Zum Verhältnis von Kapitalismus und purer Natur

Kapitalismus und Ökologie: Theoretisch kein Widerspruch, da man das Kapital ausschließlich ökologisch vertretbar investieren könnte. Die Praxis sieht anders aus.

Das ist eine Mineralwasserflasche von Evian mit Produktinformationen, wie man sagt:

Der Mineralwasserproduzent – wobei: Kann man von „produzieren“ reden, wenn man das Wasser einfach aus dem Boden holt? – Evian will also die „Natur in besonderer Weise bewahren“: Man verwendet angeblich umweltfreundliche Flaschen. Und man will, natürlich, „unseren CO2-Abdruck weiter reduzieren“. Was man heute halt so sagt.

Ein Wasser, das von einem Heer von Werbestrategen seit den 1980 er Jahren derart aufgeputscht wurde, dass es als schick gilt, sich mit dieser Marke in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zeitgleich mit der Aufmotzung des Formalen in Neoliberalismus und Postmoderne hat man es geschafft, das allgemeinste und selbstverständlichste Lebensmittel überhaupt als etwas exklusives zu präsentieren, mit dem man sich vom Pöbel oder auch nur vom Nachbarn abheben kann. Dabei ist Evian 36.500 Prozent teurer als Leitungswasser.

Dazu kommt, dass Evian offenbar von eher schlechter Qualität ist. Die Stiftung Warentest warnte vor acht Jahren vor Evian:

Denn der Hersteller werbe im Internet damit, dass das Säuglingswasser Evian „durch seine bakterienfreie Reinheit von Säuglingen ohne Abkochen getrunken werden“ könne. Aber auch in Evian fanden die Experten Keime.

Egal. Wer etwas auf sich hält, trinkt Evian, natürlich mit der Evian-Flasche auf dem Tisch.

Hier sehen wir die eine Stufe der Perfidie des Kapitalismus. Man suggeriert den Leuten, sie könnten sich mit Evian absetzen, eine Stufe auf der Hierarchieleiter hochklettern, ihre Klasse mal schnell verlassen, ihre Distinktionsfähigkeiten demonstrieren, wenn sie Evian trinken. Wobei es nicht ums trinken geht, sondern ums Präsentieren der Evianflasche in der Öffentlichkeit.

Der Kapitalismus ist auf solches Verhalten offenbar angewiesen. Täglich neue Renditequellen ausfindig machen bzw. überhaupt erst künstlich generieren, das ist das lebensnotwendige Geschäft des Systems. Das Kapital erzählt dem gemeinen Erdenbewohner zuerst, es gebe keine Klassen, sondern es gebe nur die Selbstverwirklichung des Individuums. Und diese Selbstverwirklichung realisiere sich beispielsweise über Evian. Die Kunden sind vermutlich glücklich.

Um auf das eigentliche Thema zurückzukommen: Evian kann man in weltweit 120 Ländern kaufen. Evian, schreibt Wikipedia, wird bevorzugt in Amerika und Japan getrunken. Das Wasser wird also offenbar unter hohem Energieaufwand von den französischen Alpen in die ganze Welt transportiert. Ein Wasser wie jedes andere auch. Ökologisch ist das eine Katastrophe. Die Lösung wäre einfach: Man trinkt das Wasser aus der Region, in der man sich gerade befindet.

Würde Evian also seinen eigenen Anspruch ernsthaft umsetzen wollen, müssten sie ihr Geschäftsmodell aufgeben. Wenn es tatsächlich „unser besonderer Auftrag“ wäre, „diese Natur in besonderer Weise zu bewahren“, tränke man Evian nur in Evian.

Das aber wäre das Ende von Evian. Genau deshalb beauftragt man lieber eine PR-Agentur damit, ein perverses Geschäftsmodell via perverser Sprachmodellierung als ökologisch korrekt darzustellen. Das „natürliche Mineralwasser“, „pur und rein, wie die Natur es geschaffen hat“, wird in einer Art um die Welt geschippert, dass die pure und reine Natur zerstört wird. „Geschützt im Herzen der Berge“ sorgt „jeder Tropfen“ dafür, dass wir weiter in Umweltkatastrophen schlittern.

Dabei ist es nicht nur Evian. Ob im Bahnhof oder im Zug oder in deutschen Innenstädten: Man bekommt kein Leitungswasser, sondern Evian oder ähnliches. Es machen alle mit. In südlichen Ländern ist es naturgemäß angenehmer, dort ist Wasser oft in öffentlichen Quellen frei verfügbar. Im Flughafen in Athen bekomme ich einen halben Liter No-Name-Mineralwasser für 40 Cent. Auf deutschen Flughäfen ist es mindestens das vierfache. Man ist in Deutschland bekanntlich schamloser.

Evian gehört übrigens zu Danone. Das sind die, die vielfach für ihr menschenfeindliches Verhalten kritisiert werden. Man macht schon Kinder mit Fruchtzwergen und ähnlichem abhängig und schafft sich so zuverlässig die Kundschaft von morgen. Die Pharmaindustrie kann sich dann über Karies und Übergewicht freuen. Ob Natur- oder Menschenzerstörung: Alles bringt Rendite. Der Kapitalismus lässt uns keine Wahl.

Der Kern des Problems: Wenn Evian sich auf das Verbreitungsgebiet französische Alpen beschränkte, würden überall regionale Quellen Ersatz bieten. Würde man dieses Wasser günstig anbieten, wäre das für die Menschen super, aber das Bruttoinlandsprodukt sänke und damit auch der Umsatz der Volkswirtschaften. Ökologie funktioniert im Kapitalismus also nie über Verzicht, sondern nur über mehr Technologie. Der Einbau von Katalysatoren in Autos und Kraftwerke sorgten in den 1980er Jahren für bessere Luft. Weniger Autos ddagegen würden eine Wirtschaftskrise bedeuten, würde man nicht andersweitig Umsatz generieren. Ein altes Auto besitzen und wenig fahren ist ökologisch sinnvoll und kapitalistisch katastrophal. Verzicht ist im Kapitalismus nicht vorgesehen.

Sicher müsste man unter ökologischen Gesichtspunkten Teile der Produktion stilllegen. Es wäre ein starker Staat gefordert. Doch hier hat der Neoliberalismus ganze Arbeit geleistet. Wer verbieten will, ist böse, gegen die Selbstverwirklichung des Individuums und für Sozialismus. Das Verbot der Zerstörung haben die Apologeten des Kapitals längst zu einem angeblichen Verbot der Freiheit gewandelt. Dieser kapitalistisch pervertierte Freiheitsbegriff scheint mir die Grundlage dafür zu sein, dass wir einfach so weitermachen. „Wir arbeiten daran, unseren CO2-Fußabdruck weiter zu senken“, schreibt Evian. Das muss reichen. Die Perfidie schimmert schon in Formulierungen wie der von Evian durch, dass man die Natur nicht einfach „bewahren“ müsse. Nein, man muss sie „in besonderer Weise bewahren“. Was auch immer das sein soll.

Kapitalismus ist genial. Seine Sucht nach dem Mehrwert schafft es, einem großen Teil der Weltbevölkerung zu suggerieren, dass die totale Naturzerstörung in Wahrheit die totale Umwelterhaltung ist. Die Widersprüche sind für jedes Kind verständlich. Dennoch machen wir weiter. Es ist klassisches Suchtverhalten.

Kapitalismus und Ökologie: Theoretisch kein Widerspruch. In der Praxis wohl ein unaufhebbarer.

(Foto: genova 2019)

Dieser Beitrag wurde unter Frankreich, Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus, Wirtschaft abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Zum Verhältnis von Kapitalismus und purer Natur

  1. hANNES wURST schreibt:

    Du schreibst richtig, dass ein starker Staat gefordert ist, der zum Beispiel eine Steuer auf eine nicht-regionale Wasserversorgung aufschlagen könnte. Halte ich auch für sinnvoll. Das widerspricht einem rein kapitalistischen System, aber dass es solche Regulierungen auch heute schon gibt (Dosenpfand etc.) zeigt auch, dass Deutschland nicht rein kapitalistisch ausgerichtet ist.

    In der Praxis ist zum Beispiel eine Förderung von regionalen Produktion sehr schwierig zu etablieren, da stets Wettbewerbsverzerrungen damit einhergehen, z.B. wird sich Frankreich dagegen verwahren, wenn französische Wasserproduzenten benachteiligt werden.

    Ich bin übrigens der Meinung, dass es dringend Wettbewerbsvorteile für den Einzelhandel geben sollte. So kann Verpackung eingespart werden, aber vor allem kann verhindert werden, dass die Innenstädte veröden, viele VerkäuferInnen arbeitslos werden und große Flächen nicht mehr vermietet werden können.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Ja,über Greenwashing und Öko-und Biosiegel gibt es auch schon genug kritische Literatur. Klassen und Arbeiter gibt es nicht mehr,sondern nur noch Individuuen und Verbraucher/Konsumenten/Kunden und jede Menge Marktchecks und Verbraucherschutzsendungen.Aber abgesehen von dieser atomistischen Sichtweise der zoon politicon sorgt doch ein Heer von Werbepsychologen,Kommunikationstrategen,PR-Agenturen,Kommunikationswissenschaftler,neuerdings Influencer*innen dass da jedes kritische Bewusstsein geflutet oder umgelenkt wird.Nachhaltiges Konsumieren,qualitatives Wachstum.Die grüne Shopping Queen.Und E-Autos auch der Hype,sogar der Joschka Fischer fährt für die Werbung einen E-BMW-wo die Energie herkommen soll und was die E-Autos für einen ökologischen Abdruck haben ist auch bekannt. Malthus lag bei 1 Mrd.Erdbevölkerung damals falsch,aber wenn die Menschheit auf 10 Mrd.zugeht,nützt auch aller technologischer Fortschritt nichts mehr.Da bräuchte es ein anderes Wirtschaftssystem und zumal Geburtenkontrolle oder Bevölkerungspolitik.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Diese Geburtenkontrolle wird ja jetzt über die Corona-Impfung vorgenommen. Ich habe eine interessant Dokumentation darüber gesehen (Utopia, UK 2013). Die Serie wurde wegen aktuellem Bezug erneut verfilmt (Utopia, USA 2020).

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  4. Jakobiner schreibt:

    Auch ein Klasse Film in dieser Richtung ist „System Error“.Der Regisseur hat einfach 30 Kurzinterviews mit CEOs und Managern hintereinandergeschnitten und sie zu den Wachstumsaussichten für ihre Firma sowie ihre Zukunftsmärkte befragt.Z.B.der Manager von Airbus schwärmte vom kommenden Flugzeugmarkt.Die wachsende chinesische Mittelschicht werde weitere 400 Millionen reise-und flugfreudige Kunden hervorbringen und Indien und Restasien werde Ähnliches hervorbringen.Ungeahnte Möglichkeiten.Allein dieses Beispiel verdeutlichte schon den schieren Wahnsinn und ähnlich äußerten sich auch die anderen Manager.Da hilft auch keine Geburtenkontrolle mehr.

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  5. genova68 schreibt:

    Hannes,
    das Dosenpfand ist keine Beschränkung des Verkaufs. Es soll nur dafür sorgen, dass der Konsument die Dose in den Laden zurückbringt. Ich meine, es wäre cool, wenn die USA und Japan den Evianexport einfach untersagen würden. Mit ökologischer Begründung. Aber da kämen vermutlich sofort Leute, die sich ihrer Freiheit beraubt sähen, Wasser aus Frankreich zu trinken.

    Ich meine, ein Liter Evian wiegt rund ein Kilo. Evia verkauft jährlich 1,7 Milliarden Liter, die Hälfte ins Ausland. Wie wird das denn transportiert? Es ist unglaublich.

    Ein Pfansystem ändert daran nichts.

    Ein guter Wettbewerbsvorteil, eher: kein Nachteil, wäre es, wenn man Amazon und Co zum Steuerzahlen bringen könnte. Das Geld könnte man dem Einzelhandel geben. Ideen sind sicher viele da, die Umsetzung funktioniert nicht, weil die EU in diesem Bereich nicht funktioniert. Oder: nicht funktionieren soll. Die Nationalstaaten haben sich kastriert, ohne in Brüssel den Superpimmel zu installieren. Zufall oder gute Lobbyarbeit?

    Jakobiner,

    so ist es.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Nicht zu vergessen:Der Hippster-Kunde will König sein,deswegen trinkt er Evian.

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  7. Hugo schreibt:

    Jakobiner: „Da bräuchte es ein anderes Wirtschaftssystem und zumal Geburtenkontrolle oder Bevölkerungspolitik.“
    Bin jetzt zu faul zum Quellensuchen; jedenfalls ist des mit dem unendlichen Wachstum der Menschenzahl widerlerlegt, Mit nem peak bei 10/11 Milliarden in der späten zweiten Hälfte des Jahrhunderts und einem Einpegeln um die nächste Jahrhundertwende bei unter 9.
    Geburtenkontrolle funktioniert ned, Bevölkerungspolitik wie eine Altersvorsorge, die sich ned auf möglichst vele Kinder stützt, Aufklärung, kostenlose Verhütungsmttel, „women empowerment“, Hygiene, Gesundheitsvorsorge, Umweltschutz usw. usf. bringen da die Punkte.
    Wer so pro Nase die Erde am meisten versaut sind auch ned die „Armen“ dieser Welt mit (noch) ihren vielen Kindern, sondern wir Wohlstandsbürger.

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  8. genova68 schreibt:

    Geburtenkontrolle ist ein Tabu-Thema, vielleicht zurecht. Aber man kann ja ganz rational darauf hinweisen, dass ein Peak bei zehn Milliarden erstmal nur prognostiziert wird. Es kann auch ganz anders kommen. Und selbst zehn Milliarden wären fürs Klima eine Katastrophe, weil dann 2,5 Milliarden Menschen verpflegt werden müssten, mobil sein wollten etc. Es gibt diese Prognosen für Afrika, Verdopplung in relativ kurzer Zeit. Wie sollen da die Regenwälder überleben? Wie soll es möglich sein, diese Leute auszubilden? Das halte ich alles für utopisch.

    Hugo, du hast völlig recht mit deiner Beschreibung. Es sind nicht die Afrikaner, die das CO2-Problem darstellen. Aber dennoch wäre es praktisch, „die“ würden nicht noch um eine Milliarde wachsen. Auch in ihrem Sinn, was die Möglichkeit von Schul- und Ausbildung angeht.

    Diesen Film „System Error“ stelle ich mir interessant vor. Er scheint das Problem gut aufzuzeigen. Verdopplung in 20 Jahren oder ähnlich, wegen China und Indien, vor allem. Man wird darauf nicht verzichten. Die Hoffnung ist immer nur der technologische Fortschritt. Wäre praktisch, wäre am bequemsten.

    Es wird wohl eher so weitergehen. Die Armen machen erstaunlicherweise ja alles mit, inklusive der totalen Luft- und Wasserverschmutzung in den asiatischen Metropolen. Der Mensch gewöhnt sich an alles, das ist wohl das größte Glück des Kapitalismus.

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  9. Jakobiner schreibt:

    Wie Genova sagt: Mit dem 10 Mrd. Peak ist das nicht sicher. Es gibt zwar einige Indizien, die darauf hindeuten, wie z.B. die fallenden Geburtenraten in vielen muslimischen Ländern, aber das vollzieht sich noch auf hohem Niveau, auch wenn z.B die iranischen Khomeinisten nach der Revolultion erst mal den Geburtenjihad verkündeten und eine Bevölkerungsexplosion auslösten, die sie nun wieder versuchen abzubremsen. Selbst Muslime sind lernfähig, wenn dann aber wieder noch hard core mässigere drankommen wie der Islamische Staat, würde sich das dann aber auch wieder ändern.
    https://www.global-review.info/?s=mythos+der+islamisierung

    Und wie gesagt: Selbst bei 10 Mrd. sind das 3 Milliarden mehr und die müssen erst mal versorgt werden-was schon bei dem jetzigen Konsum auch der Ärmsten ein Riesenmehraufwand ist. Technologie. Interessant, dass die Grünen jetzt auf ihrem Parteitag sich der grünenen Gentechnologie öffnen. Ich kenne mich a aber zu wenig aus. Auch interessant: Kunstfleisch. Da würde die Msassentierhaltung, das Abroden der Wä#lder, die ganzen Tiertransporte wegfallen. Hierzu noch ein Video von David Precht,wobei ich aber nicht weiß, ob das neue Heilsversprechungen aus dem Silicon Valley sind:

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