Kapital und Gefühl: Wir werden uns umarmen

So wirbt derzeit Zalando:

Es geht um die bedingungslose Liebe eines Vaters zu seiner kleinen Tochter. Es geht ums Nahesein. Von der Decke nimmt man nur nebenbei Notiz.

Werbung im fortgeschrittenen Kapitalismus ist ein gutes Gesellschaftsanalysetool. In seiner Aussagekraft wird es vielleicht nur noch vom Autodesign übertroffen. Wir igeln uns in Zwei-Tonnen-Trutzburgen ein, um dem System wenigstens beim Pendeln ins Büro zu entkommen. Und wir kaufen uns Decken, um zu bedingungs- und geldwertloser Zuneigung fähig sein zu können bzw. wir müssen Zalando mit bedingungs- und geldwertloser Liebe verbinden. In beiden Fällen ist das Glücksversprechen des Kapitals mit der größtmöglichen Abwesenheit der kapitalistischen Realität verbunden. Abschottung von der Außenwelt einerseits (Auto), Abwesenheit jeglichen Konkurrenz- und Verwertungsdenkens andererseits (Zalando). Die Decke ist an sich schon unschuldig, weil warm und flauschig, und selbst dieses unschuldige Produkt steht nicht im Mittelpunkt der Werbung. Im Mittelpunkt steht das Unkäufliche, das via Decke eben doch gekauft werden soll.

Wobei die Decke als Symbol fungiert. Es geht darum, Zalando als nichtkapitalistisches Unternehmen zu präsentieren, dem es egal ist, ob es Waren verkauft. Diese Werbung ist eine Art perfide Steigerung der Mastercard-Werbung vor 20 oder 30 Jahren. Die unterschied noch zwischen Liebe (unbezahlbar) und allem anderen. Zalando hebt diesen Unterschied auf. Zur väterlichen Liebe passt Zalando, oder vielleicht auch: Ohne Zalando keine väterliche Liebe.

Das kapitalistische System wirbt also damit, dass man sich weitestmöglich von ihm entfernen kann, wenn man seine Produkte erwirbt. Das Produkt ist somit vermeintlich antikapitalistisch. Offensiv kann man den ganzen Plunder wohl nicht mehr bewerben. Der Betrug ist zu offensichtlich.

Der Betrug am Menschen ist zu offensichtlich und deshalb werden die Daumenschrauben angezogen. Wo man früher nicht nur sauber, sondern rein wusch, man also das konkrete Versprechen hygienischer und fleckenfreier Kleidung bekam, wäscht sich das Kapital heute mit Werten rein, die antikapitalistischer nicht sein könnten: Abschottung in die Einsiedelei via SUV und Liebe ohne Verwertung, ohne Aufrechnen, ohne Bilanz.

In gewisser Weise ist es das Eingeständnis des Bankrotts. Oder auch nur ein Zeichen gestiegener Effizienz. Es hat etwas Unverfrorenes.

So macht derzeit Haus und Grund, die deutsche Interessensvereinigung der Hauseigentümer, Stimmung gegen den Berliner Mietendeckel:

Auch das hat etwas Unverfrorenes. Die Auspressung der Mieter wird dadurch gerechtfertigt, dass man ja angeblich nur Professoren auspresst. Das ist naturgemäß eine Lüge, was bei den Leuten von Haus und Grund allerdings keine Bemerkung wert wäre. Dreist ist die unausgesprochene Behauptung, man setze sich für Arme ein, hier in Form einer formschönen Studentin.

Auch bei dieser Werbung geht es formal darum, die Abwesenheit von Kapitalismus zu betonen: Man möchte die arme Studentin offenbar stärker entlasten, die Bonzen sollen aber keine Geschenke bekommen.

Genauso gut könnten Löwen Werbung für Vegetarismus machen.

Diese Eigentümerlobby weiß genau, dass die kapitalistische Logik der Bodenverwertung zu immer höheren Preisen für den Professor und die Studentin führt. Auch hier wird also mit vermeintlichem nichtkapitalistischen Engagement für die Abschaffung des Mietendeckels, also für noch mehr Kapitalakkumulation im eigenen Sektor geworben.

Dass ausgerechnet solche Leute anderen eine „Mogelpackung“ vorwerfen: Nun ja, sagen wir, es ist pikant.

Überhaupt ist die Frage, was man vom Mietendeckel hält, ein guter Gesinnungstest. Sag mir, wo du stehst. Wer selbst diesen harmlosen Mietendeckel bekämpft, ist Klassenfeind.

Nebenbei: Bemerkenswert ist die Darstellung des Professors: Offenbar ein Altachtundsechziger, der als Profiteur des Mietendeckels, also seiner rot-rot-grünen Politklasse betrachtet wird. Antiintellektuelles Ressentiment gehen Hand in Hand mit der AfD-Perspektive, dass böse Linksgrünversiffte schon längst die Macht übernommen haben.

Prominentes Mitglied von Haus und Grund ist übrigens Klaus Wowereit, der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin. Das war der, der sich öffentlich über steigende Mieten freute und von den gemeinen deutschen Qualitätsjournalisten seinerzeit zum prominenten Vertreter des „linken Flügels der SPD“ erklärt wurde.

Was lernen wir daraus? Vielleicht, dass eine erfolgreiche Kapitalistenklasse notwendig hörige Journalisten braucht? Am besten solche, die ihre Hörigkeit gar nicht bemerken?

Nur mal so.

(Fotos: genova 2020)

Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Deutschland, Gesellschaft, Kapitalismus abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Kapital und Gefühl: Wir werden uns umarmen

  1. Jakobiner schreibt:

    Die neueste Zalandowerbung kenne ich noch gar nicht.Voelliger Wechsel.Die Werbung mit der Zalando am berühmtesten würde,war die ,bei der Uschi-Obermeier-Guru Rainer Langhans in der Kommune vor versammelten Mitbewohnern einen Vortrag über Kapitalismus und Konsumismus hält,es an der Tür klingelt und der Liefernote ein Zalandopaket bringt,wobei er fragt,für wen dies denn sei,worauf eine junge Kommunardin den Finger hebt,das Zalandopaket entgegen nimmt und ein paar roter Highheels freudig auspackt und nach oben hält,damit es alle sehen,worauf der Werbungslanghans einen entsetzten Urschrei ausstößt.Da wird der Kapitalismus ganz bewusst in die Werbung genommen.Aehnlich bei der Bankwerbung,bei der ein Aussteiger mit seiner Tochter im Brauwohnwagen haust und über Spiesser schwadroniert,die in spiessigen Einfamilienwohnungen mit Bausparvertrag wohnen würden,worauf die Tochter zum Entsetzen des Vaters meint,dann wolle sie auch lieber ein Spiesser sein.DieWerbung gefiel dem FDP-Yuppietrio Westerwelle, Rössler und Lindner programmatisch so gut,dass sie sie immer zitierten.Kapitalismus und Konsum sind geil,so wohl die Werbebotschaft,die sich als Generationenkonflikt mit den Alt68er gibt.So eine Art Jugend-Revolte.Fraglich aber,ob das heute noch so bei der Friday for Future-Jugend durch geht,die ja eher antikonsumistisch ist.

    Gefällt 1 Person

  2. eimaeckel schreibt:

    „formschöne Studentin“ — wunderbar! Man merkt manchmal, dass du von der Architektur her kommst.

    Gefällt mir

  3. Jakobiner schreibt:

    Wie meinte Mal Wowereit?Berlin sei „arm,aber sexy“. Wahrscheinlich meinte er die Haus-und Grund-Werbeplakat-Studentin,die ihre Miete vielleicht in Form von Liebesdiensten und Naturalien begleichen soll.

    Gefällt mir

  4. genova68 schreibt:

    Bei Friday for Future würde mich interessieren, wie groß der Anteil an der Gesamtgeneration ist. Medial ist das ein interessantes Phänomen, aber mein Eindruck ist, dass die große Mehrheit sich dafür nicht sonderlich interessiert.

    Gefällt mir

  5. Jakoniner schreibt:

    Ein Jugendforscher hat gemeint,dass FFF etwa 1/3 der Jugend umfasst,zum Großteil aber obere Mittelschichten Kids seien.Hipsterkinder und die Enkel der Alt68er.

    Gefällt mir

  6. genova68 schreibt:

    Ein Drittel fände ich viel. Klar ist das eher ein Mittelschichtenphänomen, aber das ist erkläbar und nicht zu kritisieren. Ich meine nur, dass man bei youtube beispielsweise eine Menge Kanäle findet, wo junge Leute ihre Autos hypen, sehr schnelle Autos. Die Zugriffszahlen sind enorm. Und diese merkwürdige Hiphopgangsterszene protzt ja auch sehr materiell.

    Gefällt mir

  7. Jakobiner schreibt:

    Hat mit Kritik nichts zu tun. Ist einfach eine Geszszellung eines Jugendforschewrs und Soziologen. Nicht nur die Hangsterrapper hatten Autos und Frauen im Zentrum, sondern auch ihre deutschen Nachahmer, wie Massive Töne und die Fantastischen Vier.Cruisen und Die da als Paradebeispiele. Eher die Spaßgeneration der 90er Jahre.

    Gefällt mir

  8. Hugo schreibt:

    Nuja, daß des sowohl die Massiven Töne als auch die Fanta 4 ned gaanz ernst gemeint haben, sollte klar sein ;) .
    Gab/gibt aber auch sowas: https://www.youtube.com/watch?v=32FKuwZqH88

    Mal am Rande; ein Trabi kann eher ned so qualmen wie in dem Die Da?!?-Video, wenn defekt, entweder gleich abfackeln (Tank im Motorraum) oder er stinkt nur. Wasserkühlung hatte der nämlich genausowenig wie ein Käfer oder der „originale“ 911er. (Mit Trabis kenn ich mich als ehemaliger Selbstfahrender und -schrauber besser aus als mit HipHop: „Mit ner Zange und ner Rolle Draht fährter bis nach Leningrad.“ )

    Gefällt mir

  9. Jakobiner schreibt:

    Kapiere ich nicht.Was hat denn das Lied mit dem Trabi zu tun?Lieber Hugo,mit Trabi verbinde ich Wolfgang Strubbe,Go Trabi Go und als alternativer Unternehmer von Gartenzwergen in Go Trabi Go Teil 2.Aber nicht vergleichbar mit den Massiven Tönen und Fanta,zumal die sich als Softeier und unbewaffnete Autohahrer schon klar abgrenzen zu waffentragenden Burschenschaften afroamerikanischen Gangs und deutsche Frauen nie als bitch bezeichneten.

    Gefällt mir

  10. Hugo schreibt:

    Dann guck Dir mal bitte des von Dir verlinkte Video an; vor was für ner offenen Motorhaube steht „DieDa?!?“ ?
    Und mir ist Spaß-HipHop oder der alte und neue mit politischem Anspruch (die von mir verlinkten Exampel) auf jeden lieber als Kollegah&Co und Capital Bra. Warum an sowas wie Haftbefehl auch die Feuilletons einen Narren gefressen haben, weiß ich ned, jedenfalls, um auf die Kids zurückzukommen; soo richtig geändert hat sich da wohl in Richtung Politikinteresse ned viel; der Hälfte isses Wurschd, die andere ist aktiv bis zumindest ned desinteressiert.

    @Haus&Grund-Plakat; ist irreführende Werbung ned sittenwidrig?

    Gefällt mir

  11. genova68 schreibt:

    Ich glaube, die Werbung ist nicht irreführend, Hugo. Falls der Professor bisher sehr viel gezahlt hat, wird er stärker entlastet als die Studentin, falls die bisher relativ wenig gezahlt hat. Esi st aber einer miese Instrumentalisierung, weil hier indirekt ein linkes Argument aufgegriffen wird: Starke Schultern sollen mehr zahlen. Das Prinzip bei der Einkommensteuer. Hier wird aber suggeriert, dass Besserverdiendende für das gleiche Produkt am Markt mehr zahlen sollen. Ein Prinzip, das nirgendwo zur Anwendung kommt (Im Supermarkt bezahle ich gemäß meines Einkommens an der Kasse mehr oder weniger.)

    Es bleibt natürlich die Unverfrorenheit, dass Haus und Grund einer der ideologischen Treiber für die Ausbeutung der Massen ist. Diese reale Ausbeutung wird umgelenkt auf Neidgefühle der Armen auf die vermeintlich Reichen (Mieter).

    Gefällt mir

  12. Jakobiner schreibt:

    „Ein Drittel fände ich viel. Klar ist das eher ein Mittelschichtenphänomen, aber das ist erkläbar und nicht zu kritisieren“

    Diese Mittelschichtenzusammensetzung hat aber eben auch politische Auswirkungen, die Freitag sehr wohl kritisiert:

    https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/klimakampf-als-klassenfrage

    Aber warumm gehen die Azubis nicht einmal auf die FFFs zu?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.