Architektur und Utopie

Der immer lesenswerte Stuttgarter Architekturtheoretiker  Jürgen Joedicke (1925-2015) schrieb 1969 in Moderne Architektur – Strömungen und Tendenzen über die 60er Jahre:

Für den Historiker ist interessant, dass seit den zwanziger Jahren zum ersten Mal wieder Utopien innerhalb der modernen Architektur auftreten. Zweifelsohne hatte diese Tendenz zur Utopie ihren Ursprung in der Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Architektursituation und in den Fesseln, die den Architekten heute durch Gesetze und Verordnungen auferlegt wurden … Und schließlich sei auch daran erinnert, dass es notwendig ist, das scheinbar Unerreichbare zu versuchen, um das Zuträgliche und Erreichbare zu erreichen. Ein Beispiel dafür bieten die Utopisten Anfang der 20er Jahre, wie Bruno und Max Taut, Walter Gropius und Hans Scharoun, die später, in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, vorbildliche Siedlungen in Deutschland erstellten.

Joedicke meinte mit Utopien 1969 vermutlich Metabolisten wie Kenzo Tange und Arata Isozaki, er meinte Archigram und die beiden Smithsons oder Raumkünstler wie Yona Friedman. Deren Projekte, oft nicht realisiert, wirken heute wie Fremdkörper im Denken. Sie drücken einen Zukunftsoptimismus aus, den wir nicht mehr kennen. Oder der ersetzt wurde durch einen verzagten instrumentellen Optimismus, der nicht an sich selbst glaubt, sondern als oberflächliche Reklame für den Zweck wirbt. Der Zweck ist notwendig kapitalaffin.

Viel mehr als begrünte Fassaden und Dreifachverglasung findet man heute nicht. Visionäre sind mittlerweile Einzelkämpfer, zum Beispiel Werner Sobek.

Die Ende der 1960er Jahre entstandenen Robin Hood Gardens von Peter und Alison Smithson wurden 2017 abgerissen, die wenigen strukturalistischen Versuche in Westdeutschland, wie die Metastadt Wulfen, abgebaut – was relativ einfach war, denn der Klotz war mit 60.000 Schrauben zusammengehalten worden.

Man kann nun sowohl die Robin Hood Gardens kritisieren (megaloman, unwirtlich, rein intellektuell geplant) wie auch die Metastadt (haufenweise Baumängel von Anfang an). Aber so ist das vielleicht, wenn man Neues wagt. Man war damals zumindest mutig. Man hatte Visionen. Superstrukturen, völlig neu konstruierte autonome Städte mit megalomanen Ausmaßen. Gerhard Schröder drückte den  Zeitgeist 30 Jahre später treffend aus, als er Visionären empfahl, zum Arzt zu gehen. Dabei hatte er selbst Visionen, und zwar rechte: Maschmeyer und seine AWD Holding reich zu machen, zum Beispiel.

In den 1970er begann man, sich der bis dato geringgeschätzten Altstädte zu besinnen. Doch leider blieb man hier nicht bei einer sorgfältigen Untersuchung und den vielen erfolgreichen Versuchen, alte Bausubstanz zu retten, stehen. Die Postmoderne begann ihren Siegeszug mit Verklärung und Verkitschung, von ein paar Ausnahmen abgesehen. Es begann die Walt-Disney-hafte Instrumentalisierung von gebauter Geschichte. Nicht nur Altstädte wurden gerettet, Neustädte wurden in einem rechten Geschichtsverständnis als alte errichtet.

Gute alte Zeit. Die Frankfurter „Altstadt“ und vor allem das neue Berliner Schloss sind Zeugnisse dieses rechten Denkens, für das im politischen Gefüge eigentlich nur die AfD stehen sollte. In Wahrheit reicht die Reaktion bis weit in die SPD und die Grünen hinein. Das Narrativ ist ein regrediertes, das nur in Manipulation des Gewesenen existiert.

Solch eine Haltung fordert früher oder später ihren Tribut. Heutige Neusiedlungen in Großstädten haben – sofern sie überhaupt errichtet werden – keine Utopie und keine Vision mehr zu bieten. Die schnöde Gegenwart bringt bürokratisch genormte und konservativen Zeitgeist ausstrahlende Kisten hervor, die höchstens in den Energiestandards fortschrittlich sind. Keine Diskussionen über Grundrisse, über Flexibilität, über Formen des Zusammenwohnens, nichts. Ängstliche Investoren geben die Richtung vor und so sieht das dann auch aus. Die beiden „Europaviertel“ genannten neuen Viertel in Berlin und Frankfurt zeugen davon. Es sind renditeoptimierte städtebauliche Katastrophen, die zeigen, wie unfähig oder wie korrupt die Politik ist, die so etwas genehmigt.

Siedlungen von Taut beispielsweise wären heute schlicht nicht mehr möglich. Man müsste erst einmal die ins extreme gestiegenen Bodenpreise entrichten. Auch die 1924 eingeführte Hauszinssteuer (die die Tautschen Siedlungen zu einem Drittel finanzierte) sind heute politisch nicht mehr durchsetzbar. Schlimmer: nicht einmal denkbar. Auch hier empfiehlt es sich, von systemischer Korruption oder umfassender Überforderung zu reden. Was Stadtplanung und Architektur angeht, geht, seien wir ehrlich, nichts mehr.
40 Jahre neoliberale Verwüstung in Kopf und Hirn hinterlassen ihre Spuren. Ein Pop-up-Radweg ist das Maximum an Vision.

Für den Historiker, den Joedicke oben anspricht, ist heute also interessant, dass es keine Utopien mehr gibt. Von den progressiven 1920er über die konkreten, weil mit Wohnungsnot konfrontierten 1950er bis in die 1980er mit ihrer kapitalistisch angetriebenen Reaktion, die nur kosmetisch im Dekonstruktivismus eine Flucht versuchten, finden wir eine frustrierende Entwicklungslinie. Die Zeit um Achtundsechzig wäre gesondert zu betrachten. Sicher gibt es auch heute immer wieder gute und sehr gute Architektur. Einzelne progressive Büros ergattern die begrenzte Anzahl an Aufträgen, CAD-Design ermöglicht eine Luftigkeit und konstruktive Waghalsigkeit, und viele Baugruppen in Berlin und anderswo bauen ganz hervorragende Sachen, keine Frage. Es ist aber nur ein bisschen privates Engagement der Vermögenden. Der Staat hat abgedankt. Nicht finanziell, sondern personell und strukturell. Das Berliner Stadtschloss mit seiner imperialistischen Sammlung kolonialer Kunst passt ins Konzept.

Die Utopie ist verrufen, für Utopisten gilt der Arztverweis wohl noch dringender als für die, die nur Visionen haben. Die Bürokratie tut ihr übriges.

Wenn also die letzten Utopisten vor 50 Jahren auftraten, wann müsste es dann wieder soweit sein? Eine radikale Bodenreform wäre, wie schon so oft an dieser Stelle erwähnt, eine notwendige Voraussetzung dafür. Keine Utopie ohne Angriff aufs Kapital. Das klingt heute extremistisch, ist aber nur eine banale Selbstverständlichkeit. Die Absonderung des Selbstverständlichen ins Extrem zeigt den Grad an Kaputtheit utopischen Denkens und also auch den der Möglichkeit einer Humanisierung des Bauens.

Beliebt ist heute auch der Hinweis an den Utopisten, er müsste eine im Detail ausgearbeitete Version präsentieren können, inklusive juristischer Details. Sei dem nicht so, könne man die Idee nicht Ernst nehmen.

Allerdings gab uns Joedicke ebenfalls 1969 einen Hinweis, der den wesentlichen Mangel der damaligen Utopisten aufzeigte:

Die Frage jedoch, wie der Mensch beschaffen sein muss, der in diesen Superstrukturen leben soll, ja ob der Mensch seiner Veranlagung nach überhaupt bereit ist, sich mit diesen Wohnformen zu identifizieren, wird nicht gestellt. Wird der Mensch seine Vorstellungen und Wünsche, die sich über Jahrtausende relativ konstant gehalten haben, aufgeben, um in dieser Welt zu leben, oder kann auch sie ihnen Raum geben? Die Frage, die wohl die entscheidende ist, wenn Architektur als Dienst am Menschen verstanden wird, wird nicht gestellt.

Der Mensch wurde also nicht einfach progressiv gesehen, sondern als notwendig technologisch revolutionär. Nicht nur die technischen Möglichkeiten begriff man als beliebig ins Utopische und Gigantische entwickelbar, sondern auch die Anthropologie. Diese aber gestaltet sich störrischer als die Technik. Man könnte, wenn man böse will, die Utopisten der 1960er Jahre als eine in der Basis am Größenwahn der Modernisten beheimatete betrachten. Modernisten, die alle Städte abreißen wollten, um die total moderne Stadt zu errichten. Le Corbusier und Hilberseimer, vielleicht gar die Nazis, als Ahnen von Kenzo Tange und Archigram, was den Gigantismus angeht. Ohne hier gleichsetzen zu wollen.
Und genau hier könnte man den architektonischen Strukturalismus der 1960er Jahre einbringen, jenseits von Gigantomanie und Superstrukturen. Konkret: Leute wie Aldo van Eyk, Herman Herzberger, Giancarlo de Carlo, vielleicht auch Alvaro Siza, Peter Zumthor, ganz aktuell Arno Brandlhuber. Architekten, die gesellschaftliche Visionen hatten, die nicht nur Architekten, sondern Soziologen und Psychologen waren und sind. Die Partizipation als Grundlage Ernst nehmen.

Hier könnte man ansetzen. Wenn man der Utopie eine Chance geben will, um wenigstens das Mögliche zu erreichen.

(Fotos: abfototafiert aus der hervorragenden Ausstellung „Die Neue Heimat“ im Frankfurter Architekturmuseum, 2020)

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2 Antworten zu Architektur und Utopie

  1. eimaeckel schreibt:

    Wunderbare Fotos. Könnte in Helmut Kohls Bungalow in Oggersheim gemacht worden sein. Der Kanzler, der was gegen Visionen hatte war Helmut Schmidt.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Vielleicht Ufopie statt Utopie.Eine praeastronautisch-galaktische Architektur Mal zur Abwechslung.

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