Waschbeton 16

Kürzlich in einer TV-Doku über die drei Hochhäuser von Arne Jacobsen von 1965 auf der Ostseeinsel Fehmarn: Eine Touristin in einem Fehmarner Restaurant in der Nachbarschaft sagt:

Ich finde, dass Hochhäuser aus den 70er Jahren sowieso nicht schön sind, die kann man einfach sprengen.

Der Betreiber des Restaurants ergänzt:

Es passt heute nicht mehr hin. Es muss sich immer weiterentwickeln … Die Zeiten ändern sich. Es ist kein Pfeffer drin.

Die Touristin redet nicht lange herum und bringt das, was man gerne „Bauchgefühl“ nennt, zum Ausdruck. Der Koch versucht immerhin noch zu argumentieren, auch wenn es dabei drunter und drüber geht. Dass man heute anders baut, reicht ihm nicht. Zeichen einer anderen Zeit unterliegen seiner subjektiven Momentbetrachtung, die aber dazu ausreichen soll, zu eliminieren. Passt demnach ein Fachwerkhaus noch irgendwo hin? Oder der Dom in Speyer? Die Zeiten haben sich ja geändert. Bitte abreißen.

Es ist das immer gleiche Spiel: Der Desinteressierte hat keinen Respekt vor Gebautem, wenn ihm das spontane Grummeln im Arsch den Abriss empfiehlt. Nicht einmal Respekt vor einem Jacobsen. Ließe man diese Leute, also solche, die man gemeinhin mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet sieht, walten: Übrig bliebe ein verwüstetes Land.

Gottseidank hat die zuständige Denkmalbehörde dieser ästhetischen Regression einen Riegel vorgeschoben und die drei Türme 2015 unter Denkmalschutz gestellt.

Thematisch nicht weit weg: Waschbetonplatten als Brüstung und als Fassadenelemente. In dieser Sprödheit immer wieder schön zu sehen. Boten einer vergangenen Zeit, in der dieses Spröde, Harte und Schmucklose sich durchsetzen konnte. Möge der Denkmalschutz auch hier tätig werden. Oder besser: Möge sich der kulturell und ästhetisch verantwortungsbewusste Teil der Bevölkerung dafür einsetzen, dass solche Sachen stehen bleiben.

(Fotos: genova 2019)

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