Die FAZ, der Papst und der christliche Kapitalismus

Die FAZ ist eine Qualitätszeitung. Keine Ausgabe ohne neue Einsichten, was vor allem auf die ausführliche Auslandsberichterstattung zurückzuführen ist. Andererseits gibt es in fast jeder Ausgabe dümmliche kapitalistische Propaganda, also Artikel, deren Unterkomplexität offen zutage tritt. Vielleicht geht kapitalistische Propaganda auch gar nicht anders als unterkomplex.

Zu erleben war das kürzlich (10.10., S. 20) in einem langen sechsspaltigen Beitrag von Johannes Pennekamp über die angebliche Kapitalismuskritik des aktuellen Papstes.

Tenor: Der Papst kritisiert ungerechtfertigterweise unser kapitalistisches Wirtschaftssystem, obwohl das doch alternativlos ist. Kapitalismus schafft Wohlstand.

In seiner gerade veröffentlichten Sozialenzyklika „Fratelli Tutti“ zementiert Franziskus seinen Ruf als Feind der Marktwirtschaft. Er wettert gegen skrupellose Finanzspekulation, neue Technologien und die Unterdrückungsmaschine Globalisierung. In den Augen vieler ist der Papst damit ein Radikaler im weißen Gewand. Will der Geistliche die sozialische Revolution?

Die Frage an sich ist blöd. Der Papst will sie natürlich nicht, denn dann würde das Kirchenvermögen konfisziert. Es ist für die FAZ aber offenbar wichtig, den mächtigen Papst als Sozialisten zu präsentieren, damit die aufgeregte Leserschaft weiß, wie schlimm es um uns steht.

Atemberaubend, wie unbeirrt Pennekamp den Kapitalismus reinzuwaschen versucht. Der Kapitalismus habe bei Katholiken – katholische Soziallehre, Herz Jesu – früher „sehr hoch im Kurs“ gestanden, davon sei nun nichts mehr zu spüren. Die neoliberale Agenda wird von Pennekamp schlicht ignoriert. Sie passt nicht ins Narrativ des Kapitalismus als einzig sinnvollem Wirtschaftssystem.

Antikapitalistische Propaganda, vermutlich vom Papst initiiert:

Vollends skurril wird es mit Peter Schallenberg, der nun im Artikel auftritt. Schallenberg ist Professor für Moraltheologie und Ethik in Paderborn und hat einen guten Draht zum Papst. Es gebe „kein besseres Wirtschaftsmodell, um Wohlstand zu schaffen, also sollten wir es behalten“. Er versuchte nach eigener Aussage, Franziskus bei der Ausarbeitung der Enzyklika zu beeinflussen, doch „ich bin letztlich damit nicht durchgedrungen“.

Schallenberg sagt auch:

Die Soziale Marktwirtschaft ist das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das dem christlichen Menschenbild am besten entspricht“.

So reden deutsche Moraltheologen im Jahr 2020.

1933 waren führende deutsche Christen der Meinung, der deutsche Faschismus entspreche dem christlichen Menschenbild am besten. Wer blickt da noch durch?

Schallenberg ist in Rom Berater „für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“, kein Scherz.

Pennekamp erinnert sich sehnsüchtig an Johannes Paul II. Der habe den Kapitalismus noch als „ein Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums“ anerkenne.

Kapitalismus ist gut, das ist die nicht hinterfragbar Grundidee. Dafür müssen sämtliche Erkenntnisse zum Thema von Marx bis Zizek über Bord geworfen werden. Resultat ist vorgetäuschte Ahnungslosigkeit: Ausbeuterische Zustände in produzierenden Ländern? Die Bundesregierung plant ein neues Lieferkettengesetz. Monopolbildung? Die Wirtschaftswissenschaften haben das Problem erkannt. Zu wenig Empathie für Schwache? Mehr Empathie kann zu venezuelanischen Verhältnissen führen.

Wer ist dieser Johannes Pennekamp? 1983 geboren, Studium der VWL, jetzt FAZ-Wirtschaftsredakteur. Pennekamp scheint die Vermutung zu bestätigen, dass Wirtschaftswissenschaften in Deutschland Hokuspokustudiengänge sind. Man wird von Anfang an hochidelogisch und unterkomplex informiert. Hier von einem Studium zu sprechen, ist schon gewagt. Pennekamp dürfte den Kram, den er schreibt, tatsächlich glauben.

Stellen wir uns vor: Der kleine Johannes hatte eine Schulfreundin, Johanna, die sich entschied, Muslima zu werden. Er wurde kapitalismusaffiner Journalist und glaubt nun an den Gott des Kapitals, sie wurde strenggläubige Muslima und glaubt nun an den Gott im Himmel. Beides ist intellektuell nicht ernstzunehmen, denn beide Welten bestehen aus unbegründeten Behauptungen und willkürlichen Schlussfolgerungen, denen aber unbedingte Autorität zugesprochen wird. Der kapitalgläubige Johannes jedoch wird hierzulande tatsächlich als Intellektueller betrachtet, Johanna in ihrem Glauben – völlig zurecht – intellektuell nicht ernstgenommen. Dabei sind beide ähnlich unterkomplex und fantasiegestützt. Wobei man vermuten könnte, dass der Koran vielfach komplexere und interessantere Gedanken enthält als jedes Werk der Österreichischen Schule.

Kritikern dieser Konstallationen dräut, wie man sagt, nichts Gutes: Der Kapitalismuskritiker steht im Verfassungsschutzbericht und ist damit aus der Gesellschaft mit all ihren Möglichkeiten hinauskatapultiert. Der Islamkritiker steht auf Abschusslisten Empörter und muss um seinen Kopf fürchten.

Der Zusammenhang ist zu vermuten: Je intensiver in einer Gesellschaft die Anbetung des Kapitals sich manifestiert, desto intensiver wird auch der religiöse Gott angebetet. Der intellektuelle Analfabetismus auf beiden Seiten befruchtet sich. In den USA ist man da schon weiter als bei uns.

Der Vollständigkeit halber: Der Papst ist natürlich kein ernstzunehmender Kapitalismuskritiker. Dennoch: Er ist eine gewichtige Stimme. Und wie sollte man denn anders argumentieren angesichts der Fakten: Zunehmende Ungleichheit, perverse Reichtumsanhäufungen, miese Renten, Gentrifizierung, Umweltzerstörung, fehlende Grundsicherungen, umfassende Konkurrenz zu Lasten der weiter unten, extreme Ausbeutung in weiten Teilen der Welt und überhaupt der immer weiter fortschreitenden Entfremdung der Menschen und der totalen Lüge. Der Papst kritisiert immerhin die kapitalistische Totalität, die komplette Erfassung des Seins.

Die FAZ weiß schon, warum sie solche Artikel veröffentlicht. Wehret den Anfängen.

(Fotos: genova 2020)

Dieser Beitrag wurde unter Neoliberalismus, Politik, Rechtsaußen, Religionen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Die FAZ, der Papst und der christliche Kapitalismus

  1. hANNES wURST schreibt:

    Du schreibst über den Kapitalismus und den Islam: „Beides ist intellektuell nicht ernstzunehmen, denn beide Welten bestehen aus unbegründeten Behauptungen und willkürlichen Schlussfolgerungen, denen aber unbedingte Autorität zugesprochen wird.“

    Nenne mir irgendeine bedeutende soziale Theorie, die anders funktioniert. Ökonomie ist keine Mathematik, und Religion erst recht nicht.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Keine Mathematik, aber Wissenschaft sollte keine Veranstaltung sein, denen eine Behauptung unbedingte Autorität zugesprochen wird. Die Neoklassik beruht darauf, dass der Mensch sich ökonomisch vernünftig verhält und sich deshalb alles zum Guten wendet, wenn man ihn nur machen lässt. Das funktioniert schon deshalb nicht, weil der Mensch künftige Folgen gerne ausblendet. Die Akkumulationslogik wird von den Verfechtern des Kapitalismus entweder ignoriert oder behauptet, das sei das Beste für das Ganze, weil sich aus der Akkumulation neue Investitionen ergäben. Die seien eben das Beste fürs Ganze. Das mag zum Teil stimmen – beispielsweise wenn in neue Techniken für Umweltschutz oder sonstwas Positives investiert wird. Aber die Geschichte zeigt, dass das Kapital blind für soziale Belange ist und in das investiert wird, was den meisten und möglichst auch den schnellsten Profit abwirft. Die Möglichkeiten politischer Entscheidungen wird durch Globalisierung und wirtschaftliche Macht der Konzerne immer geringer. Man schafft es, zum Beispiel, seit Jahrzehnten nicht, die Konzerne zum Zahlen höherere Steuersätze in der EU zu verpflichten. Man gibt sich mit ein paar Prozent zufrieden. Dagegen kann man einwenden, dass es die Politik ist, die da etwas falsch macht. Aber dann stellt sich die Frage, warum es diese Politik gibt. Und das liegt wiederum an dem massiven Einfluss der Konzerne auf die Politik.

    Ich bin übrigens kein kompletter Kapitalismuskritiker. Kapital für ein bestimmtes Vorhaben einzusetzen, kann sinnvoll sein. Mir scheint aber, dass die Akkumulation des Kapitals nur noch blind nach irgendwelchen Verwertungsmöglichkeiten sucht und dass das Tempo und die Intensität systembedingt zunehmen. Ein einfaches Beispiel ist das Auto. Es kann mit Kapitaleinsatz verbessert werden, Katalysator oder Airbags, aber es darf niemals darum gehen, die Zahl der Autos zu reduzieren. Das ist der tote Punkt. Man könnte also argumentieren, dass es für die Menschen und die Umwelt besser wäre, die Zahl der Autos in Deutschland (runde 50 Millionen) auf 30 Millionen zu reduzieren. Aber dann würde Massenarbeitslosigkeit folgen. Also muss systemimmanent die Zahl der Autos nicht nur gehalten, sondern gesteigert werden. Theoretisch könnte man Autos durch etwas anderes ersetzen, was mindestens genauso viel Rentabilität erwirtschaftet. Aber das wird eben zunehmend schwieriger. Die Möglichkeit des Verzichts gibt es nicht. Stattdessen wird Propaganda aufgefahren, ein neuer Minimalismus gefeiert, Spa und zurück zur Natur. Aber das muss eben alles kosten. Ein Beispiel sind teure Wässer wie San Pellegrino. Das übelste fürs Kapital wäre, wenn die Menschen auf die Idee kämen, sich einfach selbst an den Quellen, die aus der Erde kommen, zu bedienen.

    Der Kapitaleinsatz war sicher in vielen Momenten der Geschichte sinnvoll: Industrielle Revolution, Entwicklung neuer Techniken allgemein. Aber wenn die Logik sich totalisiert, wird es problematisch. Die Grünen versuchen, das Dilemma zu umgehen, indem sie mit dem New Green Deal argumentieren. Man hat in Baden-Württemberg nicht das Gefühl, dass das funktioniert.

    Aber ich bin abgeschweift, glaube ich.

    Gefällt mir

  3. hANNES wURST schreibt:

    Die Totalisierung des Kapitalismus, also Anhäufung des Kapitals und der damit verbundenen Macht als Ideal, ist sicherlich – wie Du schreibst – problematisch. Die soziale Marktwirtschaft wird von Kritikern ebendieser gerne als andere Umschreibung des Kapitalismus bezeichnet, sollte es jedoch nicht sein, unter sozialer Marktwirtschaft verstehe ich jedenfalls einen regulierten Kapitalismus. Ziel: kapitalistische Dynamiken gemeinwohlfördernd einsetzen. Das funktioniert in Deutschland mal mehr, mal weniger gut, ist stets ein Akt der Balance. Ein gutes Klima für Investitionen zu schaffen und gleichrangig soziale und ökologische Aspekte durchzusetzen ist ein intellektuell herausfordernder und personalaufwändiger Verwaltungsakt, der zudem stets durch die mächtige Industrielobby oder durch Korruption gefährdet ist. Deswegen ist eine informierte Zivilgesellschaft so wichtig, die ebenfalls korrektiv eingreift. Man sieht ja zum Beispiel bei der Organisation „Deutsche Umwelthilfe“, wie effektiv das sein kann.

    Gefällt mir

  4. genova68 schreibt:

    Theoretisch ja, praktisch eher nicht. Die Vermögensentwicklung in Deutschland und anderswo ist eindeutig, bei den Managergehältern sieht es genauso aus, gleichzeitig ist ein riesiger Niedriglohnsektor entstanden, Bodenwerte steigen teilweise extrem und verteilen weiter um von arm nach reich. In Berlin wird es für lange Zeit so sein, dass man als Neubaukäufer oder -mieter extrem viel bezahlen muss, es also nach oben abgibt.

    Auch bei den Einkommen geht die Entwicklung auseinander. Wikipedia schreibt:

    Die Einkommensunterschiede haben nach Angaben der OECD von Mitte der 1980er Jahre bis zur Mitte der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts deutlich zugenommen. Vor allem von Mitte der 1980er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre war eine deutliche Erhöhung zu beobachten. Seitdem hat sich die Ungleichheit erneut, wenngleich nur leicht erhöht. In beiden Zeitspannen hat die Ungleichheit in Deutschland schneller zugenommen als im OECD-Mittel. So habe sich zwischen 1995 und 2006 in Frankreich, Finnland, Japan, Schweden, und den Niederlanden die Ungleichverteilung der Einkommen kaum verändert. In Spanien und Irland sei im gleichen Zeitraum die Löhne für Geringverdiener sogar schneller gewachsen als für Spitzenkräfte.

    In Deutschland hingegen sei das Einkommensgefälle deutlich stärker gestiegen als in der Mehrheit der OECD-Länder
    ————————-

    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Einkommensverteilung

    Das nennt man das neoliberale Zeitalter und es kam nicht zufällig. Wir sind von den netten 60er und 70er Jahren geprägt, doch der Kapitalismus zeigt mittlerweile auch hier seine Fratze. Die Umwelthilfe ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Und weltweit sind die Verhältnisse in vielen Ländern bekanntlich viel extremer.

    Begriffe: Soziale Marktwirtschaft wurde nach dem Krieg erfunden, weil der Begriff des Kapitalismus abgedankt hatte, er war komplett in Verruf geraten, weil man damals noch besser im Gedächtnis hatte, dass das Kapital sich auch den Nazis angedient hatte. Der hat ihnen freundlicherweise die Gewerkschaften, die SPD und die Kommunisten zerschlagen.

    Systemisch leben wir im Kapitalismus, weil der Unterschied zur sozialen Marktwirtschaft nur der ist, dass der Staat ein bisschen mehr eingreift. Aber Kapitalismus ohne Staat gibt es nicht und kann es nicht geben. Das Kapital braucht die ordnende Hand, die Justiz, den Polizeiapparat.

    Aber die Begriffshuberei führt nicht weiter. Mir klingt Marktwirtschaft nur zu sehr nach nettem Wochenmarkt, und damit hat das reale System nicht viel zu tun.

    Die Frage ist: Ist der Kapitalismus auf Dauer zu bändigen? Weltweit betrachtet? Ich sehe das nicht.

    Nebenbei: Unsere Betrachtungsweise von Wirtschaft führt dazu, dass steigende Bodenpreise sich genauso positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirken wie wenn man einen Neuwagen möglichst schnell an einen Baum fährt und sich einen neuen kauft. Beides ist ökologisch und sozial schlecht, für die Bilanz gut.

    Wir kommen meines Erachtens mit diesem Zählsystem nicht weiter.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.