Ein Zauberhaus in Brescia

Ein Gebäude im italienischen Brescia.

Es ist einer dieser zahlreichen Kästen in Italien, bei denen man nicht versteht, warum sie dort stehen, wieso sie genau so dort stehen, weshalb sie überhaupt noch stehen, was dort früher einmal stand und wie das alles zusammenpasst. Vermutlich sind das typisch deutsche Gedanken, die man sich sparen kann. Es beseelt, dass die Kästen stehen.

Wir haben das Erd- und gleichzeitige Hauptgeschoß im Renaissance-Stil mit einem mächtigen, von einem Tympanon gekrönten Rundbogenholztor, das nicht symmetrisch in der Fassade sitzt. Die links und rechts unmittelbar anschließenden Risalite verstärken diesen unfertigen Eindruck, zumal der linke Risalit zugleich Eckrisalit ist. Neben dem rechten Risalit befindet sich eine bescheidene Holztür, die in ihren Maßen nicht einmal die Hälfte des Tores erreicht. Darüber zwei Rundbogenfenster. Das Erd- und Hauptgeschoß wird nach oben von zwei Friesen abgeschlossen, die vertikal weit auseinanderliegen und so Platz für eine Reihe von dort angebrachten Steinköpfen liefern. Darüber schließt sich unerwartet eine Art Mezzaningeschoß an, auf das schließlich ein Wohnstockwerk folgt, das aussieht, als sei es von einem Kran durch die Luft geschwenkt und versehentlich dort abgestellt worden.

Nichts passt zusammen.

Die beschriebene Fassadenseite orientiert sich ein wenig an der sich anschließenden Kirche, die wiederum einen Platz betont. Auf der anderen Seite schließt sich ebenfalls ein Platz an, doch der dürfte nicht so wichtig gewesen sein, denn diejenige Fassadenseite ist unverputzt und nur mit willkürlich und später angebrachten Wandöffnungen versehen. Vielleicht war das Gebäude früher größer und die jetzige Abschlusswand nur eine gebäudeinterne tragende Wand.

Es ist wohl ein work in progress, vielleicht über zwei oder drei Jahrhunderte entstanden.

Wie auch immer: Der Kasten steht dort, unvollkommen, in mancher Zeit sicher als hässlich bezeichnet, bedrängt durch unkontrollierten Gestaltungswillen seiner Besitzer. Aber er steht. Man kam auch in den letzten 50 oder 100 Jahren nicht auf die Idee, die unverputzte Seite zu verputzen. Man hätte es machen können. Man konnte es lassen.

Diese unglaubliche Selbstverständlichkeit, mit der in Italien mit solchen Gebäuden auch in intensiven und ökonomische erfolgreichen Regionen wie der Lombardei umgegangen wird, verblüfft immer wieder.

Ein paar Meter weiter ließ Mussolini einen ganzen Altstadtblock abreißen und in seinem Stil neu bebauen. Auch das steht da noch und fügt sich gut ein.

Architektur und Stadtplanung als Chiffre für die Beschaffenheiten von Gesellschaften: Hier würde sich die Beschreibung lohnen.

(Fotos: genova 2018)

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2 Antworten zu Ein Zauberhaus in Brescia

  1. eimaeckel schreibt:

    Ein bisschen habe ich darauf gewartet, dass du doch noch behauptest und begründest, dass das alles irgendwie stimmig ist. Wie du es bei vielen Bildern schaffst, die mir erst sehr grobklotzig erscheinen. Jetzt hast du die Spannung betont und ich muss aufpassen, dass ich mir künftig selbst ein Urteil bilde, bevor ich dir folge. ;-)

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  2. genova68 schreibt:

    :-)
    Ja, bitte immer selber denken. Ich übertreibe beim Schreiben des öfteren bewusst, lasse das aber gerne so stehen, in der Hoffnung man möge es merken. Übertreibung kann Erkenntnis fördern, so wie Kunst.

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