Architektur und Alltag 12

Ein Haus, drei Etagen, sechs Fenster (drei, zwei, eins) und allen Ernstes vier unterschiedliche Fensterformate. Daraus resultiert die bemühte, aber doch nicht konsequente Symmetrie der Fassade. Es ist alles falsch symmetriert. Man achte nur auf die Beziehung des mittleren Fensters in der unteren Reihe mit dem Fenster ganz oben: Knapp daneben ist auch vorbei. Freunde seriellen Bauens bekommen ein Magengeschwür und stellen ihr Dogma infrage.

Bemerkenswert ebenfalls, dass die Bewohner die Rollläden gerne geschlossen halten. Was mag sich dahinter abspielen?

Ein merkwürdiges Bild, eine merkwürdige Fassade. Dieses subtile Hintergehen gewohnter Symmetriegesetze in einem relativ jungen Haus kannte ich bislang nicht. Wurde hier unabsichtlich kaum spürbar daneben gebaut? Oder war ein Genie am Werk? Vielleicht sind es gar, bei exakter Messung, nicht vier, sondern sechs unterschiedliche Fensterformate. Es sollte in Architektur- oder, besser noch, Kunstzeitschriften besprochen werden.

Je länger man es betrachtet, desto mehr verdichtet sich der Eindruck, das hier der aktualisierte Norman Bates wohnt. Seine Mutter sitzt ganz oben, unterm Dach, und schaut raus.

Es lebe die anonyme Architektur.

(Foto: genova 2020)

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6 Antworten zu Architektur und Alltag 12

  1. stadtauge schreibt:

    Mittlerweile wurden die Rollläden auch des obersten Fensters geschlossen…

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  2. grandgoschier schreibt:

    Kennst Du, genove, eigentlich das Buch „Die Kunst der Bausünde“ von Turit Fröbe? Ich finde es großartig und stelle mir (und, da ich sie nicht beantworten kann, jetzt auch Dir) die obige Frage bei sehr vielen Deiner schönen Fotos.
    Ein paar Eindrücke: https://die-stadtdenkerei.de/publikationen/die-kunst-der-bausuende
    Nach einigem Suchen habe ich auch die Besprechung in der Titanic wiedergefunden, die mich mal zum Kauf veranlaßt hat: https://www.titanic-magazin.de/humorkritik/2014/dezember/hk/die_kunst_der_bausuende-3/

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  3. grandgoschier schreibt:

    genov_a_, selbstverständlich. Sorry.

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  4. genova68 schreibt:

    Hallo, grandgoschier,
    ja, Turrit Fröbe hat zwei schöne Bücher zum Thema geschrieben, beide lesenswert, danke, dass du das ansprichst. Die Kunst der Bausünde fokussiert auf merkwürdige architektonische Phänomene, die aber durch die Fokussierung wiederum interessant werden. Fröbe ist vom Fach, Architektin oder Architekturhistorikerin, glaube ich, daher der geschulte Blick. Es ist ja auch das, was ich hier oft versuche: Das Interesse auf unbeachtete Details zu lenken. Dem Ehepaar Becher, Fotografen aus Düsseldorf, gebührt hier meines Erachtens großen Respekt, denn es waren in den 1960ern die ersten, die sich um unscheinbare Objekte kümmerten und sie sorgfältig aufnahmen, damals vor allem Kühltürme im Ruhrgebiet.

    Ohne die Bechers wäre Frau Fröbe nicht möglich, vermute ich. Man kann das wohl als Gegenbewegung zur Übersättigung, zur kapitalgetriebenen Banalisierung des Alltags betrachten: Je aufmerksamkeitsheischender die Bildsprache wird (tolle locations, perfektes Styling, oberflächliche Schönheit) desto dringender wird das Bedürfnis, das Schöne zwischen den Zeilen zu lesen. Jetzt mal schnell dahingeschrieben. Vielleicht würde es sich lohnen, sich dazu mehr Gedanken zu machen: Das Banale, Alltägliche, das normalerweise untergeht, wird hervorgehoben, von Fröbe wie von den Bechers.

    Das andere Buch von Fröbe heißt „Alles nur Fassade“, wurde mir mal geschenkt und ist empfehlenswert für alle, die sich in Bezug auf aktuelle Alltagsarchitektur gut ausdrücken wollen. So eine Art Begriffslexikon. Ja, die Fröbe hat eine Marktlücke entdeckt, das muss man neidvoll anerkennen.

    Die titanic kann man ohne Abo leider nicht lesen, aber nett, dass die das aufnehmen.

    Stadtauge,
    das ist anzunehmen :-)

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  5. grandgoschier schreibt:

    Titanic und Abo: ich habe kein Abo, sondern eine ausgefuchtste Kombi an an- und abgeschaltetem Javascript und Ad-Blocker, womit eigentlcih alles zzgänglichist. War mir garnicht bewußt, wie dicht die Seite schon ist. (Momentan klemmt es aber bei mir auch, hoffentlich nicht wegen des Links vorhin!) Jedenfalls kann ich zu deinen treffenden Worten ergänzend sagen, daß das auch ein sehr (sehr!) lustiges Buch ist. „Alles nur Fassade“ werde ich mir mal ansehen.

    „Das Banale, Alltägliche, das normalerweise untergeht, wird hervorgehoben“. Gutes Programm. Je älter ich werde, desto mehr nehme ich das als wichtig wahr. Das macht auch Filme wie die Ruhrgebietstrilogie von Winkelmann aus. Selbst Helge Schneiders „Jazz Club“ sehe ich auch als Zeugnis der Stadtlandschaft. Durch ein schön unprätentiöses Fotografieren (wie Fröbe das macht, das ist nie Hochglanz und meistens ist der Himmel bedeckt, wie du das aber auch oft serh schön hinbekommst) wird das Alltagsdokumentarische unterstützt. Gefällt mir (Daumenhochzeichen).

    Gefällt 1 Person

  6. genova68 schreibt:

    Danke für den Hinweis auf die Ruhrgebietstrilogie, davon habe ich noch nie gehört. Werde ich mir zu gegebener Zeit anschauen, hört sich hochinteressant an, was ich gerade auf die Schnelle gegoogelt habe.

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