Mehr Diktatur in der Architektur!

Gerhard Matzig behandelt in der Süddeutschen Zeitung vom 14. November den hochinteressanten Aspekt der partizipatorischen Architektur; also einer Baukultur, die von der Mitsprache der künftigen Benutzer ausgeht. Ich habe den Artikel nicht im Original gelesen, sondern zitiere aus dem  Perlentaucher Architektur:

In der SZ macht Gerhard Matzig seinem Ärger über die Münchner Luft, die gegen die beiden von Jacques Herzog und Pierre de Meuron geplanten Hochhaus-Türme auf dem Areal der ehemaligen Paketposthalle protestieren. Statt Partizipation sehnt er sich nach dem „vordemokratischen Selbstbewusstsein einiger durchgeknallter, autokratisch oder monarchisch agierender Bauherren“ zurück: „Die Bürgerbeteiligung möchte, dass am besten nichts gebaut wird, was nicht alle gut finden (realistisch betrachtet nichts); der Denkmalschutz will, dass nichts gebaut wird, was die Welt, wie wir sie kennen, verändert (realistisch betrachtet nichts). Es gäbe Paris nicht.“

Bemerkenswert erst einmal, dass hier jemand gegen Strich bürstet. Vordemokratische Strukturen im Bauentscheidungsprozess zu fordern, lässt aufhorchen und ist deshalb schon bedenkenswert. Von Matzig liest man meist eher unangehnemes Zeug, insofern bin ich vorsichtig. Ich bemerke aber eine Neigung dazu, seine Meinung sympathisch zu finden. Bei öffentlichen Bauaufträgen bestimmt beim Bürger meist das Ressentiment die Haltung: Das geplante Gebäude darf nicht zu hoch sein, am besten nicht mehr als drei Stockwerke. Es darf nicht ungewohnt sein, am besten das Gewohnte. Es darf nicht zu viel Platz einnehmen, am besten bleibt es unter der Erde. Und am besten wird es rundherum begrünt, auf dass das Haus kein Haus mehr ist, sondern Natur. Ob man auf diese Art von Beteiligung wirklich etwas Sinnvolles hinkriegt, kann man bezweifeln. Zu viele Köche verderben den Brei

Andererseits ist Partizpation eine gute Sache. Gerade im Wohnungsbau ist der Bewohner beim Architekten eine unbekannte und vor allem uninteressante Variable. Es bauen in den Großstäden irgendwelche Investoren, die sich nicht für Grundrisse interessieren, sondern für Rendite. Die lässt sich offenbar immer noch am besten dann verwirklichen, wenn man die Wohnung für die Kleinfamilie baut, dazu ein paar Singlewohnungen. Dass das an den realen Wünschen in Teilen vorbeigeht und dass es so auch nicht zu einer Diskussion über künftiges Wohnen kommt, ist diesen Leuten egal. Grundrisse spielen in der Diskussion sowieso kaum eine Rolle, das ist seit den 1970er Jahren so, als die Postmoderne umschwenkte und man sich nur noch für Fassaden interessierte.

Dazu kommt das offenkundige Versagen auch der Architektenschaft im Wohnungsbau. Fast alles, was heute in Berlin neu gebaut wird, liegt jenseits von 5.000, 6.000, 7.000 Euro pro Quadratmeter. Irgendwas Innovatives lässt sich praktisch nirgendwo finden, ein paar progressive Baugruppen ausgenommen. Doch auch die sind angesichts der Bodenpreise nur noch möglich, wenn sie viel Kapital mitbringen.

Es bräuchte im Wohnungsbau eine breite Bürgerbeteiligung. Lernen könnte man von der Partizipationsbewegung der 1960er Jahre, die in strukturalistischer Architektur mündete. Aldo van Eyck und Lucien Knoll wären aus historischer Perspektive zu nennen. Heute machen Gruppen wie die Baupiloten von sich reden. Partizipation könnte es auch in größerem Maßstab geben, wäre die Politik nicht systemisch korrupt.

Gerhard Matzigs Wunsch nach mehr Dikatorenschaft beim Bauen hat also etwas cooles, sofern niemand darin wohnen muss.

Vielleicht sollte man jedes Jahr ein paar innerstädtische Grundstücke bestimmten Architekten mit Neurosen zur Verfügung stellen, die ungehemmt drauflos bauen dürfen: Skyscraper, extremistische Sachen, neue Techniken und Baustoffe testend, gewollt provozierend, bewusst hässlich, irritierend. Hier käme auch der künstlerische Anspruch vieler Architekten sinnvoll zum Einsatz. Sie könnten sich als Genie erweisen oder ungergehen. Es wäre ok. Es käme dann zu einer öffentlichen Auseinandersetzung und alleine das wäre die Sache wert. Darüber reden. Man könnte nach ein paar Jahren andere Architekten den Bau variieren lassen. Work in progress. Es gäbe einen Erkenntnisgewinn. Der mittlerweile erreichte Zustand der Bürokratie jedenfalls wie auch die vielen verlogenen Wettbewerbe bedürfen dringend der Korrektur.

Dictatorship in architecture: ein durchgeknallter und autokratischer Architekt legt los. Was hätte man zu verlieren? Es lebe die kontrolliere Diktatur!

(Foto: genova 2015)

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Politik, Zeitungen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Mehr Diktatur in der Architektur!

  1. neumondschein schreibt:

    Andererseits ist Partizpation eine gute Sache. Gerade im Wohnungsbau ist der Bewohner beim Architekten eine unbekannte und vor allem uninteressante Variable. Es bauen in den Großstäden irgendwelche Investoren, die sich nicht für Grundrisse interessieren, sondern für Rendite. Die lässt sich offenbar immer noch am besten dann verwirklichen, wenn man die Wohnung für die Kleinfamilie baut, dazu ein paar Singlewohnungen. Dass das an den realen Wünschen in Teilen vorbeigeht und dass es so auch nicht zu einer Diskussion über künftiges Wohnen kommt, ist diesen Leuten egal. Grundrisse spielen in der Diskussion sowieso kaum eine Rolle, das ist seit den 1970er Jahren so, als die Postmoderne umschwenkte und man sich nur noch für Fassaden interessierte.

    Dreimal darfst Du raten, warum Investoren vornehmlich für kapitalistisch-patriarchalische Kleinfamilien und Singles Wohnung bauen. Richtig! Wegen der Rendite. Und die erwirtschaftet man, indem man sich nach den Bedürfnissen potentieller Mieter richtet. Das gilt auch für den Grundriß und vieles andere wie Internet, Home Office etc. Es sei denn, die Architektur ist nur Niedrigmarktzins-Spekulationsblasen-Objekt, Beton-Gold, worin niemand wohnen soll, weil sonst die Kosten die Mietrenditen verschlingen würden. Diese Objekte also einfach nur so doof herumstehen würden.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Nö, es geht nicht um die Bedürfnisse potentieller Mieter. Es geht um Leute, die das Geld haben, um sich die x-te Wohnung als Betongold zuzulegen. Außerdem baut man für die Kleinfamilie, weil einem nichts anderes einfält. WG sollen sich halt danach richten. Bei Autos gibt es ein breites Angebot: Sportwagen, Kombis, Vans, Limousinen, Pick ups etc. Da funktioniert der Markt. Kein Anbieter könnte es sich leisten, nur einen Typ anzubieten.

    Es stehen haufenweise Neubauten doof rum, das sieht man nur nicht auf den ersten Blick.

    Es bräuchte mehr Forschung vom Staat, so wie das füher war mit interbau und IBAs. Mehrgenerationenwohnen wegen Pflegenotstand, Kollektivunterkünfte, autoarm usw. Das alles kann nur der Staat regeln, aber da kommt nichts, was natürlich auch mit der CSU-Dominanz auf Bundesebene zu tun hat. Das Tempelhofer Feld wäre ein ideales Testgebiet gewesen, aber da hat die Politik mit Ansage versagt, allen voran der damalige Stadtbausenator Michael Müller.

    Gefällt mir

  3. Jakobiner schreibt:

    Architektonische Diktatoren mit großen Würfen-man denkt an Trump,der in den 70er Jahren einein 1000Meter hohen Skyscraper bauen wollte und an Adolf und sein Germania.Ich schätze diese Sorte architektonischen Diktators meint Genova aber nicht.Oder eher so einen Archtiitekten wie in Peter Greenaways Film The Belly of the Architect?

    Gefällt mir

  4. genova68 schreibt:

    An Trump dachte ich nicht, der ist kein Architekt, sondern der will Rendite machen. Mir ging es um außergewöhnliche Architektur, die keine Mehrheiten bekommt, schon gar nicht, wenn unzählige Behörden und Gremien mitmischen. Wie gesagt, Beispiel Eiffelturm. Aber die Diktatorenschaft in der Architektur wäre ja ziemlich begrenzt, eine Randerscheinung. Das meiste, das gebaut wird, muss funktionalen Prinzipien folgen. An den Bauch des Architekten erinnere ich mich nur rudimentär, dazu kann ich gerade nichts sagen.

    Gefällt mir

  5. Jakobiner schreibt:

    So ein Hauch Blade Runner,Metropolis und Die Klapperschlange hätte etwas. In München läuft gerade wieder die Hochhausdiskussion an.Ansonsten wie gehabt.Das Ausserhewöhnlichste Projekt ist eine Seilbahn entlang des Frankfurter Rings.Zudem werden nun auch Kinder bei der Stadtplanung einbezogen,die Ideen geben sollen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.