Architektur und Alltag 13

Ein aufgegebenes Industriegebäude im Südosten Berlins, genauer gesagt, in Oberschöneweide. Hier schlug einst ein industrielles Herz der DDR. Mittlerweile stehen hier einige Ruinen, aber es entsteht auch viel Neues, darunter eine Universität.

Es ist ein sehr angenehmes Areal: ein neu gestalteter Platz direkt an der Spree, weitläufig und vor allem nicht herausgeputzt, nicht totgestaltet, sondern mit Brüchen, mit Flecken, mit Unwägbarkeiten, die die wechselvolle Geschichte dieser Gegend einbeziehen.

Das abgebildete Gebäude ist faszinierend, weil es kaum beschreibbar ist. Eigentlich sehen wir nur die kurze Seite eines langgezogenen Riegels. Wir haben links und rechts zwei Ecktürme, vielleicht Versorgungstürme, dazwischen ein undefinierte Fassade. Vielleicht war sie einmal komplett mit hellem Wellblech verkleidet. Das wurde später zur Hälfte abgenommen, dahinter kam eine differenzierte Gestaltung mit Fenstern, Fensterbändern zustande. Oder es ist gar eine gläserne Vorhangfassade, die nur nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar ist, denn die Glasflächen sind kleinteilig strukturiert.

Die Fassade hat auch etwas von einem abstrakten Gemälde.

Das Gebäude lässt einen also ratlos zurück. Man findet im eigenen Kopf kein Schema, das sich zur Erklärung verwenden ließe, keine Schablone, die man aufpressen könnte. Gerade das macht es natürlich interessant.

Solche Gebäude sind ein Segen. Verlassen, ihrer Funktion beraubt, stehen sie in ihrer unprofessionellen Schönheit da und warten darauf, von verständigen Ästheten entdeckt zu werden. Das geht vielleicht schnell, vielleicht dauert es auch hundert Jahre. Hierzulande haben unzeitgemäße Gebäude kaum eine Chance, sie werden abgerissen. Auch der Klotz im Bild ist gefährdet, denke ich, denn Oberschöneweide will sich herausputzen. Ich sehe schon die Koalition von Spießbürgern und Kapital mit der Forderung, dass man da doch unbedingt etwas machen müsse. „Schandfleck“ ist ein beliebter Begriff in diesem Zusammenhang.

Direkt daneben befindet sich das Abspannwerk Oberspree, das unter Denkmalschutz steht. Hoffen wir, dass das deutsche Gemüt auch mit dem weniger ansehlichen Nachbarn verständnisvoll umgeht.

(Foto: genova 2020)

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2 Antworten zu Architektur und Alltag 13

  1. suburban tracker schreibt:

    Sehr schön. ein ähnlicher Ort auch auf der Insel Eiswerder in Spandau zu finden – Ruinen und alte verfallene Stege im Wasser in der Nähe. Ein Traum von Leere = Platz für neue Ideen.

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  2. genova68 schreibt:

    Spandau ist das Oberschöneweide des Westens, was alte Industrieanlagen angeht.

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