80er Jahren eine Bewegung,als viele Hippies der Grossstadt entflohen,billige Bauernhöfe kauften,um Oekokommunen auf dem Land zu gründen.Auch einige Bagwanleute aus Berlin in Bayern,wovon Rosenmüllers Film „Sommer in Orange“ erzählt.

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