Architektur und Alltag 14

Ein bis aufs Erdgeschoß offenbar aufgegebener dreistöckiger Bau in Rotterdam. Nett daran ist einerseits der Kontrast zwischen dem leuchtenden EG mit seinen Verheißungen und den beiden oberen Geschoßen. Die grauen Tönungen der Scheiben von dunkelgrau bis milchig unterscheiden sich farblich kaum noch vom Sichtbeton, der die komplette Fassade dominiert – soweit man bei diesen hohen Fensterbändern noch von Dominanz reden kann. Wir haben also bei neun von zehn Fenster ganz wunderbare Farbnuancen und Fenster, die wir nur aufgrund unserer visuellen Erfahrung als solche bezeichnen. Sie sind aber blind.

Der Kontrast zwischen Mode und Abgefucktheit wirkt auf die Bilanz des Modegeschäfts nicht abträglich, schätze ich. Vielleicht ist er sogar gewollt. Das Spiel des Kapitals mit dem Rohen, dem Kaputten, dem Kantigen und Abstoßenden ist in der Mode schon lange Prinzip: Löcher in der Hose und kontrolliert fransige Hosenenden sind Phänomene, die ich noch nie verstanden habe. Man kann sich eine Hose in diesem Zustand von einem Stardesigner für mehrere hundert Euro kaufen.

Ist das ein Phänomen einer Wohlstandsgesellschaft, der zumindest materiell wenig fehlt? Schicke, fehlerlose Kleidung kann ich für kleines Geld bei Primark kaufen, damit setze ich mich nicht mehr von anderen ab. Die kaputte Hose für teures Geld kann offenbar als Distinktionsmittel dienen. Verrückt. Oder vielleicht emanzipatorisch, wer weiß.

Vielleicht haben die beiden oberen Geschoße auch ihren Reiz, weil sie Nichtverwertbarkeit suggerieren, was dem Kapital gefällt, weil es genau daraus Verwertbarkeit produzieren kann. In einem materiell perfekten Milieu lässt sich das satte Publikum vom Unfertigen reizen.

Vielleicht ist dieses Gebäude eine radikale architektonische Haltung: Leute wie Arno Brandlhuber bauen ganz bewusst brutal, belassen es in Teilen beim Rohbau, verputzen nicht, spielen mit dieser unfertig wirkenden Ästhetik. Diese Fassade zeigt das Prinzip in Reinkultur, wenn auch wohl unbeabsichtigt.

Der Turm links, der in der Perspektive der Aufnahme fast wie ein dazugehöriger Anbau wirkt, zeigt die Unterschiede. Lächerliche Steinplatten als Blenden, die irgendwas mit Seriosität vermitteln sollen. Wie auch immer: Seien wir dankbar für die Präsentation dieser vielen unterschiedlichen Grautöne auf Beton und auf Glas. Dazu die schönen, leicht verranzten Alufensterprofile. Wo gibt es das, im Zeitalter der Energieeffizienz, heute noch? Je länger ich hinschaue, umso mehr frage ich mich, ob sowas nicht wirklich erhaltenswert ist. Oder reicht die Momentaufnahme?
(Foto: genova 2019)

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Eine Antwort zu Architektur und Alltag 14

  1. eimaeckel schreibt:

    Reicht.

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