Von gebrechlichen Häusern und Menschen

Ein Haus in Sabbioneta in der Po-Ebene.

Die mächtigen, verputzten Steinpfeiler genügten früher zur Stützung des gesamten Gebäudes. Dann wurden die Holzstürze faul. Lösung: Man stellte einfach zwischen zwei Originalpfeiler zwei Stützsäulen und der Fall war erledigt. An einer Stelle brauchte man sogar drei Stützen, damit die Statik hält. Eine Weile später – das können auch mehrere Jahrzehnte gewesen sein – reichte auch das nicht mehr und eine nachträglich eingefügte Stütze bekam zwei zusätzliche dünne Stahlstützen an die Seite gestellt. Zwei Stützen, die eine andere Stütze stützen. Das wirkt zwar auch stilistisch arg improvisiert, aber es erfüllt seinen Zweck. Der abblätternde Putz gibt den Blick auf die Ziegelkonstruktion frei.

Es ist ein schönes Anschauungsprojekt über Statik und das Älterwerden. Es ist wie bei einem Menschen. Mit den Jahren funktioniert nicht mehr alles perfekt, man bekommt ein neues Organ oder einen Herzschrittmacher. Die Haut wird schrumpelig und fleckig. Man spaziert mit seinem Rollator und dem neuen Organ und dem Herzschrittmacher und der schrumpeligen und fleckigen Haut durch den Ort.

Schon damit haben viele in unserer jugendgestählten Zeit ihre Probleme. Alte Häuser müssen auch weg. Die aktuelle Situation, der in Berlin östlich an den Alexanderplatz angrenzt, zeigt das. Einst stolze DDR-Moderne, wurden die Hochhäuser durch Leerstand (ich denke: gewollt) zerstört. Man wird das alles früher oder später abreißen. Ein Neubebauungsplan des rechtskonservativen Berliner Architekten Hans Hollhoff wartet seit 20 Jahren auf Realisierung.

Natürlich könnte man sich fragen, ob bei diesem Haus das unbedingte Erhalten noch lohnt. Wenn die Statik in wesentlichen Teilen nicht mehr trägt, wird es schwierig. Arkadengänge sind immer heikel, denn die beruhen auf Säulen und großen Zwischenräumen, da ist die Schwerkraft auf Dauer immer Sieger. Doch es geht eher um die Möglichkeit des Erhaltens. Das Erhalten und Umbauen, Erweitern, Ändern, Miteinbeziehen wird bei uns nach wie vor kaum praktiziert, auch wenn die Propaganda anderes behauptet. Ein Haus wie das in Sabbioneta ist ein Schandfleck. Der muss weg. So wenig wir mit Altem und dem Tod umgehen können, können wir das mit Häusern, die ihre Schwächen zeigen. Vermutlich erinnern sie uns nicht nur an unsere Gebrechen, sondern an unser sinnloses Dasein, das uns durch die Gebrechen offenbar wird.

(Fotos: genova 2017)

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2 Antworten zu Von gebrechlichen Häusern und Menschen

  1. Jakobiner schreibt:

    Bin da eher wie Yuval Hariri im Homo Deus dafür,dass der menschliche Körper mittels Implantaten,neuester Nano-,Bio-und Gentechnologie generalüberholt wird,um den ewigen Menschen zu schaffen.Vielleicht auch für Gebäude und Architektur möglich.

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  2. genova68 schreibt:

    Mittels Technologie die Häuser auf Ewigkeit zu erhalten, wäre eine Art von Zeitgenossenschaft im Bauen. Wobei zu klären wäre, ob die Fassade die Häuser auf Ewig gleich halten soll. Das wäre dann die Nichtanerkennung von Veränderung und somit abzulehnen. Wir würden dann auf Ewig im gleichen ästhetishen Umfeld wohnen, was nur bedeutet, dass wir uns selbst zu wichtig nehmen.

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